© K. MolthagenSeit vielen Jahren schon setze ich mich für muslimische Frauen ein, die sich verschleiern – oder die sich, in ihren Worten ausgedrückt, bescheiden kleiden.
Als Baptistin, die sich für die allgemeine Religionsfreiheit einsetzt, und als intersektionale Feministin, die für einen inklusiven und differenzierenden Feminismus eintritt, kann ich gar nicht anders.
Als trans Frau weiß ich, was es bedeutet, nicht selbstbestimmt, sicher und gleichberechtigt leben zu können – dieselbe Erfahrung, die auch muslimische Frauen machen, die sich verschleiern. Auch darum setze ich mich für diese Frauen ein.
Zudem ist mir Gerechtigkeit wichtig. Ich lehne jede Diskriminierung ab.
Ich gehöre (wohl auch dank meiner Zeit in der Pfingstbewegung) zu den Christ*innen, die glauben, dass Gott auch heute zu uns redet und uns zeigt, wie wir ihm nachfolgen können, seinen Willen tun können. Ich glaube, dass Gott zu uns reden kann, um uns für eine Aufgabe zu berufen.
Aber nicht jeder Berufung ist leicht nachzukommen. Das war in biblischen Zeiten so und ist heute nicht anders.
Zur Verschleierung berufen
Jedenfalls glaube ich, dass Gott von mir will, dass ich mich ebenso verschleiere, wie muslimische Frauen es tun. Dass ich, mit den Worten des Paulus, „den verschleierten Frauen eine verschleierte Frau werde“. Dass ich eine von ihnen werde, so wie Jesus ein von uns wurde, ein Mensch, der unter Menschen lebte, uns in allen Dingen gleich.
Ich glaube, dass Gott diese Frauen liebt und will, dass sie ihrem Glauben gemäß leben können. Ich glaube, dass Gott will, dass ich mit diesen Frauen praktische Solidarität übe. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Sichtbarkeit als verschleierte Frau in meinem Umfeld Akzeptanz geschaffen hat. Je länger ich den Schleier getragen habe, desto seltener wurden die Anfeindungen in meinem Umfeld. Davon haben natürlich auch andere verschleierte Frauen profitiert. Und sie wussten, dass sie von mir nichts zu befürchten haben.
So habe ich mich mehrere Jahre lang verschleiert – egal ob im Sommer bei 38 Grad Hitze oder im Winter bei Eiseskälte. In der Regel habe ich einen Jilbab, einen Niqab und Handschuhe getragen (siehe das Bild von mir oben), meist in Schwarz. Ich sah also aus wie eine sehr religiöse Muslima oder auch wie eine Salafi-Frau (wobei nicht alle Salafi-Frauen so gekleidet sind, und nicht alle so gekleideten Frauen zur Salafiyya gehören).
Kulturelle Aneignung?
Ich habe übrigens vorher Muslimas gefragt, ob es für sie in Ordnung ist, wenn ich mich so kleide, oder ob sie es als kulturelle Aneignung empfinden. Erst nachdem das geklärt war, habe ich begonnen, den Schleier zu tragen.
Der Schleier ist nicht im eigentlichen Sinn ein islamisches Symbol (obwohl er im Westen oft als solches verstanden wird). So tragen in vielen islamischen Ländern auch nichtmuslimische Frauen einen Schleier. Ich habe muslimischen Frauen, mit denen ich ins Gespräch kam, stets erklärt, dass ich Christin bin und den Schleier aus religiösen Gründen trage, was nahezu immer positiv aufgenommen worden ist.
Der Schleier fühlt sich für mich nicht unangenehm an
Mit dem Verschleiern an und für sich habe ich auch keine Probleme, ich fühle mich durch den Schleier weder unsichtbar noch eingeschränkt. High Heels, Make-up oder auch die von mir besonders verabscheuten Jeanshosen schränken mich weit mehr ein.
Gerade bei sommerlicher Hitze habe ich die Vorzüge original arabischer Kleidung zu schätzen gelernt. Es gibt bei Hitze wirklich nichts Besseres als weit geschnittene, luftige Kleidung aus geeignetem Stoff. Ich habe mit meinem Schleier weniger unter der Hitze gelitten als mit westlicher Kleidung. Und ein guter UV-Schutz ist es außerdem.
Ich habe es nie als unbequem oder unangenehm empfunden, den Schleier zu tragen. Aber da gilt natürlich, dass jede Frau anders ist. Einige empfinden den Schleier als unangenehm, andere nicht. So ist es natürlich auch mit BHs, Hosen, Röcken, High Heels, Make-up oder was sonst. Wie ich schon schrieb, ich verabscheue Jeanshosen. Ich finde es fürchterlich, sie zu tragen.
