Christlicher Glaube...

Kreationismus - ein anderes Evangelium?

Kreationismus (einschließlich "Intelligentes Design"), "Geistliche Kriegsführung" und die neocharismatische Glaubensbewegung - das sind derzeit drei Strömungen im Christentum, denen ich das Etikett "ein anderes Evangelium" verpassen würde. Das bedeutet nicht, daß ich glaube, in diesen Bewegungen, die aus den USA auch zu uns nach Deutschland gekommen sind, gäbe es keine "richtigen" Christen - aber was in diesen drei Bewegungen geglaubt und verkündigt wird, stellt meines Erachtens eine ernsthafte Gefahr für das Evangelium und den evangelischen Glauben dar, die nicht unterschätzt werden sollte.

Was bringt Christen dazu, dem Kreationismus oder dem "Intelligenten Design" (ID) zuzustimmen? In Deutschland spielt der aus den USA importierte Kreationismus erst seit den 1980ern eine Rolle, die ID-Bewegung (seit etwa 1990 in den USA als "unreligiöse Alternative" zum Kreationismus präsent) seit Ende der 1990er. Dabei bleiben Kreationismus und ID-Bewegung allerdings auf evangelikale und pfingstkirliche sowie orthodoxe Christen beschränkt; die Mehrheit der liberalen Protestanten, der linke Flügel der Evangelikalen (Offene Evangelikale) und die Katholiken lehnen Kreationismus und ID-Bewegung mehrheitlich ab, vertreten allenfalls eine stark gemäßigte Variante der ID-Lehre unter Anerkennung der Evolutionstheorie

Die Gründe, dem Kreationismus bzw. der ID-Lehre zuzustimmen, dürften u.a. folgende sein:

  • Die Annahme, daß eine Ablehnung des Schöpfungsglaubens den Schutz des Lebens untergräbt
  • Die Annahme, daß eine Ablehnung des Schöpfingsglaubens zur moralischen Verrohung führt
  • Die Annahme, daß der christliche Glaube kein Fundament mehr hat, wenn man den Glauben an die Schöpfung aufgibt (ohne Adam und Sündenfall hätte Jesu Sühnetod keine Berechtigung)
  • Die Annahme, daß die Evolutionstheorie den Atheismus fördert
  • Die Annahme, daß der Kreationismus bzw. die ID-Lehre das beste wissenschaftliche Werkzeug gegen den Atheismus sei
  • Die Annahme, daß eine Evolution des Lebens Gottes Bedeutung (Allmacht) schmälert
  • Die Annahme, daß die Evolutionstheorie den Sozialdarwinismus und den Rassenwahn fördere

Keiner dieser Gründe ist meiner Überzeugung nach zwingend, keine Annahme völlig korrekt. Natütlich mißbrauchen viele "Neue Atheisten" und die "Brights" ("Hellen") die Evolutionstheorie für ihre "Mission wider die Religion", aber es ist eben ein Mißbrauch der Naturwissenschaft, wie sie auch für den Rassenwahn mißbraucht werden kann, für Amoralität und die Abwertung von werdendem oder behindertem Leben als "Zellklumpen". Dem Mißbrauch der Naturwissenschaften durch "Neue Atheisten", Rassisten usw. muß entschieden entgegengetreten werden, aber man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, indem man die naturwissenschaftlich fundierte Evolutionstheorie abschafft und durch eine naturwissnschaftlich in nahezu jedem Punkt nicht haltbare Theorie ersetzt, Gott oder ein "intelligenter Designer" habe ide Welt vor mehr oder weniger kurzer Zeit geschaffen.

Auch wenn sowohl Kreationisten und Vertreter der ID-Bewegung als auch "Neue Atheisten" etwas anderes behaupten - der christliche Glaube braucht nicht nur keine Schöpfungstheorie, sondern läßt sich problemlos mit der Evolutionstheorie zu einer Weltsicht verbinden. Überhaupt kommt ein evangelisches Weltbild ohne die Naturwissenschaften nicht aus; evangelischer Glaube betrachtet die Welt mit der Bibel in der einen und dem Mikroskop in der anderen Hand, bringt Glaube und Naturwissenschaft miteinander ins Gespräch und geht auf beiden Wegen einher, um die Welt zu entdecken. Das Evangelium spricht dem Glaubenden die Freiheit des selbständigen Erkennens zu. 

