Grundsätzlich garantieren die Allgemeinen Menschenrechte das Recht auf freie Meinungsäußerung und auf freie Religionsausübung. Daran haben sich auch alle islamischen Staaten zu halten - wenn nicht, handelt es sich um ein Vergehen gegen die Allgemeinen Menschenrechte, gegen das Völkerrecht.

In diesem Zusammenhang sollte man bedenken, daß es Evangelikalen hier gar nicht so sehr um die eigene Freiheit, seine Meinung äußern und seine Religion ausüben zu dürfen, geht, sondern um das Recht der Menschen in der islamischen Welt, sich frei und ungehindert über verschiedene Religionen und Weltanschauungen informieren und sich jeweils dafür oder dagegen entscheiden zu können. Wer also ein "Missionsverbot" bejaht, negiert nicht nur die Religions- und Meinungsfreiheit der Christen, sondern vor allem der Menschen auf dem "Missionsfeld". 

Es sei auch darauf hingewiesen, daß sich islamische und christliche Weltorganisationen schon vor geraumer Zeit darauf geeinigt haben, daß es erlaubt sein muß, andere zu überzeugen und sich überzeugen zu lassen. Die Handreichung des Rates der EKD "Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland - Gestaltung der christlichen Begegnung mit Muslimen" (Gütersloh 2000) schreibt dazu:

"Die Erklärung, die Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen und des Muslimischen Weltkongresses in Chambésy/Schweiz 1976 gemeinsamt formuliert haben, stellt fest, dass 'Muslime und Christen das uneingeschränkte Recht haben müssen, zu überzeugen und überzeugt zu werden und ihres Glaubens (sic!) zu leben sowie ihr religiöses Leben so zu ordnen, daß es mit ihren jeweiligen religiösen Pflichten und Prinzipien übereinstimmt' [ Fußnote: M.S. Abdullah (Hrsg.), Islamische Stimmen zum Dialog, Köln, 1981 = CIBEDO-Dokumentation 12, S. 27]" (S. 36f). 

Die Handreichung schreibt übrigens auch:

"Für uns Christen ist es selbstverständlich, von unserem Glauben Zeugnis abzulegen. Dieses Zeugnis bildet das Nervenzentrum allen missionarischen Handelns der Kirche. Mission als Sendung ist ein Wesensmerkmal der Kirche, des wandernden Gottesvolkes, das von Gott gesandt ist, um Gottes Liebe zu den Menschen zu bezeugen. Die Kirche ist ihrem Auftrag nach missionarisch. Wir sind Muslimen das Zeugnis von dem schuldig, was uns im Innersten unseres Glaubens bewegt. Mission ist kein Mittel kirchlicher Herrschaft. Mission als Sendung steht im Dienst am Menschen - im Gehorsam gegenüber Gott, der sich in der Knechtsgestalt als wahrer Herr erwies und so allen Menschen offenbar werden will." (S. 36)

Das steht, wohlgemerkt, nicht in einer evangelikalen Streitschrift für die Mission bzw. Evangelisation, sondern in einer nicht einmal zehn Jahre alten Handreichung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema "Gestaltung der christlichen Begegnung mit Muslimen".

Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, daß einige der Märtyrer, die unter den Nazis ermordet wurden, erstens Missionare waren und zweitens gegen damals geltendes Recht verstoßen haben. Man denke hier nur an Dietrich Bonhoeffer, Widerstandskämpfer und Verkündiger des Evangeliums. Ein anderer Märtyrer dieser Art war Martin Luther King. 

Wer Märtyrer wie die beiden deutschen Bibelschülerinnen, die im Jemen starben (wobei nicht einmal klar ist, warum sie ermordet wurden), mit Füßen tritt, verhöhnt zugleich Märtyrer wie Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King.

Eine andere Frage ist es, ob Missionare dort, wo sie auch evangelisieren, die "normale" Arbeit christlicher und/oder westlicher Hilfsorganisationen behindern. Auch hier muß man fragen, ob die Verkündigung des Evangeliums durch Männer wie Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King nicht für die Opfer der Nazis bzw. der weißen Rassisten eher kontraproduktiv war. Vor allem aber ist zu fragen, ob den Menschen, die evangelikale Missionare pauschal verurteilen, überhaupt wissen, was etwa im Jemen vorgefallen ist - oder sich nur auf ihre Vorurteile und Hörensagen verlassen. Sprachen etwa die beiden deutschen Bibelschülerinnen, die im Jemen ermordet wurden, überhaupt die Landessprache gut genug, um evangelisieren zu können? Und falls ja, haben sie überhaupt evangelisiert? Dies wird einfach vorausgesetzt, aber soweit mir bekannt, liegen dafür keine Beweise vor. Offensichtlich werden die beiden Bibelschülerinnen von gewissenlosen Medien - wie dem ZDF und dessen Magazin "Frontal21" -  für den Kampf gegen die Evangelikalen bzw. gegen die evangelikale Mission instrumentalisiert, obwohl man keine Fakten, keine Beweise hat.

