Das Problem ist der sexualisierte Blick auf das weibliche Geschlecht - und das meint eine Darstellung von Frauen in den Medien, in der Werbung und auch in Pornos, die den Eindruck erwecken, jederzeit zur sexuellen Verfügung zu stehen, für Sex allerorten alles stehen und liegen zu lassen, keine anderen Bedürfnisse zu kennen, als Männer zu befriedigen, damit die sich rundum gut fühlen können. Dieser sexualisierte Blick vermittelt Männern auch viel zu leicht den Eindruck, ein kurzer Rock oder ein tiefer Ausschnitt oder ein Flirt seien ein ausdrückliches "Ja! Ich will!" an die Männer.

Dieses Problem läßt sich nicht dadurch lösen, daß man darstellenden Künsten oder auch den Frauen selbst zurückhaltende Kleidung vorschreibt. Darstellungen einer entsprechend gekleideten Frau können immer noch einen sexualisierten Blick auf das weibliche Geschlecht vermitteln, ein Bild von Frauen, die nur für Männer da sind, die ihre Bestimmung nur daraus bezirehen, Männer glücklich zu machen.

Ein sexualisierter Blick auf das weibliche Geschlecht erschwert es Männern oder macht es ihnen gar unmöglich, im Umgang mit Frauen die notwendige Reife zu entwickeln.

Wenn sie nicht lernen, ihre Reaktionen auf das andere Geschlecht zu kontrollieren, versuchen sie, "ihre" Frauen so zu kontrollieren, daß es nicht zu Übergriffen kommt - wobei das ein Trugschluß ist. Es funktioniert einfach nicht. Also kommt es in letzter Konsequenz - nach einer Vergewaltigung - zu einer Schuldzuweisung an die Frauen. Sie hätten es ja provoziert. Der Rock zu kurz, der Ausschnitt zu tief, der Flirt zu unwiderstehlich. Abends alleine unterwegs. Dabei handelt es sich auch hierbei wieder um einen Mythos; denn die Mehrzahl der Vergewaltigungen haben damit gar nichts zu tun. Männer suchen aber nach Entschuldigungen für ihr Tun - und merken gar nicht, wie armselig ihre Entschuldigungen und Mythen und Schuldzuweisungen und Vorschläge an die Adresse der Frauen eigentlich sind.

Es ist ohnehin ein Trugschluß zu glauben, Männer würden bei einer Frau auf freizügige Kleidung reagieren. Was Männer als sexuellen Reiz wahrnehmen, ist eine komplexe Mischung von Sinneseindrücken, von denen die meisten und stärksten unbewußt erlebt werden. So empfinden wir Untersuchungen zufolge solche Menschen sexuell anziehend, deren Immunsystem sich mit dem unseren ergänzt. Im Laufe der Evolution haben wir die Fähigkeit entwickelt, einen zu unserem Immunsystem passenden Partner zu "erschnüffeln". Immerhin hatten die aus solchen Beziehungen geborenen Kinder im Hinblick auf ihr Immunsystem einen starken Vorteil - sie hatten schlicht eine höhere Chance, Infektionen zu überleben - und konnten die entsprechenden Gene an ihre Nachkommen weitergeben. An uns, die wir nun sexuell attraktive Partner an ihrem Immunsystem erschnüffeln und nicht etwa an der Quadratzentimeterzahl unbedeckter Haut auswählen.

Daß wir glauben, freizügig gekleidete Frauen würden auf uns besonders sexuell anziehend wirken, ist nichts anderes als eine Täuschung unseres Gedächtnisses. Wir merken uns Begegnungen mit sexuell anziehenden Menschen eher, wenn uns der Mensch attraktiv erscheint - andere Begegnungen vergessen wir eher. Unsere Erinnerung an Menschen, die wir sexuell anziehend finden, ist also äußerst lückenhaft und vermerkt nur diejenigen Menschen, die unserem Schönheitsideal entsprechen. An die anderen erinnern wir uns schlicht und einfach nicht mehr.