Wer allerdings am Kreationismus oder an der ID-Lehre festhält, belastet den christlichen Glauben mit ziemlich schwierigen Problemen (und das nicht nur, weil man die eigene Schöpfungstheorie ständig an die aktuellen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse anpassen muß - irgendwann wird nahezu jede Lücke, in die man den Schöpfergott verfrachtet hat, von der Naturwissenschaft geschlossen). 

Die erste Schwierigkeit, die sich aus dem Kreationismus bzw. der ID-Lehre ergibt, ist das falsche Gottesbild. 

Der Gott der Schöpfungstheorien ist ein allmächtiger Gott, dessen Allmacht in der ganzen Schöpfung sichtbar sei und von der Evolutionstheorie wider besseren Wissens geleugnet werde. Es ist im Grunde genommen der Gott, der im Allmächtigkeitsparadoxon vor dem Problem steht, einen so schweren Stein erschaffen zu können, daß er selbst ihn nicht zu heben vermag. 

Der Gott der Bibel ist wohl allmächtig - aber sein Wirken in der Schöpfung ist von Kondeszendenz geprägt, von der Herablassung, Erniedrigung Gottes, die ihren Höhepunkt in der Offenbarung Jesu Christi findet. Gott ist in Christo, ja, in Christus wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig - in einem Kind in der Krippe, in einem Dulder am Kreuz. Gottes Allmacht ist stets in einer Knechtgestalt verhüllt, kann stets nur stückweise erkannt werden. Wer das nicht erkennt, hat vom Evangelium noch gar nichts erkannt. Ein Evangelium ohne Kondeszendenz ist ein anderes Evangelium

Warum ist die Kondeszendenz Gottes, seine Herablassung so wichtig? Ein in Geschichte oder Gegenwart allmächtig agierender Gott würde die Menschen zum Glauben zwingen, konfrontiert mit der Allmacht Gottes wären sie Marionetten Gottes und nicht freie Menschen. Die Bibel lehrt, daß Gott unser Gewissen überführen möchte, indem er als Dulder am Kreuz bittet: Laßt euch versöhnen mit Gott. Wenn schon das Kreuzesgeschehen, das doch den Höhepunkt der Heilsgeschichte darstellt, kein Spectaculum, kein Schauwunder war, dann dürfen wir das von der Schöpfung erst recht nicht erwarten. Wer freilich in dem Kind in der Krippe und in dem Dulder am Kreuz die Herrlichkeit Gottes erkennt, der erkennt auch in der Evolution des Lebens die Herrlichkeit des Schöpfers. 

Christen sind gerechtfertigte Sünder - als Sünder wollen wir gerne groß sein oder wenigstems zu etwas Großem gehören. Religiöse Sünder wollen einem ganz großen Gott gehören, der seine Herrlichkeit als Schauwunder in die Welt sendet. Es ist unsere alte "fleischliche" Natur, daß wir gerne eine große Religion haben - und dazu gehört dann auch eine "große Schöpfung", ein allmächtiger Kreator. Rechtfertigung basiert aber gerade auf der Kondeszendenz Gottes; sie ist darum auch Maßstab unserer Nachfolge. Wir können der Welt nicht die Schauwunder eines Kreationisten-Gottes vorführen, sondern sie nur am Zeugnis unseres Schöpfungsglaubens teilhaben lassen. Allein dort läßt sich die Schöpfungsherrlichkeit erkennen - aber freilich bleibt es dabei, daß all unsere Erkenntnis Stückwerk ist und natürlich kein Gottesbeweis. 

