Prolog

Im Jahre 1848, während der Revolution, verfaßte der deutsche Baptist Julius Köbner (1806 - 1884), als Sohn eines jüdischen Rabbis in Odense/Dänemark geboren, sein "Manifest des freien Urchristenthums an das deutsche Volk".

Julius Köbner erlernte den Beruf des Kupferstechers. Durch Begegnungen mit dem reformierten Erweckungsprediger Johannes Geibel (Lübeck) bekehrte sich Köbner zum Christentum. 1826 schloß er sich der evangelisch-lutherischen Kirche in Hamburg an. 1835 lernte er die junge Baptistengemeinde in Hamburg kennen, der er sich dann anschließt; 1836 wird er getauft. Weinige Jahre später wird Köbner zum Pastor ordiniert; er wird als Seelsorger in Hamburg, Wuppertal-Barmen, Kopenhagen und Berlin tätig, wo er 1884 stirbt.

Neben dem hier dokumentierten "Manifest des freien Urchristenthums" wird Köbner als Herausgeber des ersten baptistischen Liederbuches, der "Glaubensstimme für die Gemeinde des Herrn" (1849) bekannt. Daneben hat Köbner zahlreiche Lieder wie auch theologische Schriften des frühen Baptismus verfaßt.

1848 forderte Köbner die allgemeine Religionsfreiheit für Menschen jeden Glaubens - damals eine unerhörte Forderung, so daß sein Büchlein auch recht schnell verboten wurde.

Köbners Manifest ist heute ein wichtiges historisches Dokument sowohl für das Freikirchentum, den Baptismus wie auch den Kampf für die allgemeine Religionsfreiheit in Deutschland. Man wird heute, mehr als 150 Jahren nach Entstehung dieses Dokumentes, nicht mehr allen Passagen widerspruchslos zustimmen können, zumal sich ja auch die Gesellschaft und das Kirchentum hierzulande erheblich gewandelt hat. Man behalte darum stets vor Augen, welchen Datums dieses Dokument ist.

Wer sich heute darüber aufregt, daß Köbner etwa Religionsfreiheit für "Mohammedaner" fordert und nicht politisch korrekt von "Muslimen" spricht, halte sich ebenfalls vor Augen, wann dieses Manifest verfaßt wurde - und daß es historisch betrachtet bemerkenswert ist, wenn Köbner 1848 eben auch für "Mohammedaner" ausdrücklich volle Religionsfreiheit fordert.

Heute, wo etliche Länder Gesetze erlassen, durch die muslimischen Lehrerinnen das Kopftuch verboten werden soll, wo Forderungen nach einem Burkaverbot und einem Verbot des Minarettbaus erhoben werden, ist dieses historische Dokument auch eine Mahnung aus unserer Vergangenheit. Baptisten tun gut daran, sich dieses Dokument vorzunehmen und das eigene baptistische Gewissen daran zu eichen.

Michael Molthagen


 

Das Manifest

Als der allmächtige Gott die Ketten deiner bürgerlichen Unterjochung zerbrach, wurde auch jene Erfindung zu Schanden, durch welche es gelungen war, deine Zunge zu fesseln. Heute freuen sich die Verteidiger deiner Rechte, politische Wahrheit reden zu dürfen. Aber es freuen sich auch diejenigen deiner Bürger, deren Herz wärmer noch als für politische Freiheit für Gott schlägt, dass sie christliche Wahrheit reden dürfen, nicht geknebelt durch eine Zensur, die nur dem monopolisierten Kirchentum das Wort gestattete, damit es dir ewig verborgen bleibe, dass Christentum und Staats-Pfaffentum ebenso verschieden sind wie Christus und Kaiphas. Deine Priester weinen über den Fall der absoluten Herrschergewalt, ihre treffliche Stütze, aber der Bekenner des freien Urchristentums wüncht dir Glück zum Besitz edler bügerlicher Freiheit, wenn du sie dankbar von Gott empfängst und seinem Willen gemäß benutzest.

Der apostolisch gesinnte Christ kennt das Wort: "Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn" und erblickt in dem, was geschehen ist, das majestätische Gericht eines heiligen und gerechten Gottes über die europöische Politik und Diplomatie, das System der Heuchelei, der Wortbrüchigkeit und des Geizes, welches er nicht länger ansehen konnte. Das wirkliche Christentum bleibt der Ungerechtigkeit und Unterdrückung fremd, es fördert daher auch keine selbstsüchtigen Tendenzen, sondern aufopfernde Liebe, Wahrheit, Licht und Recht, Freiheit und Fortschritt; dies beweisen die Länder des Christentums, England und Nordamerika. England verdankt die frühe Gründung und spätere Erweiterung seiner bürgerlichen Freiheit in Sonderheit den antistaaatskirchlichen Christen, welche es so zahlreich bewohnen, während die reiche Geistlichkeit der herrschenden Kirche sich unablässig anstrengte, Aristokratie und Missbräuche aufrecht zu erhalten. Der freie Boden Nordamerikas wurde zuerst von solchen christlichen Parteien bevölkert, die, von der feindseligen englischen Staatskirche verfolgt, die Heimat verließen und den Sinn für echtes Christentum, sowie für bürgerliche und religiöse Freiheit mit in die neue Welt nahmen; wo sie pflantzten und pflegten, was später zur Reife gedieh. Die herrschende Kirche mag, zur Aufrechterhaltung ihrer goldenen Rechte, das dreißigjährige Verfahren des oben genannten Systems kanonisieren; der apostolische Christ scheut sich nicht, auch wenn das Haupt auf dem Spiele steht, wie Johannes der Täufer zu sagen: "Es ist nicht recht, dass du deines Bruders Weib habest!" oder wie Paulus zu reden "von der Gerechtigkeit und von der Keuschheit und von dem zukünftigen Gericht". Andererseits aber wird er durch die Aussprüche Christi und seiner Apostel von jeder ungesetzlichen Handlung zurückgehalten und bleibt jeder Gewalttat fern.