Das "Erschnüffeln" eines Partners, der etwa unser Immunsystem ergänzt, wird durch keine noch so bedeckende Kleidung verhindert. Die Kleidung der Frauen kann die Selbstbeherrschung der Männer nicht ersetzen.

Hinzu kommt, daß unser Schönheitsideal nicht einfach nur auf möglichst viel nackte Haut geeicht ist. Es ist sehr viel komplexer. Es gibt ebenso viele Männer, die freizügige Kleidung schätzen wie es Männer gibt, die es eher bedeckend mögen. Hinzu kommen viele andere Faktoren, die mit der Kleidung bzw. der zur Schau gestellten Haut nichts zu tun haben. Darum entspricht auch nicht jede freizügig gekleidete Frau unserem Schönheitsideal - und bei weitem nicht jede Frau, die unserem Schönheitsideal entspricht, ist freizügig gekleidet.

Daß die Kleidung oder wie viel Haut eine Frau zeigt etwas damit zu tun haben, ob wir eine Frau sexuell anziehend empfinden, ist also ein Mythos, der nur dazu dient, unsere fehlende Selbstbeherrschung vor uns selbst und anderen zu entschuldigen.

Berichte aus Ländern wie Ägypten, Pakistan oder der Türkei zeigen zudem, daß dort sogar mehr Frauen vergewaltigt werden als in Deutschland - und zwar auch Frauen, die bedeckend gekleidet sind oder sogar einen Schleier tragen.

Vergewaltigung hat nichts mit Kleidung zu tun - aber mit der Fähigkeit, sich selbst zu beherrschen, die Reaktionen auf sexuell anziehende Frauen zu kontrollieren. In einer Gesellschaft, in der ein sexualisierter Blick auf das weibliche Geschlecht dominiert, erwerben weniger Männer diese Fähigkeit.

Die Lösung besteht also keinesfalls darin, daß sich Frauen nicht wie "Schlampen" kleiden, sondern daß der sexualisierte Blick auf das weibliche Geschlecht nicht länger die Werbung, die Medien (Fernsehen, Kino, Zeitschriften, Musikvideos...) und die Pornos (die freilicn nur so funktionieren können) beherrscht und daß Männer lernen, sich im Hinblick auf Frauen zu beherrschen.

Der sexualisierte Blick auf Frauen vermittelt Männern den Eindruck - die Frauen seien beherrschbar. Um Herrschaft, um Macht geht es bei Vergewaltigungen letztlich auch, nicht um Sex - der Sex ist nur das Tatwerkzeug eines Vergewaltigers, dem es um Macht geht. Mit der Tatwaffe Sex erniedrigt der Mann die vergewaltigte Frau, wohl wissend, daß die Gesellschaft der Frau später die Schuld zuweisen wird, weil sie die Vergewaltigung ja irgendwie provoziert haben muß.

Macht über Frauen ausüben zu wollen bedeutet, daß der Mann nicht in der Lage ist, sich selbst zu beherrschen. Er hat es nie gelernt. Ohne diese Fähigkeit ist ein Mann bei Begegnungen mit Frauen hilflos. Findet er eine Frau, über die er Macht ausüben kann, wird er das tun, um sich stark zu fühlen.

Damit Männer lernen können, sich Frauen gegenüber zu beherrschen und sie respektvoll zu behandeln, muß ihnen ein Blick auf das weibliche Geschlecht vermittelt werden, der nicht sexualisiert, sondern die Frauen als gleichberechtigtes Gegenüber wahrnimmt, mit dem nur solche Beziehungen eingegangen werden können, die auf völligem Konsens beruhen.

Nur Männer, die das lernen, können ihre Sexualität auch wirklich als befriedigend erleben - Männer, deren Blick auf Frauen sexualisiert ist, benutzen Frauen nur als Objekte zur Selbstbefriedigung. Es kommt nicht zu einer echten gegenseitigen Befriedigung. Die gibt es nur dort, wo beide Partner einander nicht als Sexobjekte wahrnehmen.

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