„Freikirchen” - was sind das eigentlich? Eine ganz bestimmte Art von Kirche oder einfach alles, was unter „Christentum, sonstiges” läuft?

Gerade in den Medien wird der Begriff für alles mögliche verwendet, aber teilweise auch in der Politik, wenn etwa das Statistische Landesamt Baden-Württemberg unter „Freikirchen” alle christlichen Religionsgemeinschaften erfasst, die nicht zu einer der „Volkskirchen” gehört - das sind dann etwa auch die orthodoxen Kirchen, die Bekenntniskirchen und die christlichen Sondergemeinschaften wie die Neuapostolische Kirche oder die Zeugen Jehovas.

Was also sind „Freikirchen”?

In der Religionswissenschaft wird zwischen „traditionellen Freikirchen” und „konfessionellen Freikirchen” unterschieden.

Traditionelle Freikirchen

Die traditionellen Freikirchen weisen zwei Merkmale auf: Es handelt sich erstens um Freiwilligkeitskirchen, die Mitgliedschaft wird also durch einen Willensakt erworben. Unmündige bzw. Kinder können somit nicht die Mitgliedschaft erwerben. Zweitens handelt es sich um staatsferne Kirchen, sie betonen die Trennung von Staat und Kirche.

Die traditionellen Freikirchen haben nicht zwangsläufig allein die Gläubigentaufe, manche - wie etwa die Methodisten - kennen auch die Kindertaufe. Die Kindertaufe begründet hier jedoch keine Kirchenmitgliedschaft.

Manche dieser Kirchen haben ein hierarchisches Leitungsmodell - an der Spitze steht etwa wie bei den Methodisten ein Bischof. Andere Kirchen wie etwa die Baptisten sind kongregationalistisch verfaßt - die einzelnen Gemeinden sind autonom, unabhängig. Die Gemeindeversammlung, der alle Gemeindemitglieder angehören, wählt aus ihrer Mitte eine Gemeindeleitung und beruft den Pastor.

Zu den traditionellen Freikirchen gehören die Baptisten, die Brüdergemeinden, die Methodisten, die Heilsarmee, die meisten Pfingstgemeinden, die Freien evangelischen Gemeinden, die Mennoniten und viele andere Kirchen.

Viele dieser Kirchen haben sich zur 1926 gegründeten Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) zusammengeschlossen und gehören ihr als Voll- oder Gastmitglied an.

Der Begriff „Freikirchen” passt von daher am besten auf die traditionellen Freikirchen, die zur VEF gehören.Die Herrnhuter Brüdergemeine (Evangelische Brüder-Unität) allerdings ist sowohl Gastmitglied der VEF als auch Gliedkirche der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Konfessionelle Freikirchen

Konfessionelle Freikirchen verstehen sich selbst ausdrücklich nicht als Freikirchen (die einzige mir bekannte Ausnahme war die 1878 entstandene und 1945 in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche aufgegangene „Hannoversche evangelisch-lutherische Freikirche”).

Die konfessionellen Freikirchen betrachten sich als die theologisch rechtmäßigen Nachfolger einer Kirche, die eine Entscheidung getroffen hat, die manche Mitglieder aus Bekenntnisgründen nicht mittragen konnten, so dass diese sogenannte „Bekenntniskirchen” gegründet haben, die auf einem „Bekenntnisnotstand” beruhen. Hierzu gehören etwa die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK) und die Altkatholische Kirche. 

Besser als der Begriff „Freikirchen” passt hier der Begriff „Bekenntniskirchen”.

Evangelikal?

Manchmal werden die Begriffe „evangelikal” und „Freikirchen” gleichgesetzt, aber weder ist jede evangelikale Gemeinde freikirchlich, noch sind alle Freikirchen evangelikal.

Man schätzt, dass etwa die Hälfte der Evangelikalen in Deutschland zur EKD zählt.

