Statistisch gesehen gibt es in jeder Baptist*innen-Gemeinde mit 77 Mitgliedern und Freund*innen mindestens eine trans* Person.
Wie komme ich auf diese Zahl?
Trans* ist angeboren. So wie die Haarfarbe, die Hautfarbe oder die Händigkeit (rechts-, links- oder beidhändig). Es wird außerdem nicht vererbt, die Verteilung in der Gesellschaft ist also zufällig. Die Wahrscheinlichkeit, dass in einer baptistischen Familie ein trans* Kind geboren wird, ist ebenso hoch wie in der übrigen Gesellschaft: Von 1.000 geborenen Kindern sind etwa 13 trans*, auch in baptistischen Familien.
Denn nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit (dgti) sind 1,3 % aller Deutschen trans* (nicht mitgerechnet inter*, nichtbinäre und agender Personen), wobei der Anteil trans* Männer zu trans* Frauen bei 1,2:1 liegt. Insgesamt bezeichnen sich lt. OECD 3 % der Deutschen als „nicht cis“, ihre Geschlechtsidentität stimmt also nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht überein.
Zu den Baptist*innen-Gemeinden im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden gehören rund 63.000 Mitglieder, dazu kommen nichtgetaufte Kinder, Angehörige und Freund*innen, die am Gemeindeleben teilnehmen, gehen wir also vorsichtig von 125.000 Menschen aus. Das bedeutet, dass statistisch betrachtet mindestens 1.625 Menschen in Baptist*innen-Gemeinden trans* sind.
Es gibt uns.
Aber nur die wenigsten von uns sind geoutet, geben sich also zu erkennen. Auch ich habe mich erst mit 50 Jahren geoutet. Aber natürlich war ich auch vorher schon trans – ich wollte es nur nicht wahrhaben. Ich hielt es schließlich für etwas, das nicht sein darf, ein schwerwiegender Fehler, eine psychische Störung, ja sogar eine Sünde, gegen die ich anzukämpfen hätte als guter Christ.
Viele Menschen in Baptist*innen-Gemeinden, die trans* sind, unterdrücken oder verheimlichen ihre Trans*geschlechtlichkeit, weil sie es nicht akzeptieren wollen, und viele andere verlassen die Gemeinde, um gemäß ihrer Identität leben zu können. Nicht wenige geben dabei auch ihren Glauben auf, wenn sie keine Gemeinde finden, in der sie willkommen sind.
1.625 Menschen. Wie gehen wir als Baptist*innen damit um?
Ursachen
Schauen wir erst einmal auf die Frage, wodurch werden Menschen eigentlich trans*?
Es ist heute Konsens unter Wissenschaftler*innen, dass Trans* ebenso wie Cis angeboren ist. Wir wissen recht genau, wie es geschieht, allerdings nicht, warum es geschieht. Die genauen Ursachen, die Trans*geschlechtlichkeit auslösen, sind noch nicht ganz geklärt (oder warum es deutlich mehr cis als trans* Menschen gibt).
Die geschlechtliche Entwicklung des Menschen ab der Befruchtung der Eizelle ist ein überaus komplexer Vorgang, bei dem viele Faktoren zum Tragen kommen, die voneinander abhängen. Offenbar gibt es eine gewisse Variation, sodass wir am Ende nicht automatisch vom XY-Chromosom zum Mann oder vom XX-Chromosom zur Frau gelangen. Manchmal scheinen gewissermaßen Weichen anders gestellt zu werden, die Entwicklung nimmt einen etwas anderen Weg, und so werden die einen cis, die anderen trans* (oder nichtbinär oder auch agender, also ohne Geschlechtsidentität).
Übrigens können Wissenschaftler*innen auch nicht die Ursache nennen, die Cisgeschlechtlichkeit auslöst. Für uns ist es vermeintlich normal, weil es laufend geschieht, aber warum es geschieht, können wir nicht sagen.
Beides sind Varianten der Geschlechtsentwicklung, die gleichwertig und gleichberechtigt nebeneinander stehen. Cis ist nicht von Natur aus „normal“, sondern unsere Gesellschaft hat Cis zum Normalzustand erklärt. Es ist sozial konstruiert, nicht von der Natur vorgegeben.
Es ähnelt der Entstehung von Linkshändigkeit. Wir wissen weder, warum die einen Links- und die anderen Rechtshänder werden, noch warum Rechtshändigkeit so viel häufiger ist (und uns deswegen als „normal“ erscheint). Lange Zeit wurde Linkshändigkeit als defizitär betrachtet, sogar dämonisiert, und die Menschen wurden teils mit Gewalt „umgepolt“. Aber heute wissen wir: Es ist ganz natürlich, dass manche Menschen linkshändig sind (und manche sogar beidhändig).
