Als Frau, die ohne Uterus geboren wurde und deswegen nie schwanger werden konnte, muss ich mich zum Thema Abtreibung anders äußern als jene Menschen, die schwanger werden können.
Im Hinblick auf die Gewissensnot dieser Menschen im Fall einer ungewollten Schwangerschaft und im Blick auf die Schwierigkeiten, die mit jeder Schwangerschaft einhergehen, bin ich privilegiert.
Wie stehe ich als evangelikale Christin, als Baptistin zu den Themen Abtreibung, Lebensschutz, körperliche Autonomie schwangerer Menschen?
Ich glaube, dass das Leben beginnt, wenn eine Eizelle befruchtet wird oder sich diese befruchtete Eizelle einnistet. Ich sehe da keinen „Zellklumpen“ oder „Zellhaufen“, sondern von Anfang an ein Leben. Ein richtiges, vollwertiges Leben.
Theologisch ist die Frage offen, ab wann dieses Leben beseelt ist – ich setze dies und den Beginn des Lebens gleich, andere gehen beispielsweise vom 40. Tag nach der Empfängnis aus.
Viele Schwangerschaften enden aus natürlichen Gründen mehr oder weniger lange vor der Geburt. Es gehört nun einmal zum Leben dazu, dass auf eine Empfängnis nicht zwingend eine Geburt folgt, schon gar nicht eine „planmäßige“ Geburt eines „perfekten“ Babys. Überspitzt formuliert, nimmt die Natur ständig Abtreibungen vor.
Für den Organismus der schwangeren Person ist die Schwangerschaft ein anstrengender, zehrender Prozess. Es kann zu gesundheitlichen Komplikationen kommen, die sogar zum Tod der schwangeren Person oder nach der Geburt führen können. Die Geburt selbst ist ein extrem schmerzhafter, anstrengender Vorgang. Ich weiß, dass selbst die schmerzhafte genitalangleichende Operation, die ich hatte (zum Glück mit PDA), ein Spaziergang im Vergleich zu den Strapazen und Schmerzen einer Geburt war.
Nicht jedes Kind wird gesund zur Welt kommen, manche werden mit Krankheiten oder Behinderungen geboren. Manchmal kommt es durch Medikamente während der Schwangerschaft, durch Komplikationen bei der Geburt usw. zu körperlichen oder geistigen Behinderungen.
Nicht jede Schwangerschaft ist eine gewollte Schwangerschaft. Praktisch jede Verhütungsmethode kann versagen. Es gibt Schwangerschaften infolge von Vergewaltigungen. Niemals, absolut niemals, ist es die Schuld der schwangeren Person, wenn sie ungewollt und ungeplant schwanger wird (könnten Menschen mit Hoden schwanger werden, würden wir diese Diskussion sicherlich nicht führen). Es ist schließlich immer auch ein Mensch mit Penis beteiligt und verantwortlich.
Wenn nun ein Mensch mit Uterus schwanger wird (ja, auch Männer und nichtbinäre Personen können schwanger werden), stellt sich für diese Person die Frage, wie mit dieser Schwangerschaft umzugehen ist. Wenn das Kind in die Lebensplanung passt und das soziale, berufliche und finanzielle Drumherum passt, dann ist die schwangere Person sehr privilegiert; denn oftmals ist das nicht der Fall. Immer wieder werden Menschen ungewollt schwanger, und es verbietet sich, ihnen dafür die Schuld zu geben. Schwangere sind oft nicht privilegiert, sondern oft mehrfach diskriminiert, was für eine Schwangerschaft alles andere als einfach ist.
Oft stehen diese Menschen vor der Frage, ob sie abtreiben werden. Ich glaube, keiner dieser schwangeren Menschen macht sich diese Entscheidung leicht. Oft werden sie zudem von ihrem sozialen oder familiären Umfeld oder von der Person, von der der Samen stammt, unter Druck gesetzt.
Ich glaube, dass ausnahmslos jede schwangere Person das Recht hat, selbst zu bestimmen, ob sie das Kind bekommt oder es abtreibt. Sie muss in dieser Situation völlig autonom entscheiden und handeln können. Niemand darf diese Person zu einer bestimmten Handlungsweise nötigen.
Abtreibungsverbote und die Kriminalisierung von Abtreibungen lehne ich entschieden ab. Zum einen wegen des genannten Rechts auf Selbstbestimmung, zum anderen, weil Abtreibungsverbote keine Abtreibungen verhindern, sie verhindern nur sichere Abtreibungen. Abtreibungen wird es immer geben, aber wo sie kriminalisiert werden, gefährden sie die Gesundheit und das Leben der schwangeren Person.
Ich wünsche mir, dass jede schwangere Person die nötige staatliche Unterstützung erhält, um Schwangerschaft, Geburt und die Zeit nach der Geburt ohne finanzielle und andere Sorgen zu erleben.
Sogenannte Lebensschützer*innen sind oft nur Abtreibungsgegner*innen, aber sobald das Baby geboren ist, sind sie am Schutz dieses Lebens (und des Lebens der Person, die entbunden hat) kaum noch interessiert. Hauptsache, eine Abtreibung wurde verhindert, ein Kind geboren, eine „Seele gerettet“. Danach werden die Person, die entbunden hat, und das geborene Kind im Stich gelassen. Ich messe Lebensschützer*innen daran, ob ihr Engagement auch geborenen Kindern und ihrem Umfeld gilt. Die Schlimmsten sind für mich „Lebensschützer*innen“, die für die Todesstrafe sind.
Echte Lebensschützer*innen setzen sich für alle Leben ein, auch das von Kindern in Afrika, um es plakativ auszudrücken. Wer Leben schützen will, muss auch verhindern, dass Kinder verdursten, verhungern, durch die Klimakatastrophe, durch Umweltzerstörung sterben. Entweder schützen wir das Leben aller Kinder – oder es geht uns nur darum, Abtreibungen zu verhindern.
Ich glaube, dass jedes ungeboren verstorbene Kind bei Gott sein wird, egal, was dazu geführt hat, dass es nicht zur Geburt kam. Das ungeborene Kind verschwindet nicht einfach in einem Nichts oder gar in einer Art Hölle (vor vielen Jahren hatte ich ein Bild von Gott bekommen, dass mir das im Mutterleib gestorbene Kind einer Freundin in den Armen Jesu zeigte). Das gilt auch für abgetriebene Kinder, da bin ich gewiss. Sie werden bei Gott geborgen und sicher sein.