Die größte deutsche Freikirche, der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten und Brüdergemeinden), versteht sich selbst ebenso wenig wie die Evangelisch-methodistische Kirche als evangelikale Freikirche.

Natürlich kann man auch nicht die Begriffe „fundamentalistisch” und „Freikirchen” gleichsetzen.

Amerikanisch?

Manche Freikirchen haben durchaus amerikanische Wurzeln - andere dagegen nicht. Der Baptismus etwa entstand unter englischen Glaubensflüchtlingen in Amsterdam. Manche Freikirchen orientieren sich heute stark an amerikanischen Ideen und Vorbildern, andere sind eher „deutsch”. Der Gottesdienst vieler methodistischer Gemeinden beispielsweise lässt sich von Außenstehenden kaum von dem einer „normalen” evangelischen Gemeinde unterscheiden (so haben EKD und Evangelisch-methodistische Kirche auch Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft vereinbart).

Andererseits gibt es relativ viele sogenannte Migrationsgemeinden unter den Freikirchen - etwa afrodeutsche Gemeinden, tamildeutsche Gemeinden, internationale Gemeinden usw.

Christentum, sonstige?

Völlig falsch ist die Gleichsetzung von Freikirchen mit allen Kirchen und Gemeinschaften, die nicht zu einer der beiden „Großkirchen” gehören - neben den traditionellen Freikirchen bzw. den Bekenntniskirchen etwa die verschiedenen orthodoxen Kirchen, die Neuapostolische Kirche, die Zeugen Jehovas, die Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) oder was sonst.

Sowohl die orthodoxen Kirchen und die Bekenntniskirchen als auch die Neuapostolische Kirche, die Zeugen Jehovas oder die Mormonen haben mit den traditionellen Freikirchen ebenso wenig gemeinsam wie mit der EKD oder der Römisch-katholischen Kirche.

Die traditionellen Freikirchen sind ebenso „evangelisch” wie die Evangelische Kirche in Deutschland und stehen zudem der Römisch-katholischen Kirche (und selbst noch den orthodoxen Kirchen) weit näher als der Neuapostolischen Kirche, den Zeugen Jehovas oder den Mormonen.

Evangelisch?

Da würde es also eher Sinn machen, die traditionellen Freikirchen zu den „Evangelischen” zu zählen, auch wenn es sich um staatsferne Freiwilligkeitskirchen handelt (wobei auch die EKD seit dem Ende der Staatskirchen in gewisser Weise - Trennung von Staat und Kirche - eine Freikirche ist, die den selben rechtlichen Status wie die meisten Freikirchen besitzt).

Das ist keine Freikirche!

Auf jeden Fall ist es irreführend, wenn man etwa die orthodoxen Kirchen oder die Neuapostolische Kirche, die Zeugen Jehovas, die Mormonen oder eine andere christliche Gemeinschaft zu den „Freikirchen” zählt.

Es hat sich hierzulande eingebürgert, die Evangelische Kirche in Deutschland bzw. ihre Gliedkirchen als die „evangelische Kirche” bzw. ihre Mitglieder als „evangelisch” zu betrachten.

Dementsprechend sollte man die Vereinigung Evangelischer Freikirchen bzw. ihre Gast- und Vollmitglieder (und nur diese) als die „Freikirchen” betrachten.

Daneben gibt es dann die orthodoxen Kirchen, die Bekenntniskirchen und schließlich Apostolische Kirchen, Zeugen Jehovas, Mormonen usw.

Der Versuch, alles, was nicht eine der beiden „Großkirchen” angehört, unter dem Begriff „Freikirche” oder einem anderen Sammelbegriff zusammenzufassen, schafft eher Verwirrung, da es sich eben um höchst verschiedene Kirchen und Gemeinschaften handelt.

Freikirche = VEF

Als „Freikirche” sollte also das bezeichnet werden, was als Gast- oder Vollmitglied zur Vereinigung Evangelischer Freikirchen gehört - und nur das.