Deutschland (Answering Islam Deutschland, 15.07.2004, mm; unveränderter Nachdruck: www.molthagen.de, 21.07.2005, mm) Schon seit langem schlagen in Deutschland und darüber hinaus die Wellen hoch, wenn es um das islamische Kopftuch geht, insbesondere bei Lehrerinnen. Die Befürworter verteidigen das Kopftuch als Gebot ihres Glaubens, die Gegner sehen in ihm sowohl ein Symbol des Islamismus als auch ein Zeichen mangelnder Gleichberechtigung. In mehreren Bundesländern kam es mittlerweile sowohl zu richterlichen als auch zu gesetzlichen Kopftuchverboten.

Auch innerhalb der christlichen Kirchen ist die Meinung gespalten. Die einen sind gegen, die anderen für ein Kopftuchverbot - bis in höchste bischöfliche Kreise. Auch innhalb sowohl der evangelischen Freikirchen als auch der evangelikalen Bewegung gehen die Meinungen zum islamischen Kopftuch weit auseinander. So präsentiert dieser Kommentar nicht die evangelikal-freikirchliche Meinung, sondern eine Meinung aus dem Spektrum der Freikirchen und der evangelikalen Bewegung. Der Autor hofft jedoch, mit diesem Kommentar der Kopftuchdebatte in freikirchlichen und evangelikalen Kreisen wichtige Denkanstöße zu geben.

Die christlichen Gegner des Kopftuches seien aber zugleich daran erinnert, daß das Kopftuch auch zum Schatz der christlichen Tradition gehört und in vielen Kirchen, zum Teil auch in Deutschland, bis heute kirchliche Praxis darstellt. Während der Autor dieses Kommentars zu denjenigen Theologen gehört, die in der einzigen neutestamentlichen Bibelstelle zum Kopftuch (1. Korinther 11,2-16) eine Argumentation gegen das Kopftuch sehen, versteht doch die Mehrzahl der Auslager diese Bibelstelle als ein Gebot für christliche Frauen, sich zu verhüllen. Viele Theologen und Kirchenmänner forderten in der Kirchengeschichte, dieses Gebot des Apostels Paulus zu befolgen, und auch heute ist diese Forderung immer wieder zu vernehmen - in konservativen Gemeinden Europas und Amrikas ebenso wie in vielen Kirchen Süd- und Osteuropas, Afrikas, Mittel- und Südamerikas, Arabiens und Asiens. In Deutschland sind es meist Vertreter konservativ-evangelikaler und charismatisch-pfingstkirchlicher Gemeinden, die 1. Korinther 11 als christliches Gebot verstehen, Kopftuch zu tragen und die dies dann meist auch den christlichen Frauen in den Gottesdiensten - manchmal auch darüber hinaus - nahelegen.

Weite Bereiche der christlichen Kirchen in Deutschland sowie in Nord- und Westeuropa sehen in den Anweisungen des Paulus ein "kulturell bedingtes Gebot", nach dem eine Frau ihr Haupt zu bedecken habe; das heute allerdings - aufgrund veränderter kultureller Bedingungen - nicht mehr gelte. Heute müßten Frauen (und Männer) eher andere kulturelle Bedingungen berücksichtigen, die etwa in der Emanzipation und dem Grundsatz der Gleichheit begründet sind.

Auf jeden Fall seien die Kirchen an diese Tatsache erinnert, daß das Kopftuch uns nicht unbekannt ist. Christliche Äußerungen gegen das islamische Kopftuch sind also immer ein zweischneidiges Schwert.

Verständlich ist, wenn das islamische Kopftuch ungute Erinnerungen an düstere christliche Entwicklungen erinnert. Da ist das Kopftuch durchaus das Symbol einer Ungleichheit, einer Benachteiligung der Frau, einer ungerechten Kultur und Gesellschaft. Es ist nachvollziehbar, wenn diese Elemente - wenn auch meist verdeckt - in die aktuelle Debatte um das islamische Kopftuch einfließen.

