Michael Molthagen...

Als Gottes Geschöpf in Darwins Welt leben

Wer wie ich evangelikal ist, gerät leicht in den Verdacht, ein Kreationist oder ein Anhänger der "Intelligent Design"-Bewegung zu sein. Tatsächlich bin ich weder das eine noch das andere. Ich glaube, daß Gott eine Welt geschaffen hat, deren Entstehung - samt des Lebens - sich naturwissenschaftlich erklären läßt, so etwa durch die Evolutionstheorie.

Und so sehe ich mich als ein Geschöpf Gottes, das zufrieden in Darwins Welt lebt.

Und ja, ich danke meinem Schöpfer für den großartigen Wissenschaftler Charles Darwin und die Evolutionstheorie, die er uns geschenkt hat.

Ich glaube zwar, daß es Gott ist, der diese Schöpfung Wirklichkeit hat werden lassen und sie auch weiterhin zuverlässig in der Wirklichkeit hält - hätte Gott plötzlich keine Lust mehr, die Schwerkraft wirken zu lassen, würden wir eben plötzlich schwerelos vom Boden abheben -, daß er aber dem Werden des Universums vollkommen freien Lauf gelassen hat. Das Universum folgt keinem "göttlichen Bauplan", keinem "intelligenten Design", sondern allein den Gesetzen, den Konstanten, die Gott festgeschrieben hat. Innerhalb dieser "Leitlinien" konnte die Schöpfung dann schalten und walten.

Gott, so glaube ich weiter, ist zwar allmächtig - verzichtet aber innerhalb des Universums in der Regel auf seine Allmacht. Würde Gott als der Allmächtige wirken, würde uns das zum Glauben zwingen, und die Freiheit des Menschen, an Gott zu glauben oder nicht, wäre keine Freiheit. Die Beweise der Allmacht Gottes ließen dem Menschen keine Freiheit, und das, so glaube ich, widerspricht dem Willen Gottes. Und so wirkt Gott in dieser Welt in der Regel als der Ohnmächtige - die Krönung dessen ist ein hilfloses Kind in der Krippe, ein ohnmächtiger Gottesknecht am Kreuz, duldend und leidend, der bittet und fleht: "Laßt euch versöhnen mit Gott".

Es ist die Aufgabe der Theologie, der Dienst der Prediger und Apologeten und Evangelisten, die Erkenntnisse der Natrurwissenschaft immer wieder vom Glauben her zu deuten. Ein guter Prediger ist darum immer auch an den Naturwissenschaften interessiert, an den Erkenntnissen der Physiker, der Biologen, der Geologen, der Hirnforscher. Die Predigt des Evangeliums darf sich nie und nimmer von den Theorien und Modellen der Naturwissenschaftler lösen, auch nicht von der Evolutionstheorie in Physik, Geologie und Biologie.

Tatsächlich sehe ich im Kreationismus und im "Intelligenten Design" mehr als nur eine pseudowissenschaftliche Sackgasse - ich sehe in diesen Lehren ein "anderes Evangelium", das ein vollkommen falsches Gottesbild präsentiert. Der Gott der Kreationisten und der ID-Bewegung ist nicht der Gott und Vater Jesu Christi. Darum lehne ich diese Lehren komplett ab - meiner Überzeugung nach haben sie nicht nur nichts im Biologieunterricht verloren, sondern auch nichts im christlichen Religionsunterricht. Überspitzt formuliert, betrachte ich den Einzug des aus den USA kommenden Kreationismus ab den 1980er Jahren und später der ID-Bewegung als den Sündenfall der evangelikalen Bewegung in Deutschland.

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