Das wunderbare Erdbeben, welches vom Westen bis zum Osten, vom Süden bis zum Norden dem festen Schlosse der Fürstenmacht den Einsturz drohte, ergriff auch das Gebäude der Priestermacht, mit jenem zu Einem Bau künstlich vereinigt. Seit fünfzehn Jahrhunderten standen beide Mächte zusammen und hielten sich gegenseitig aneinander fest, allen Stürmen trotzend; selbst die Reformation trennte sie nicht, sondern verband sie nur noch inniger miteinander. Da ertönt 1848 allenthalben der Ruf: "Religionsfreiheit!" "Trennung von Kirche und Staate!" und die Macht wie das Ansehn der herrschenden Kirchen ist dem Zerfallen nahe. Das ist das Gericht des Herrn, des großen Gottes! - Aber sollen solche, die dem Christentum mit allem Ernst zugetan sind, nicht darüber klagen? Ja, wenn sie durch Vorurteil, Ehrgeiz oder Einkünfte an jene untergehende Pracht und Herrlichkeit gefesselt sind, dann werden sie es tun. Der Anhänger des Urchristentums hingegen, der in der glaubenskräftigen Demut die Pracht der Kirche Christi findet, stimmt dem Allmächtigen einen Lobgesang an, dass er es vermag, ein so altes Truggebilde in sein Nichts aufzulösen, und wünscht dem deutschen Volke Glück zu dem nahen Untergange aller Kirchen- und Priesterherrschaft.

Jede herrschende Kirche ist eine verfolgende, inquisitorische, mag sie römisch oder protestantisch sein; das haben nicht nur die Zeiten der Ketzerverbrennungen, nicht nur die Zeiten der Reformation, das haben auch unsere Tage dargetan. Protestanten sind nicht nur von der katholischen Kirche in Bayern unterdrückt worden, Lutheraner sind von der unierten Kirche in Preußen noch viel schrecklicher verfolgt und so lange mit Gefängnisstrafe, Raub des Eigentums etc. gehetzt worden, bis sie zu Tausenden den heimatlichen Boden verlassen und sich jenseits des Meeres eine Zufluchtsstätte suchen mussten. Ebenso recht staatskirchlich betrug sich die reformierte Kirche Hollands gegen die dort sehr zahlreichen Altreformierten, welche ihre Unabhängigkeit behaupten wollten. Und wie ist es den Baptisten ergangen? In Dänemark und fast in allen Teilen Deutschlands sind sie verfolgt worden, und an vielen Orten ist man so weit gegangen, als die Zeit es nur zuließ. Aber man wusste sie während der Tortur noch besser zu knebeln als die Altlutheraner, und so mögen viele glauben, die Religionsverfolgungen haben in Deutschland längst aufgehört. Nein, geliebtes Volk! man hat diejenigen deiner Söhne und Töchter, deren Verbrechen es war, mit Verwerfung des Staatspfaffentums allein dem Urchristentum zu huldigen, mit Polizeivögten und Gendarmen in den heiligsten, gottgeweihten Augenblicken ihres Lebens überfallen, sie mit roher Gewalt zerstreut, sie genötigt, wie in den Tagen der Hugenottenverfolgung in Frankreich, in den verborgensten Schlupfwinkeln einsamer Wälder ihren Gottesdienst zu halten, ihnen auf den Landstraßen aufgelauert und sie zum Umkehren auf ihrem Weg gezwungen, wenn sie sich besuchen wollten; man hat sie, weil sie nicht nachlassen wollten, Gott auf ihre Weise anzubeten, vor aller Menschen Augen dahin geschleppt, wo die Diebe und Mörder hausen, und hat ihnen oft größere Härte bewiesen als diesen; man hat sie getrennt von Weib und Kindern, in den Gefängnissen schmachten lassen, um sie zu dem Versprechen zu bewegen, dass sie ihre Gottesverehrung aufgeben wollten, doch ohne Erfolg, auch nicht in einem einzigen Falle; man hat sie mit ewigen Zitationen und gerichtlichen Verhören gepeinigt, endlich, wenn sie nicht treulos werden wollten, sie mit Geldstrafen belegt, und wenn sie diese nicht bezahlen konnten oder durften, um nicht dadurch die Autorität der weltlichen Obrigkeit in Glaubenssachen anzuerkennen, ist ihnen der mehrfache Betrag an Mobilien und Sachen grausam abgepfändet und verschleudert worden; man ist mit bewaffneten und unbewaffneten Dienern der Gewalt in ihre Häuser eingedrungen und hat das Kind von der Mutterbrust weggerissen, um es von der Hand eines Staatspriesters als Glied der Staatskirche bezeichnen zu lassen; man hat sie endlich - Ober- sowohl als Unterbeamte - nicht nur auf die schnödeste und unverschämteste Weise behandelt, sondern von den Letztgenannten sind sie auch durch Scheußlichkeiten und Gemeinheiten in einer solchen Weise gefoltert und insuliert worden, dass keine Feder es zu beschreiben vermag. Die kräftigsten Vorstellungen gegen diesen Greuel der Religionsverfolgung, und die dringensten Bitten um Befreiung Unschuldiger von solchen Bedrückungen fanden hohen oder höchsten Orts ein taubes Ohr und blieben fruchtlos. Vor allen Ländern Deutschlands hat sich das Kurfürstentum Hessen durch fortwährende, mit ausgezeichneter Grausamkeit betriebene Baptistenverfolgung ausgezeichnet. Den dortigen Behörden war der Ruhm vorbehalten, einen treuen fleißigen Biedermann nicht nur wiederholt rein auszuplündern, sondern ihm auch den Sonntagsrock zu nehmen und in diesem Geiste fortzufahren, bis zum Anbruch einer neuen Zeit auch für Hessen.

Die interessantesten Religionsverfolgungsgeschichten, welche in den letzten 15 bis 16 Jahren das Vaterland befleckt haben, würden leicht einen starken Band füllen, wenn wir sie publizieren wollten. Und dies alles war das Werk protestantischer Pastoren, welche den ihnen befreundeten und dienstbaren weltlichen Arm in Bewegung zu setzen wussten. Die Staatsgewalten ließen sich aber um so leichter bestimmen, uns zu verfolgen, da ihre Politik es forderte, das Pfaffentum zu erhalten und gegen die ihm verderbliche Ketzerei zu schützen, nicht minder aber sich selbst vor jeder Freiheitsidee, sei es eine religiöse oder politische, zu bewahren. Doch Gott hat uns Mut und Kraft gegeben, in diesem ungleichen vieljährigem Kampfe unsrer Überzeugung treu zu bleiben und jede Handbreit vom Gebiete des uns vom Allerhöchsten verliehenen Rechtes, mit dem scharfen Schwerte der Wahrheit in der Hand zu behaupten. Nur so lange, wie man uns hinter eisernen Gittern von allen Menschen getrennt hielt, haben wir von dem Heiland und seinem Worte geschwiegen. Und die Verfolgungen haben nur dazu gedient, unsre Gemeinden zu vervielfältigen, indem sie die Aufmerksamkeit auf uns richteten und viele veranlassten, den Geist der Staatspriester und ihrer Freunde, der Polizeibeamten, zu bemerken, dann aber die Wahrheit eher bei den Verfolgten als bei den Verfolgern zu suchen.