Darüber hinaus zwingt der mit fortschreitender naturwissenschaftlicher Erkenntnis immer größer werdende Unterschied zwischen dem Kreationismus auf der einen und dem Evolutions-Modell auf der anderen Seite den Kreationisten dazu, entweder die Naturwissenschaftler wahlweise für Dummköpfe, Lügner oder Betrüger zu halten - oder Gott für einen Trickser und Täuscher, der die Welt nur so aussehen läßt, als sei sie alt und habe das Leben in einem planlosen, eher "zufälligen" Prozeß hervorgebracht, während es sich in Wirklichkeit ganz anders verhält. Hat Gott etwa vor kurzem an den "Naturgesetzen" herumgedreht, damit sich die paar Tausend Jahre nunmehr wie Milliarden Jahre darstellen? Hat Gott etwa nicht nur die Sterne geschaffen, sondern auch gleich das Licht, das aus viel mehr als ein paar Tausend Lichtjahren Entfernung auf die Erde strahlt, mitgeliefert? Und warum in alles in der Welt sollte Gott die Welt "alt" und das Leben "planlos und zufällig entstanden" wirken lassen, warum nicht gleich jung und unmittelbar geschaffen oder wenigstens intelligent designt? Wenn ein Naturwissenschaftler aus den Fakten, die ihm zur Verfügung stehen, weil Gott sie eben so und nicht anders erscheinen läßt, ein hohes Alter des Universums, der Erde und des Lebens konstatiert - sündigt er dann? Will Gott damit etwa den Menschen versuchen?

Das Gottesbild, das hier entsteht, ist mehr als problematisch. Gott trickst die Menschen aus - und wenn sie dann auf seine Tricksereien und Täuschungen hereinfallen, verdammt er sie? Darüber hinaus wäre das auch das Ende aller Naturwissenschaft - der Naturwissenschaftler müßte stets fürchten, auf göttliche Tricks hereinzufallen - er müßte alle Fakten, alle Modelle an der Bibel ausrichten, und doch könnte er sich nie sicher sein, ob er die Bibel denn richtig auslegt. Die Kreationisten kommen ja ohnehin zu höchst unterschiedlichen Modellen, weil sie eben die Bibel je und je verschieden auslegen. Nicht einmal die Kreationisten haben also die Sicherheit, ein "bibeltreues" Modell der Schöpfung vorlegen zu können. 

Schließlich ist das Gottesbild des Kreationismus und der ID-Bewegung eher das eines "Lückenbüßer-Gottes". Gott bzw. sein schöpferisches Wirken wird allzu häufig in die Lücken naturwissenschaftlicher Erkenntnis verbannt. Das Problem hierbei ist, daß jedes Mal, wenn sich eine Lücke schließt, Gott kleiner wird. 

Das Gottesbild sowohl des Kreationismus als auch der ID-Bewegung ist also höchst problematisch - und ist auch einem Nichtchtristen, sei er nun Naturwissenschaftler oder nicht, nicht zu vermitteln. 

An dieser Stelle kommen wir zum nächsten Problem - die Glaubwürdigkeit des Evangeliums, der Bibel, unseres Herrn Jesus Christus. Schon im vierten Jahrhundert nach Christus mußte sich der große Aurelius Augustinus mit Christen auseinandersetzen, die ein biblizistisches Weltbild gegen die damals geltende Weltsicht - begründet von Aristoteles, Demokrit, Ptolemaios, Aristarch usw. - setzten. In seiner Schrift "De genesi ad litteram" verweist Augustinus darauf, daß selbstverständlich auch Nichtchristen ein sicheres Wissen über die Natur haben - und wie peinlich es ist, wenn nun Christen unter Berufung auf die Bibel falsche Behauptungen über die Natur aufstellen. Aber die größte Gefahr sieht Augustinus nun nicht in der Peinlichkeit und daß die Nichtchristen unseren Frommen auslachen - sondern daß die Nichtchristen annehmen werden, diese falschen Behauptungen hätten sich die Autoren der Bibel ausgedacht und also der Bibel gar keinen Glauben schenken. 

Wer sich mit den Naturwissenschaften nicht auskennt, der mag die Behauptungen des Kreationismus und der ID-Lehre - die sich in der Regel gegen die Modelle der Evolutionstheorie richten - für wahr halten. Aber alle diejenigen, die Fachleute etwa der Physik, der Geologie und der Biologie sind, erkennen natürlich, daß da falsche Behauptungen verbreitet und mit der Bibel begründet werden. Sie werden nun nicht nur diese falschen Behauptungen zurückweisen, sondern möglicherweise auch den christlichen Glauben selbst. Dies ist heute nicht nur das Vorgehen der "Neuen Atheisten", sondern vieler naturwissenschaftlich gebildeter Nichtchristen. Sie schütten das Kind mit dem Bade aus - sie verwerfen nicht nur die falschen Behauptungen der Kreationisten und der ID-Bewegung, sondern auch die Verkündigung der Kirche insgesamt. Am Atheismus unserer Zeit tragen "solche unbesonnenen Eiferer", wie Augustinus ihre Vorläufer im vierten Jahrhundert genannt hat, eine gewisse Mitschuld - sie liefern Steilvorlagen für diejenigen, die die Evolutionstheorie als "Spectaculum" für ihre atheistische Mission mißbrauchen.