Ohnehin habe ich ein großes Faible für die arabischen Welten, für den Orient. Eine Freundin meinte mal im Spaß zu mir, ich sei bestimmt in einem früheren Leben eine arabische Frau gewesen und jetzt in diesem Körper wiedergeboren worden. Würde ich an Reinkarnation glauben (was ich nicht tue), würde es sehr vieles erklären. Ich glaube, ich könnte als arabische Frau durchaus ein glückliches Leben führen (je nachdem, was dann mein soziales und familiäres Umfeld wäre, Frauen haben es da oft nicht leicht und haben viel zu tragen und zu ertragen). Jedenfalls liebe ich die orientalische Küche, die Musik, die Menschen – und eben die Kleidung der orientalischen Frauen (was ja sehr viel mehr umfasst als nur den schwarzen Schleier der arabischen oder die meist blaue „Burka“ der afghanischen Frauen).
Ich folge meiner Berufung nicht mehr
Doch ich habe inzwischen aufgehört, mich zu verschleiern, obwohl ich nach wie vor glaube, dass Gott will, dass ich es tue, dass ich dazu berufen bin.
Dass ich es nicht mehr tue, hat verschiedene Gründe, doch es hat geschätzt zu 90 % damit zu tun, dass ich trans bin. Meine nicht einzige, aber größte Sorge, wenn ich verschleiert bin, ist stets, „geclockt“, also als trans Frau erkannt zu werden.
Interessanterweise macht es mir normalerweise nichts aus, aber unter dem Schleier schon. Ich habe kein Problem damit, als trans Frau sichtbar zu sein, aber das ändert sich, sobald ich mich verschleiere. Ich habe nie verstanden, warum Gott ausgerechnet mich, eine trans Frau, mit dieser Aufgabe betraut hat. Eine cis Frau wäre dafür sicherlich weitaus besser geeignet, denke ich. Eine trans* Frau erscheint mir dafür als die absolute Fehlbesetzung.
Dazu kommt: Ich habe Angst, wie manche radikale Muslime reagieren könnten, wenn sie herausfinden, dass die Person unter dem Schleier eine trans Frau ist. Transfeindlichkeit ist unter sehr religiösen Muslim*innen (nicht anders als unter sehr religiösen Christ*innen) sehr weit verbreitet. Aber vielleicht konnte ich bei einigen auch erreichen, dass sie trans Personen weniger stark ablehnen, wenn sie erleben, dass sich eine dieser Frauen so für sie und ihre Belange einsetzt.
Dazu kommt: Wenn ich mich verschleiere, dann aber richtig. Nicht nur in Teilzeit oder wenn es gerade passt. Ganz oder gar nicht. Es fällt mir schwer, etwas nur teilweise zu tun. Aber zum Beispiel in meiner Kirchengemeinde würde ich mit dem Schleier sehr wahrscheinlich heftig anecken, auch wenn die Gemeinde ausdrücklich darauf besteht, dass bei uns jeder Mensch willkommen ist. Aber so ein Schleier (selbst wenn ich in der Gemeinde eine weniger arabisch wirkende Variante tragen würde) ist halt für viele Menschen ein Stein des Anstoßes, gerade auch unter Christ*innen.
Ein reicher Schatz an Erfahrungen
Nun, ich verschleiere mich nicht mehr, aber ich habe jahrelange Erfahrung, wie es ist, verschleiert zu sein. Jilbab, Niqab und Handschuhe in der Öffentlichkeit, Burkini im Schwimmbad (was mich übrigens weder beim Schwimmen noch beim Tauchen behindert hat).
Erfahrungen damit, diese Kleidung zu tragen, aber auch Erfahrungen, wie es ist, deswegen angestarrt zu werden, Ziel von Beleidigungen, Anfeindungen und Angriffen zu sein, mit Klischees und Ablehnung konfrontiert zu werden (nicht, dass es viel anders ist, wenn ich als trans Frau sichtbar bin).
Ich setze mich weiterhin für die Freiheit muslimischer Frauen ein, sich bescheiden zu kleiden, Hijab, Burkini oder Niqab („Burka“) zu tragen. Ich bin mit ihnen weiterhin solidarisch, nur nicht mehr dadurch, dass ich mich wie eine von ihnen verschleiere.
Viele westliche Menschen sprechen über das Thema Verschleierung ohne jede eigene Erfahrung. Ich kann darüber sprechen, indem ich auf einen reichen Schatz an Erfahrungen aus mehreren Jahren zurückgreife.
Das führt auch dazu, dass ich eher mit den Frauen spreche als nur über sie. Dass ich ihnen auf Augenhöhe begegne.