Auffällig ist, dass unter neurodivergenten Menschen (wie Autist*innen oder Menschen mit ADS/ADHS/AuDHS) der Anteil von trans* und nichtbinären Personen signifikant höher ist als unter neurotypischen Menschen. Auch hierfür sind die Ursachen unklar. Eine These ist, dass neurodivergente Menschen oftmals weniger Wert darauf legen, gesellschaftlichen Erwartungen und Klischees zu entsprechen, wenn sie darin keinen Sinn erkennen können. Neurotypische Menschen neigen hingegen häufig eher dazu, sich entsprechend der in sie gesetzten Erwartungen aus Familie und sozialem Umfeld zu verhalten, sie fragen meist nicht nach einem Sinn, sondern nehmen es einfach hin. Dazu kommt, dass Trans* in der Gesellschaft immer noch stigmatisiert ist und pathologisiert wird. Neurotypische Menschen sind eher nicht bereit, sich dem auszusetzen.
Wir werden also entweder als cis Menschen geboren – oder als trans* oder nichtbinäre Personen oder als Personen ohne Geschlechtsidentität (agender). Wir entscheiden uns nicht dazu; und ganz offen gesagt, wäre es eine Entscheidung, würden sich die meisten von uns trans* Personen nicht dafür entscheiden. Denn Trans* ist in unserer cis-normativen Gesellschaft mit ihrer strukturellen Transfeindlichkeit alles andere als erstrebenswert. Und in anderen Gesellschaften ist es noch viel schlimmer. Je mehr eine Gesellschaft auf patriarchalen Strukturen aufgebaut ist, um so stärker ist die Ablehnung von trans* Personen. Es ist sehr viel leichter, cis zu sein als trans*.
Wir entscheiden uns nicht dafür, trans* zu sein, sondern wir entscheiden uns meist nach einem langen Ringen dafür, nicht länger vorzugeben, cis zu sein. Um für mich diese Entscheidung zu treffen, habe ich 45 Jahre gebraucht – von der Erkenntnis mit etwa vier oder fünf Jahren, ein Mädchen zu sein, bis zu meinem Coming-out als trans Frau mit 50 Jahren. Es war das Ergebnis eines langen inneren Ringens (und eines Ringens mit Gott), obwohl es meine Umwelt irrtümlich als „plötzlich“ wahrgenommen hat.
Trans* ist eine natürliche Variante der Geschlechtsentwicklung. Die Ursachen liegen nicht in der Psyche des Menschen, sondern darin, wie sich die Geschlechtsidentität entwickelt, welche Weichen wie gestellt werden. Ob es nun genetische oder eher epigenetische Ursachen gibt, ist dabei belanglos.
Trans* als Schöpfung Gottes
Als Christin bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass letztlich Gott diese Weichen stellt und für geschlechtliche Vielfalt sorgt. Er hat mich als trans Frau geschaffen, ich bin so gewollt (und habe nur lange die Sünde begangen, das nicht zu erkennen).
Im Buch Genesis lesen wir oft, dass Gott die Menschen als sein Ebenbild als Mann und Frau (genauer: männlich und weiblich) geschaffen hat. Das ist eine sehr wörtliche Übersetzung, die nicht genau das wiedergibt, was im Hebräischen gemeint sein dürfte.
Als eine bessere Übersetzung gilt, dass Gott die Menschen als sein Ebenbild von männlich bis weiblich geschaffen hat.
Ich weiß nicht, ob es hier tatsächlich (wie oft angenommen) um die Entstehung der Geschlechter bei den Menschen geht oder nicht doch eher darum, dass die Autoren der Bibel verdeutlichen wollten, dass nicht nur der Mann, sondern ebenso auch die Frau als Ebenbild Gottes geschaffen worden ist. Somit steht der Frau dieselbe Menschenwürde zu wie dem Mann. Geht es hier aber tatsächlich um die Entstehung der Geschlechter, so ist tatsächlich ein Spektrum von männlich bis weiblich (ich möchte ergänzen: und außerhalb dieses Spektrums) gemeint. So wie in der Schöpfung die Erschaffung von Tag und Nacht auch die Dämmerung einschließt und die Erschaffung von Land und Meer auch die Uferbereiche (und nicht zu vergessen Ebbe und Flut), so schließt die Erschaffung der Menschen auch jene Menschen ein, die nicht cis sind, sondern trans*, nichtbinär oder ohne Geschlechtsidentität. Gott hat die Erschaffung des Menschen als sein Ebenbild bunt und vielfältig ausgestaltet, so wie die ganze Schöpfung von Vielfalt geprägt ist.