 

Aus dem Obigen wird es jedem klar sein, dass wir dem Prinzipe der Religionsfreiheit huldigen. Wir empfangen diese edle Freiheit nicht erst heute aus der Hand irgendeiner Staatsgewalt, wir haben sie seit 15 Jahren als unser unveräußerliches Gut betrachtet und sie, wenn auch auf Kosten unserer irdischen Habe und Freiheit, fortwährend genossen. Aber wir behaupten nicht nur unsere religiöse Freiheit, sondern wir fordern sie für jeden Menschen, der den Boden des Vaterlandes bewohnt, wir fordern sie in völlig gleichem Maße für alle, seien sie Christen, Juden, Mohammedaner oder was sonst. Wir halten es nicht nur für eine höchst unchristliche Sünde, die eiserne Faust der Gewalt an die Gottesverehrung irgendeines Menschen zu legen, wir glauben auch, dass der eigene Vorteil jeder Partei ein ganz gleichmäßiges Recht aller erheische. Bleibt hier eine oder mehrere im Besitze besonderer Vorrechte, so werden sie immer wieder gereizt werden, sich des ihnen gelassenen weltlichen Apparats zu bedienen, um sich selbst zu erheben und andere zu erdrücken. Wer es aber redlich mit sich und seiner Partei meint, der fürchtet sich vor solcher Schande, vor solchem geistlichen Schaden, der wünscht kein Vorrecht, dessen Versuchungen er und die Seinen nicht gewachsen sein möchten. Wie verderblich und unwiderstehlich der Einfluss eines piviligierten Staatschristentums ist, das wird durch die Tatsache ins rechte Licht gestellt, dass es unter den Pastoren, welche mittels der weltlichen Obrigkeit die Baptisten verfolgt haben, auch wackere Männer gibt, die von diesen hochgeachtet und geliebt werden, und dass überhaupt so manche wahre Christen der Staatskirche sich haben hinreißen lassen, der geistlichen und weltlichen Despotie zu huldigen.- Man täusche sich nicht! Wir werden keine wahre Religionsfreiheit haben, wenn irgendeine Religionspartei in Verbindung mit dem Staate bleibt oder der Staat sich um die Religion kümmert. Man nehme ihnen allen jedes Staatseigentum, jede Besoldung aus der Staatskasse, und verwende die ungerechte Unterstützung zu patriotischen Zwecken, jede Gemeinde der Sorge für sich selbst überlassend. Dadurch wird man allen den besten Dienst erweisen, indem es sich immer gezeigt hat, dass reiche Besoldungen, Prachtentfaltung usw. die schädlichste Wirkung auf eine religiöse Korporation ausübten.

Aber wird es nötig sein, wenn unser Manifest die rechte Geltung zuteil werden soll, den Versuch zu machen, dem deutschen Volke einen bestimmten Begriff von dem Verhältnis des freien Urchristentums zu dem römischen und protestantischen Staatskirchentum zu geben und deutlicher zu zeigen, wie wir jenes in der Praxis zu verwirklichen gesucht haben.

"Mein Reich ist nicht von dieser Welt!" war das bedeutungsvolle Wort Jesu Christi. Mit diesem Worte trennte er seine Gemeinde vom Staate und sprach die Unmögichkeit aus, dass sie je mit demselben zusammenschmelzen könne, ohne dadurch wesentlich aufzuhören, ein Reich Christi zu sein. In diesem Wort ist aber auch die Natur seines Reiches bezeichnet; seine Gemeinde ist eine rein geistige, religiöse Verbindung, die sich als solche in keinerlei weltliche Angelegenheiten zu mischen hat. Die Kirche Christi kann darum keinen Fürsten und keinen Gesetzgeber über sich anerkennen als den, der im Himmel thront; sie ist vollkommen unabhängig von aller menschlichen Autorität, und jede Anerkennung einer solchen würde ihr unsichtbares Haupt entehren, würde ein Verrat an seinen Prärogativen, wie an seiner Liebe sein. Der Geist dieser Gemeinde ist daher, den Menschen und Mächtigen der Erde gegenüber, ein männlicher. In ihm sprach Paulus: Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zu Dienst? oder gedenke ich Menschen gefällig zu sein? Wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, wäre ich Christi Knecht nicht." In diesem Geiste sprachen die Apostel zum hohen Rate: "Richtet ihr selbst, ob es vor Gott recht sei, dass wir euch mehr gehorchen als Gott. Man muss Gott mehr gehorchen denn den Menschen." - Bei solchen Christen kann daher keine natürliche Sympathie für die Prinzipien der Aristokratie und des Absolutismus vorhanden sein.

Im Grundgesetz der Gemeinde Christi heißt es: "Die weltlichen Fürsten herrschen und die Mächtigen unter ihnen haben Gewalt; aber also soll es unter euch nicht sein; sondern welcher will groß sein unter euch, der soll euer Diener sein, und wer unter euch will der Vornehmste sein, der soll aller Diener sein."

