Auch ohne dafür eine "offizielle" Religionsgemeinschaft zu haben, ist die Weltanschauung vieler Europäer ein metareligiöser Pluralismus. Statt eine "metareligiös-pluralistische Kirche" zu gründen, dringt diese Weltanschauung sowohl in die bestehenden Religionsgemeinschaften (besonders in die christlichen Kirchen) vor als auch in den öffentlichen Raum (z.B. Medien, bürgerliche und politische Räume, Selbsthilfegruppen usw.). Statt sich also selbst Räume zu schaffen, werden bestehende Räume übernommen und umgeformt (assimiliert). Das hat auch damit zu tun, daß viele eher liberale Christen ihre Kirchen dafür geöffnet haben. 

Die beiden zentralen Elemente der postchristlichen Religion in Europa sind zum einen die Metareligiosität und zum anderen der Pluralismus. 

Metareligiösität bedeutet, daß die postchristliche Religion in Europa über den bestehenden, nur zum Teil in Europa verwurzelten Religionen angesiedelt ist. "Alle Religionen beschreiben je und je nur eine Facette des Religiösen" - die Metareligiosität bildet das Dach über allen Religionen, ist dabei aber selbst religiös, also eine Über-Religion, die für sich in Anspruch nimmt, durch die Zusammenfassung all der Teilbeschreibungen des Religiösen die wahre Religion zu sein. Im Hintergrund steht das berühmte Bild vom Elefenten, der von Blinden beschrieben wird - einer beschreibt den Rüssel, ein anderer ein Bein, das Ohr usw. Die postchristliche Religion in Europa will alle diese "Glieder" zusammenführen (ist somit gewissermaßen ein Monotheismus) - und ist überzeugt davon, daß das Ganze größer ist als die Summe seiner Teile.

Pluralismus bedeutet, daß die verschiedenen Einzelreligionen zwar nicht alle die gleichen Rechte, aber alle gleichermaßen Recht haben. Die tatsächlichen Rechte, die einer Einzelreligion zugestanden werden, hängen von vielen Faktoren ab - vor allem, ob sie sich dem Pluralismus beugt, daß eben alle Religionen gleichermaßen Recht haben, weil keine für sich alleine in Anspruch nehmen kann, die Wahrheit erkannt zu haben, sondern die Wahrheit nur im Zusammenspiel aller Religionen zum Tragen kommt. Ein weiterer Faktor ist ein etwaiger Opferstatus als Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft.

Quellen

Die postchristliche Religion in Europa hat viele Quellen - die Linke, Aufklärung und Humanismus, Religions- und Bibelkritik, Feminismus und feministische Theologie, Befreiungstheologie, Antifaschismus, außerdem ein paar Reste der New-Age-Bewegung und etwas folkloristischer Animismus samt Esoterik. Sie sieht sich selbst als "Rechtsnachfolgerin" des traditionellen volkskirchlichen Christentums - sie hat die Zerteilung der Kirchen in verschiedene Konfessionen ebenso überwunden wie diverse dunkle Epochen der europäischen Kirchengeschichte. Als legitime Nachfolgerin vor allem der christlichen Kirchen beansprucht sie deren materielle und immaterielle Besitztümer für sich und will die Überreste traditionellen Christentums zwecks Eigenbedarf aus diesen Besitztümern vertreiben. 

Die postchristliche Religion in Europa geht davon aus, daß jede Religion an und für sich gut ist - jede Form des Schlechten, jede Manifestation des Bösen wird als meist rassistisch bzw. faschistisch motivierter Mißbrauch der Religion gesehen. Und diesen Mißbrauch habe es in allen Religionen gegeben, vor allem im Christentum, und darum müßten alle Religionen reformiert werden. Für das traditionelle Christentum gibt es die Peitsche, für die anderen, eher exotischen Religionen wie den Islam gibt es das Zuckerbrot - weitreichendes Entgegenkommen, pazifizierendes Beschwichtigen. Es gilt aber auch: Wer sich ausgesprochen aggressiv verhält, hat mehr Chancen auf das "Zuckerbrot" als eine eher ruhig und friedlich bleibende Konkurrenz um die Segnungen der Reformation. Wer damit drohen kann, die Massen aufzupeitschen, wird besonders beschwichtigend und entgegenkommend behandelt.