Ein weiteres Problem besteht darin, daß manche Vertreter des Kreationismus und der ID-Bewegung es ab und an mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, Fakten werden verfälscht oder verkürzt dargestellt oder aus dem Zusammenhang gerissen, veraltete und überholte Modelle werden nur zögerlich aufgegeben (hier sind die deutschen evangelikalen Kreationisten in Schutz zu nehmen: die meisten von ohnen arbeiten sauber und halten sich an die Fakten; Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel). 

Überhaupt sind die Modelle der Kreationisten und der ID-Bewegung in wissenschaftlicher Hinsicht nur selten plausibel. Der Schwerpunkt des Kreationismus liegt nicht darauf, eigene Modelle vorzustellen und die Plausibilität zu beweisen, sondern eher darin, die Modelle der Evolutionstheorie zu bezweifeln, die Fakten anzugreifen und falsche Motive zu unterstellen. Die Theologie ist darüber hinaus nicht nur Deutungsrahmen, sondern soll die Plausibilität liefern. Der für die Naturwissenschaften unverzichtbare methodische Atheismus (der mit dem ideologischen Atheismus nicht das Geringste zu tun hat) wird verworfen und durch einen methodischen Theismus ersetzt. 

Ein weiteres Problem, auf das ich eingehen möchte, besteht darin, daß der Kreationismus und die ID-Bewegung die Bibel in den Stand eines "papiernen Papstes" erheben. Aus dem reformatorischen "sola scriptura", "allein die Bibel", das sich auf die Frage des alleinrechtfertigenden Glaubens an die alleinwirkende Gnade, die allein durch Jesus Christus vermittelt wird, bezieht, wird ein Biblizismus, der Glaube an eine Unfehlbarkeit der Schrift in allen Fragen nicht nur des Glaubens, sondern auch des ganzen Daseins in dieser Welt, Moral, Recht, Wissenschaft. Der evangelische Glaube der Reformation geht selbstverständlich davon aus, daß nicht allein die Bibel erlaubt, die Welt zu entdecken, sondern auch das "Buch der Natur". Wer das "Buch der Natur" zuklappt und sich allein mit der Bibel in der Hand durch die Welt bewegen will, verläßt den Boden der Reformation - und wird letztlich auf die Nase fallen. 

Noch bis in die 1980er Jahre hinein war unter den deutschen Evangelikalen ein reformatorisches Bibelverständnis verbreitet, aber danach breitet sich ein anderes Bibelverständnis aus. Bis in die 1980er glaubten die Evangelikalen der Schrift - heute gibt es mehr und mehr Evangelikale, die an die Bibel glauben. Wo man aber an die Bibel glaubt, da gerät der Glaube an Jesus Christus in eine unevangelische Konkurrenzsituation. 

Die Bibel, so haben die Reformatoren gelehrt, soll von jedem Christen gelesen werden, damit er wissen kann, was Gott für ihn tut und was Gott von ihm fordert. Bis dahin war es die Kirche, die dem Christen dieses Wissen vermitteln wollte und dafür auf die Schrift und die Tradition zurückgriff. In der Bibel, so die Reformatoren, hören wir die lebendige Stimme des Evangeliums, aus ihr vernehmen wir den Zuspruch Gottes, von ihr wird eine persönliche Beziehung zum gegenwärtigen Christus vermittelt. Die Bibel wird in der Reformation als "norma normans" verstanden, die allen anderen Normen und Kriterien des evangelischen Glaubens vorgeordnet ist. Sie steht über dem Lehramt der Kirche und über der kirchlichen Tradition - wo es um das Evangelium und den glaubenden Menschen (als gerechtfertigten Sünder) geht. Schon zur Zeit Luthers gab es Versuche, die Bibel als eine Auskunftei zu mißbrauchen, die auf jede nur denkbare Frage in wunderbarer Weise immer die richtige Antwort parat hat. Luther aber hat diesen Glauben an einen "papiernen Papst" entschieden abgelehnt, und in der Reformation hat ein solches Bibelverständnis keine Heimat.