Demgemäß gibt es in der Gemeinde keine entscheidenden Stimmen. Die allgemeine Abstimmung entscheidet jede Frage. Die einfache Stimmenmehrheit ist die höchste irdische Autorität, die einzige und höchste Instanz aller Urteile, die alleinige Quelle aller Beschlüsse und Ordnungen, die ausschließich gültige Bestimmung in allen erheblichen Angelegenheiten. Die Abstimmung entscheidet über die Aufnahme eines neuen Mitgliedes in den Gemeindeverband und über den Ausschluss eines solchen, das dem Christentum Schande macht durch Verstöße gegen das Moralgesetz. Mit dem Worte: "Einer ist euer Meister, Christus; Ihr aber seid alle Brüder" hat der Herr jedes aristokratische oder hierarchische Element aus seiner Gemeinde entfernt. "Geistliche", im Gegensatz zu den weltlichen Mitgliedern der Kirche, eine von der Kaste der Laien verschiedene Priesterkaste, ist eine der wahren Gemeinde Christi ganz fremde jüdisch-heidnische Erscheinung. Die Gemeinde hat ihre Ältesten (Vorsteher oder Prediger, in der Schrift auch Bischöfe genannt) und Diener (Diakonen, Armenpfleger), aber dies sind Brüder, die von ihren Brüdern gleichen Ranges zu diesen Ämtern aus ihrer Mitte erwählt worden sind, keine mit Talaren, Chorröcken und auf sonstige Weise ausgezeichnete "Pfarrherren" oder "Herren Pastoren." Die Gemeinde Christi duldet keine Individuen, die imponieren, dominieren oder gar die Taschen ausbeuten wollen. Die Verwaltung ihrer Ämter ist Liebesdienst, und nur im äußersten Fall wird derjenige, welcher dazu würdig befunden wird, eine Unterstützung von der Gemeinde annehmen, nur dann, wenn kein anderer sonstiger Broterwerb ihm möglich bleibt.

Die Gemeinde Christi ist auch kein Publikum, welches Geschmack daran findet, denselben Schauspieler 52 mal im Jahre auftreten zu sehen, um in demselben mittelalterlichen Kostüme die Rolle eines ersten Liebhabers der Moral zu spielen; auch gibt sie ihr zu den edelsten Zwecken anwendbare Geld nicht zu läppischen Luxus her, darum besoldet sie keine Künstler, deren höchstes Ziel erreicht ist, wenn sie Applaus einernten oder Theatertränen erzeugen. Wenn sie zusammenkommt, will sie die Mitteilung dessen empfangen, was Liebe zu Gott und den Menschen, tief eindringend in den Reichtum göttlicher Urkunden, in die Schatzkammern unerschaffener Weisheit, gefunden hat. Sie will eines redlichen, vom Geiste Gottes durchdrungenen Mannes tiefste Herzenserfahrungen, seinen selbsterprobten ernstlichen Rat vernehmen. In ihren beratenden Versammlungen aber will sie nicht Stumme Zuhörerin eines priviligiertem Redners sein, sondern Jeden seine Ansicht frei äußeren lassen und dann ihr Votum geben. Überhaupt sind die Mitglieder der Gemeinde Christi keine Nullen, welche nur dadurch Bedeutung gewinnen, dass sie hinter dem Pastor stehen und mit ihm eine Zahl ausmachen; er ist nicht die gemeinschaftliche Seele für alle Glieder, sondern jedes Glied hat selber Herz und Seele, Willen und Erkenntnis; die Gemeinde des Herrn besteht aus "lebendigen Steinen", daher lebt und handelt sie auch ohne priesterliches Faktotum. Nicht wenige Mitglieder wären zu jeder Zeit imstande, sie durch herzliche, belebende und erhebende Worte anzureden, wenn sie auch keineswegs vermögen, eine Predigt oder eine wohlgeordnete Rede zu halten. Der Gemeinde ist es eigentlich gar nicht um einen Ohrenschmaus zu tun; sie schätzt den gesunden, kräftig wirkenden Gedanken, der im groben Kittel einer unbeholfenen Sprache auftritt, höher als die leere Phrase in Samt und Seide.


 

Jeder Kokettenschmuck, jede eitle Prachtentfaltung sagen ihrem Geschmacke gar nicht zu. Sie verachtet Wortprunk und aufgenähte Gelehrsamkeitsflitter; goldene Kanzelquäste und prächtige Altardecken sind in ihren Augen nur veraltende Fetzen, eine Beute des Staubes und der Motten; betäubendes Orgelgeräusch und pompöse Steinhallen befriedigen ihren Geist nicht. Sie will wahres, bleibendes Herzensglück und ist überzeugt, dass die Gemeinde Christi der heilige Boden ist, auf welchem dies blühen soll. Der Verein solcher, die sich kennen, achten und lieben, soll das hohe Glück echter Bruderliebe genießen; er soll aber auch im Kampfe mit den unzähligen verwundenden und zerstörenden Ereignissen des Lebens siegen und das innere Glück festhalten lernen. Und da dies nicht geschehen kann durch Anschluss an vergängliche leblose Dinge, an schwache hülflose Mitgeschöpfe, an Kunst und Wissenschaft - wie die Gesamterfahrung aller Menschen lehrt, - so soll es geschehen durch Anschluss an den großen, ewigen, wunderbaren, heiligen und gütigen Gott.

