Die christliche Nächstenliebe wird von viele neo-konservativen und neo-rechten Christ*innen falsch verstanden, nämlich auf die Personen bezogen, die mir als der zur Nächstenliebe verpflichteten Person am nächsten sind: Familienangehörige, Christ*innen (am besten desselben Frömmigkeitsstils), Leute mit derselben Herkunft und Sprache, Nachbarn. Mit dem Hinweis, eine „Fernstenliebe“ sei in der Bibel nicht gefordert, wird die Nächstenliebe für Menschen in anderen Ländern oder eines anderen Glaubens oft sogar ausdrücklich abgelehnt oder an den Missionsbefehl gekoppelt.

Aber ist das mit der Nächstenliebe tatsächlich gemeint? Wer ist eigentlich der Nächste? 

Schauen wir einmal in Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner in Lukas 10,29-37, Jesu Antwort auf die Frage eines Gesetzeslehrers, der wissen wollte, wer jener Mitmensch sei, den er lieben solle.

Wenn wir den Text lesen und verstehen, dann erkennen wir: Es geht nicht um die Frage, wer mein Nächster ist, dem ich helfen soll.

Es geht tatsächlich um die Frage, wem ich die oder der Nächste bin, der meine Hilfe benötigt. 

Nächstenliebe orientiert sich an meiner Fähigkeit und an meinen Mitteln, einem anderen zu helfen. Wenn ich die Möglichkeit habe, bin ich dem Notleidenden der Nächste. Egal, welche Hautfarbe dieser andere Mensch hat, welches religiöses Bekenntnis, welche Muttersprache, welcher Nation er angehört, ob er in meiner Nähe wohnt oder von weit weg kommt. Das alles spielt keine Rolle.

Nächstenliebe heißt: Wem bin ich der Nächste, der meine tätige Nächstenliebe benötigt? Wenn ich sie dem anderen verweigere, weil er weit weg lebt, weil er nicht christlichen Glaubens ist, weil er ein Geflüchteter ist, weil er eine andere Sprache spricht, ja, sogar: weil er mich als Feind betrachtet, dann erfülle ich das zentrale Gebot Jesu der Nächstenliebe nicht. Es gibt da keine Ausnahme. 

Ja, richtig gelesen: Auch demjenigen, der mich als seinen Feind betrachtet, kann ich der Nächste sein, wenn er sich in einer Notlage befindet, wenn er diskriminiert oder verfolgt wird, wenn er bedrängt oder ungerecht behandelt wird, wenn er nichts zu essen oder zu trinken hat … Auch dann gilt die Pflicht zur Nächstenliebe.

Liebt eure Feinde! Segnet die, die euch verfluchen! (Matthäus 5,44-48; Lukas 6,27-36, bitte komplett lesen). 

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