Das Manifest

Als der allmächtige Gott die Ketten deiner bürgerlichen Unterjochung zerbrach, wurde auch jene Erfindung zu Schanden, durch welche es gelungen war, deine Zunge zu fesseln. Heute freuen sich die Verteidiger deiner Rechte, politische Wahrheit reden zu dürfen. Aber es freuen sich auch diejenigen deiner Bürger, deren Herz wärmer noch als für politische Freiheit für Gott schlägt, dass sie christliche Wahrheit reden dürfen, nicht geknebelt durch eine Zensur, die nur dem monopolisierten Kirchentum das Wort gestattete, damit es dir ewig verborgen bleibe, dass Christentum und Staats-Pfaffentum ebenso verschieden sind wie Christus und Kaiphas. Deine Priester weinen über den Fall der absoluten Herrschergewalt, ihre treffliche Stütze, aber der Bekenner des freien Urchristentums wüncht dir Glück zum Besitz edler bügerlicher Freiheit, wenn du sie dankbar von Gott empfängst und seinem Willen gemäß benutzest.

Der apostolisch gesinnte Christ kennt das Wort: "Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn" und erblickt in dem, was geschehen ist, das majestätische Gericht eines heiligen und gerechten Gottes über die europöische Politik und Diplomatie, das System der Heuchelei, der Wortbrüchigkeit und des Geizes, welches er nicht länger ansehen konnte. Das wirkliche Christentum bleibt der Ungerechtigkeit und Unterdrückung fremd, es fördert daher auch keine selbstsüchtigen Tendenzen, sondern aufopfernde Liebe, Wahrheit, Licht und Recht, Freiheit und Fortschritt; dies beweisen die Länder des Christentums, England und Nordamerika. England verdankt die frühe Gründung und spätere Erweiterung seiner bürgerlichen Freiheit in Sonderheit den antistaaatskirchlichen Christen, welche es so zahlreich bewohnen, während die reiche Geistlichkeit der herrschenden Kirche sich unablässig anstrengte, Aristokratie und Missbräuche aufrecht zu erhalten. Der freie Boden Nordamerikas wurde zuerst von solchen christlichen Parteien bevölkert, die, von der feindseligen englischen Staatskirche verfolgt, die Heimat verließen und den Sinn für echtes Christentum, sowie für bürgerliche und religiöse Freiheit mit in die neue Welt nahmen; wo sie pflantzten und pflegten, was später zur Reife gedieh. Die herrschende Kirche mag, zur Aufrechterhaltung ihrer goldenen Rechte, das dreißigjährige Verfahren des oben genannten Systems kanonisieren; der apostolische Christ scheut sich nicht, auch wenn das Haupt auf dem Spiele steht, wie Johannes der Täufer zu sagen: "Es ist nicht recht, dass du deines Bruders Weib habest!" oder wie Paulus zu reden "von der Gerechtigkeit und von der Keuschheit und von dem zukünftigen Gericht". Andererseits aber wird er durch die Aussprüche Christi und seiner Apostel von jeder ungesetzlichen Handlung zurückgehalten und bleibt jeder Gewalttat fern.

Das wunderbare Erdbeben, welches vom Westen bis zum Osten, vom Süden bis zum Norden dem festen Schlosse der Fürstenmacht den Einsturz drohte, ergriff auch das Gebäude der Priestermacht, mit jenem zu Einem Bau künstlich vereinigt. Seit fünfzehn Jahrhunderten standen beide Mächte zusammen und hielten sich gegenseitig aneinander fest, allen Stürmen trotzend; selbst die Reformation trennte sie nicht, sondern verband sie nur noch inniger miteinander. Da ertönt 1848 allenthalben der Ruf: "Religionsfreiheit!" "Trennung von Kirche und Staate!" und die Macht wie das Ansehn der herrschenden Kirchen ist dem Zerfallen nahe. Das ist das Gericht des Herrn, des großen Gottes! - Aber sollen solche, die dem Christentum mit allem Ernst zugetan sind, nicht darüber klagen? Ja, wenn sie durch Vorurteil, Ehrgeiz oder Einkünfte an jene untergehende Pracht und Herrlichkeit gefesselt sind, dann werden sie es tun. Der Anhänger des Urchristentums hingegen, der in der glaubenskräftigen Demut die Pracht der Kirche Christi findet, stimmt dem Allmächtigen einen Lobgesang an, dass er es vermag, ein so altes Truggebilde in sein Nichts aufzulösen, und wünscht dem deutschen Volke Glück zu dem nahen Untergange aller Kirchen- und Priesterherrschaft.