Wo Leben ist, da ist Entwicklung und Wachstum. Das neuerwachte politische Leben, die erstehende Vaterlandsliebe und die starke Überzeugung, dass Deutschland ein Ganzes sein müsse, haben sich in begeisternder Weise mitgeteilt, und viele sind dadurch für die deutsche Sache gewonnen worden. Wo es nun eine Gemeinde gibt, die ein mit dem Herzen ergriffenes lebendiges Christentum besitzt und davon begeistert wird, da ist Mitteilung und Ausbreitung dieser Begeisterung Notwendigkeit. Diese Gemeinde ist überdem die vom Herrn beauftragte Überbringerin einer frohen Botschaft an die Welt; sie soll die Welt für den Herrn gewinnen. Aber wodurch? Welche Bekehrungsmittel soll sie anwenden? Sich den weltlichen Fürsten unterordnen und befreunden, um durch Zwangsgesetze zu ihren Gunsten zu erlangen? Das wäre ja reiner Unsinn, denn wie kann herzliche Zustimmung durch äußeren Zwang oder Begeisterung durch den Polizeistock hervorgerufen werden? Oder soll die Gemeinde Christi sich des Ansehns und der äußeren Herrlichkeit bedienen, überhaupt eine imponierende Gestalt annehmen, um für ihre Sache zu gewinnen? Diese Ausbreitungs-, Erhaltungs- und Befestigungsmittel handhabte das römische und protestantische Priestertum. Die Gemeinde Christi aber kann weder unreine, ungöttliche Mittel, noch das durch sie erzeugte elende Heuchelwerk gebrauchen. Sie betrachtet es als Menschenraub und zum Prinzip der Leibeigenschaft gehörend, durch Landesgesetze die neugeborenen Kindlein sogleich für eine Beute der herrschenden Kirche erklären zu lassen. Uns, die wir keine Juden, also dem Gesetz der Beschneidung nicht unterworfen sind, erscheint es ebenfalls unzulässig, durch die väterliche Autorität über die Religion der Kinder zu verfügen und auf diese Weise die Gemeinde zu vergrößern, ja es erscheint uns, eben weil es eine Christen-Gemeinde ist, unmöglich. Die Christengemeinde ist nicht mehr unter dem Zuchtmeister des jüdischen Zeremonialgesetzes, welches Gott selbst aufgehoben hat; sie soll aus freien mündigen Mitgliedern bestehen, die aus voller Herzensüberzeugung sich ihr angeschlossen haben. Mithin ist die Kindertaufe und die nachfolgende, fabrikmäßige Konfirmation eine Zwangsaufnahme, welche dem Wesen und dem Inhalt des neuen Testamentes widerspricht, eine menschliche Nachahmung der jüdischen Beschneidung, ein Ausdehnungsmittel des ausgearteten, jüdisch gewordenen, mit Priestern und Altären und Messopfern versehenen Christentums. Verwerflich ist nicht minder jedes Mittel, welches bloß darauf berechnet ist, eine leichtsinnig gegebene Zustimmung zu gewissen Glaubenssätzen zu erzeugen, um diese dann als wahre Überzeugung gelten zu lassen. Die Gemeinde des Herrn ist in keinem Fall berechtigt, auf die Bedingung zu verzichten, die er als notwendig zum Eintritt in dieselbe festgestellt hat: "Ihr müsst von neuem geboren werden!" so lautet sie. "Ein neues Herz und ein neuer Geist", das sind die kraftvollen Bezeichnungen der inneren Umgestaltung von Willen, Gesinnung und Überzeugung, welche im äußeren Leben durch werktätige Liebe zu Gott und Menschen sich kundgibt, und allein zur Aufnahme berechtigt.

Aber welche Mittel soll denn die apostolische Gemeinde in Anwendung bringen, damit durch den Segenseinfluss Gottes das echte christliche Leben im Herzen der Menschen erzeugt werde? Es gibt nur Eins: das überzeugende Wort. Keine andere Waffe reichte Jesus Christus seiner ausziehenden Jüngerschar, zur Bekämpfung aller menschlichen Irrtümer und Vorurteile. "Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur." Das waren seine Worte. Keine Schutzwaffen gegen Angriffe der rohen physischen Gewalt des verfolgenden lichtscheuen Hasses wurden ihnen gegeben, und keine imponierenden Mittel, um auf andere Weise als mit dem einfachen Worte der Wahrheit zu kämpfen; ohne Reichtümer, ohne hochehrwürdige Amtstitel, ohne ehrfurchtgebietende Talare, ohne pompöse Gelehrsamkeit wurden sie ausgesandt, und doch waren sie Welteroberer. "Die Waffen unserer Ritterschaft" - sagt Paulus - "sind nicht fleischlich, sondern mächtig durch Gott, zu zerstören die Befestigungen, damit wir zerstören die Anschläge und alle Höhe, die sich erhebet wider die Erkenntnis Gottes". Daher glauben apostolisch gesinnte Jünger noch, sich aller Pfaffenmentalität enthalten zu müssen. Wir streiten nur mit Wahrheit für Gott, und wagen mit dem guten zweischneidigen Schwerte seines Wortes den Kampf mit allen geistigen und physischen Waffen der zivilisierten und unzivilisierten Welt. Aber wir freuen uns, dass man jetzt in der zivilisierten Welt die physischen Waffen niederlegen will. Das Recht, die geistigen zu führen, nehmen wir für alle ohne Unterschied in Anspruch; ja wir wünschen, dass jeder unserm Christentum so lange offen und ehrlich widerspreche, als er ihm in seinem Herzen widerspricht. Wir lieben es, wenn Gründe gegeneinander klingen und mit Wärme gefochten wird; aber wir schweigen betrübt, wenn wir es mit solchen zu tun haben, denen das "Ja, ja" immer auf der Zunge schwebt. Wir finden nicht den mindesten Geschmack weder an einem orthodoxen Scheinchristentum, noch an einem Rationalismus mit frommer christlicher Miene, sondern sehen es lieber, wenn die Offenheit derer zunimmt, die das Christentum verneinen, wenn überhaupt alles sich äußerlich zeigt, wie es innerlich ist, wenn Namen und Gestalt mit dem Wesen übereinstimmen; denn dadurch wird man fähiger zu vergleichen, zu erkennen und zu urteilen.

