In Deutschland gibt es sunnitische Muslime in wenigstens vier Rechtsschulen, schiitische Muslime, Aleviten, Ahmadiyya - und natürlich die große Zahl der Ex-Muslime, der Atheisten und Agnostiker, der "Freien", dann aber auch die Wahhabiten und Salafiten. Niemals kann eine Religionsgemeinschaft alle Muslime im Land vertreten - schon gar nicht per staatlicher Verordnung als "Staatsislam" und als "wer Muslim ist, wird per Gesetz festgelegt".

Ein anerkannter Islam in Deutschland setzt etwas voraus, was die muslimischen Verbände bisher ablehnen: Die freiwillige Sammlung der Muslime in Moscheegemeinden und ggf. übergeordneten Strukturen. Auf diese Weise funktionieren Religionsgemeinschaften in Deutschland - ein Sonderweg für Muslime ist nicht sinnvoll und nicht wünschenswert.

Daß hier durchaus eine organisatorische Vielfalt möglich ist, beweist das Nebeneinander der verschiedenen Txypen christlicher Religionsgemeinschaften - da gibt es die verschiedensten Möglichkeiten, die Gläubigen zu sammeln. Unterscheiden kann man etwa den volkskirchlichen und den freikirchlichen Typus. Dann gibt es noch unabhängige Gemeinden, Gemeinschaften innerhalb von bestehenden Kirchen, Hauskirchen, freie Versammlungen usw  Und es gibt freilich auch Christen, die nur unverbindlich zu Gemeinden stehen und sich nicht vereinnahmen lassen wollen.

Der Islam kann allein vom Vorbild der christlichen Landes- und Freikirchen, Gemeinschaften usw. in Sachen Religionsgemeinschaft viel lernen, kann sich hier abgucken, wie anerkannte Religionsgemeinschaften verfaßt sein können. Kann von Erfahrungen profitieren, die den Prozeß der Anerkennung erheblich vereinfachen würden.

Es kann aber niemals Aufgabe des weltanschaulich neutralen Staates sein, eine islamische Religionsgemeinschaft zu etablieren oder den Muslimen überzustülpen.

Es muß bedacht werden, daß kaum alle Menschen muslimischen Hintergrundes per Verordnung oder Gesetz Mitglied einer islamischen Religionsgemeinschaft werden sein wollen - oder gar per Bestimmung durch einen islamischen Verband, eine Moscheegemeinde oder etwas in der Art. Die Versammluingsfreiheit beinhaltet schließlich auch das Recht, sich einer Versammlung nicht anschließen zu müssen oder aus ihr austreten zu können.

Es muß die Sache der Muslime sein, wie sie sich in Religionsgemeinschaften versammeln und gegenüber der Öffentlichkeit positionieren - es ist Sache des Staates, die Verfassungsmäßigkeit zu überprüfen und dann jeweils Anerkennungen etwa nach dem Körperschaftsrecht auszusprechen, wenn die verfassungsrechtlichen Grundlagen zweifelsfrei erfüllt sind.

Eine Katastrophe wäre jede Form der Zwangsmitgliedschaft aller Menschen muslimsichen Hintergrundes in einer Art "Staatsislam". Die Versammlungsfreiheit ist hier oberstes Gebot. Etwaige Modelle aus muslimischen Ländern können eher nicht nach Deutschland importiert werden (ebenso wenig können ja auch deutsche Kirchenmodelle in islamische Länder exportiert werden).

Mein Vorschlag: Die Muslime sammeln sich freiwillig in Moscheegemeinden, in denen sie Mitglieder werden. Die Moscheegemeinden können auf Wunsch einem "Gemeindebund" beitreten, der den Moscheegemeinden gegenüber entweder weisungsbefugt ist - oder dessen Moscheegemeinden autonom sind.. Oder man macht es genau anders herum: Muslime gründen islamische Religionsgemeinschaften mit ordentlichen Mitgliedschaften, die dann wiederum Moscheegemeinden gründen.

Wichtig ist: Es muß ein geregeltes Verfahren geben, um die Mitglieder einzeln und auf freiwilliger Basis zu erfassen. Es kann nicht sein, daß die Mitgliedschaft aufgrund von Herkunft, Besuch einer Moschee, Übertritt zum Islam usw. begründet wird. Das widerspräche allen Anforderungen der Versammlungs- und Religionsfreiheit, die eben auch negative Aspekte beinhalten, das Recht, ein bestimmtes Bekenntnis nicht zu haben, einer bestimmten Versammlung nicht anzugehören. Auch wer Muslim ist, hat das Recht, nicht Mitglied einer Moscheegemeinde oder eines "anerkannten Islam" zu sein.

Ganz wichtig: Es muß ein Recht geben, eine solche Gemeinschaft zu verlassen - vergleichbar der Möglichkeit, christliche Religionsgemeinschaften zu verlassen. Ohne dieses verbriefte Recht wäre jede Diskussion über anerkannte Religionsgemeinschaften sinnlos.

Letztlich wird es nie gelingen, alle Muslime in einer Religionsgemeinschaft zu versammeln. Dafür leben und glauben die Muslime zu unterschiedlich - und viele von denen, die wir als "Muslime" bezeichnen, sind ohnehin nicht "gläubig" und leben nicht nach den islamischen Regeln.

Wie dem auch sei - die Gründung islamischer Religionsgemeinschaften kann nur von den Muslimen ausgehen. Diese Religionsgemeinschaften sind dann aber vom Staat nicht anders zu behandeln als christliche oder andere Religionsgemeinschaften. Für alle müssen die gleichen Bedingungen gelten, um etwa Körperschaftsrechte zu erhalten. Sonderwege können nicht gegangen werden.

Persönlich halte ich die von evangelischen Freikirchen praktizierte Gemeinschaftsform der "freien Religionsgemeinschaft" für ein brauchbares Vorbild auch für Moscheegemeinden - zumal es hier verschiedene Varianten der Religionsgemeinschaft gibt (vgl. klassische Freikirchen wie die Baptisten und Pfingstgemeinden mit den "Bischofskirchen" wie z.B. den Methodisten oder auch mit der Heilsarmee, die wiederum eine ganz andere Gemeinschaft darstellt). Die ganz verschiedenen Freikirchen sind zu einem großen Teil wiederum in einer Vereinigung zusammengefaßt.

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