Was Trans* nicht ist
Trans* wird oft als eine sexuelle Orientierung getrachtet und auf Sexualität reduziert. Dazu hat die Bezeichnung „Transsexualität“ beigetragen, auch dass Homosexualität und Trans* häufig zusammen genannt werden.
Trans* ist allerdings keine sexuelle Orientierung. Es geht bei trans* Menschen nicht häufiger oder seltener um Sexualität als bei cis Menschen. Tatsächlich sind relativ viele trans* Personen asexuell, es gibt also kein oder ein nur geringes Interesse an sexueller Interaktion. Ansonsten können trans* Menschen dieselben sexuellen Orientierungen haben wie cis Menschen auch – etwa heterosexuell, homosexuell, bisexuell oder eben asexuell.
Bei Trans* geht es um die geschlechtliche Identität oder um die geschlechtliche Existenz. Im Gegensatz zu cis Menschen, bei denen die selbst wahrgenommene Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, ist dies bei uns nicht der Fall. Ansonsten unterscheiden wir uns nicht von cis Menschen – werden wir gestochen, so bluten wir wie Ihr, werden wir verletzt, so weinen wir wie Ihr, lieben wir, so lieben wir wie Ihr.
Und wie schon gesagt: Trans* ist keine Entscheidung. Viele von uns wissen schon als Kinder, manchmal schon ab drei Jahren, welches Geschlecht wir tatsächlich haben. Als Kind wusste ich mit vier oder fünf Jahren: Ich bin ein Mädchen. Und weil mir beigebracht wurde, dass das nicht sein kann und nicht sein darf (was sollen denn die Leute denken?), habe ich vorgegeben, der Junge zu sein, der ich angeblich war. Und habe dagegen angekämpft, ein Mädchen zu sein. 45 Jahre lang habe ich diesen Kampf geführt und mich dabei auf der richtigen Seite gewähnt, bis ich endlich die befreiende Wahrheit erkannt habe: Gott hat mich als Frau erschaffen. Er wollte mich so haben. Es war keine Krankheit, kein Fehler Gottes, keine Sünde und keine mir von Gott auferlegte Prüfung, sondern: Gott hat auch mich als sein Ebenbild geschaffen: eine trans Frau.
Befreiung
Ich habe im Nachhinein erkannt, dass ich nie wusste, was es eigentlich bedeutet, ein Mann zu sein. Ich bin auch daran gescheitert. Schließlich habe ich mich damit zufriedengegeben, ein „untypischer Mann“ zu sein, mit vielen eher weiblichen Zügen (und radikal feministisch). Aber das war immer unbefriedigend und wirkte unvollständig. Es gab Zeiten, in denen ich versucht habe, betont „männlich“ zu sein, aber das war noch unbefriedigender und belastender. Es hat sich falsch angefühlt. Das Coming-out hat mich davon befreit,
Ich habe mein Coming-out auch in geistlicher Hinsicht als Befreiung erlebt. Nachdem sich mein ganzes Christsein vorher darum gedreht hatte, von meinem Trans*sein befreit oder geheilt zu werden oder zumindest der Versuchung zu widerstehen, konnte ich nun in eine neue Beziehung mit Gott treten, als die Person, als die er mich geschaffen hat.
Als ich 1987 getauft wurde, gab mir der Pastor als Taufspruch Johannes 8,32 mit, „und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“. Ich wusste, dass dieser Vers eine besondere Bedeutung für mich haben würde und habe all die Jahre versucht, sie herauszufinden. Aber jedes Mal, wenn ich meinte, ich hätte diese Bedeutung erkannt, hat Gott mir zu verstehen gegeben, dass ich falsch lag. Nach meinem Coming-out wusste ich dann endlich: Das war die Wahrheit, die mich frei macht. Und das hat sie getan. Sie hat mich von gewissen Zwängen befreit, die mich bis dahin sehr belastet hatten. Und seitdem erlebe ich die Gemeinschaft mit Gott sehr viel intensiver. Ich verstelle mich nicht mehr und drehe mich nicht mehr nur dauernd um mein „Problem“.
Ein Coming-out kann gewisse Süchte und Zwänge beenden, und das habe ich erlebt, von einem Tag auf den anderen. Das habe ich sehr praktisch als Befreiung erfahren, weil es mich sehr belastet hatte.
