Als 1945 Deutschland in Trümmern lag, waren es selbstverständlich auch Christen aus dem Ausland, die Deutschlands Christen finanziell unterstützt haben. Ohne großzügige Hilfen hätte der Wiederaufbau der zerstörten volks- und freikirchlichen Gemeinden viel länger gedauert. Eine der zerstörten Stuttgarter Baptisten-Kapellen konnte nur mit Hilfe aus dem Ausland durch eine neue Kapelle ersetzt werden.

Und auch heute noch gibt es in Deutschland christliche, meist freikirchliche Gemeinden, die aus dem Ausland finanziell unterstützt werden. Dabei handelt es sich nicht einmal immer um Migrationsgemeinden. In Stuttgart etwa erhält eine im Aufbau befindliche freikirchliche Gemeinde nicht nur Unterstützung von anderen deutschen Gemeinden, sondern auch aus den USA. Und natürlich erhalten Migrationsgemeinden häufig Unterstützung aus den jeweiligen Herkunftsländern.

Geht es aber um den Islam, wollen manche Politiker (etwa aus der CSU) nach österreichischem Vorbild eine Auslandsfinanzierung verhindern. Der jüngste Vorschlag aus der CSU ist eine „Moscheensteuer”.

„Moscheensteuer”?

Grundsätzlich gilt: Nach dem Grundgesetz verwalten die Religionsgemeinschaften ihre Angelegenheiten im Rahmen der für alle geltenden Gesetze selbständig. Sie bestimmen selbst, wie sie sich finanzieren. Eine Auslandsfinanzierung kann nicht verboten werden, eine Kirchensteuer oder „Moscheensteuer” kann nicht vorgeschrieben werden.

In Deutschland gibt es mehrere Freikirchen, die aufgrund der Tatsache, dass es sich bei ihnen um Körperschaften des öffentlichen Rechts handelt, Kirchensteuern einziehen könnten - und dennoch darauf verzichten. Einen Nachteil haben ihre Mitglieder davon nicht: Sie können ihre freiwilligen Spenden in Höhe der fiktiven Kirchensteuern steuerlich geltend machen.

Voraussetzung für den Einzug von Kirchensteuern (und auch von etwaigen „Moscheensteuern”) ist die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Diese Anerkennung haben in Deutschland bisher nur die Aleviten und die Ahmadiyya-Muslime erhalten, was auch daran liegt, dass es sich bei den großen islamischen Dachverbänden nicht um Religionsgemeinschaften im eigentlichen Sinn handelt.

Die Anerkennung einer Religionsgemeinschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts wiederum setzt (unter anderem) ein geregeltes Mitgliedswesen voraus, das auch die Ein- und Austritte regelt. Wenn der Staat Kirchen- oder eben auch Moscheensteuern erheben soll, muss er ja wissen, wer jeweils Mitglied der Religionsgemeinschaft ist.

Den meist aus dem Ausland stammenden Muslimen ist eine solche Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft eher fremd, wie man sich auch meist weniger an eine bestimmte Moscheegemeinde bindet. Konfessionen wie im Christentum gibt es weniger; mehr geht es um unterschiedliche Rechtsschulen (im sunnitischen Islam etwa Hanafiten, Malikiten, Schafi'iten, Hanbaliten).

Das deutsche System der Kirchenmitgliedschaft lässt sich nicht einfach eins zu eins auf die Muslime übertragen - man wird hier teilweise andere Wege gehen müssen.

Wie dem auch sei - eine Auslandsfinanzierung wird man den Muslimen nicht verwehren können, weil sie ansonsten gegenüber den Christen diskriminiert werden würden. Denn wie gesagt beziehen manche der hiesigen Gemeinden finanzielle Unterstützung aus dem Ausland, zugleich - auch dieser Hinweis ist wichtig - unterstützten deutsche Kirchen ihre Glaubensgeschwister im Ausland.

Theologen aus dem Ausland?

Und auch ein von manchen Politikern gefordertes Verbot von muslimischen Predigern und Vorbetern aus dem Ausland dürfte den Gleichbehandlungsgrundsatz verletzen, weil eben auch viele Prediger in deutschen Gemeinden aus dem Ausland kommen, weil außerdem auch deutsche Prediger in das Ausland gehen (man denke auch an westdeutsche Theologen und Pastoren, die in den 1950er Jahren in die DDR gegangen sind, um dort Gemeindearbeit zu leisten und an den theologischen Ausbildungsstätten zu lehren).