Aber was verstehen wir denn unter Wahrheit? und was meinen wir, wenn wir von Urchristentum reden? Diese natürlichen Fragen müssen wir noch beantworten, denn bisher haben wir nur dasjenige in der Gesinnung, in der Gestalt und in dem Leben der Gemeinde Christi gezeichnet, was genugsam beweist, dass sie das Entgegengesetzte des römischen und protestantischen Pfaffenchristentums ist. Das System des apostolischen Christentums, zu welchem wir uns bekennen, ist das System der reinen gesunden Vernunft. Nichts anderes, als was mit diesem übereinstimmt, kann Wahrheit sein. Aber die reine gesunde Vernunft finden wir nur bei Dem, der das Weltall erfand und ausführte. Die Vernunft dieses Schöpfers ist rein, ohne die mindeste Beimischung von Irrtum; sie ist gesund, denn Leidenschaften, Sinnlichkeit und Bosheit können sie nicht beherrschen. Ihm gegenüber erscheint die Menschenwelt in ihrer unbeschreiblichen Zerrissenheit, mit den buntscheckigsten Verhältnissen und Zuständen, als ein wahres Chaos der Unvernunft. Da weiß man kaum, ob man sich am meisten über das unendliche Heer der verschiedenen, sich widersprechenden Ansichten wundern soll, oder über die Begriffsverwirrung, Unklarheit und Beschränktheit, woraus sie hervorgegangen sind. Da erblickt man allenthalben die Vernunft in der Gewalt verschmiltzt herrschender Leidenschaften, namentlich aber des Egoismus; da sieht man den einen verlachen oder entrüstend niederreißen, was der andere begeistert erhoben und angepriesen hat. Allenthalben heißer Meinungskampf, aber jeder im Glauben an seine gesunde Vernunft kämpfend, und nirgends ein Staat oder ein Haus, wo es völlig vernünftig herginge. Diese alle Tage vor unseren Augen stehende, hier nur leise angedeutete Wirklichkeit überzeugt uns nicht von der Gesundheit der menschlichen Vernunft, sondern von ihrer Krankheit, die hauptsächlich darin besteht, dass sie sich von dem Herzen beherrschen lässt, und der Blick in die höchsten Verstandesregionen bietet nur dessen, was unsere Überzeugung bestätigt, noch mehr dar. Die Wissenschaften, vornehmlich die Philosophie, sind ein bald hierher bald dahin wogendes stürmisches Meer. Die scharfsinnigsten Geister hatten oft sehr närrische Einfälle und unternahmen oft ganz unpraktische Dinge nach dem Muster von Schlössern, die sie vorher in der Luft gebaut hatten. Noch immer ist's wahr, was Schiller sagt: "Was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt". Noch immer erkennt der, welcher am meisten weiß, dass er eigentlich noch nichts weiß; noch immer weiß der berühmteste Mann der Wissenschaft dem Bettler keine Antwort geben, der ihn fragt, wie auf seinem Stück Schwarzbrot ein Wald von Schimmel wachsen konnte. Wenn nun in Beziehung auf sichtbare Dinge die menschliche Vernunft keine befriedigende Antwort geben, nicht in die Tiefe eindringen kann, wenn in unzähligen Fällen des Lebens, wo sie eine Antwort gibt, man dennoch nie außer Gefahr ist, betrogen zu werden, indem sie sich vom Herzen bestechen lässt, wie die Erfahrung lehrt; dann möchte es doch wohl vernünftiger sein, ihre Urteile über unsichtbare, göttliche und jenseitige Dinge für Null zu halten, und in der Tat fängt man auch allgemein an, das zu fühlen, indem man sich von diesen Dingen, als von einem blauen Dunst, rein ab- und den irdischen Verhältnissen ganz zuwendet. Es demütigt freilich, so zu reden, Betrachtungen dieser Art kränken den Stolz, darum entzieht man sich ihnen. Aber ist's viel edler und männlicher, eine demütigende Wahrheit ins Auge zu fassen, als mit unechtem Schmuck zu prangen und mit vorgeblichen Reichtümern zu prahlen? Lieber das unangenehmste Geständnis machen, als lügen und heucheln, das ist unser Grundsatz, und wir halten ihn für vernünftig.


 

Wer nun Sinnenmensch genug ist, um an animalischen Genüssen genug zu haben, oder wessen Herz durch den Ruhm irgendeiner Art durch die Selbstanbetung befriedigt wird, oder wer sich ganz ins Reich der Träume hineingelebt hat, der mag sich mit den Vermutungen über Gott und die Seele des Menschen behelfen, dem mögen ungewisse Annahmen in Bezug auf das Höchste genügen. Uns genügen sie nicht, und wir halten dies für vernünftig. Bei allen physischen und geistigen Genüssen würden wir unglücklich bleiben, wenn wir nicht eine über jeden Zweifel erhabene Gewissheit hinsichtlich unseres Verhältnisses zu Gott und der Ewigkeit hätten. Diese Gewissheit erscheint uns als erstes Bedürfnis eines wahren Lebensglücks, aber sie muss eine echte, untrügliche sein, darum darf sie nicht aus der ungesunden Menschenvernunft, sie muss aus der gesunden Gottesvernunft hervorgehen. Wenn wir zu etwas anderem bestimmt sind, als unwissende Tiere zu sein, die über den gegenwärtigen Augenblick nicht hinaus können, so muss es ein Wort Gottes, eine göttliche Offenbarung geben! Eine solche fordert die erleuchtete Vernunft als notwendig. Gibt es aber eine solche?

Wie sollte es keine geben? Es muss ja eine geben! So gewiss es einen Gott gibt, so gewiss muss es eine Offenbarung dieses Gottes geben. Aber wo finden wir sie? Das Buch der Bücher tritt uns entgegen und nennt sich das Wort Gottes. Wir lesen diese ältesten Urkunden mit forschendem Geiste, aber mit stetem heißem Flehen zu Gott um die Mitteilung gewisser Wahrheit, um Errrettung von jeder Täuschung, und es findet sich, dass der Inhalt der Bibel nicht aus menschlichem Herzen und Geiste geflossen sein kann, weil hier alles ganz anders ist, als in jedem anderen Buche. Menschliche Erwartungen und Vermutungen finden sich hier getäuscht, nirgends lässt sich der gewöhnliche Maßstab anlegen; alles würde ganz anders ausgefallen sein, wenn es nach menschlichen Regeln, Begriffen und Gefühlen verfasst worden wäre; alles ist hier wunderbar, den Menschen befremdend. Diese Beschaffenheit der heiligen Schrift, welche so viele bestimmt, sie als unbegreiflich zu verwerfen, bestimmt uns, sie mit dem Werke der großen Schöpfung zu vergleichen, wo auch alles ganz anders geworden wäre, wenn wir den Plan dazu hätten entwerfen sollen, und dann beide Werke, Schöpfung und Schrift, als Erzeugnisse des selben großen Geistes anzuerkennen, der hoch über der Sphäre einer kranken menschlichen Vernunft denkt und handelt. Die göttliche Poesie des Schöpfungswerkes finden wir in der heiligen Schrift wieder, und doch ist diese dabei überaus kindlich einfach und ohne menschliche Künstelei. Wie jenes uns die furchtbarsten Naturerscheinungen neben den lieblichsten zeigt und uns beide als Gedanken Eines Geistes und Herzens erscheinen lässt, so offenbart diese auch den unendlichen Ernst und die wunderbare Güte des selben Gottes.

