Es gilt zu unterscheiden zwischen einem Islamischen Feminismus – um den es im Text in erster Linie gehen soll – und einem Feminismus muslimischer Frauen.

Beginnen wir aber erst einmal mit einem Blick auf den westlichen Feminismus.

Feminismus und Muslime

Der westliche Feminismus und der Islam

Der weiße, westliche Feminismus hat den Islam lange pauschal als frauenfeindliche, patriarchale Religion betrachtet, die bekämpft werden müsse, um die Frauen zu befreien.

Insbesondere gilt der Kampf dem Schleier muslimischer Frauen, der von den Gegnern als den Frauen aufgezwungen betrachtet wird. In Deutschland sind Alice Schwarzer und die Zeitschrift „Emma“ bis heute für diesen ewiggestrigen und oft rassistischen Feminismus berüchtigt.

Erst der Feminismus der dritten Welle, der einen intersektionalen Feminismus eingeführt hat, hat mit diesen Vorstellungen gebrochen und betrachtet den Islam und seine Rolle für das Leben der Frauen differenzierter. Er tritt für das Recht muslimischer Frauen ein, ihr Leben in Übereinstimmung mit ihrem Glauben zu gestalten. So tritt er Forderungen nach Verschleierungsverboten entschieden entgegen.

Die Muslimas und der westliche Feminismus

Heute gilt der westliche Feminismus vielen muslimische Frauen aufgrund schlechter Erfahrungen als ein Angriff auf ihren Glauben und ihre Rechte, ihr Leben nach den Regeln ihres Glaubens zu gestalten.

Der Begriff „Feminismus“ steht vielfach für einen als übergriffig empfundenen westlichen „weißen“ Feminismus, der muslimische Frauen von angeblichen Zwängen ihrer Religion befreien will, für Paternalismus, Bevormundung, Unfreiheit und Islamfeindlichkeit.

Für viele ist „Feminismus“ darum gleichbedeutend mit der Ablehnung des Islam. Sie sehen den Islam durch den westlichen Feminismus stigmatisiert und in eine frauenfeindliche Ecke gerückt.

Daran trägt natürlich auch der Femonationalismus einen gewichtigen Anteil, der den Feminismus für die politische Agenda rechter islamfeindlicher Kreise instrumentalisiert, ohne sich tatsächlich für das Wohlergehen der Frauen zu interessieren.

Empowering

Muslimische Frauen sprechen darum oft eher von Empowering, von Selbstermächtigung, wenn es um Feminismus und Emanzipation geht.

Für sie ist die Emanzipation der Frauen kein Widerspruch zum Islam, sondern bereits im Islam angelegt, im Koran und in der Sunna.

Feminismus in den islamischen Welten

Der Feminismus in den Ländern der islamischen Welten nahm seinen Anfang zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vor allem in Ägypten.

Das erste große Anliegen war die Integration der Mädchen und Frauen in die Gesellschaft und ihre Bildung. Nur gebildete Frauen könnten Vorbilder und Lehrerinnen ihrer Kinder sein. 

Es zeigte sich schnell, dass es nicht möglich war, einfach den westlichen, von weißen und oft christlichen Frauen geprägten Feminismus zu übernehmen. Zu groß waren die Unterschiede zwischen den weißen Frauen und den Frauen in den islamischen Welten.

Versuche, den westlichen Feminismus den muslimisch geprägten Gesellschaften überzustülpen, trafen oft auf Widerstand nicht nur der Männer, sondern auch der Frauen.

Westliche Einflüsse

In den 1950er und 1960er-Jahren wurde oft ein westlicher Feminismus importiert, der eher antireligiös war – und besonders den Verzicht auf das Kopftuch bzw. den Schleier propagierte, teilweise auch erzwang, etwa im Iran und in Afghanistan.

Der Weg in die Moderne sollte möglichst laizistisch erfolgen, die Religion zurückgedrängt werden. Man wollte sich der „modernen Welt“ anpassen. Wichtig erschien es der Politik, die Frauen zu „befreien“, auch gegen ihren Willen. 

Mit dem Kampf gegen den Hijab folgte man der Tradition der Kolonialmächte (insbesondere Frankreichs), muslimische Frauen gewaltsam zu entschleiern und damit – wie viele von ihnen es empfanden – zur Schau zu stellen.

Das traf natürlich auf die Gegnerschaft religiöser Muslime – Männer und auch Frauen. Sie empfanden diesen Feminismus als einen Angriff auf ihre Religion und ihre Kultur.

Westlichen Feministen wurde und wird, meist zu Recht, vorgeworfen, dass sie nie das Mandat muslimischer Frauen erhalten hätten, sich für ihre „Befreiung“ einzusetzen. Sie wurden und werden als kolonialistisch und paternalistisch betrachtet.

Angestoßen durch diesen als übergriffig empfundenen Umgang mit den Frauenrechten in den islamischen Welten entwickelten sich in der Folge ein Feminismus muslimischer Frauen und ein islamischer Feminismus. Beide sind nicht immer vollständig zu trennen, es gibt Überschneidungen.