Es mag in islamischen Ländenr wie dem Jemen Missionare geben, die "über das Ziel hinausschießen", wie Traugott Hopp von der evangelikalen Akademie für Weltmission (AWM Korntal) feststellt: "Es sei unbestritten, dass nicht jeder der Missionare klug und weise in kritischen Situationen auftrete", wird in in einem Artikel der Stuttgarter Zeitung vom 14. August 2009 zitiert. Es ist richtig, daß solche unbesonnenen Missionare die "normale" Arbeit der Hilfsorganisationen behindern - und auch die "normale" Arbeit der Evangelisten, die tatsächlich weise und klug vorgehen. Sich von solchen MIssionaren zu distanzieren, liegt nicht nur im diakonischen Interesse, sondern auch im evangelistischen Interesse (und im Interesse der Unterstützung christlicher Gemeinden in den islamischen Ländern). 

Das große Problem der westlichen Hilfsorganisationen, christlich oder nicht, in islamischen Ländern sind nicht evangelikale Verkündiger des Evangeliums, nicht einmal solche, die über das Ziel hinausschießen - das Problem ist die in allen islamischen Ländern weit verbreitete Ablehnung des Westens, die zum Teil sogar Muslime aus dem Westen trifft, wenn sie nicht gerade zu den allerstrengsten Salafiyya-Muslimen gehören. 

Der - indifferent mit dem Christentum gleichgesetzte - Westen (und nicht nur die USA) gilt in der islamischen Welt weithin als gottlos, verdorben, dekadent - und als ein Feind des Islam, der nicht nur Israel unterstütze, sondern überhaupt den Islam vernichten wolle, religiös, rechtlich, militärisch, wirtschaftlich, moralisch.

Areligiös auftretende Mitarbeiter von Hilfsorganisationen helfen nicht gerade, das Bild des "gottlosen Westens" in der islamischen Welt zu verbessern - ganz im Gegenteil, sie verstärken die Wahrnehmung, daß der Westen sich von der Religion gelöst habe und - das ist stets die andere Seite der Medaille - sittlich verkommen sei. Letztlich sind es auch die Pöbeleien einer eher linken, antievangelikalen und antimissionarischen Presse gegen evangelikale Christen, die diesen Eindruck vermitteln, wenn man auf die fast einzigen Westler einprügelt, die in islamischen Ländern möglicherweise überhaupt noch als "wahrhaft christlich" wahrgenommen werden. 

Tatsächlich bieten evangelikale Christen den Menschen der islamischen Welt einen der letzten unverstellten Blicke auf fromme, zu ihrem Glauben stehenden Christen in einer Welt, die von den Muslimen sonst oftmals zwar als "christlich", aber doch als gottlos wahrgenommen wird. Möglicherweise nutzt das mediale Pöbeln gegen evangelikale Christen über deren angebliche Greuel in der islamischen Welt diesen mehr als alles andere - eine in der islamischen Welt als islamophob verschriene Presse, die auf Evangelikale einprügelt, könnte eines der besten Zeugnisse für die religiöse und sittliche Qualität der Evangelikalen und ein Garant für deren Ansehen in der islamischen Welt sein. 

Könnte - derzeit mehren sich die Anzeichen, daß strenggläubige und antiwestliche Islamisten die kritische Berichterstattung in Europa über Evangelikale und Missionare ins Arabische übersetzen, antiwestlich kommentieren und als Beweis für die Niedertracht des Westens verwenden. Die Wirksamkeit etwa des antievangelikalen Beitrags von "Frontal21" endet nicht vor deutschen Mattscheiben - etwa über Video-Portale geht der Beitrag mit arabischen Untertiteln in die Welt hinaus. Tenor: Der böse Westen, die bösen Hilfsorganisationen. 

"Frontal21" schadet damit nicht nur evangelikalen Missionsgesellschaften - sondern überhaupt dem Bild des Westens, das viele Muslime haben, damit allen westlichen Hilfsorganisationen in der islamischen Welt, seien sie christlich oder nicht.

Dabei kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß die Verantwortlichen vom ZDF nicht wissen, was sie tun - damit bleibt die Frage, warum tun sie es? Sind sie so kurzsichtig, daß sie allen Ernstes glauben, mit ihrem Beitrag nur der evangelikalen Bewegung zu schaden - oder ist der Kollateralschaden, der hier angerichtet wird, einkalkuliert?

Zusätzliche Informationen