In früheren Zeiten hatte ich Accounts in zahlreichen sozialen Netzwerken, schon in den 1990ern im IRC und im Usenet, auch die damaligen Web-Foren kann man dazu rechnen, später dann Facebook, Instagram, Twitter (ehe Musk es gekauft hat), Bluesky.
Heute findet man mich nur noch im Fediverse (wobei meine dortigen Accounts über eine sogenannte Brücke auch von Bluesky aus erreichbar sind).
Das Fediverse
Ich bin der Überzeugung, dass es kein besseres soziales Netzwerk gibt als das dezentrale Fediverse, das (Baptist*innen kennen das) aus etlichen unabhängigen Instanzen besteht, die auf ganz unterschiedlicher Server-Software laufen: Mastodon, Friendica, Pixelfed, Misskey, Sharkey, WriteFreely und viele andere.
Das Fediverse gehört nicht einer einzelnen Person oder einem einzelnen Unternehmen, sondern allen. Jede*r kann eine Server-Software installieren und sich so mit einem eigenen Server im Fediverse einbringen. So gibt es heute im Fediverse Tausende Instanzen.
Das ist der Unterschied zu X/Twitter, Facebook, Instagram, Bluesky, YouTube usw.: Dort gibt es jeweils nur einen Anbieter, bei dem man sich anmelden muss, es gibt keine Auswahl. Und oft gibt es auch keine Möglichkeit, mit Nutzer*innen, die bei einem anderen Anbieter angemeldet sind, zu kommunizieren.
Das meistverwendete Protokoll
Die meisten der unterschiedlichen Server im Fediverse verwenden dasselbe Protokoll: ActivityPub. Das bedeutet, sie können miteinander kommunizieren und eine Föderation bilden, einen Bund sehr unterschiedlicher Instanzen. Es müssen sich also nicht alle Nutzer*innen bei einem Anbieter anmelden und alle denselben Dienst, denselben Server verwenden.
Es ist im Grunde genommen wie bei E-Mail: Obwohl es verschiedene Anbieter für E-Mail gibt (einige Mail-Server werden auch privat oder von Vereinen betrieben) und unterschiedliche Mail-Programme, können alle untereinander kommunizieren. Dass das funktioniert, liegt daran, dass sich alle an ein gemeinsames Protokoll halten und alle Mail-Server miteinander verbunden sind und Mails untereinander austauschen können. Und auch beim IRC (Internet Relay Chat) und dem Usenet funktioniert es genau so. Das Fediverse bringt mit ActivityPub zwar ein neues Protokoll, aber die eigentliche Idee, dass sich verschiedene Server miteinander verbinden und wir uns nicht alle an einem zentralen Server anmelden müssen, ist so alt wie das Internet selbst.
Eine Föderation unabhängiger Instanzen
Es gibt keinen Klerus, Entschuldigung, keinen administrativen Oberbau. Jede Instanz, ob groß oder klein, nimmt gleichberechtigt am Netzwerk teil. Die Instanzen verbinden sich automatisch untereinander und reichen die Posts untereinander weiter. Solange alle dasselbe Protokoll verwenden (also ActivityPub), gibt es dabei keine Barrieren.
Es gibt allerdings die Möglichkeit, dass Instanzen einander stummschalten oder sperren. Das passiert dann häufig, wenn eine Instanz Kinderpornografie, extremistische oder rechtsextreme Inhalte verbreitet. Jede Instanz formuliert ihre eigenen Regeln, die beispielsweise Rassismus, Ableismus, Nationalismus, Rechtsextremismus, Misgendering, Deadnaming, das Bewerben von Konversionstherapien usw. ausschließen. Bei Zuwiderhandlungen kommt es häufig zu einer Sperre.
Mastodon
Ich habe schon diverse Dienste im Fediverse getestet, aktuell nutze ich Mastodon, den zwar nicht ältesten, aber derzeit bekanntesten Dienst im Fediverse. Derzeit bin ich mit vier Accounts unterwegs (und betreibe selbst eine Instanz und bin Mitarbeiterin einer weiteren Instanz).
Mastodon ist auf Microblogging spezialisiert: in der Regel Posts mit bis zu 500 Zeichen, bis zu 4 Bildern oder einem Video, auf Wunsch eine Umfrage …
Dienste wie Mastodon, Misskey oder Sharkey sind auf Microblogging spezialisiert, Pixelfed auf Fotos und Videos, PeerTube auf Videos, WriteFreely auf Blogs. Daneben gibt es noch viele Server für andere Zwecke, etwa für Bücherrezensionen.