Feminismus muslimischer Frauen

Der Feminismus muslimischer Frauen ist nicht religiös begründet.

Er betont, dass sich muslimische Frauen in ihrer historischen und sozialen Situation von westlichen, weißen und christlich geprägten Frauen unterscheiden und setzt darum andere Schwerpunkte, die sich aus diesen Unterschieden ergeben.

So sind muslimische Frauen oft mehrfach diskriminiert, als Frauen (zumal in einer religiös, kulturell und politisch oft vom Patriarchat geprägten, sexistischen und misogynen Umwelt), als Musliminnen (in einer im Westen islamfeindlichen Gesellschaft) und oft auch aufgrund ihrer Abstammung und Hautfarbe. 

Islamischer Feminismus

Der islamische Feminismus ist in Koran und Sunna verwurzelt und damit religiös begründet. Es ist ein Feminismus muslimischer Frauen, die sich bewusst an den Quellen der islamischen Religion orientieren.

Er betont, dass sich Frauen, die sich auf Koran und Sunna beziehen, von westlichen, oft atheistischen oder christlichen Frauen unterscheiden und darum andere Schwerpunkte für ihre Emanzipation setzen.

Sie betonen die spirituelle und praktische Rolle des Islams in ihrem Leben und die Bedeutung des Glaubens für ihr Leben. Sie wollen Glauben und Feminismus verbinden.

Der islamische Feminismus ist eine sehr heterogene Bewegung, von religiös-liberal bis religiös-konservativ.

Im Folgenden schauen wir die beiden Pole genauer an, den liberalen und den konservativen Pol.

Liberaler islamischer Feminismus

Religiös-liberale Frauen suchen manchmal den Anschluss an einen intersektionalen westlichen Feminismus.

Viele von ihnen tragen kein Kopftuch und keinen Schleier. Andere achten darauf, dass ihr Kopftuch und ihre Kleidung nicht zu konservativ wirken. Sie bedecken beispielsweise ihre Haare, nicht aber Hals und Schultern. Sie tragen Hosen statt Röcke und legen Make-up auf.

Manche wollen als Muslimas sichtbar sein, sich aber von radikalen Formen sichtbar abgrenzen.

Liberale muslimische Frauen glauben, dass der Koran Gottes Wort ist – aber streng genommen Gottes Menschenwort. Sie pflegen eine historisch-kritische Theologie, betrachten also den von ihnen angenommenen historischen Kontext des Korans.

Für sie gibt es Aussagen im Koran, die heute keine Gültigkeit mehr besitzen – darunter auch viele der Aussagen, bei denen es um die Frauen und ihre Rolle und ihr Verhalten im Alltag geht, auch zum Hijab. Sie wollen dabei meist nicht nur entsprechende Aussagen neu deuten, sondern für ungültig erklären.

Für sie gelten in der Regel nur die von ihnen so betrachteten „spirituellen Aussagen“ und die ethischen Werte des Korans, nicht aber die Handlungsanweisungen für den Alltag und die Gesetze, die Scharia.

Für sie sind Frauen und Männer gleichwertig, gleichartig und gleichberechtigt. Es gibt für sie keine Gründe, dass Frauen anders behandelt werden als Männer oder sich anders verhalten müssten.

Viele dieser Frauen tragen keinen Hijab1 und lehnen oft auch bestimmte Formen des Hijab ab, etwa Abaya2, Jilbab3 oder Niqab4.

Muslimische Frauen werden manchmal ermutigt, den Hijab abzulegen. Forderungen, Jilbab und insbesondere Niqab zu verbieten, werden unter Umständen unterstützt.

Sie lehnen in der Regel jede Geschlechtertrennung ab.

Konservativer islamischer Feminismus

Bei konservativen muslimischen Frauen treffen diese Einstellungen oftmals auf wenig Sympathie. Für sie gibt es keine ungültigen Aussagen im Koran, und die Gesetze und Handlungsanweisungen gelten weiterhin. Sie wollen der Scharia folgen.

Konservative islamische Feministinnen sind in Sachen Kleidung und Verschleierung meist konservativer. Ihr Kopftuch soll nicht nur die Haare, sondern auch den Hals verhüllen, oft auch die Schultern. Ihnen ist es wichtig, als Muslimas sichtbar zu sein. Manche tragen bewusst arabische Kleidung, also Jilbab oder Abaya.

Religiös-konservative muslimische Feministinnen streben eine geschlechtergerechte Gesellschaft an. Familie, Moral und Bildung haben für sie einen hohen Stellenwert, besonders aber die Religion. Sie glauben, dass der Koran Gottes Wort ist, das Gott durch einen Engel Muhammad übermittelt hat. Neben dem Koran orientieren sie sich auch an der Sunna, dem Beispiel des Propheten Muhammad und seiner Gefährten.

Sie glauben, dass alle nötigen Frauenrechte bereits im Islam verankert sind, im Koran, in der Sunna und in der Scharia.

