Ich habe mich schon vor rund eineinhalb Monaten mit dem Thema Freikirchen befasst - dies ist gewissermaßen eine Fortsetzung, hier geht es um die „Proprien” der evangelischen Freikirchen.

Ein Proprium ist in der Theologie die Gesamtheit der Eigenschaften, die einer bestimmten Sache eigen sind und an denen man diese Sache erkennt.

Dabei müssen diese Proprien zu den Bekenntnissen der betreffenden Kirche gehören - sie müssen untrennbar zu ihren Lehren gehören und das kirchliche Leben prägen. Eine Kirche ist nur dann Freikirche, wenn sie bewusst Freikirche sein will und darin ein wesentliches Merkmal kirchlichen Lebens sieht (so wenig, wie jemand ein Baptist ist, der in einer lutherischen Kirche als Erwachsener getauft wurde, ist eine Kirche eine Freikirche, wenn sie lediglich nicht eine der beiden großen Kirchen im Lande ist, sondern unter „Christentum, sonstige” fällt).

Eigentlich gibt es bei Freikirchen nur drei Proprien, die ihnen allen gemeinsam sind - und deren Fehlen dazu führt, dass man eine Kirche nicht als Freikirche bezeichnen kann.

Das erste Proprium der Freikirchen: Freiheit vom Staat

Das erste Eigenschaft, die allen Freikirchen eigen ist und an der man sie erkennt, besteht in der Freiheit vom Staat, in der Trennung von Kirche und Staat.

Freikirchen sind bewusst keine Staatskirchen (und nicht nur deswegen, weil es keine Staatskirchen mehr gibt). Sie ordnen ihre Angelegenheiten bewusst selbständig und ohne staatliche Einmischung.

Darum lassen die Freikirchen bewusst keine Kirchensteuern vom Staat einziehen, auch wenn sie die Möglichkeit hierzu hätten (die meisten Freikirchen in Deutschland sind Körperschaften des öffentlichen Rechts und hätten darum das Recht, Kirchensteuern einziehen zu lassen).

Das bedeutet natürlich auch, dass die Freikirchen ihren Haushalt aus den Spenden ihrer Mitglieder bestreiten - bis hin zum Gehalt der festangestellten Mitarbeiter*innen.

Eine Ausnahme bilden Zuschüsse der politischen Organe etwa zur Kinder- und Jugendarbeit. Soweit diese allgemein zugänglich sind, beantragen die meisten Freikirchen solche Zuschüsse und verwenden sie für ihre Gemeindearbeit - ebenso wie Sportvereine, Musikvereine usw.

Übrigens können auch Freikirchen Amtskirchen sein. Jede Kirche, die Körperschaft des öffentlichen Rechts ist, ist eine Amtskirche (wobei das deutsche Staatskirchenrecht eigentlich keine Amtskirchen mehr kennt).

Das zweite Proprium der Freikirchen: Freiwilligkeit

Die zweite Eigenschaft, die allen Freikirchen eigen ist und an der man sie erkennt, besteht in der Freiwilligkeit, die alle Aspekte des Gemeindelebens prägt.

Freikirchen sind Freiwilligkeitskirchen. Sie wollen bewusst keine „Volkskirchen” sein.

Es gibt darum keine unfreiwillige oder gar erzwungene Mitgliedschaft, die etwa durch die Taufe im Säuglingsalter erworben wird (und in manchen Kirchen wie der katholischen Kirche auch nach einem offiziellen Austritt erhalten bleibt).

Die Mitgliedschaft muss in jeder Freikirche freiwillig erworben werden (das gilt auch in Freikirchen, in denen die Säuglings- oder Kindertaufe praktiziert wird). Ebenso bietet jede Freikirche die Möglichkeit, die Mitgliedschaft wieder zu beenden, also auszutreten.

Zur Freiwilligkeit der Mitgliedschaft gehört auch, dass diese nicht, sobald sie einmal begonnen hat, unbegrenzt fortgesetzt wird, wenn hierzu kein Wille mehr erkennbar ist. Wessen Verhalten den Willen erkennen lässt, nicht mehr zu einer Freikirche gehören zu wollen, dessen Mitgliedschaft wird nach einer gewissen Zeit durch „Streichung” beendet.

Exkurs: Hier zeigt sich, dass die Größe von Freikirchen nicht mit der von evangelischen Landeskirchen verglichen werden kann, wenn man die aktive Teilnahme am Gemeindeleben zugrunde legt. Jene rund 95 % der Landeskirchler, die lt. Wikipedia nicht aktiv am Gemeindeleben teilnehmen, dürfen beim rein zahlenmäßigen Vergleich zwischen Landeskirchen und Freikirchen im Prinzip gar nicht mitgezählt werden, will man vergleichbare Zahlenwerte für das Gemeindeleben erhalten. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass Landeskirchen auch Kinder als Mitglieder werten, Freikirchen aber nicht - weswegen man die reine Mitgliederzahl von Freikirchen für einen Vergleich mit den Landeskirchen um die Zahl der Kinder ergänzen muss.

In einer Freikirche werden die Mitgliedsbeiträge nicht wie eine Steuer abhängig vom Einkommen erhoben oder wie eine Pauschale je Mitglied, sondern werden als freiwillige Spende geleistet, deren Höhe im Ermessen des Mitglieds liegt. Dabei ist es grundsätzlich auch möglich, die Spende anonym zu geben (was die wenigsten tun - aus steuerlichen Gründen). In den meisten Freikirchen weiß nur der Kassenverwalter, was einzelne Mitglieder spenden - eine Information, die meist nicht einmal dem Pastor oder der Gemeindeleitung zugänglich ist.