Trans* bei Baptist*innen
Viele Baptist*innen, auch im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, betrachten Trans* nicht als eine natürliche oder gar schöpfungsgemäße Variante der Geschlechtsentwicklung. Viele glauben, wir würden uns mehr oder weniger plötzlich entscheiden, trans* zu sein, oder es sei eine psychische Störung oder gar eine dämonische Besessenheit. Es wird vielfach als Sünde betrachtet. Manche neigen dazu, es als eine „Prüfung“ zu betrachten, die Gott uns auferlegt habe. Es sei die uns von Gott gegebene Aufgabe, nicht nachzugeben.
In progressiven Gemeinden setzt sich hingegen allmählich die Erkenntnis durch, dass Trans* ähnlich wie Homosexualität keine Sünde ist. Allerdings bemerke ich oft, dass die meisten nur wenig über uns wissen – und Klischees für wahr halten.
Gerade trans* Frauen wie ich begegnen oft Vorbehalten und Ängsten. Wie viel „Mann“ steckt noch in uns, wie viel männliche Sozialisation? Cis Frauen haben von cis Männern oft Gewalt erlebt und fürchten, dass wir immer noch viel davon in uns tragen und eine Gefahr sein könnten.
Meiner Erfahrung nach setzen sich gerade trans* Frauen sehr intensiv mit männlicher Sozialisation und toxischer Maskulinität auseinander. Die meisten von uns sind schon vor dem Coming-out recht radikale Feminist*innen und predigen und leben ein anderes Bild von Männlichkeit. Das setzt sich nach dem Coming-out fort; ich kenne kaum eine trans* Frau, die nicht eine glühende Feministin wäre.
Oft wird unterschätzt, dass wir trans* Frauen selten Täterinnen, aber sehr häufig Opfer von Gewalt sind, insbesondere von sexualisierter Gewalt. Hier findet manchmal eine Täter-Opfer-Umkehr statt.
Transfeindlichkeit
Transfeindlichkeit (wie auch Nichtbinärfeindlichkeit und Agenderfeindlichkeit) nimmt seit einiger Zeit stark zu, auch unter Christ*innen. Aus der früher noch weiter als heute verbreiteten Schwulenfeindlichkeit ist, oft unter Verwendung fast identischer Argumente (etwa einer angeblichen Gefahr für Kinder), Transfeindlichkeit geworden. Wir werden pathologisiert, stigmatisiert und oft genug (buchstäblich) dämonisiert. Transrechte wie das Recht auf Selbstbestimmung werden abgelehnt, trans* Personen werden zu Konversionstherapien, „Heilungsgebeten“ und Exorzismen gedrängt.
Gerade trans* Kinder erleben oft, dass ihre geschlechtliche Identität abgelehnt wird und sie „umgepolt“, „geheilt“ werden sollen.
Wir brauchen auch unter Baptist*innen Allies, Verbündete, die christlicher Transfeindlichkeit entschieden entgegentreten.
Trans* in Baptist*innen-Gemeinden
Ich schrieb in der Einleitung, dass von 77 Baptist*innen eine Person trans* ist. Jedenfalls statistisch. Denn die wenigsten leben in ihrer Gemeinde offen als trans. Manche unterdrücken ihr Trans*sein, andere führen ein Doppelleben. Wieder andere verlassen die Gemeinde, manche lassen auch aus Enttäuschung den Glauben hinter sich.
Wie gehen wir als Baptist*innen-Gemeinden mit Gläubigen um, die trans* sind? Heißen wir sie willkommen, damit sie mit uns leben? Oder heißen wir sie nur willkommen, um ihnen dann früher oder später eine „Heilung“ oder eine Konversionstherapie zu empfehlen? Oder sind wir froh, wenn sie woanders hingehen? Denn „was ist mit unseren Kindern?“ ist ein gar nicht so seltenes Argument. „Was, wenn unsere Kinder dadurch verwirrt werden?“
Niemand kann cis Menschen, egal ob Kinder oder Erwachsene, trans* machen. Ich schrieb ja schon: Trans* ist angeboren. Aber wir trans* Personen wissen nicht einfach so, was das bedeutet. Wir denken, dass mit uns etwas nicht stimmt. Gerade für trans* Kinder kann das sehr belastend sein. Wenn sie aber andere trans* Personen verstehen, verstehen sie oftmals besser, was bei ihnen Sache ist. Sie merken, dass sie nicht allein sind, dass es andere gibt wie sie. Sie werden dadurch nicht trans*, aber sie entdecken, wer sie sind.
Ich freue mich über alle Baptist*innen-Gemeinden, die trans* Personen (und ebenso inter*, nichtbinäre und agender Personen) einladen, willkommen heißen und ihnen ein Ankommen ermöglichen. Ich glaube, dass wir eine Bereicherung sind, wenn uns die Möglichkeit gegeben wird, am Gemeindeleben teilzunehmen, uns einzubringen.