Das Gute ist: Von Mastodon aus kann ich Accounts auf allen anderen Servern folgen, egal ob Pixelfed, PeerTube, WriteFreely oder was sonst. Ich brauche also nur einen Account im Fediverse, um Accounts auf vielen sehr verschiedenen Servern folgen zu können. Meist kann ich auch mit denen interagieren, etwa auf Posts antworten, Posts favorisieren, kommentieren oder teilen.
Freiheit und Unabhängigkeit
Das Fediverse wird nicht von großen Unternehmen oder Überreichen kontrolliert, was ein sehr großer Vorteil ist. Es gibt auch keine Algorithmen, die bestimmte Inhalte pushen und andere verschwinden lassen. In meiner Timeline erscheinen chronologisch die Posts, die von den Personen, denen ich folge, gepostet oder geboostet (geteilt) wurden. Dabei ist es egal, wie groß die Accounts dieser Personen sind und wie oft deren Posts favorisiert oder geteilt werden. Ein Account mit 100.000 Followern landet deswegen nicht höher als einer mit 10 Followern.
Progressive Nutzer*innen
Das Fediverse wird oft von Menschen genutzt, die eher progressiv sind: Queere Menschen, Linke, Feministinnen. Frauen stellen oft fest, dass die Männer im Fediverse zwar meist nicht so schlimm wie anderswo im Internet (oder im realen Leben), aber doch nicht ganz ohne sind: Mansplaining ist ein häufiges Problem, ebenso gibt es eine Neigung, auf Misogynie und Gewalt gegen Frauen mit einem „Not all men“ zu reagieren, was bei vielen von uns Frauen nicht gut ankommt. Außerdem ist das Fediverse eher von weißen Menschen geprägt.
Viele Menschen im Fediverse sind armutsbetroffen, ebenfalls viele sind neurodivergent. Es gibt sehr viele Menschen im Fediverse, die auf die eine oder andere Weise queer sind (homosexuell, trans, nichtbinär, agender, genderfluid, intergeschlechtlich ...).
Die Christ*innen und noch mehr die Muslime*Muslimas bilden eher eine Minderheit, das Fediverse ist atheistisch geprägt – vor allem im deutschsprachigen Fediverse.
Dafür findet man nirgendwo sonst so viele queere und neurodivergente Menschen wie im Fediverse. Viele Instanzen im Fediverse verstehen sich als Safer Spaces für queere und neurodivergente Menschen.
Es muss nicht Mastodon sein
Es muss dabei nicht immer Mastodon sein. Es gibt viele verschiedene Dienste, je nachdem, was man machen möchte und welche Software einem am ehesten zusagt. Ihr wollt Microblogging machen? Dann sind zum Beispiel Mastodon oder Sharkey das Richtige für Euch. Für Fotos empfiehlt sich etwa Pixelfed, für Videos beispielsweise PeerTube, für Buchrezensionen unter anderem Bookwyrm, für Blogs zum Beispiel WriteFreely und so weiter.
Und Bluesky?
Viele ziehen Bluesky vor, allerdings sehe ich dafür keine guten Gründe. Mastodon ist ein offenes, dezentrales Netzwerk, das niemandem gehört. Es basiert auf einer freien Software (sogar mehreren), einem freien Protokoll (ActivityPub) und bringt keine Abhängigkeiten für die Nutzer*innen mit sich, weil diese frei in der Wahl ihrer Instanz sind. All das kann Bluesky nicht bieten.
Es gibt zwar die Möglichkeit, Brücken zwischen dem Fediverse und Bluesky zu nutzen (das tue ich selbst), aber das Fediverse bietet Vorteile, die bei Bluesky fehlen. Ja, Bluesky hat mehr Nutzer*innen. Aber im Fediverse ergibt sich oft mehr Interaktion zwischen den Nutzer*innen.
Ein weiteres Problem bei Bluesky sehe ich in der oft ungenügenden Moderation von unter anderem transfeindlichen, einschließlich volksverhetzenden Posts. Für trans, nichtbinäre und agender Personen ist Bluesky aufgrund dessen kein Safe Space. Auch Behinderte beklagen regelmäßig, dass ableistische und saneistische Inhalte nicht moderiert werden.