Ohne Zweifel kann der Mensch nicht ohne Sexualität leben. Das lehnt m.W. auch kein Befürworter des Zölibats ab. Der Zölibat sieht keineswegs asexuelle Personen vor, die ihre Sexualität verteufeln und verdrängen.

Aber braucht der Mensch Sex für die Sexualität wie die Luft zum Atmen oder das Brot zum Essen?

Wir müssen zwischen der Sexualität und dem Sex unterscheiden; denn das sind zwei verschiedene Dinge. Die Sexualität gehört zur menschlichen Existenz wie die Atemluft und das tägliche Brot, wie das sichere Obdach. Und sie will nicht nur vorhanden sein, sondern auch ausgeübt werden. Aber ausgeübte Sexualität ist nicht zwangsläufig das Gleiche wie Sex.

Und ganz sicher führt fehlender Sex nicht dazu, daß die betreffenden Männer und Frauen zwangsläufig über andere herfallen, etwa über Kinder. Wenn es in katholischen Einrichtungen durch zölibatär lebende Priester zu sexuellen Übergriffen gegen Kinder kommt, dann ist es nicht so etwas wie der "Mundraub" eines "Verhungernden".

Es mag bei so einem Täter ein Problem mit der Sexualität geben, aber keinesfalls ist der Mangel an Sex das Problem, das aus einem unschuldigen Priester einen Täter im Talar macht. Mit Sicherheit ist das Problem mit der Sexualität bei etwaigen Tätern auch deutlich älter als die Entscheidung zum Zölibat und zum Priesteramt in der katholischen Kirche.

Wie dem auch sei, Sexualität will ausgelebt werden, aber wer das auf den Sex reduziert, bietet die Sexualität weit unter Wert an, macht sie billig.

Und ja, es ist für einen normalen Menschen möglich, auf Sex zu verzichten, enthaltsam zu leben. Wer die Sexualität auf den Sex reduziert, beraubt sich der Freuden ganzheitlicher Sexualität, die weit über Sex hinausgeht. Wer auf Sex verzichtet, wird nicht sozusagen verhungern oder ersticken. Er wird auch nicht plötzlich über einen anderen Menschen herfallen und ihn mißbrauchen.

Wer aber ein Problem mit seiner Sexualität hat und damit, sie richtig auszuleben, der wird möglicherweise auch dann über andere herfallen und sie mißbrauchen, wenn er regelmäßig Sex hat, weil Sex seine Bedürfnisse nicht stillen kann, auch nicht, wenn er jeden Tag Sex hat. Sexualität ist nun einmal mehr als Sex, und manchmal kann Sex sogar dazu führen, daß die sexuellen Bedürfnisse nicht gestillt werden, daraus dann Frust entsteht, der sich in Übersprungshandlungen entlädt.

Ein Pädophiler oder ein Sadomasochist etwa wird trotz regelmäßigem "Blümchen-Sex" in manchen Fällen zum Sex-Täter, der anderen Gewalt antut. Nicht umsonst sind viele Sex-Täter verheiratet, weit mehr, als es zölibatär lebende Sex-Täter gibt.

Andererseits reicht auch vielen "normalen" Menschen der Sex nicht, um ihre sexuellen Bedürfnisse wirklich zu befriedigen. Eigentlich ist Sex alleine immer zu wenig, um sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen. Sexualität ist eben weit mehr als Sex.

Sexualität ist die ganzheitliche, von bedingungsloser, hingebungsvoller und opferbereiter Liebe geprägte Verbindung mit anderen Menschen, in der Zweisamkeit, Zärtlichkeiten, Geschenke, Hilfsbereitschaft sowie Lob und Anerkennung groß geschrieben werden (wobei jeder Mensch andere Schwerpunkte hat). Sex ist bei alledem das "Icing on the Cake", der Zuckerguß, der einer erfüllten Sexualität die Krone aufsetzen kann, aber niemals das Fundament bilden kann oder gar die anderen Bedürfnisse ersetzen kann.

Sex ist und bleibt aber verzichtbar; man kann auch ohne Sex leben, niemals aber ohne Sexualität.

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