Antisemitismus

Eher schwer fällt es vielen Vertretern der postchristlichen Religion in Europa, den Juden den Holocaust zu verzeihen - die Israelis müssen darum immer wieder in weihevollem Ton daran erinnert werden, ihre in den KZs mühevoll gelernten Lektionen nicht zu vergessen, gerade gegenüber den Palästinensern. Mit anderen Worten: In dieser Weltanschauung ist ein postmoderner Antisemitismus virulent; Ausnahmen bestätigen die Regel. 

Theologisch betrachtet nehmen es die Vertreter der postchristlichen Religion es den Juden übel, daß sie der Welt die Unterscheidung von "Gut" und "Böse" gebracht haben, der "Sündenfall" in der wahren Religion, die halt solche extern definierten moralischen Kategorien nicht kennt ("sollte Gott das wirklich gesagt haben?") und ausradieren möchte. 

Gerade diese "unheilige" Unterscheidung von "Gut" und "Böse" mache viele Menschen zu Opfern.

Opfertheologie

Eine Opfertheologie steht im Mittelpunkt der postchristlichen Religion: Diese Religion erfindet das Opfer immer wieder neu - irgend jemand, dem in der Gesellschaft Unrecht widerfahren ist (in nicht wenigen Fällen ist er ein Täter im klassichen bzw. kriminologischen Sinn, dessen Gesetzesübertretungen gesellschaftlich bedingt sind und somit seinen Opferstatus begründen) - und bringt sich in Stellung, indem sie Wiedergutmachung für das Opfer gesellschaftlichen Unrechts verlangt.

Die postchristiche Religion versteht sich als den Parakleten (Anwalt) der Opfer, der Schwachen, der Erniedrigten, der Wehrlosen; für sie setzt sich diese Religion unermüdlich ein. Bevorzugt ist dabei weniger das Opfer als Individuum (das ja ohnehin in mehrfacher Hinsicht Opfer sein kann), sondern das Opfer als Gruppe - solange sie eine Minderheit stellt (die Mehrheit ist stets verdächtig, gegen Minderheiten im Allgemeinen und gegen Opfer im Besonderen repressiv zu agieren).

Ohne Täter gibt es keine Opfer - und so spielt die Suche nach dem Täter, ja eigentlich seine Erfindung eine zentrale Rolle im Kultus der postchristlichen Religion Europas. Hier geht es um den Täter im soziologischen Sinn, allen voran den, der eine "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" aufweist - gegen Schwule und Lesben, gegen Muslime usw. Als Täter gilt vor allem der "Missionar", der andere allein aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Gruppenzugehörigkeit "bekehren" (und damit "auslöschen") will. Der Täter wird nun einer regelrechten Inquisition unterworfen - speziell die Medien feiern "Gottesdienste", in denen die Täter öffentlich "hingerichtet" werden.

Als zwei deutsche Bibelschülerinnen im Jemen ermordet wurden, hat man ihnen nicht nur den Opferstatus vorenthalten, sondern sie zu den eigentlichen Tätern abgestempelt - fast nebensächlich ist dabei ihre Gleichsetzung mit Selbstmordattentätern gewesen.

Missiologie

Neben der Opfertheologie und der Inquisition gegen die "Täter" spielt die Mission eine große Rolle in der postchristlichen Religion Europas. Dabei steht freilich nicht eine einzelne Religion wie das Christentum, der Islam, der Buddhismus oder sonst etwas im Mittelpunkt, sondern die Metareligiosität, der Pluralismus, die Toleranz. Das ist der Messias, der Prophet, der Weltenretter, der Friedefürst, zu dem alle Menschen bekehrt werden müssen. Jeder Pluralist ein Missionar!

