Wer heute die "christlich-jüdische Tradition" beschwört, muß sich die Frage gefallen lassen, ob er tatsächlich vergessen hat, wie man hierzulande mit den Juden umgegangen ist. Und immer noch umgeht - heute besteht diese Tradition oft genug darin, daß wir ihnen den Holocaust nicht verzeihen können.

Andererseits - wenn nach der "christlich-jüdischen Tradition" nun "auch der Islam" dazugehört, so ist da vielleicht etwas Wahres dran; denn während Deutschland die Tradition des Antisemitismus noch lange nicht überwunden hat, beginnt jetzt eine neue Tradition der Islamophobie in unserem Land, in Europa.

Andere verstehen das "auch der Islam gehört nun dazu" vielleicht aber auch so, daß nun auch die Muslime eingeladen sind, sich an der christlich-jüdischen Tradition des Judenhasses zu beteiligen - erste islamistisch geprägte Erfolgsgeschichten dieser Integration sind ja schon zu vermelden ("Antizionismus").

Wie dem auch sei - eine etwaige "christliche Tradition" Deutschlands sollte man nicht überbewerten. Es haben im Laufe der Jahrhunderte einige mehr oder minder christliche Überzeugungen in unsere Kultur Einzug gehalten und wurden Tradition, ohne daß die Christen Deutschland deswegen als "christlichen Staat" bezeichnen könnten, zumal es ohnehin nicht ein homogenes Christentum gibt, das sich mit den "christlichen Traditionen" Deutschlands identifizieren könnten. Wir haben hier Katholiken und Protestanten, Volks- und Freikirchler, Liberale, Evangelikale und Charismatiker um nur einige der "amtlichen" Strömungen zu nennen; tatsächlich ist für die meisten Christen ihr Glaube heutzutage eine Patchworkreligion; ein gemeinsamer Nenner wird immer kleiner, die "christliche Tradition" von den Christen her immer mehr verdünnt und unkenntlich gemacht - auch ohne muslimische oder andere Einflüsse (ironischerweise bringt der Islam etwa mit dem Kopftuch eine sehr jüdische wie christliche Tradition zurück, ohne daß wir darüber allerdings sehr erfreut wären).

Neben der christlichen Tradition - man vergesse hier auch nicht die der Freikirchen, die sich teilweise gegen enormen Widerstand gegen die Landeskirchen behaupten und für ihre Religionsfreiheit kämpfen mußten -, haben wir hier auch die schon erwähnte jüdische Tradition, die natürlich nicht nur die einer immer und immer wieder verfolgten Minderheit ist, sondern unser Land vermutlich in einem besseren Sinn geprägt hat als die Mehrheitschristen, wir haben aber auch die Traditionen des Humanismus und der Aufklärung, die Wulff freilich beide zu erwähnen vergessen hatte. Das Abendland ist ein Schmelztiegel verschiedenster Traditionen, Wulffs religiöse Trias aus Christentum, Judentum und "inzwischen auch" Islam" bietet nur eine kleine Auswahl und hinterläßt in einem weltanschaulich neutralen Staat einen bitteren Nachgeschmack.

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