Je länger ich als trans* Frau lebe, desto deutlicher nehme ich wahr, dass viele cis Menschen Trans* irrtümlich für eine Art Show, Kostümierung oder auch Travestie halten. Manche halten es sogar für eine Art Fetisch.
Nichts beschreibt Trans* schlechter als diese Vorstellung (außer vielleicht die falsche Annahme, dass wir eigentlich homosexuelle Personen seien, die sich nur nicht trauen würden, offen schwul bzw. lesbisch zu sein).
Nein, mein Frausein ist keine Show, keine künstliche Darstellung von Weiblichkeit. Ich spiele keine Frau, ich verkleide mich nicht als Frau, ich „fühle“ mich nicht als Frau. Ich bin eine Frau. Von Geburt an. Von Gott als Frau geschaffen. Und nein, Gott hat dabei keinen Fehler gemacht. Ich bin die Frau, die er gewollt hat, als er mich ins Leben gerufen hat.
Trans* Frauen sind Frauen. Trans* Männer sind Männer. Nichtbinäre trans* Personen sind nicht binär.
In diesem Punkt unterscheiden trans* Personen sich nicht von cis Personen: Unser Geschlecht ist keine Show, keine Kostümierung, sondern einfach unser Leben. Wir stehen nicht morgens auf und überlegen, welche Trans-Show wir heute veranstalten. Wir stehen morgens auf und leben unser Leben – trans* Frauen als Frauen, trans* Männer als Männer, nichtbinäre Personen als nicht binäre Personen. Das ist schlicht das, was wir sind. Unsere Existenz. Unser Leben.
Wir spielen keine Rollen, wir führen keine Show auf, wir sind auch keine Transvestiten oder Crossdresser (bei denen es übrigens, wie auch bei Dragqueens und Dragkings, ebenfalls nicht um eine Show geht, sondern darum, Geschlechterklischees durch Übertreibung bloßzustellen).
Wir spielen keine Rollen, wir performen nicht, wir kostümieren uns nicht. Wir trans* Frauen tragen nicht Röcke, Make-up oder High Heels, um uns dadurch weiblich zu fühlen, sondern weil wir Frauen sind. Wir streben keine geschlechtsangleichenden Maßnahmen an, um uns dadurch weiblich zu fühlen, sondern weil wir Frauen sind. Und erst recht ist es kein Fetisch, wie manche behaupten und verächtlich von „Autogynophilie“ sprechen (einem Mythos).
Ebenso trans* Männer: Sie tragen keine Binder und männlich gelesene Kleidung, um sich dadurch männlich zu fühlen, sondern weil sie Männer sind. Sie schauspielern nicht, sie spielen niemandem etwas vor, sie sind Männer.
Und auch nichtbinäre Personen spielen niemandem etwas vor. Sie sind nicht binär, sie sind nicht ausschließlich weiblich oder ausschließlich männlich, manche haben kein Geschlecht (agender). Sie leben außerhalb der binären „Geschlechterordnung“. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie immer androgyn gekleidet sind.
Ich suche mir meine Kleidung nicht danach aus, ob ich mich damit weiblich fühle, sondern danach, ob ich mich damit als Frau, die ich nun einmal bin, wohlfühle. Da spielen natürlich Geschlechterstereotype eine Rolle, wie bei allen Frauen: wir Frauen lernen von Kindheit an, was als „weiblich“ gilt. Auch wir trans* Frauen lernen das, sobald uns klar wird, dass wir Frauen sind, oft schon in der Kindheit (auch wenn das Wort „Trans“ uns da noch nichts sagt und wir denken, mit uns stimme etwas nicht).
Und wir trans* Frauen haben außerdem gelernt, dass wir besonders weiblich aussehen müssen, um eher eine Chance auf Akzeptanz zu haben. Zugleich nicht übertrieben weiblich; denn dann hält man unser Outfit für eine Kostümierung. Wir sollen so weiblich wie möglich aussehen, aber nicht zu weiblich.