Die Schrift will keinen Beifall, sie will nur beseligende, wenn auch verletzende Wahrheit verkündigen; sie stellt sich dem ganzen Menschengeschlechte mit dem schärfsten Schwerte entgegen, sie zertritt seine Selbstgefälligkeit und Selbstliebe und deckt sein moralisches Verderben, die schauerlichen Bosheitstiefen des menschlichen Herzens, auf; sie tröstet, heilt und beseligt, aber mit einem Evangelium, welches nicht Verdienste belohnen, sondern verdammungswürdige Sünder begnadigen will; sie gibt bare lautere Wahrheit, wie nie ein Mensch sie gab, denn sie verhehlt uns nichts von dem Befleckenden, Entstellendem, selbst im Leben der heiligsten und besten Menschen, die Lüge eines Abraham, der Ehebruch eines David und die Verleugnung eines Petrus werden uns nicht verschwiegen. - Sich ihrer erhabenen himmlischen Würde bewusst, tritt sie lächelnd den Urteilen der fieberkranken und deshalb so tollkühnen Menschen entgegen, und nennt sich selbst "eine göttliche Torheit". Nichts berücksichtigend, als die rettende, zur Ähnlichkeit Gottes erhebende Kraft der göttlichen Wahrheit, naht sie zu dem in seinem Gewissen Beunruhigten, seine Sünde und Bosheit gegen Gott bereuenden Menschen, und fordert ihn auf, an einen Heiland zu glauben, der Gott und Mensch ist, gekommen, um die Verlornen zu erlösen, damit sie in ihm die Liebe Gottes fassen und umarmen können, von neuem in die innigste Verbindung mit Gott tretend; sie fordert auf, in dem Opfer, welches auf Golgatha blutete, das göttliche Sühnungsmittel der Schuld zu erkennen und durch das Kreuz Christi Rechtfertigung und Gnade zu empfangen; sie hält dem Gewissen vor, dass es in seiner Behauptung "Einmal begangene Missetat könne nicht wieder ungeschehen gemacht, und müsse daher bestraft werden", Recht habe, zeigt aber die wunderbare Vereinigung unabänderlicher Gerechtigkeit mit göttlich großer Barmherzigkeit in dem Leiden und Sterben des Bürgen und Repräsentanten seines Volkes; sie spricht zu dem Zweifelsüchtigen: "Bei den Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott; den alle Dinge sind möglich bei Gott."


 

In allem diesem können wir keine Motive der Menschen, keinen Schriftstelleregoismus, kein Gebäude stolzer Philosophie, kein Gebilde abenteuerlicher Phantasie erkennen, daher auch die heilige Schrift nicht für ein Menschenwort halten, obwohl es von Propheten und Aposteln geschrieben wurde. Wenn wir die soeben genannten, moralischen erhabenen, göttlich begeisterten und dabei so ruhig besonnenen und kindlich offenherzigen Männern einstimmig behaupten hören und mit Taten eines allvermögenden Gottes beweisen sehen, dass sie seine Beauftragten sind; wenn endlich der im Alten Testamente angekündigte göttliche Heiland im Neuen erscheint und die Worte sämtlicher Gottesboten zu den seinen macht und auf sich bezieht: so könnte uns unheilige Liebe zum Sündhaften wohl reizen, dem allen zu widersprechen, alles für Betrug und Jesus Christus selbst für einen Virtuosen des der Zeit angemessenen Betruges und der natürlichen Magie zu erklären, aber gesunde Vernunft würde uns nimmer zu einem so unvernünftigen Urteil, zu einer so flachen, schalen Behauptung berechtigen. Wenn auch unendlich viele es sich zum höchsten Grundsatz gemacht haben: "Was ich nicht sogleich begreife, was mit meinem Urteil nicht übereinstimmt, was mir missfällt, das brauche ich gar nicht gründlich zu kennen und zu prüfen, denn das muss notwendig verwerflich, unwahr, unvernünftig sein", so können wir doch vernünftigerweise nicht umhin, in diesem Verfahren der vermeintlichen Unfehlbarkeit den Egoismus, und somit die Quelle alles Absolutismus und aller Unterdrückung zu erblicken. Das Geschöpf, welches das Wesen des ewigen Schöpfers begreifen, ihn verstehen und beurteilen will mit eigner natürlicher Denkkraft, wagt unendlich viel mehr, als die Fliege wagen würde, welche den Menschen begreifen und verstehen wollte. Wer Gott beurteilt ohne eine Offenbarung Gottes und ohne übernatürliche von ihm verliehene Begriffsorgane, der behauptet, dass er Gott gleich sei, weil vermöge natürlicher Kraft niemand Gott begreifen kann, als Gott. Gelänge es aber der Theologie, unwidersprechlich darzutun, dass die Bibel nicht Gottes Wort ist, so würde es ihr nur gelungen sein darzutun, dass der Mensch über das Wesen und die Gesinnung Gottes, über sein Verhältnis zu ihm und über die Fortdauer seines eigenen Wesens durchaus nichts wisse, nichts wissen könne, mithin sich wie ein Tier mit dem gegenwärtigen Augenblick und dem ungewissen Besitz unbefriedigender Güter begnügen müsse. Dies wäre aber für den vernünftigen, denkenden Menschen eine Lehre der Verzweiflung. Aus tiefster Überzeugung unseres Verstandes und Herzens behaupten wir dieser Lehre gegenüber, der Mensch sei nicht auf Erden, um getrennt vom Himmel und von aller Gewissheit verzweifeln zu müssen, sondern ein gewisses, unfehlbares Gotteswort zu hören, und sich dann durch den von Gott gewirkten Glauben, mit Herz und Leben in einen gewissen Himmel zu erheben, während eben dadurch sich eine irdische Tätigkeit entfaltet, die das Göttliche der Erde recht auszubeuten versteht, die fern von allen Verblendungen der Leidenschaften alles vernünftig anfängt und deshalb so oft gedeihlich vollendet. Die Bibel ist Gottes Wort! So jauchzt das Herz derer, die wahrhaft glücklich sind auf Erden, die, an den Tod denkend, wissen, an wen sie glauben. Und wenn sie nun vollends die wunderbar beseligende Macht derselben betrachten, wenn sie Tausende der versunkensten, unglücklichsten Menschen aller Verhältnisse, Länder und Farben durch diese Wahrheit und den begleitenden Geist Gottes in sittlich reine, herzlich glückliche Anbeter Jehovas umgewandelt sehen; wenn tief gesunkene, zu reißenden, sich zerfleischenden Tieren gewordene, teuflischen Sitten ergebene Kannibalenvölker durch diese Wahrheit wie mit einem Schlage frei, vernünftig, friedsam, keusch, menschenfreundlich, gefühlvoll werden, wenn sie unter dem Einflusse dieser Wahrheit in kurzer Zeit wunderbare Fortschritte in der Kultur machen, und sich bei Annäherung weißer Barbaren von der ruhmreichsten Nation Europas (die ihnen Unsittlichkeit, politische und religiöse Unterdrückung unter dem heuchlerischen Namen "Protektorat" bringen wollen) sich bewaffen und dem Jesuitenheer den tapfersten Widerstand leisten; wenn endlich Menschen, die sich völlig fremd sind, zwischen denen Verschiedenheit der Nationalität und Sitten, überhaupt alles eine unüberschreitbare Kluft zu befestigen scheint, durch jene Wahrheit sich als Brüder in die Arme sinken und eines Herzens sind in dem Gott ihres Heils: dann triumphieren sie, die Freunde des Gotteswortes, hoch über alle entgegengesetzte Weisheit, und blicken mitleidig hinab auf die Pfeile des stumpfen Schwachsinns, die Mauerbrecher philosophischer Gewalt und die Sturmböcke des spöttischen Witzes.