Diese Rechte seien später aber von Männern, die über Frauen bestimmen und sie unterdrücken wollten, frauenfeindlich umgedeutet und von patriarchalen Traditionen überlagert worden und müssten wiedererlangt werden. 

Diese Frauen gehen in der Regel davon aus, dass Frauen und Männer gleichwertig, jedoch nicht gleichartig seien. Auch wenn die religiös begründeten Unterschiede teilweise eine unterschiedliche Behandlung erforderten (etwa bei den Hijab-Regeln), seien Frauen und Männer dennoch im Wesentlichen gleichberechtigt.

Die Gleichwertigkeit steht über der Verschiedenartigkeit und muss jederzeit gewährleistet sein. Unterschiede, die lediglich auf patriarchalen Traditionen und nicht der Religion beruhen, müssen abgeschafft werden. Sie wollen ihre von Koran und Sunna zugesicherten Rechte ungehindert ausüben können. Besonders wichtig ist ihnen, dass Frauen aktiv an der Gemeinschaft teilhaben können und Mädchen und Frauen freien Zugang zur Bildung haben. 

Die meisten religiös-konservativen Feministinnen tragen Hijab, da dies für sie eine von Gott gewollte Regel ist. Manche tragen auch Abaya oder Jilbab, einige auch einen Niqab. Sie lehnen aber jeden Zwang ab. Mädchen und junge Frauen sollen durch Bildung und Vorbilder ein „Ja“ zum Hijab finden, nicht durch Gängelei oder Zwang.

Diese Frauen fordern die Deutungshoheit darüber ein, wie sie ihren Glauben praktizieren und ihr Leben führen. Sie lesen den Koran und lassen sich nicht vorschreiben, wie sie ihn zu verstehen haben. Sie glauben, dass der Koran zu lange nur von Männern ausgelegt wurde und Frauen davon abgehalten wurden, was ihrer Überzeugung nach nicht im Sinne Gottes und des Propheten sei. Frauen seien ebenso wie Männer fähig, den Koran zu lesen, zu verstehen und auszulegen. Ihre Erkenntnisse dürften nicht unterdrückt werden. 

Die westliche Einstellung „Das Kopftuch ist das Symbol der Unterdrückung der Frauen“ ist für sie ein unzulässiger Eingriff in ihre Deutungshoheit und damit in ihre Freiheit. Der Westen habe nicht das Recht, ein solches Urteil zu fällen oder gar Verbote zu fordern, so wenig, wie irgendwelche Männer das Recht haben, sie zum Tragen des Hijabs zu zwingen.

Diese muslimischen Frauen entscheiden selbst, ob sie den Hidschab tragen – und wenn sie ihn tragen, dann als Ausdruck, als Bekenntnis ihrer Liebe zu Gott; und niemand außer ihnen hat da die Deutungshoheit. Kein Mann und kein westlicher Feminismus.

Der Satz „Der Hijab bedeutet für mich Freiheit!“ ist einerseits ein Bekenntnis zum islamischen Glauben, aber andererseits auch eine Reaktion auf Versuche der Männer oder des Westens, sie zu bevormunden. Sie entscheiden selbst, und sie entscheiden sich für die Religion und die Gebote Gottes. Der Hijab ist für sie ein Akt des Empowerings, der Selbstermächtigung, ein Symbol der Freiheit, selbst zu entscheiden, wie sie ihren Glauben praktizieren und ihr Leben führen.

Für sie ist es falsch, wenn Männer den Frauen den Schleier aufzwingen, wie es etwa im Iran oder in Afghanistan geschieht. Ihre Antwort darauf besteht aber nicht darin, den Schleier abzulegen, sondern sie formen ihn zum Symbol ihrer Freiheit um und entreißen damit den Männern ein Symbol ihrer Herrschaft über die Frauen (was im Westen oft nicht verstanden wird).

Der Westen muss lernen, die Selbstermächtigung muslimischer Frauen zu akzeptieren, statt sie zu bevormunden und sie „befreien“ zu wollen. Der säkulare Feminismus, gerade der Feminismus der zweiten Welle, ist für viele religiöse Musliminnen inakzeptabel, weil er sie entmündigt. Sie wollen einen Austausch auf Augenhöhe. Wenn sie nur als „Opfer“ der Religion oder patriarchaler Strukturen gesehen werden, ist das nicht möglich. 


1  Hijab, bedeutet etwa „Schranke“. Ursprünglich die Trennung der Geschlechter im Islam, unter anderem durch Bekleidungsvorschriften für Frauen und Männer. Heute oft Bezeichnung für das Kopftuch der Frauen.

2  Die Abaya ist ein Gewand, das den Körper mit Ausnahme von Kopf und Haaren, Händen und Gesicht verhüllt. Es wird meist mit einem Kopftuch, z.B. einem Khimar, getragen, das auch die Schultern verhüllt.

3  Der Jilbab ist ein Gewand, das den Körper mit Ausnahme von Gesicht, Händen und Füßen vollständig verhüllt.

4  Der Niqab ist der Gesichtsschleier, der das Gesicht ganz oder teilweise bedeckt.

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Dateidatum 05.09.2026
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