Nötigung und Zwang
Natürlich weiß ich, dass es Mädchen und Frauen gibt, die zur Verschleierung genötigt oder gezwungen werden. Ich glaube, niemand bestreitet das – während allerdings oft bestritten wird, dass es Frauen gibt, die sich freiwillig verschleiern.
Ich weiß ebenso, dass Verbote den von Nötigung oder Zwang betroffenen Frauen nicht nur nicht helfen, sondern ihnen (und den sich freiwillig verschleiernden Frauen) tatsächlich eher schaden.
Frauen, die zur Verschleierung gezwungen werden, sind oft von noch sehr viel schlimmeren Zwängen betroffen. Ein Verbot der Verschleierung löst keines dieser schlimmeren Probleme, es lässt nur den islamischen Schleier verschwinden. Und längst nicht jede zur Verschleierung gezwungene Frau lehnt den Schleier tatsächlich ab, sondern oft nur den Zwang, der auf sie ausgeübt wird. Der Kampf gegen den Schleier ist oft nicht der Kampf gegen den Schleier an sich, sondern gegen den obligatorischen Schleier.
Selbstermächtigung statt Paternalismus
Frauen, die im Kontext der Religion unterdrückt werden, brauchen nicht Verbote, nicht Fremdbestimmung und Paternalismus, sondern Empowerment, Selbstermächtigung, damit sie zu einem selbstbestimmten Leben kommen können.
Ein selbstbestimmtes Leben kann durchaus, auch wenn uns Western das widersprüchlich erscheint, den Schleier umfassen.
Für viele muslimische Frauen ist der Schleier Ausdruck ihrer Liebe zu Gott und ihrer Dankbarkeit für seine Barmherzigkeit. Viele dieser Frauen sind emanzipiert und betrachten ihren Schleier als Teil ihres islamischen Feminismus. Und ihnen allein steht darüber die Deutungshoheit zu, nicht uns. Wer glaubt, Emanzipation ginge nur mit Entschleierung, nimmt muslimischen Frauen das Recht, ihr religiöses Leben selbst zu gestalten.
Wenn wir weibliche Autonomie ernst nehmen, müssen muslimische Frauen die Freiheit haben, sich sowohl gegen als auch für den Schleier zu entscheiden.
Wofür ich mich einsetze
Dafür setze ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten ein. Wichtig ist mir, über das Thema Verschleierung zu informieren – was ich mit meiner Erfahrung besser tun kann als jene, die dieses Thema nur theoretisch kennen, nicht aber praktisch. Ich möchte etwas gegen die Vorurteile und Klischees unternehmen.
Natürlich weiß ich, dass eine Ablehnung des muslimischen Schleiers oft nichts anderes als antimuslimischer Rassismus oder Antiislamismus ist. Vermeintlich feministische Argumente gegen den Schleier und für Verbote sind oft nichts anderen als Femonationalismus, dass also Feminismus für eine nationalistische Agenda instrumentalisiert wird, ohne dass diese Personen sich ansonsten sonderlich für feministische Anliegen interessieren.
Übrigens habe ich mit vielen muslimischen Frauen über den Niqab gesprochen. Von denen, die ihn tragen, hat nicht eine auch nur den Eindruck erweckt, dazu gezwungen zu werden. Dafür habe ich mit mehreren Frauen gesprochen, die ihn gerne tragen würden – aber das soziale oder familiäre Umfeld Druck auf sie ausübt, es nicht zu tun. Oft haben die Ehemänner Angst, dass ihre Frauen dann angefeindet werden. Andere lehnen es eben entschieden ab. Nach meinem Eindruck ist gerade beim Niqab hierzulande der Zwang, keinen Niqab zu tragen, weiter verbreitet als der Zwang, ihn tragen zu müssen.
Zum Schluss
Ich gebe zu, dass es mir gefällt, nun als trans Frau sichtbar zu sein (Sichtbarkeit schafft Akzeptanz) und mich für unsere Belange einzusetzen. Ich weiß, dass meine Sichtbarkeit anderen trans* Personen garantiert, dass sie bei mir sicher sind. Es zeigt ihnen, dass sie nicht allein sind.
Gleichwohl weiß ich, dass das eigentlich nicht meine Aufgabe als Christin ist. Es gibt da ein Wort Jesu, sinngemäß sagt er, „für die eigenen Leute setzen sich auch die Sünder ein, aber die Kinder des Lichts sollen sich auch für die anderen Menschen, sogar für ihre Feinde, einsetzen“.
Es ist für mich nicht ganz einfach, bewusst gegen die Berufung zu leben, von der ich glaube, dass sie von Gott kommt. Ich liebe Gott und würde gerne tun, was er von mir will. Aber ich komme mit der Verschleierung nicht länger zurecht.