Nun, der Islam macht es Befürwortern der Religionsfreiheit für Muslime wirklich nicht immer leicht. Das gilt sowohl für jene muslimische Minderheit, die heute im Namen der Religion Gewalt bei weitem nicht nur gegen Anders- oder Ungläubige betreibt, für die etwas größere Gruppe derer, die diese Gewalt gutheißen als auch für jene große Gruppe derer, die zur Gewalt im Namen ihrer Religion kaum einmal die Zähne auseinander bekommen, von weitergehenden Maßnahmen ganz zu schweigen. Das gilt ebenso für Muhammad, der selbst bei Berücksichtigung aller historischen Rahmenhandlungen aus humanistischer, aufgeklärter Sicht nicht gerade eine Lichtgestalt abgibt - jedenfalls nicht ab dem Zeitpunkt der Hijra, der Auswanderung aus Mekka und der Gründung des islamischen Stadtstaates in Yathrib bzw. dem späteren Medina. Gewiß, der "mekkanische Muhammad" verlangt denen, die sich mit seinem Leben beschäftigen, immer wieder Bewunderung ab. Über den "medinensischen Muhammad" kann man das kaum behaupten. Und zuletzt ist auch die weitverbreitete Verknüpfung von Religion und Ideologie im Islam nicht unbedingt förderlich für die Anliegen derer, die den Muslimen zu mehr Religionsfreiheit verhelfen wollen.

Natürlich liegen die Probleme derer, die sich für mehr Religionsfreiheit für Muslime einsetzen, nicht allein beim "real existierenden Islam", seinem Begründer oder aber der Verbindung von Religion auf der einen und Politik, Wirtschaft, Lebensgestaltung,Ethik, Kultur usw. usf. auf der anderen Seite. Viele Probleme bereiten externe Kräfte, aber um die soll es hier nicht gehen.

Nun, das Problem "der Islam vermischt Religion und Ideologie" ist ein "Problem", das für alle Religionen gilt. Das postmoderne Motto "Religion ist Privatsache" ist erstens selbst eine Vermischung von Religion und Ideologie (zudem eine "religioide", eine mit religiösem Eifer vertretene, stark "missionarische" Ideologie), zweitens gibt es kaum eine ernstzunehmende Religion, die sich auf das stille Kämmerlein beschränkt. Das Christentum ist auf jeden Fall eine mit Macht nach außen drängende, in der Öffentlichkeit wirken müssende Religion, die im stillen Kämmerlein eingeht. Im Christentum geht es um Beziehungen zu anderen Menschen, um gute Nachbarschaft (Stichwort "Konvivenz"). Natürlich ist es die Frage, mit welcher Ideologie sich eine Religion vermischt, aber dieseFrage stellen Islamophobiker in der Regel gar nicht - ihnen ist es überhaupt ein Dorn im Auge und ein Argument dafür, Muslimen nicht die volle Religionsfreiheit zu gewähren, daß es diese Vermischung von Religion und Alltagsleben der Menschen gibt. 

Das Problem mit dem heutigen Islam und der Gewalt ist ein größeres Problem. Zwar stimmt es nicht, daß heutzutage jeder Terrorist ein Muslim sei - auch wenn das oftmals behauptet wird -, aber der Islam hat ein gewaltiges Problem mit Extremismus, Fundamentalismus, Gewalt, Terrorismus. Es gibt einen islamischen Umgang mit Themen wie Israel, Nahostkonflikt, USA usw. usf., der in höchstem Maße problematisch ist. Ich weigere mich, in diesem Fall Parallelen zu früheren Zeiten christlicher Gewalttätigkeit zu ziehen, um damit den Islam zu verteidigen. Es war damals für die Christen falsch und kann durch nichts entschuldigt werden, und es it heute für den Islam falsch - und ich halte die Muslime für so weit entwickelt, daß sie das wissen. Es sind keine "edlen Wilden", auch wenn wir sie gerne so sehen. Da gibt es nichts zu entschuldigen.

Aber es hat mit "dem Islam" nichts zu tun, ganz egal, wie weit Ausübung der Gewalt, Unterstützung der Gewalt oder auch fehlende Maßnahmen gegen die Gewalt verbreitet sind.In einer Gesellschaft, die auf einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung basiert, gelten die Unschuldsvermutung und die Überzeugung, daß jeder nur für seine eigenen Fehler zur Verantwortung oder zur Rechenschaft gezogen werden kann. Minarette, Burqa, Niqab, Moscheen - all das mag immer und immer wieder von radikalen, extremistischen, gewaltbereiten Muslimen benutzt, mißbraucht werden - aber das bedeutet nicht, daß wir die Unschuldsvermutung aufgeben können, Muslime in Sippenhaft nehmen können, präsentiv verbieten können, was mit mehr oder wneiger großer Wahrscheinlichkeit mißbraucht werden wird. So funktioniert unsere Rechtsordnung nicht, so funktioniert eine freiheitlich-demokratisch geordnete Gesellschaft nicht. 

Im Falle einer Straftat wird man eingreifen, selbstverständlich. Aber das kann immer nur diejenigen treffen, die tatsächlich schuldig geworden sind. Es kann nicht bedeuten, daß für alle die Religionsfreiheit eingeschränkt wird. 

Dann haben wir das Problem mit dem historischen Muhammad. Nun, hier gilt die Tatsache, daß das Leben Muhammads von Muslimen differenziert betrachtet, seine Lehren unterschiedlich ausgelegt werden können. Die Islamophoben neigen dazu, nur ihre Sichtweise gelten zu lassen, nur ihre Auslegung zuzulassen. Muslime, die das anders sehen, gelten als solche, die sich verstellen und es gar nicht ehrlich meinen.

Natürlich wird man Muslimen, die das Leben Muhammads unreflektiert als Vorbild auch für heute betrachten, kritisch beäugen müssen. Aber das kann keinen Generalverdacht gegen alle Muslime begründen, auf dessen Grundlage man dann allen Muslimen nur eine eingeschränkte Religionsfreiheit zugesteht. Und selbst diejenigen, die Muhammad ganz unkritisch und unreflektiert als Vorbild betrachten, haben damit noch keine Straftat begangen, die es erlauben würde, ihre Religionsfreiheit grundsätzlich einzuschränken. 

Nun, ich persönlich stehe dem Islam sehr kritisch gegenüber. Ich bin nicht nur nicht Muslim, ich bin aus Überzeugung Nichtmuslim. Ich sehe in Bezug auf den Islam vielfältige Probleme - aber ich bin doch überzeugt, daß wir Muslimen ein Höchstmaß an Religionsfreiheit gewähren müssen, wenn wir nicht die Werte, die uns so wichtig sind, verraten wollen.

Sogar falls Muslime unser Entgegenkommen als Schwäche auslegen, sogar als Kapitulation des Christentums, des Westens deuten - und das ist immer wieder der Fall -, kann dies nicht dazu führen, daß wir unsere Werte verraten. 

Aber wie dem auch sei - die Mehrheit der Muslime will einfach nur friedlich leben. Sie sind nicht einmal alle religiös - doch diejenigen, die es sind, haben das Recht, ihre Religion frei auszuüben. Ich sehe es als meine Pflicht an, für dieses Recht zu kämpfen, auch wenn ich vieles, was im Islam an der Tagesordnung ist, nicht gut finde. Dazu gehört dann freilich auch die Pflicht, diejenigen, die die Religionsfreiheit mißbrauchen und gegen uns verwenden, nicht ungestraftdavonkommen zu lassen. Aber das muß immer auf der Grundlage unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung geschehen.

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