Auch die Mitarbeit in einer Freikirche ist immer freiwillig. Das bedeutet einerseits, dass die Gemeindearbeit soweit möglich nicht an bezahlte Mitarbeiter delegiert werden soll. Die Mitarbeit von Ehrenamtlichen bzw. sogenannten Laien spielt eine große Rolle im Gemeindeleben. Es bedeutet andererseits, dass alle Gemeindearbeit freiwillig erfolgen soll. Niemand kann zur Mitarbeit verpflichtet oder gezwungen werden.

Das dritte Proprium der Freikirchen: Freiheit von kirchlichen Zwängen

Die dritte Eigenschaft, die allen Freikirchen eigen ist und an der man sie erkennt, besteht in der Freiheit von kirchlichen Zwängen.

Das beinhaltet vor allem die Freiheit von dem Zwang, einer bestimmten (Frei-) Kirche angehören zu müssen.

Freikirchen leben das reformatorische "Solus christus", allein Christus. Nur der Glaube an Christus rettet, nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten kirchlichen Organisation.

Die jeweilige Ortsgemeinde gilt als Teil des weltweiten Leibes Jesu, dem alle an Jesus Gläubigen angehören. Kirche im eigentlichen Sinn ist die unsichtbare und universale Kirche Jesu Christi.

Freikirchen lehren darum nicht, dass das Heil nur bei ihnen zu finden sei oder an eine Mitgliedschaft bei ihnen gebunden sei.

So haben sich die evangelischen Freikirchen in Deutschland schon 1926 zur Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) zusammengeschlossen. Sie betrachten sich gegenseitig als bekenntnisverwandte Kirchen und bilden damit das, was man in Deutschland eindeutig als „Freikirche” bezeichnen kann.

Im Prinzip gehört ökumenische Offenheit damit zum Wesen evangelischer Freikirchen. Sie suchen die Gemeinschaft mit gläubigen und getauften Christen auch in anderen Kirchen. Unter den Gründungsmitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Deutschland waren darum auch evangelische Freikirchen wie die Baptisten und die Methodisten.

In Freikirchen genießt die Ortsgemeinde außerdem in der Regel große Freiheiten gegenüber kirchlichen Zwängen „von oben” - bis hin zum Kongregationalismus beispielsweise der Baptisten, bei denen die Ortsgemeinde autonom ist, also in allen Fragen des Gemeindelebens selbständig entscheidet, ohne dass der übergeordnete Bund weisungsbefugt wäre.

Freikirchen gestalten ihre Ordnungen, ihr kirchliches Leben und ihr Gemeindeleben (basis-) demokratisch.

Baptisten als Beispiel für die Freiheit von kirchlichen Zwängen

Bei den Baptisten beispielsweise bilden die Mitglieder der Gemeinde die Gemeindeversammlung, die sämtliche Beschlüsse fasst, die das Gemeindeleben betreffen.

Auch der theologisch ausgebildete und ordinierte Pastor ist de jure ein normales Gemeindemitglied, das der Gemeindeversammlung angehört. Die Gemeindeversammlung bestimmt ihren Pastor durch eine Wahl. Ein Pastor ist dann ein Gemeindemitglied, das von der Gemeinde für die Gemeindearbeit freigestellt wird, aber nicht über der Gemeindeversammlung steht. Zugleich untersteht er allerdings der Dienstordnung für ordinierte Pastoren der Kirche.

Die Gemeindeversammlung wählt außerdem die Gemeindeleitung, deren Aufgabe darin besteht, durch Abstimmungen oder Wahlen gefasste Beschlüsse der Gemeindeversammlung umzusetzen und der Gemeindeversammlung Rechenschaft abzugeben (meist gehört der Pastor kraft Amtes der Gemeindeleitung an).

Darüber hinaus wählt die Gemeindeversammlung Abgeordnete für den Bundesrat, das höchste beschlussfassende Organ der Kirche. Der Bundesrat tritt einmal jährlich zu Beratungen und Beschlussfassungen zusammen. Der Bundesrat wiederum wählt das Präsidium des Bundes. Das Präsidium ist gegenüber den Gemeinden (und auch gegenüber dem Bundesrat) nicht weisungsbefugt, sondern kann nur Empfehlungen geben.

Fazit

Eine evangelische Kirche ist nur dann evangelische Freikirche, wenn sie anhand dieser drei Proprien - Freiheit vom Staat, Freiwilligkeit, Freiheit von kirchlichen Zwängen - sicher erkannt werden kann.

Kirche ist nicht deswegen Freikirche, weil sie eine Minderheitskirche ist, weil sie unter „Christentum, sonstige” fällt oder weil sie keine der beiden großen Volkskirchen ist, weil staatlich verordneter Laizismus ihr eine Trennung von Staat und Kirche aufzwingt, weil sie eine christliche Sondergemeinschaft ist oder aus irgend einem anderen Grund. Sie ist dann und nur dann Freikirche, wenn diese drei Proprien für ihr Sein als Kirche bestimmend ist, wenn diese drei Proprien ihr Wesen prägen.

Darüber hinaus handelt es sich nur dann um eine Freikirche, wenn es sich auch um eine christliche Kirche handelt, die fest auf dem Boden der Reformation steht. Dazu gehören etwa die vier „Solas” der Reformation, die Lehre von der Dreifaltigkeit und die Einmaligkeit einer gültigen Taufe. Freikirchen teilen mit den anderen christlichen Kirchen die drei wichtigsten Glaubensbekenntnisse (Apostolikum, Athanasium und Nicäno-Konstantinopolitanum). Anderenfalls handelt es sich aus kirchlicher Sicht um eine christliche Sondergemeinschaft.