Es sollte jedoch ein christliches Grundanliegen in die aktuelle Debatte einfließen: Die allgemeine Religionsfreiheit. Ein wichtiger Mann der jüngeren deutschen Kirchengeschichte, Julius Köbner, ein Mitbegründer des deutschen Baptismus und des deutschen Freikirchentums - und freilich einer der Väter der evangelikalen Bewegung in Deutschland -, forderte bereits 1848, während der Revolution, in seinem "Manifest des freien Urchristenthums an das deutsche Volk" nicht weniger als allgemeine Religionsfreiheit: "Wir behaupten nicht nur unsere religiöse Freiheit, wir fordern sie für jeden Menschen, der den Boden des Vaterlandes bewohnt, wir fordern sie in völlig gleichem Maße für alle, seien sie Christen, Juden, Mohammedaner oder was sonst". Köbners Büchlein wurde damals freilich unverzüglich verboten. Nicht nur das Freikirchentum erschien als höchst gefährlich, auch die Forderung nach allgemeiner Religionsfreiheit war mehr als bedenklich. Selbst bei dem "alten Fritz", der meinte, jeder solle nach seiner Fasson selig werden, galt dies nur für die christlichen Volkskirchen, aber nicht über diese Grenzen hinaus.

Es mag sein, daß das islamische Kopftuch uns an ungute Episoden christlich-kirchlicher Geschichte erinnert, ebenso an gewisse fundamentalistische christliche Kirchen von heute. Es mag sein, daß islamische Fundamentalisten das Kopftuch zu einem der Banner ihrer Bewegung gemacht haben. Es mag sein, daß das Kopftuch in mancherlei Augen den Gleichheitsgrundsatz und die Gleichberechtigung von Mann und Frau angreift. Es mag sogar von manchen Islamisten genau so verstanden werden. Es mag als "Verkündigung des islam" gesehen und möglicherweise sogar von einigen so gemeint sein. Es mag der weltanschaulichen Neutralität unseres Staates - der wohlgemerkt keine Trennung von Staat und Religion kennt - in den Augen einiger leute zuwiderlaufen. Doch all das kann niemals Grund genug sein, das islamische Kopftuch verbieten zu wollen - weder Lehrerinnen noch Schülerinnen, weder Verkäuferinnen noch Kundinnen, weder Ausbilderinnen noch Auszubildenden, keiner einzigen muslimischen Frau.

Schon gar nicht darf das Kopftuchverbot bejaht, zugleich aber ein Verbot von Kreuzen, Kippas und anderen religiösen Symbolen ausgeschlossen werden. Nichts verletzt wohl den Gleichheitsgrundsatz so sehr wie dieser Ansatz.

Der Autor weiß darum, daß manches muslimische Mädchen, daß manche muslimische Frau gezwungen wird, das Kopftuch zu tragen. Ihm ist nicht unbekannt, wie manche Islamisten über das Kopftuch denken, welche Bedeutung es für den Islamismus hat. Zugleich sehe ich aber nicht, warum man dem "Zwang zum Tuche" mit einem Zwang gegen das Kopftuch begegnen dürfte.

Zugleich frage ich mich auch, ob es nicht reichlich verlogen ist, wenn man hierzulande gegen das Kopftuch kämpft, weil es angeblich ein Symbol der niederen Stellung der Frau im Islam sei. Sind denn unsere Frauen wirklich gleichberechtigt? Sind ebenso viele Frauen in führenden Positionen vertreten wie Männer, verdienen Frauen für die selbe Arbeit überall ebenso viel Geld wie Männer?

Gewiß haben wir Männer den Frauen das "Recht" auf Abtreibung zugestanden - es kostet uns ja auch nichts. Es ist nur zu wahr: Wenn Männer schwanger würden, wäre die Abtreibung schon viel eher straffrei gewesen, gäbe es auch viel mehr Abtreibungen. Wir Männer haben damit, daß wir den Frauen das "Recht auf Abtreibung" zugestanden haben, nur die Verantwortung auf die Frauen abgeschoben. Immer noch sind es viele Männer, die ihre Frauen zur Abtreibung drängen oder gar zwingen. Und auch die Werbung mit den wenig bekleideten Frauen zeichnet ein deutliches Bild. Sind unsere Frauen also wirklich "gleichberechtigt"? Und: In wie vielen Kirchen dürfen Frauen predigen, das Abendmahl austeilen, eine leitende Stellung einnehmen?

Ist nicht unser Kampf gegen den Schleier vielmehr eine Verschleierung dessen, was bei uns eigentlich vor sich geht? Legen wir damit nicht eher einen Schleier über die "Gleichberechtigung" bei uns, die oft nur eine Farce ist? Hier habe ich wirklich eine ernste Anfrage an die Gegner des islamischen Kopftuches. Ich sehe bei uns keine echte Gleichberechtigung von Mann und Frau, weder in den Kirchen und Gemeinden, noch in der Gesellschaft, in der Politik, in den Unternehmen oder sonstwo.