Aber in unseren Tagen scheint man die göttlichen Früchte der geoffenbarten Wahrheit nicht mehr sehen zu können. Woher das? Wie geht es zu, dass man jetzt allenthalben wähnt, der Glaube an das Wort Gottes führe zum Rückschritt in die Finsternis, zur Knechtschaft, zur Hartherzigkeit und Unsittlichkeit? Nun das ist ganz natürlich. Die Scheinkirche mit ihrem Pfaffentum gibt vor, die Bibel sei ihr Glaubensgrund, gibt vor, ganz oder halb an sie zu glauben, wenigstens, wie die Rationalisten der alten Schule, mit ihr in Verbindung zu stehen. Daher betrachtet man die schlechten Früchte der Heuchelei als Früchte des biblischen Christentums, und da das große Kirchenungetüm die kleine Zahl der wahren Christen ganz bedeckt und zur unsichtbaren Kirche macht, so kann man die Früchte des christlichen Herzensglaubens nicht beurteilen. - Wir heben aber unsere Hand auf zu dem Allmächtigen, Allwissenden und protestieren vor dem Volke Deutschlands gegen die Annahme, dass Pfaffenwesen, Geiz, Jesuitismus, Absolutismus, Reaktion, Verdummung, Trübsinn usw. Erzeugnisse des Glaubens an die Bibel seien. Die Früchte des Bibelglaubens sind Freude, Lebensglück, reine Sitten, Selbstaufopferung, Menschenliebe, Vaterlandsliebe, Freiheitsliebe, Wahrheitsliebe, Liebe zur Wissenschaft, zur Industrie und Zivilisation. Wo diese sich nicht finden, da ist jener Glaube nur eine Maske schändlicher Bosheit.


 

Also Redlichkeit! Das ist's, was wir wünschen und wollen. Man sei redlich in seinen Urteilen über Bibel und Christentum, und man sei redlich in dem Bekenntnis seiner Herzensüberzeugung. Hat jemand antibiblische Grundsätze und Ansichten, so spreche er es frei aus, bekenne sich zum Humanismus und sage sich redlich von der Bibel und dem Christentum los. Eine undeutsche Heuchelei ist es, wenn solche den eigentlichen Inhalt der Bibel aus der selben hinauszuschrauben und ihre Begriffe hineinzuschrauben suchen, und lächerlich ist es, die Bibel als Religionsurkunde beizubehalten, während man ihren Inhalt für eine Fabel und ihre Lehren für veraltete Begriffe oder gar für schlecht und unsittlich erklärt. Das Zeitalter der Scheinfrömmigkeit und Heuchelei höre endlich einmal auf! Es sei ebenso bürgerlich ehrenvoll, Antichrist, Humanist, oder wie man sich sonst nennen will, zu sein, als Christ, damit niemand verleitet werde, einen falschen Namen zu tragen. Gelobt sei Gott, dass die bürgerliche Emanzipation und völlige Gleichstellung aller Religionen herbei gekommen ist!

Wer aber Christ sein will, weil er von ganzem Herzen und aus wahrer Überzeugung an seine Bibel glaubt, der sei auch darin redlich, dass er nichts gelten lasse, als das Wort seines Gottes, und das Heiligtum nicht verunstalte und entweihe durch Anhänglichkeit an ein Kirchenwesen, von welchem im Neuen Testamente nichts zu finden ist, oder durch Befleckung mit den Werken unterdrückender Gewalten, damit er die Welt nicht irre mache und den Mühlstein verdiene. Er lasse ab von allen menschlichen Satzungen, Formen und Vorwänden und kehre zurück zum ursprünglichen Christentum ohne Ehre und einflussreiches Ansehen, ohne Kirchengüter und Priesterschaft; ohne ungeheure Kirchspiele und eine Gliederzahl wie Staub auf Erden, - aber mit Geist und Wahrheit, wiedergeborenen Gliedern und lebendigen Gemeinden, Herrlichkeit und Schmach Jesu Christi. - Wir haben uns seit vielen Jahren von der falschen Herrlichkeit des Staatskirchentums losgesagt, und wir sagen uns heute feierlich los von aller Geistesgemeinschaft mit solchen, die das biblische Christentum als Deckmantel böser und herrschsüchtiger Interessen benutzen, mögen sie immer sich selbst oder mögen andre sie zu den Bibelgläubigen rechnen, mögen es Hohe oder Niedere, Fürsten oder Bettler sein.

So entscheide denn nun teures deutsches Volk, zwischen Heuchelei und Wahrheit, zwischen wahrem Christentum und kirchlichem Pfaffentum, zwischen vernünftiger biblischer Herzensüberzeugung und unvernünftigen menschlichen Luftschlössern. Der Geist Jesu Christi aber leite deine Prüfung, damit sie gelinge, und du werdest wie Er, der keinen Egoismus kannte. "So ihr bleiben werdet an meiner Rede" - sprach er - "so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. So nun der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei."


 

Hinweise/Links

Weitere Hinweise zu Julius Köbner finden Sie z.B. auf den Seiten der deutschen Wikipedia unter  de.wikipedia.org/wiki/Julius_Köbner.

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