Kleiden wir uns betont weiblich im Sinne von sexy oder aufreizend, wird unser Outfit schnell sexualisiert und uns ein Fetisch unterstellt, als würden wir nur als Frauen auftreten, weil es uns erregt.
Manchmal wollen wir uns sexy fühlen, aber eben nicht, weil es uns erregt, uns selbst als sexy Frauen zu sehen, sondern weil nahezu jede Frau gerne sexy aussehen möchte, zumindest gelegentlich. Das gehört zum Menschsein dazu. Was bei cis Frauen aber als normal betrachtet wird, wird bei uns sexualisiert und unter einen Generalverdacht gestellt. Und schon ist unser Rock etwas länger, der Absatz etwas niedriger, das Make-up dezenter, um nicht schief angeschaut zu werden.
Zudem gibt es eine transfeindliche Spielart des Feminismus, die uns vorwirft, frauenfeindliche und sexistische Geschlechterklischees auszuleben, wenn wir uns „zu“ weiblich, zu feminin, womöglich zu sexy kleiden. Wir würden damit den Anliegen des Feminismus schaden. Wir würden (zumal wir angeblich männlich sozialisiert sind) männliche Vorstellungen, wie Frauen auszusehen haben, ausleben. Als trans* Frauen könnten wir nach ihrer Überzeugung keine weiblichen Vorstellungen davon haben, wie Frauen aussehen wollen.
Ja, manchmal gefällt es mir, wenn mein Rock sehr kurz ist, wenn meine Absätze sehr hoch sind, mein Lippenstift knallrot. Aber nicht, weil das irgendwelchen männlichen Vorstellungen entspricht, wie Frauen auszusehen haben, sondern weil es mir manchmal einfach so gefällt. Etwas, das viele cis Frauen ebenso kennen. Manchmal fühlen wir uns auch mit einem kurzen Rock und hohen Absätzen wohl. Wir kleiden uns dann für uns selbst so, weil wir eben Frauen sind. Cis Frauen und trans* Frauen. Wir tun es nicht wegen der Männer, sondern für uns. Was für cis Frauen normal ist, wird bei uns trans* Frauen kritisch gesehen.
Ich trage Make-up, Frauenkleidung und Absätze auch, um der Welt zu zeigen, dass ich eine Frau bin. Weil es das ist, was ich bin, was ich von Geburt an bin. Ich werde nicht verstecken, was ich bin. In meiner früheren Kirchengemeinde wollten manche, dass ich mich eher „androgyn“ kleide, wenn ich schon nicht Männerkleidung tragen will. Aber ich bin nicht androgyn, ich bin eine Frau. In unserer Gesellschaft ist es normal, dass wir Frauen Frauenkleidung tragen, dass wir uns schminken, dass wir Absätze tragen, manchmal niedrige, manchmal hohe. Ich bin eine Frau, und ich suche mir die Kleidung, das Make-up, die Schuhe und die Handtasche aus, die mir als Frau gefallen. Nicht, um mich dadurch weiblich fühlen zu können, sondern weil ich eine Frau bin und die ganze Welt das auch sehen darf und sehen soll. Ich muss mich nicht verstecken, nur weil ich trans bin und manche Menschen daran scheitern, trans* Frauen tatsächlich als Frauen zu sehen.
Ich bin, was ich bin: eine Frau. Und darum kleide ich mich als Frau, verhalte ich mich als Frau, lebe ich als Frau (die im Unterschied zu den meisten cis Frauen halt nicht menstruiert und nicht schwanger werden kann, aber das ist doch nicht wirklich alles, was eine Frau ausmacht, oder? Oder?)
Mein Frausein ist nicht aufgesetzt, keine Show, kein So-tun-als-ob. Es ist, was ich bin.
Hinweis: Mein Blog-Post wurde von diesem Social-Media-Post von „Attack of the Chlones“ inspiriert: “I find that 90% of people's 'struggles' with trans people is not understanding that this isn't some kind of costume or performance for us.(...)”