Ich sehe, daß der islamische Schleier durchaus ein Symbol der fehlenden Gleichberechtigung der muslimischen Frau sein kann. Ich sehe, daß er durchaus ein Banner des Islamismus sein kann. Ich sehe, daß er durchaus vielem zuwiderläuft, was wir hier als selbstverständlich ansehen - ich sehe aber nicht, daß auch nur einer dieser Punkte ein treffendes Argument gegen das islamische Kopftuch wäre.

Vielleicht würde ich sagen: In Deutschland ist es mit der Gleichberechtigung noch nicht weit her. Da läuft vieles schief, auch in den Kirchen. Da wäre es falsch, nun auch noch das islamische Kopftuch zuzulassen und damit die Schieflage in unserer Gesellschaft zu vergrößern. Aber das würde - neben der Frage, ob das islamische Kopftuch denn wirklich in jedem Fall ein Symbol der Ungleichheit darstellt - voraussetzen, daß man in Deutschland wirklich für eine echte Gleichberechtigung kämpft. Und genau das sehe ich nicht.

Erst einmal müssen wir hierzulande zwei Punkte angehen: Erstens, unsere Haltung zum christlichen Kopftuch und zur Stellung der Frau in Kirchen und Gemeinden. Zweitens, die Gleichberechtigung in Kirche, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Ethik und überall sonst. Da liegt so vieles im Argen, daß es nicht angebracht ist, sich allein über das islamische Kopftuch aufzuregen.

Außerdem: Auch wenn es richtig ist, daß das islamische Kopftuch in manchen, möglicherweise auch in vielen Fällen für die untergeordnete Stellung der Frau oder den islamismus oder beides steht - erstens haben wir nicht das Recht, einer Frau vorzuschreiben, welche Stellung sie einzunehmen habe (freilich darf das niemand, auch nicht ein muslimischer Vater, Bruder oder Ehemann). Auch ist eine Zugehörigkeit zum Islamismus oder zum islamischen Fundamentalismus nicht per se eine Bedrohung für unsere Gesellschaft, unsere Kultur, unsere Kirchen. Zweitens trifft dies einfach nicht für jede muslimische Frau zu, die ein Kopftuch tragen will.

