Wenn wir Protestant*innen heute den Reformationstag begehen, dann steht eigentlich weniger die (nicht gerade unproblematische) Person Martin Luthers oder der Thesenanschlag zu Wittenberg im Mittelpunkt.
Es geht heute um die Rechtfertigung allein durch den Glauben, eingebettet in das fünffache Sola: solus Christus, sola gratia, sola fide, sola scriptura, soli Deo gloria (allein durch Christus, allein durch die Gnade, allein durch Glauben, allein gemäß der Schrift, allein zur Ehre Gottes).
Es gab und gibt immer wieder Versuche, die eine oder andere Bedingung für die Rechtfertigung hinzuzufügen, das liegt offenbar in der Natur des Menschen, dass er etwas zu seiner Rechtfertigung beitragen will, aber evangelisch ist nichts davon.
Der uns rechtfertigende Glaube ist nichts, das wir aus uns selbst hervorbringen können, Gott erweckt den Glauben in uns. Und das ohne jede Vorleistung oder Mitwirkung unsererseits. Allein durch die freundliche Zuwendung Gottes (also Gnade), die Gott, da bin ich gewiss, niemand vorenthält.
Durch den Glauben werden aus den Sünder*innen die gerechtfertigten Sünder*innen (Luther: „Simul iustus et peccator“, zugleich gerecht und Sünder). Gemeint ist, dass Gläubige in ihrer Einschätzung stets Sünder*innen sind und deshalb in Gottes Einschätzung gerechtfertigt werden (dem gegenüberstehen die Heuchler, die sich selbst als Gerechte sehen). Wir sind nicht besser als die „Sünder“, aber wir sind durch die Rechtfertigung besser dran.
In der evangelischen Theologie bezeichnet „Sünder“ den Zustand des von Gott getrennten Menschen, der aber stets von Gott gesucht und in jedem Fall auch gefunden wird. Der „Sünder“ lebt in Abkehr vom Willen Gottes, im Misstrauen Gott gegenüber, anfällig dafür, sich verführen zu lassen und dem Bösen zuzustimmen. Der „Sünder“ ist getrieben von einer Macht, die das eigene Leben und das Zusammenleben der Menschen bestimmt und sie in Abhängigkeit von ihren Leidenschaften treibt, denen sie ausgeliefert sind.
Wie gesagt: Auch wir Christ*innen sind stets Sünder*innen und dürfen nicht der Versuchung nachgeben, uns für gerecht zu halten. Geben wir dieser Versuchung nach, so wären wir nach Gottes Einschätzung Sünder*innen.