Natürlich dürfen die Missionierten nach ihrer Bekehrung Christen, Muslime, Juden, Buddhisten oder was sonst bleiben - aber sie sollen der größeren Idee des Pluralismus huldigen und nachfolgen, daß alle Religionen nur Teile des Ganzen sind, das Ganze aber größer als die Summe seiner Teile. Die Missionspredigt kreist um die Opfertheologie, schildert die Leiden der Opfer, die Grausamkeit der Täter. Die Notwendigkeit der Inquisition wird verteidigt. 

Diesseits und Jenseits

Die postchristliche Religion Europas ist eine sehr diesseitsbezogene Religion. Das Thema "Leben nach dem Tode" wird den einzelnen Religionen überlassen - nur soll keine je bahaupten, sie alleine kenne den Weg in das Leben nach dem Tod! -, aber das Leben vor dem Tode wird dem Verantwortungsbereich der einzelnen Religionen entrissen. "Euch das Jenseits, uns das Diesseits!"

Bildung, die Definition von "Opfern" und "Tätern" (vor allem in Bezug auf alle Konflikte, an denen Juden beteiligt sind), die Integration von Migranten, der Sozialstaat - all das sind Themen, die die postchristliche Religion nicht den einzelnen Religionen überlassen will, sondern selbst verantworten will.

Für die Diesseitsbetonung der postchristlichen Religion spricht auch ihr nahezu vollständig fehlender Humor - wohl kennt sie den Zynismus und das religiös-politische Kabarett, aber gerade die Fähigkeit, erlöst über sich selbst zu lachen, fehlt beinahe komplett. So etwas wie die Tagebücher des "frommen Chaoten" von Adrian Plass wird man in dieser Religiosität vergeblich suchen.

Die Ungläubigen

Die postchristliche Religion in Europa ist natürlich nicht die alleinige Religion Europas - da gibt es immer noch "Andersgläubige", "Ungläubige". 

Mit ihrer Opfertheologie freilich hat sie ein Werkzeug in der Hand, um sich als Religion für die Mehrheit auszugeben. Sie erfindet immer neue Opfer, und leicht kann ein Mensch in mehrfacher Hinsicht Opfer sein. Sie muß natürlich darauf achten, daß die Menschen "Opfer" bleiben - wehe, es gäbe irgendwann keine Opfer mehr. Darum müssen stets Opfer produziert werden, und wer einmal Opfer ist, muß auch in diesem Status verbleiben (was freilich auch im Interesse der Opfer liegt - das Opfer kann neben der Bestrafung des Täters durch die Inquisition mit vielen Vergünstigungen - "Sakramenten" - rechnen, die seine Leiden kompensieren sollen). 

Die "Konkurrenz" wird kurzerhand als "Täter" verteufelt - evangelikale Christen, Teile des Islamismus (der Islamismus selbst ist freilich ein Opfer des westlichen Neokolonialismus, Rassismus usw., aber etwa "homophobe" oder kreationistische Islamisten kann man schon zu den Tätern zählen, wenn auch der sofortige relativierende Hinweis auf angeblich vergleichbare "Verbrechen" etwa evangelikaler Christen nicht fehlen darf), konservative Katholiken usw.

Evangelikale Christen und die postchristliche Religion Europas

Wie sollen nun evangelikale Christen mit der postchristlichen Religion in Europa umgehen? 

Evangelikale (und überhaupt konservative) Christen sind in der so wichtigen Opfertheologie der postchristlichen Religion "Täter", Vertreter des "Bösen". Sie können weder auf Nächstenliebe noch auf Vergebung hoffen - entweder sie bekehren sich weg vom evangelikalen Christentum, oder sie werden gnadenlos von der Inquisition verfolgt und wenn auch nicht wirklich, so doch wenigstens in den Medien "hingerichtet". 

