Oft reicht schon das Tragen eines Kopftuches, eines Burkinis oder einer „Burka“ (damit ist in der Regel der Niqab gemeint), damit eine muslimische Frau verdächtigt wird, eine „Islamistin“ zu sein, dem „Islamismus“ zugetan.
Der Begriff „Islamismus“ ist nicht eindeutig definiert. Es gibt unzählige Definitionen, die sich zum Teil erheblich unterscheiden, was dazu führt, dass je nach Definition sehr unterschiedliche Menschen mit sehr verschiedenen religiösen und politischen Anschauungen darunter fallen.
Was meist als „Islamismus“ bezeichnet wird, ist eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Bewegungen, deren Akteure nur in einem Punkt übereinstimmen: dass islamische Werte in Gesellschaft und Politik eine größere Rolle spielen sollten (nicht aber, wie und mit welchen Mitteln das zu erreichen wäre).
Also im Prinzip genau dasselbe, was viele Christen im Hinblick auf christliche Werte erreichen wollen, etwa die CDU/CSU in Deutschland, die ÖVP in Österreich, die „bibeltreuen“ und konservativen Teile der evangelikalen Bewegung (die längst-nicht-mehr-so-Stillen im Land) oder die neo-charismatische New Apostolic Reformation.
Der Begriff „Islamismus“ ist inhaltlich nicht präzise, er benennt die eigentlichen Themen und die vermeintlichen oder tatsächlichen Probleme, um die es geht, nicht konkret, was einer reflektierten Auseinandersetzung entgegensteht.
Oft werden die Themen „Islam“ und „Islamismus“ miteinander vermengt; Muslime geraten schnell unter den Generalverdacht, sie seien „Islamisten“.
Kopftuch als Beweis für eine islamistische Gesinnung?
Oft genug reicht schon das Tragen des Hijabs, damit eine Muslima als „Islamistin“ verdächtigt wird.
Bei einer „vollverschleierten“ Muslima ist das Urteil dann endgültig gefallen: „Islamistin“, „Salafistin“, womöglich Terroristin?
Das Kopftuch, der Burkini und vor allem der Schleier gelten gerade konservativen und rechten Kreisen als sichere Indizien für eine islamistische Gesinnung. Wer nicht islamistisch sei, würde seinen Kopf nicht bedecken – höchstens aus Zwang. Im besten Fall ist die verhüllte Frau also ein Opfer des Islamismus.
Politischer Islam
Wer als Islamist gilt, gilt damit zugleich als Vertreter des „politischen Islams“; noch so ein Begriff, der nicht eindeutig definiert und inhaltlich nicht präzise ist, aber bedrohlich klingt. Dabei gibt es genügend politische Bewegungen im Christentum. Für viele Christen ist das Christentum zwangsläufig politisch, indem es sich etwa für soziale Gerechtigkeit, für Frieden und für die Bewahrung der Schöpfung einsetzt.
Für konservative und rechte Akteure der Mehrheitsgesellschaft gilt meist nur derjenige Muslim als eher unverdächtig, der sich unauffällig verhält und zudem vollständig assimiliert ist, der auch einmal Alkohol trinkt, der Schweinefleisch isst und das Kopftuch (und unbedingt die „Burka“ bzw. die „Vollverschleierung“) entschieden ablehnt.
Der Splitter im Auge der anderen
Ein großes Problem mit dem Begriff „Islamismus“ ist, dass er den Blick vom religiösen Fundamentalismus in unseren eigenen Reihen weg und zu den Muslimen hin lenkt. Wir sehen den Splitter im Auge der Muslime – und ignorieren den Balken im Auge der Christen.
Wenn man den „Islamismus“ zum Thema macht, meint man, nicht über katholische, protestantische oder orthodoxe Fundamentalisten reden zu müssen. Man kann über „böse“ Menschen reden, die nicht zum eigenen Verein gehören. Hauptsache, mein Verein, meine Religionsgemeinschaft gerät nicht ins Blickfeld. Man kann dann so tun, als gäbe es dieses Problem im Christentum nicht, was natürlich Unsinn ist (falls es sich gar nicht vermeiden lässt, bringt man den „Evangelikalismus“ ins Spiel, womit sich auch gut vom religiösen Fundamentalismus in den eigenen Reihen ablenken lässt), als gäbe es dieses Problem nur im Islam.
Damit werden die Muslime natürlich stigmatisiert, weil ihre Religion ja angeblich dieses Problem hat, wie die Bezeichnung „Islamismus“ schon ausdrücklich sagt. Wir würden es ja nicht „Islamismus“ nennen, wäre nicht der Islam das Problem, nicht wahr? Wir zeigen mit dem Finger auf den Islam – und merken in unserer Ignoranz nicht, dass tatsächlich drei Finger auf uns Christen zeigen.
