Ich bin eine evangelikale Christin. Links, progressiv, feministisch, queer, trans – aber eben auch evangelikal. Und damit von vornherein abgestempelt: rechts, konservativ, misogyn, queerfeindlich, islamfeindlich. Denn so sind Evangelikale doch, nicht wahr?

Und als freikirchliche Christin passe ich ohnehin besonders gut ins Bild, sind Evangelikale doch schließlich ein Freikirchen-Phänomen, nicht wahr?

Sowohl die Evangelikalen als auch die Freikirchen sind höchst heterogene Bewegungen, werden aber fast immer als ein monolithischer Block betrachtet, es wird nicht differenziert, sondern alles über einen Kamm geschert. 

Hier die guten landeskirchlichen und katholischen Christ*innen, dort die bösen freikirchlichen Evangelikalen. Dualismus vom Feinsten. 

Dabei gilt: Das Problem sind nicht diejenigen, die evangelikal oder freikirchlich sind. Es sind die, die fundamentalistisch sind. Die, die „bibeltreu“ sind, die die Bibel wortwörtlich nehmen, die ihre konservative Ideologie verfolgen. 

Und immer mehr geht man dazu über, auch Leute als „evangelikal“ zu bezeichnen, die gar nicht dazu gehören, sondern beispielsweise katholisch sind. Etwa der zum Katholizismus konvertierte und dem katholischen Neo-Integralismus nahestehende US-Vizepräsident J.D. Vance oder Johannes Hartl, der katholisch-charismatische Leiter des Gebetshauses Augsburg, dem eine gewiusse Nähe zur New Apostolic Reformation nachgesagt wird. Hartl wird auch gerne dem freikirchlichen Spektrum zugerechnet. Das gilt übrigens auch für einige landeskirchliche „Bibeltreue“, etwa die mit der evangelischen Landeskirche verbundene Liebenzeller Mission. 

Es wäre immer sehr viel sinnvoller, von „Fundamentalisten“ zu sprechen. Denn das ist, was alle diese Leute, ob nun evangelikal oder nicht, freikirchlich oder nicht, verbindet. Und was sie ebenso von nicht fundamentalistischen Evangelikalen und Freikirchler*innen unterscheidet. 

Fundamentalismus ist eine Eigenschaft, die verschiedene religiöse Traditionen innerhalb und außerhalb des Christentums betrifft und die es erlaubt, Vergleiche zwischen diesen zu ziehen. Von Fundamentalismus zu sprechen lenkt den Blick von bestimmten Gruppen auf das eigentliche Problem. Das gilt ebenso für Misogynie und Queerfeindlichkeit, die sich eben nicht nur bei Evangelikalen und Freikirchler*innen finden. Ich behaupte übrigens, dass wir alle Misogynie und Queerfeindlichkeit internalisiert haben. Aber das zuzugeben fällt uns eben oft schwer. So sind doch nur die anderen, nicht wahr? Ja, okay, ich gendere nicht, ich benutze stets das generische Maskulinum, aber deswegen bin ich doch weder misogyn noch queerfeindlich, nicht wahr? 

Viele Menschen tun sich allerdings schwer mit dem Begriff und dem Thema „Fundamentalisten“, weil man sich dann auch mit den Fundamentalisten in den eigenen Reihen (oder sogar in der eigenen Theologie) beschäftigen müsste und das Problem nicht auf eine externe Gruppe schieben kann. Das passiert übrigens auch mit muslimischen Fundamentalisten: Um sich nicht mit dem Fundamentalismus in den eigenen Reihen zu beschäftigen, werden sie bevorzugt „Islamisten“ genannt oder man spricht denunziatorisch vom „politischen Islam“. 

Tatsache ist: Fundamentalismus ist ein Problem, das nicht nur im evangelikalen bzw. freikirchlichen Christentum oder im religiös-konservativen Islam existiert, sondern in allen Religionsgemeinschaften. Ja, auch in der katholischen Kirche, in den evangelischen Landeskirchen. Aber wirklich beschäftigen möchte man sich damit nicht, also wird es auf externe Gruppen, vor allem Evangelikale, Freikirchler*innen, „Islamisten“, den sogenannten politischen Islam (was immer das auch sein soll) geschoben. 

Letzten Endes werden damit bestimmte Menschen, die aber nicht zum eigenen „Verein“ gehören, als „böse“ gekennzeichnet, stigmatisiert. Hauptsache, mein „Verein“ gerät nicht ins Blickfeld. Wir Landeskirchler, wir Katholiken, wir sind schließlich nicht die Bösen, das sind die anderen.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich weiß um das Problem, dass wir in der evangelikalen Bewegung und in den Freikirchen tatsächlich Fundamentalist*innen haben. Leute, die sich als „bibeltreu“ bezeichnen, aber eigentlich nur ihre moralischen Werte in ihre Theologie hineinschreiben, die Bibel gar nicht wirklich ernst nehmen. Und ja, diese Leute sind laut – und wir progressiven, linken, feministischen, queerfreundlichen Evangelikalen und Freikirchler*innen sind oft zu leise, gerade gegenüber den Fundamentalisten, Frauenfeinden, Queer-Hassern, Islamfeinden in unseren Kreisen. 

Not all Evangelicals“ oder „Not all Free Churches“ ist nur dann angebracht, wenn wir tatsächlich gegen solche Entgleisungen, gegen derartigen Missbrauch des Evangeliums im Namen von rechten und konservativen Ideologien laut werden, wenn wir laut und deutlich Stellung beziehen. Was allerdings, wenn es geschieht (ich denke da an diverse Resolutionen des Bundesrates des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden), oft gar nicht wahrgenommen wird. Auch, weil es nicht ins Bild passt oder als „viel zu wenig“ betrachtet wird, als nicht „ernst gemeint“. 

Dennoch: Es ist nicht sinnvoll, dass immer wieder von „Evangelikalen“ oder „Freikirchen“ gesprochen wird, wenn es eigentlich um christlichen Fundamentalismus geht. 

Dadurch passiert nur eines: Evangelikale und Freikirchler*innen werden als böse stigmatisiert. Es wird nicht differenziert, progressive Kreise werden unsichtbar gemacht. 

Und die eigentlichen Probleme werden nicht konkret benannt, es gibt keine inhaltliche Präzisierung. Es gibt auch keine reflektierte Auseinandersetzung, inwieweit diese Probleme auch anderswo sichtbar werden, in landeskirchlichen oder katholischen Kreisen etwa – oder bei mir. 

Würden wir von Fundamentalisten sprechen, müsste man auch fragen: Gibt es das wirklich nur dort – oder gibt es das auch bei uns? Gibt es Misogynie und Queerfeindlichkeit Einstellungen auch in landeskirchlichen und katholischen Gemeinden? Und wie viel Misogynie, wie viel Queerfeindlichkeit steckt denn auch in mir, wie viel davon habe ich internalisiert? 

Lasst uns von konkreten und präzise benannten Problemen sprechen, nicht über Menschen, denen wir aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Anderen bestimmte Eigenschaften zuschreiben. 

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