Evangelikale Christen müssen lernen, in der Postmoderne und im postchristlichen Europa Zeugen ihres Glaubens zu sein - sie müssen einen postmodernen Glauben, einen Postevangelikalismus entwickeln. Sie dürfen die Postmoderne (und auch den postmodernen Pluralismus als Herzensanliegen vieler Menschen) nicht als Gefahr betrachten, sondern als Chance, die es zu nutzen gilt. Dazu reicht es nicht aus, "alten Wein" (klassische evangelikale Theologie, Verkündigung, Ethik...) in "neue Schläuche" zu füllen - die Schläuche werden zerreißen, der Wein wird verschüttet werden. Man kann nicht einfach ein paar Gräber weiß übertünchen. 

Es geht hier nicht um "Beliebigkeit", sondern darum, die Anliegen der Menschen im Europa der Postmoderne ernst zu nehmen. Pluralismus ist eines ihrer Anliegen, und es ist ein berechtigtes Anliegen. Wenn die Evangelikalen einfach nur gegen die Muslime, gegen die Schwulen usw. usf. sind, werden sie als Gegner gesehen werden, ja, als Täter. Was die Evangelikalen brauchen, ist ein Bewußtsein für Konvivenz - für nachbarschaftliches Leben: Einander helfen, voneinander lernen, miteinander feiern. 

Der Nord- und Westeuropäer der Postmoderne sehnt sich danach, daß alle Menschen in Frieden miteinander leben, er ist durchaus religiös, begegnet aber jeder klassischen (vor allem christlichen) Religion mit Skepsis bis Ablehnung, sieht die christlichen Kirchen eher als Täter (Hexenverfolgung, Inquisition, Kreuzzüge, Wissenschaftsfeindlichkeit usw.) denn auf Seiten der Schwachen und Armen. Er steht auch der Mehrheitsgesellschaft skeptisch bis feindselig gegenüber und sieht sich als Opfer von "denen", mit anderen "Opfern" von "denen" sucht er öffentliche Solidarität. Die klassische judäo-christliche Schuldkultur weicht zunehmend einer eher linken, stark opferorientierten Schamkultur. Gut und Böse sind keine Frage der Moral mehr, sondern ob jemand Opfer ist oder Täter. "Gute Werke" sind nicht die, die dem eigenen "Seelenheil" dienen, sondern etwa die Anwaltschaft für Opfer, "böse Werke" oder "Sünden" sind nicht so etwas wie Homosexualität, Ehebruch, Diebstahl usw., sondern Täterschaft gegen Schwächere. Die "Hölle" verdienen nicht die klassischen "Sünder" kirchlicher Morallehre, sondern die Mobber, die Ausbeuter, die "Bekehrer", die Intoleranten, und der "Himmel" ist für diejenigen, die sich für die Opfer, für die Schwachen, für die Ausgebeuteten, für die Ausgegrenzten, für die Diskriminierten usw. einsetzen. 

Es geht jetzt nicht darum, daß wir einfach nur gegen die Postmoderne sind - oder daß wir auf Konfrontationskurs gehen. Wir müssen den Menschen in der Postmoderne eine echte Alternative bieten - vom Evangelium her.

Der "typische" evangelikale Pawlowsche Reflex wäre natürlich zum einen Apologetik gegen die Postmoderne, zum anderen Evangelisation unter denen, die sich dem Pluralismus zugewandt haben, Bekehrung zum Evangelikalismus - Entschuldigung, zum wahren Glauben. Bei uns ja nicht mehr ändern als nötig! Und bloß nicht weiter als nötig aus den "frommen Kuschelclubs der Erretteten" herauswagen!

Gegen diesen verhängnisvollen Reflex müssen wir uns zur Wehr setzen.

Mit den Menschen der Postmoderne in Nachbarschaft leben, Konvivenz praktizieren. Das ist das, worauf es jetzt ankommt. 

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