Mit dem Begriff „Islamismus“ (oder auch „politischer Islam“) schreibt man einer bestimmten Gruppe von Menschen, den Muslimen, den anderen, zumindest latent vorhandene negative Eigenschaften und Probleme zu. Eigenschaften und Probleme, die Christen bei sich häufig nicht sehen wollen. Einen „Christianismus“ wollen sie schließlich nicht sehen. Für Parteien wie die CDU/CSU, AfD, ÖVP usw. scheint er nicht zu existieren. Kein Wunder, haben doch viele in diesen Parteien ihre Heimat in rechten und konservativen katholischen oder evangelikalen Gemeinden.
Religiöser Fundamentalismus
Ich ziehe es vor, nicht vom „Islamismus“, sondern vom „religiösen Fundamentalismus“ zu sprechen.
Denn der religiös begründete Fundamentalismus bei Protestanten, Katholiken, Orthodoxen und Muslimen (sowie bei allen anderen Religionen) beschreibt die Problematik am besten: ein kompromissloses Festhalten an ideologischen und religiösen Grundsätzen, die das politische und gesellschaftliche Handeln bestimmen, bis hinein in die Erziehung, die Medien, die Rechtsprechung, den Strafvollzug usw.
Der Begriff ermöglicht eine reflektierte Auseinandersetzung, inwieweit die dem „Islamismus“ zugeschriebenen Probleme auch anderswo sichtbar werden, bei Katholiken, Orthodoxen und Protestanten. Gibt es diese Probleme wirklich nur bei Muslimen – und nicht auch bei Christen? Gibt es beispielsweise Misogynie wirklich nur bei Muslimen und nicht auch bei Christen? Und noch wichtiger. Wie viel Misogynie steckt denn in mir, dem Christen? Wie viel religiöser Fundamentalismus steckt in mir?
Religiöser Integralismus
Wir können darüber hinaus gerne ergänzend dazu auch vom religiösen Integralismus sprechen. Der Integralismus ist eine ursprünglich katholische Bewegung, die fordert, dass das gesellschaftliche und politische Leben mitsamt Medien, Erziehung, Familien usw. religiösen Autoritäten unterstellt werden muss. Integralisten streben die Aufhebung der Trennung von Staat und Kirche bzw. Religion an.
Religiöser Fundamentalismus und religiöser Integralismus treten oft gemeinsam auf – in allen Religionen.
Wir erleben in den USA ein Erstarken des christlichen Integralismus (US-Vizepräsident J.D. Vance gehört zum katholischen Neo-Integralismus), und auch in Europa erhebt der christliche Integralismus in rechten christlichen Parteien sein Haupt. Die Trennung von Staat und Kirche wird zunehmend infrage gestellt.
Religiöser Integralismus ist also kein Problem, das auf islamische Staaten beschränkt wäre. Die sogenannte New Apostolic Reformation (NAR), die am schnellsten wachsende christliche Bewegung in den USA mit ca. 33–35 Millionen Anhängern, will einen Staat auf Grundlage christlicher Gesetzgebung, mit „biblischen Strafen“ bei Kapitalverbrechen usw. Und diese NAR ist auch in Europa und selbst in Deutschland auf dem Vormarsch, hier meist in evangelikalen, charismatischen oder pfingstkirchlichen Gemeinden und Werken.
Überhaupt ist die NAR ein Problem für Gesellschaft und Politik, das wir in Deutschland nahezu vollständig ignorieren, weil wir unsere Aufmerksamkeit nur auf den sog. Islamismus richten. Aber mit seinen neo-charismatischen Lehren wie „Geistlicher Kriegsführung“, Dominionismus, Sieben-Hügel-Strategie usw. strebt die NAR einen vollständigen Umbau von Gesellschaft und Politik, Religion, Medien, Erziehung, Gesundheitswesen, Sozialfürsorge usw. an. Erschreckend ist, dass die vielen „Reformen“, die die deutsche Bundesregierung gerade durchpeitscht, mit den Zielen der NAR vollständig übereinstimmen. Das mag Zufall sein, aber es ist auffällig.
Verschleierte Frauen
Kommen wir noch einmal zu den verschleierten Frauen zurück. Es ist mir wichtig, in aller Deutlichkeit darauf hinzuweisen, dass weder Hijab noch Burkini, weder Niqab noch irgendeine „Vollverschleierung“ zwingend auf eine radikale religiöse Einstellung oder eine fundamentalistische Religiosität hinweisen. Beim Hijab oder Niqab handelt es sich auch nicht um ein religiöses oder politisches Symbol, wie oft behauptet wird.
Natürlich gibt es unter den verschleierten Frauen solche, die fundamentalistisch sind, manche sind auch radikal. Und je mehr wir Frauen, die sich bedeckend kleiden, ausgrenzen, je mehr es Einschränkungen und Verbote gibt, desto stärker ist die Gefahr, dass radikale Tendenzen entstehen oder zunehmen.
Für die meisten Muslimas ist die bedeckende oder verhüllende Kleidung erst einmal ein Ausdruck ihrer Liebe zu Gott und ihrer Dankbarkeit für die Barmherzigkeit Gottes, die sie in ihrem Leben erfahren haben. Sie verbinden damit keine radikale oder extremistische Gesinnung, sondern wollen ihren Glauben gemäß ihrer Überzeugungen leben.