Ein einzelner Muslim oder eine Gruppe von Muslimen hat das Recht, frei eine Glaubensüberzeugung zu bilden, nach der das Tragen des Kopftuches für Frauen wünschenswert, empfohlen oder vorgeschrieben ist. Sie dürfen dafür frei einstehen und ebenso frei dafür werben - und natürlich dürfen muslimische Frauen aufgrund dieser Glaubensüberzeugung das Kopftuch tragen. Das würde sogar dann gelten, wenn sie mit dieser Glaubensüberzeugung ausdrücken wollten, daß sie unfrei, rückständig und unterdrückt sind, sich nicht integrieren wollen und einer bestimmten religiös begründeten politischen Überzeugung anhängen. Es darf nur niemand gezwungen werden, dieser Glaubensüberzeugung zuzustimmen bzw. als Frau, aufgrund dieser Glaubensüberzeugung ein Kopftuch tragen zu müssen. Außerdem darf mit dem Kopftuch keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit, Ordnung, Gesundheit, Sittlichkeit oder der Grundrechte und -freiheiten anderer verbunden sein. 

Wo eine Kopftuch tragende Muslima darin eine politische Überzeugung sieht, ist das völlig in Ordnung - es zählt hier allein die religiöse Überzeugung, die sich mit einer politischen Überzeugung verbindet. 

Und ja, im Koran wird das Kopftuch nicht ausdrücklich genannt. Für den Islam ist aber der Koran nicht die einzige Quelle für die Ausgestaltung von Glauben und Leben - ebenso werden etwa die auf Muhammad zurückgehenden Traditionen und Aussprüche beachtet, Analogieschlüsse und der Konsens der Gläubigen. Und dort wird das Kopftuch sehr wohl genannt und fließt darum in muslimische Glaubensüberzeugungen ein.

Die westliche Sicht auf das Kopftuch als Zeichen von Unfreiheit, Unterdrückung, Zwang und Rückständigkeit ist freilich eine verzerrte Sicht, die viel mit unserer eigenen Geschichte zu tun hat. Wir sollten nicht von uns auf die Muslime schließen - damit werden wir ihnen nicht gerecht (und uns auch nicht). 

Für viele junge Muslimas, die etwa zwischen der Türkei als ihrem Herkunftsland und Deutschland als ihrer jetzigen Heimat stehen und weder wirklich zur Türkei noch zu Deutschland gehören, ist das Kopftuch als Ausdruck ihrer Identität als Muslima von großer Bedeutung. Es gibt ihnen Freiheit von dem Kampf zwischen dem "Türkischen" und dem "Deutschen", es gibt ihnen eine Identität, die über diesen beiden widerstreitenden Polen steht, es befreit sie von dem Zwang, sich für Deutschland oder die Türkei entscheiden zu müssen. Hier hat das Kopftuch nichts mit Unfreiheit, Zwang, Unterdrückung, Rückständigkeit usw. zu tun. (Das gilt natürlich nicht nur für Kopftuch tragende Muslimas mit türkischen Wurzeln, sondern auch für solche aus anderen Ländern.)

Auch der Integration muslimischer Frauen steht das Kopftuch nicht im Weg. Leider ist es aber so, daß sich so mancher Deutsche schwer tut, sich auf eine Kopftuch tragende Frau einzulassen - aber Integration ist nun einmal keine Einbahnstraße von "ihnen" zu "uns", sondern ebenso geht es darum, daß wir uns auf die Muslime zu bewegen, auch wenn es sich unm Kopftuch tragende Frauen handelt. Meiner Meinung nach hemmt das Kopftuch mehr uns bei der Integration - und weniger die muslimischen Frauen, die es tragen.

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