Jede herrschende Kirche ist eine verfolgende, inquisitorische, mag sie römisch oder protestantisch sein; das haben nicht nur die Zeiten der Ketzerverbrennungen, nicht nur die Zeiten der Reformation, das haben auch unsere Tage dargetan. Protestanten sind nicht nur von der katholischen Kirche in Bayern unterdrückt worden, Lutheraner sind von der unierten Kirche in Preußen noch viel schrecklicher verfolgt und so lange mit Gefängnisstrafe, Raub des Eigentums etc. gehetzt worden, bis sie zu Tausenden den heimatlichen Boden verlassen und sich jenseits des Meeres eine Zufluchtsstätte suchen mussten. Ebenso recht staatskirchlich betrug sich die reformierte Kirche Hollands gegen die dort sehr zahlreichen Altreformierten, welche ihre Unabhängigkeit behaupten wollten. Und wie ist es den Baptisten ergangen? In Dänemark und fast in allen Teilen Deutschlands sind sie verfolgt worden, und an vielen Orten ist man so weit gegangen, als die Zeit es nur zuließ. Aber man wusste sie während der Tortur noch besser zu knebeln als die Altlutheraner, und so mögen viele glauben, die Religionsverfolgungen haben in Deutschland längst aufgehört. Nein, geliebtes Volk! man hat diejenigen deiner Söhne und Töchter, deren Verbrechen es war, mit Verwerfung des Staatspfaffentums allein dem Urchristentum zu huldigen, mit Polizeivögten und Gendarmen in den heiligsten, gottgeweihten Augenblicken ihres Lebens überfallen, sie mit roher Gewalt zerstreut, sie genötigt, wie in den Tagen der Hugenottenverfolgung in Frankreich, in den verborgensten Schlupfwinkeln einsamer Wälder ihren Gottesdienst zu halten, ihnen auf den Landstraßen aufgelauert und sie zum Umkehren auf ihrem Weg gezwungen, wenn sie sich besuchen wollten; man hat sie, weil sie nicht nachlassen wollten, Gott auf ihre Weise anzubeten, vor aller Menschen Augen dahin geschleppt, wo die Diebe und Mörder hausen, und hat ihnen oft größere Härte bewiesen als diesen; man hat sie getrennt von Weib und Kindern, in den Gefängnissen schmachten lassen, um sie zu dem Versprechen zu bewegen, dass sie ihre Gottesverehrung aufgeben wollten, doch ohne Erfolg, auch nicht in einem einzigen Falle; man hat sie mit ewigen Zitationen und gerichtlichen Verhören gepeinigt, endlich, wenn sie nicht treulos werden wollten, sie mit Geldstrafen belegt, und wenn sie diese nicht bezahlen konnten oder durften, um nicht dadurch die Autorität der weltlichen Obrigkeit in Glaubenssachen anzuerkennen, ist ihnen der mehrfache Betrag an Mobilien und Sachen grausam abgepfändet und verschleudert worden; man ist mit bewaffneten und unbewaffneten Dienern der Gewalt in ihre Häuser eingedrungen und hat das Kind von der Mutterbrust weggerissen, um es von der Hand eines Staatspriesters als Glied der Staatskirche bezeichnen zu lassen; man hat sie endlich - Ober- sowohl als Unterbeamte - nicht nur auf die schnödeste und unverschämteste Weise behandelt, sondern von den Letztgenannten sind sie auch durch Scheußlichkeiten und Gemeinheiten in einer solchen Weise gefoltert und insuliert worden, dass keine Feder es zu beschreiben vermag. Die kräftigsten Vorstellungen gegen diesen Greuel der Religionsverfolgung, und die dringensten Bitten um Befreiung Unschuldiger von solchen Bedrückungen fanden hohen oder höchsten Orts ein taubes Ohr und blieben fruchtlos. Vor allen Ländern Deutschlands hat sich das Kurfürstentum Hessen durch fortwährende, mit ausgezeichneter Grausamkeit betriebene Baptistenverfolgung ausgezeichnet. Den dortigen Behörden war der Ruhm vorbehalten, einen treuen fleißigen Biedermann nicht nur wiederholt rein auszuplündern, sondern ihm auch den Sonntagsrock zu nehmen und in diesem Geiste fortzufahren, bis zum Anbruch einer neuen Zeit auch für Hessen.

Die interessantesten Religionsverfolgungsgeschichten, welche in den letzten 15 bis 16 Jahren das Vaterland befleckt haben, würden leicht einen starken Band füllen, wenn wir sie publizieren wollten. Und dies alles war das Werk protestantischer Pastoren, welche den ihnen befreundeten und dienstbaren weltlichen Arm in Bewegung zu setzen wussten. Die Staatsgewalten ließen sich aber um so leichter bestimmen, uns zu verfolgen, da ihre Politik es forderte, das Pfaffentum zu erhalten und gegen die ihm verderbliche Ketzerei zu schützen, nicht minder aber sich selbst vor jeder Freiheitsidee, sei es eine religiöse oder politische, zu bewahren. Doch Gott hat uns Mut und Kraft gegeben, in diesem ungleichen vieljährigem Kampfe unsrer Überzeugung treu zu bleiben und jede Handbreit vom Gebiete des uns vom Allerhöchsten verliehenen Rechtes, mit dem scharfen Schwerte der Wahrheit in der Hand zu behaupten. Nur so lange, wie man uns hinter eisernen Gittern von allen Menschen getrennt hielt, haben wir von dem Heiland und seinem Worte geschwiegen. Und die Verfolgungen haben nur dazu gedient, unsre Gemeinden zu vervielfältigen, indem sie die Aufmerksamkeit auf uns richteten und viele veranlassten, den Geist der Staatspriester und ihrer Freunde, der Polizeibeamten, zu bemerken, dann aber die Wahrheit eher bei den Verfolgten als bei den Verfolgern zu suchen.

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