Ich möchte an diesem Punkt noch auf einen freikirchlichen Beitrag von Pastor Dr. Dietmar Lütz, dem Geschäftsführer des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg und Vertreter der Vereinigung evangelischer Freikirchen am Sitz der Bundesregierung, zur Kopftuchdebatte hinweisen, den die  Vereinigung evangelischer Freikirchen (VEF) veröffentlicht hat. Der baptistische Theologe schreibt unter dem Titel "'Macht auf dem Haupt' - Anmerkungen zum Hintergrund einer überflüssigen, wenn auch wichtigen Debatte" unter anderem, Prof. Dr. Eberhard Jüngel habe völlig zu Recht gesagt, "das Kopftuch habe seines Erachtens der christliche Apostel Paulus vor fast 2000 Jahren eingeführt, als er Frauen in den von ihm gegründeten christlichen Gemeinden das Tragen einer Kopfbedeckung während des gottesdienstlichen Betens gebot". Dr. Lütz erklärt, es sei "in der Tat (...) der Debatte zuträglich, das Kopftuchgebot auch für christliche Frauen als ein uraltes und noch heute in vielen Ländern übliches und unerlässliches Requisit des Glaubens und Gottesdienstes zur Kenntnis zu nehmen. Die Unbedarftheit, mit der die deutsche Öffentlichkeit immer wieder ein Kopftuchverbot fordert (z.Zt. für islamische Frauen), weil es angeblich der christlich-westlichen Freiheit, der demokratischen Mäßigung und der staatlichen Neutralität widerspreche, wird weder dem Christentum gerecht noch seiner Geschichte". Er erinnert auch an den Brautschleier, der bis heute "üblich" ist. Dr. Lütz weist darauf hin, daß der Schleier "traditionsgeschichtlich (...) nämlich nichts anderes als ein - auch kirchlicher Lehre geschuldetes - Symbol der Unterordnung unter den neuen Ehemann und zugleich Zeichen eines gehobenen Status als verheiratete Frau". So kommt er zu dem Schluß, "das christliche Deutschland kennt also die Formen der 'Macht auf dem Haupt' gut", und er meint, "vielleicht ist die heftige Reaktion auf das islamische Kopftuch nur der Ausbruch eines immer noch kochenden Magma aus dem Vulkan christlicher Vergangenheiten, in denen verehelichten Frauen mit biblischen Sprüchen ein zwar sicherer aber vor allem minderwertiger Platz in der Gesellschaft angewiesen worden war", was dann zu dem Ergebnis führt, daß "islamische Frauen mit Kopftuch (...) möglicherweise die Auferstehung alter Vor-Bilder von Unfreiheiten, Unselbständigkeiten und dogmatischen Platzanweisungen in der Gesellschaft" sind. Dann wäre "eine 'Macht auf dem Haupt', auch auf dem muslimischen, (...) für emanzipierte Frauen eine Bedrohung", und "angesichts der zunehmenden Häufigkeit, mit der im konservativen Christentum und im Islam Männer die neuerliche Unterordnung der Frau unter den Mann fordern und nicht wenige Frauen diese akzeptieren und manifestieren, ist diese Bedrohung durchaus realistisch. Es sind diese Unternehmungen durchweg als Versuche anzusehen, die Uhr der Geschichte auf die Zeit zurückzustellen, in der die Welt scheinbar noch 'in Ordnung' war." Dr. Lütz kommt zu dem Schlußergebnis, daß es "Sachen Religion (...) nur einen Weg des Friedens (gibt), den der Toleranz und der Gleichberechtigung. Deutschland ist nicht in Gefahr vor Kopftüchern, sondern vor großen Kanonen, die auf kleine Spatzen schießen. Gewiss: Es ist ärgerlich, wenn heute muslimische Frauen den Emanzipations- und Gleichberechtigungsprozess in Europa dadurch bremsen, dass sie eine "Macht auf dem Haupt" wünschen, sich einreden lassen oder einfach zulassen. Verbieten können, dürfen, sollen wir es ihnen nicht. Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis alle Frauen - auch die muslimischen - niemanden mehr auf ihrem Kopf herumtanzen lassen."

Dem möchte ich nur noch hinzufügen: Jede Frau hat das Recht, jemanden auf ihrem Kopf "herumtanzen" zu lassen, jemand anderem "Vollmacht über ihr Haupt" zu erteilen, was sie dann auch durch ein Kopftuch oder einen Schleier zum Ausdruck bringen mag. Nicht jede Frau wird auf dem Wege zur Emanzipation darauf verzichten wollen, einem Mann zu erlauben, ihr "Haupt" zu sein, nicht jede Frau wird ihre Emanzipation dadurch gefährdet sehen, daß sie ein Tuch auf dem Haupte oder auch vor dem Gesichte trägt.

Wir sollten uns fragen, ob wir mit dem Kopftuch nicht von etwas ablenken wollen: Einer Schieflage in der Gleichberechtigung bei uns. Ehe wir dem anderen helfen wollen, den Splitter aus seinem Auge zu entfernen - oder das Tuch vom Kopfe -, sollten wir sehen, daß wir den Balken aus unserem Auge loswerden - oder eher die alles verhüllende Burqa. Was wir nicht brauchen, ist eine "Kopftuchdebatte", in der muslimische Lehrerinnen im Mittelpunkt stehen. Was wir brauchen, ist eine Auseinandersetzung mit dem Stand der Gleichberechtigung in unseren Kirchen, in unserer Gesellschaft, in unserer Politik, in unserer Wirtschaft, in unserer Ethik. Was wir brauchen, ist kein Blick unter das Kopftuch, sondern unter die "Burqa" unserer in Schieflage befindlichen "Gleichheit" von Mann und Frau.

Was es zu verhindern gilt, ist nicht ein Stück Stoff auf dem Kopf, sondern im begründeten Einzelfall eine verfassungsfeindliche Beeinflussung durch LehrerInnen, gleich welchen Glaubens sie sind.

Was es zu beheben gilt, ist die Schieflage in der Gleichheit von Mann und Frau in unserer Gesellschaft, in unseren Kirchen. Wenn dieser Prozeß in Gang kommt, müssen aber auch die Muslime mitziehen - denn freilich ist auch dort so manches in einer Schieflage.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Answering Islam Deutschland veröffentlicht. Dies ist ein unveränderter Nachdruck aus aktuellem Anlaß.

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