Erstens gilt es festzuhalten, daß Religionsfreiheit keine Belohnung für staatsbürgerlich korrektes oder sozial wertvolles Verhalten darstellt. Um in den Genuß der Religionsfreiheit zu kommen, muß niemand eine Vorleistung erbringen. Die Religionsfreiheit ist einzig und allein an die unverletzliche Würde des Menschen gekoppelt, nicht an sein Verhalten dem Gesetz oder dem Gemeinwesen gegenüber.

Zweitens gilt festzuhalten, daß es nicht angehen kann, daß wir das bei uns zu gewährende Maß an Religionsfreiheit vom Verhalten der Menschen anderswo abhängig machen. Religionsfreiheit ist eben auch keine Medaille für sich vorbildlich verhaltende Staaten, die mit dieser Religion irgendwie, irgendwo, irgendwann in Verbindung stehen.Wir können hier lebende Muslime nicht als Geiseln nehmen, um islamische Länder zum Wohlverhalten zu zwingen.

Immerhin, daran sei erinnert, sind viele Muslime eben keine Türken, keine Araber, keine Pakistani, keine Afghanen, sondern zum Islam konvertierte Deutsche.So ist wenigstens jede dritte komplett verschleierte Frau eben keine arabische oder türkische oder afghanische Frau, nicht einmal eine gebürtige Muslima, sondern eine zum Islam konvertierte Deutsche.

Und viele Muslime, die hier leben, sind aus ihren Heimatländern geflohen, weil ihnen dort die Menschenrechte vorenthalten werden. Sollen sie bei uns ein zweites Mal ihrer Freiheiten beraubt werden?

Natürlich gibt es Muslime, die in unserer Toleranz, in unserem Entgegenkommen eine Schwäche sehen, eine Kapitulation des Westens bzw. des Christentums vor der Überlegenheit des Islam, ein Angebot zur Übernahme.

Dennoch glaube ich, daß wir zur "Schwäche" des Westens stehen müssen, dazu, daß wir uns ausnutzbar machen, daß unsere Freiheiten mißbraucht werden können. Wenn wir "Stärke" demonstrieren, verraten wir alles, was wir aus den Wurzeln des Judentums, des Christentums und der Aufklärung aufgebaut haben. Außerdem geben wir dann jenen Staaten, die ihren Bürgern Gleichberechtigung, Toleranz und Freiheit vorenthalten, eine Legitimierung. Unsere Kleiderregeln wie Kopftuch- und Burkaverbote stützen vor allem die Kleiderregeln in streng islamischen Ländern. Wie können wir gegen den Schleierzwang in Saudi-Arabien protestieren, wenn wir hier Zwang gegen den Schleier ausüben?

Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang auch noch, daß wir die Religionsfreiheit als Freiheit des Gewissens behandeln und nicht vom Votum der Religionsgemeinschaften, der Theologen oder selbst der "Heiligen Schriften" abhängig machen. Wie ein Mensch seine Religion ausüben will, liegt nie und nimmer unter der Deutungshoheit Dritter, sondern allein unter der Deutungshoheit des Gewissens. Ob etwa eine islamische Religionsgemeinschaft gegen die Burka ist, der Koran die Burka nicht erwähnt, islamische Theologen und Islamwissenschaftler des Westens und des Ostens die Burka als "nicht islamisch" bewerten - und das gleiche gilt für Minarette, den Gebetsruf des Muezzin mit oder ohne Lautsprecher usw. usf. - spielt erst einmal keine Rolle. Wenn aber eine Muslima die Burka (genauer den Niqab oder den Tscharschaf) tragen will, dann müssen wir das ihrem Gewissen überlassen.

Und ja, es gibt einen Zwang, mit dem etwa manche Frauen unter den Schleier gezwungen werden. Diesem Zwang muß mit den Mitteln des Rechtsstaates begegnet werden - nicht durch einen anderen Zwang, dem alle Frauen unterworfen werden.

Kommen wir noch zur Frage, ob die Religionsfreiheit denn auch für den Islam gilt, wo der doch nicht allein Religion sei, sondern auch eine politische Ideologie. Nun, das gilt letzten Endes für alle Religionen. Religion hat immer eine politische Ebene - und wenn es der Kampf dieses baptistischen Blog-Autoren für die Religionsfreiheit ist oder für die Trennung von Staat und Religion. Das politische Element einer Religion ist ein legitimes Element und disqualifiziert die Ausübung der Religion nicht für den Schutz durch unsere Verfassung. Die Religionsfreiheit geht eben Hand in Hand mit der Meinungsfreiheit, ja, die Grenzen sind fließend.

Also ja: Auch der "politische Islam" steht unter dem von unserer Verfassung garantierten Schutz der freien und ungestörten Ausübung der Religion. Niemand darf von der Religion verlangen, sich aus der Politik herauszuhalten - oder will das jemand Dietrich Bonhoeffer, Dr. Martin Luther King und anderen politisch aktiven Christen erklären, die für ihre religiösen und politischen Überzeugungen zu Märtyrern geworden sind?

Darum nehme ich für mich auch in Anspruch, daß ich zwar auf dem Boden des Grundgesetzes stehe und unser Rechtssystem respektiere - aber doch steht der Gehorsam Gott gegenüber für mich noch darüber. Ich danke Gott, daß ich in einem Staat und in einer Gesellschaft leben darf, in der ich als Christ nicht gegen die Verfassung und das Recht agieren muß - für einen Christen unter den Nazis mußte das anders sein, für Christen in einem Land, in dem Bürger wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung wegen verfolgt werden, muß das anders sein.

Ja, im Zweifel steht für mich das Wort Gottes über der Verfassung und dem Gesetz dieses Landes. Wer das für falsch hält, hat aus der Geschichte nichts gelernt - und ist nicht bereit für die Gegenwat.

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