Nach dem Gleichbehandlungsgrundsatz müsste ein Verbot der Beschäftigung muslimischer Prediger aus dem Ausland dazu führen, dass auch die christlichen Kirchen sich von ihren aus dem Ausland stammenden Predigern trennen.

Auch die theologische Ausbildung der Prediger wird von den jeweiligen Religionsgemeinschaften selbständig geordnet und verwaltet. Eine theologische Ausbildung an den theologischen Fakultäten der hiesigen staatlichen Hochschulen ist den christlichen Kirchen hierzulande nicht vorgeschrieben. Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten und Bürdergemeinden) etwa unterhält zum Zwecke der theologischen Ausbildung eine eigene staatlich anerkannte Fachhochschule in Elstal/Wustermark, das „Theologische Seminar”. Die dort ausgebildeten Theologen können danach zu Pastoren ordiniert werden. Auch die Evangelisch-methodistische Kirche, der Bund Freier evangelischer Gemeinden, der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden usw. haben ihre eigenen theologischen Ausbildungsstätten.

Andere freikirchliche Gemeinden holen sich ihre Prediger von sogenannten Bibelschulen, manchmal auch aus dem Ausland.

So kann aufgrund des Gleichbehandlungsgrundsatzes auch den Moscheegemeinden nicht vorgeschrieben werden, dass sie nur Theologen beschäftigen dürften, die ihre Ausbildung an staatlichen Hochschulen in Deutschland absolviert haben.

Religionsunterricht

Zuletzt darf auch der Religionsunterricht an den Schulen nicht gesetzlich vorgeschrieben werden. Jede Religionsgemeinschaft hat das Recht, ihren Religionsunterricht selbständig zu ordnen. So haben viele Freikirchen in ihren Gemeinden einen „biblischen Unterricht” oder „Gemeindeunterricht”. Dazu gibt es natürlich die „Sonntagsschulen” für Kinder und andere Angebote für Kinder, Teenies und Jugendliche.

Autonomie

Ein weiteres wichtiges Prinzip, das man den Muslimen nicht verwehren darf, kennen wir bei manchen evangelischen Freikirchen als „Kongregationalismus”: Jede Gemeinde ist autonom und bestimmt etwa selbständig über ihren Haushalt, über die Anstellung von Hauptamtlichen usw. Selbst wenn sich diese Gemeinden zu einer Freikirche zusammenschließen, bleibt doch die einzelne Gemeinde autonom; die Kirche ist ihr gegenüber nicht weisungsbefugt. Eine solche Gemeinde kann sich selbstverständlich aus dem Ausland finanzieren lassen, ihren Prediger aus dem Ausland holen und einen freikirchlichen Religionsunterricht - einen „biblischen Unterricht” etwa - erteilen.

Interessanterweise kann eine solche Gemeinde dennoch an den Körperschaftsrechten der Freikirche, der sie angehört, teilhaben.

Nach diesem Prinzip ist beispielsweise die größte deutsche Freikirche, der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, verfasst. Der Bund ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Die Ortsgemeinden sind autonom, haben aber Anteil an den Körperschaftsrechten des Bundes (wobei manche der älteren Gemeinden selbst Körperschaften des öffentlichen Rechts sind).

Es wäre also möglich, dass sich autonome Moscheegemeinden zu einem „Bund der Moscheegemeinden” zusammenschließen, aber ihre Angelegenheiten selbständig ordnen und verwalten. Sie bestimmen selbst, wie sie sich finanzieren, welche Hauptamtlichen sie einstellen, wie sie den Religionsunterricht ihrer Kinder gestalten. Sie können sich aus dem Ausland finanzieren lassen, sie können ihre Theologen aus dem Ausland holen, sie können für ihre Kinder eine „Koranschule” als Religionsunterricht anbieten.

„Euro-Islam” - Der Staat und die Theologie

Der Staat ist nicht nur zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet - er darf auch die Theologie der Religionsgemeinschaften nicht beurteilen oder ihnen gar eine bestimmte Theologie vorschreiben, etwa einen „Euro-Islam”.

Allenfalls darf er etwa die Gefährlichkeit einer Religionsgemeinschaft bewerten oder die wissenschaftliche Qualität einer theologischen Ausbildungsstätte - aber eben nicht die Lehrinhalte, nicht die Inhalte des Glaubens.

Fazit

Vieles von dem, was man den Muslimen in Deutschland verwehren möchte, findet man auch bei hiesigen Kirchengemeinden wieder. Der Gleichbehandlungsgrundsatz verbietet es, Muslimen die Finanzierung aus dem Ausland, die Anstellung von Theologen aus dem Ausland oder den Unterricht der Kinder in „Koranschulen” zu verbieten, sie zu einer „Moscheensteuer” oder zur ausschließlichen Anstellung von Theologen zu verpflichten, die an deutschen Universitäten ausgebildet worden sind.

Die Religionsgemeinschaften verwalten ihre Angelegenheiten selbständig und unterliegen nur den Grenzen der für alle geltenden Gesetze. Gesetze, die speziell Religionsgemeinschaft treffen wollen (oder eben auch bestimmte Religionsgemeinschaften), können das Selbstbestimmungsrecht nicht einschränken und sind verfassungswidrig.

Die Muslime dürfen also die gleichen Rechte wie die hiesigen Kirchen in Anspruch nehmen, wenn sie die Voraussetzungen erfüllen (etwa zur Erlangung der Körperschaftsrechte). Sie dürfen ihnen gegenüber nicht benachteiligt werden. Sie müssen es sich auch nicht gefallen lassen, in ein „volkskirchliches Korsett” mit „Moscheensteuern”, inländischen Theologen, Religionsunterricht an staatlichen Schulen usw. gezwängt zu werden.


Ein Nachschlag: Deutschpflicht in Moscheen?

Da habe ich doch tatsächlich vergessen, auch noch den Punkt „Deutschpflicht in Moscheen” anzusprechen. Nun ja, bei all dem Irrsinn, den vor allem die Granden der AfD und der CSU von Muslimen fordern, kann man schon einmal den Überblick verlieren...

Eine Deutschpflicht in Moscheen ist genau das: Irrsinn. Weil es nämlich auch genügend volks- und freikirchliche Kirchengemeinden gibt, in denen statt auf Deutsch auf Arabisch, Amharisch, Chinesisch, Englisch, Farsi, Französisch, Haka, Indonesisch, Italienisch, Koreanisch, Lingala, Persisch, Portugiesisch, Rumänisch, Russisch, Serbo-Kroatisch, Sinti, Spanisch, Tamil, Tigrinya, Türkisch, Ungarisch oder Vietnamesisch gepredigt wird - und das sind nur die Sprachen, die im aktuellen Jahrbuch des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden verzeichnet sind, weil es in unseren Gemeinden entsprechende Gottesdienste für ausländische Mitbürger gibt.

Ich selbst wurde 1987 in einer afrodeutschen Gemeinde getauft, in der auf Englisch gepredigt wurde. Es wurde damals nicht einmal ins Deutsche übersetzt.

Und ich weiß: Wer als Migrant sechs Tage lang deutsch spricht, ist häufig froh, wenn er am siebten Tag in seiner Muttersprache sprechen kann. Das gilt gerade für die etwas älteren Migranten. Darum haben Migrationsgemeinden auch ihre Berechtigung.

Und was erwartet man eigentlich von orthodoxen Kirchengemeinden? Sollen sie ebenfalls ihre Gottesdienste auf Deutsch halten? Und statt der altgriechischen Septuaginta die „Septuaginta deutsch” oder sogar die Luther-Bibel verwenden?

Und ist die lateinische Messe endgültig verboten?

Darf ich im Gottesdienst als Liturg noch „Kyrie eleison” sagen oder „Amen”? Darf ich überhaupt noch für die Predigtvorbereitung meine Biblia Hebraica Stuttgartensia und mein Novum Testamentum Graece verwenden, oder muss ich die Luther-Bibel verwenden? 

Und was ist mit modernen englischen Liedern im Gottesdienst? Oder auch lateinischen Gesängen? Und was ist schließlich mit den „Zungengebeten” und „Zungengesängen” in Pfingstgemeinden? (Andererseits hat ja schon Paulus gefordert, dass die Sprachenrede ausgelegt werden soll, damit ein jeder etwas von dem Gesagten habe.)

Wir sehen: Selbstverständlich wird in Kirchengemeinden nicht nur deutsch gesprochen.

Darum können wir es auch nicht von den Moscheen verlangen. Wobei ohnehin viele Predigten auf Deutsch übersetzt werden, schließlich gibt es auch immer mehr Deutsche, die zum Islam konvertieren.