Erst später beginnt die Umdeutung des reformatorischen "sola scriptura" in den unevangelischen Glauben an einen "papiernen Papst", unfehlbar und kompetent für alle Aktivitäten des täglichen Lebens. Dieser Prozeß begann in den USA, und dort ist dieses Bibelverständnis bis heute im Protestantismus maßgeblich, und von dort breiten ihn protestantische Missionare in alle Welt aus. Er  wird als "Schutzwall biblischer Wahrheiten" gegen alle Anfechtungen und Zweifel gepriesen. Es fällt uns Europäern natürlich leicht, auf den Biblizismus der protestantischen Amerikaner herabzuschauen - aber man sollte auch auf die Wurzeln dieser Entwicklung schauen, die bis nach Europa reichen, von wo Christen in die "neue Welt" geflohen sind oder vertrieben wurden. Wir hätten unter vergleichbaren Umständen die gleiche Entwicklung genommen, wir sind nicht besser und nicht einmal besser dran. Mittlerweile, am Übergang von einer "alten Welt" in eine "neue Welt", am Übergang von der Moderne zur Postmoderne, scheint dieses Bibelverständnis sogar in Europa für viele Christen ein Schutzwall gegen all die Zweifel und Anfechtungen zu sein. Die protestantischen Bibel-Missionare aus den USA finden hier einen fruchtbaren Ackerboden vor. Wo die Welt zu zerfallen scheint, wo sich Strukturen auflösen, wo Werte relativiert werden, wo die Welt auf dem Kopf steht, da suchen Menschen einfache Antworten auf die Fragen nicht nur des Glaubens, sondern auch des Lebens. In Deutschland freillich ist die Skepsis gegenüber einem traditionellen Christentum, das sich nicht nur im "Stillen Kämmerlein" und in einigen wenigen "öffentlichen Reservaten" wie Gottesdienst und Wort zum Sonntag abspielt, groß, aber immer noch finden sich genug Christen, die an die Bibel wie an einen "papiernen Papst" glauben und darin unfehlbare Antworten auf jede nur denkbare Frage des Glaubens und Lebens finden wollen. 

Zudem liefert die Bibel einfach nicht die Antworten auf all die Fragen des Glaubens, der Wissenschaft, der Moral, des Rechts - alle jene Bibellehrer, die mit den Worten "die Bibel sagt..." beginnen, betreiben Eisegese, sie lesen etwas in die Bibel hinein. Darum gibt es auch so viele Antworten, wie es Bibellehrer und Prediger gibt, die sagen: "Die Bibel ist die unfehlbare Antwort auf alle Fragen des Glaubens und des Lebens". 

Der Christ in der Welt ist zur Freiheit des Erkennens berufen. Nicht einem "papiernen Papst" soll er folgen, sondern selbst um das Erkennen ringen. Die eine richtige Antwort als Patentrezept, die an allen Orten und zu allen Zeiten gültig wäre, gibt es nicht, sondern an jedem Ort und zu jeder Zeit und in jeder Situation muß der Christ um die richtige Antwort ringen, und oft genug wird sie je nach Ort und Zeit und Situation verschieden ausfallen. Die richtige Antwort ist immer diejenige, die es erlaubt, das Doppelgebot der Liebe zu befolgen und daß einer des anderen Last trägt. 

Viele Christen haben Angst vor dieser Freiheit, haben Angst vor der Verantwortung, die damit einhergeht. Wir sehnen uns nach einfachen Antworten, die möglichst unabhängig von Ort und Zeit und Situation gelten, die unabhängig sind von den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, die unverrückbar fest stehen und auch den Stürmen des Lebens und dem Wüten der Feinde trotzen. Bibellehrer versprechen diese fixierten Antworten: "Die Bibel sagt...", sie versprechen uns Sicherheit und das gute Gefühl, Recht zu haben, recht zu handeln. Dahinter steckt der "fleischliche" Wunsch, selbst an unserer Gerechtigkeit zu bauen, auf unsere eigene Gerechtigkeit zu vertrauen. 

Das aber ist ein anderes Evangelium als das, durch das wir selig werden: Auf die Gerechtigkeit vertrauen, die Gott uns schenkt. 

Darum geht es nämlich: Der Kreationismus und die ID-Lehre versprechen uns, daß wir Recht haben. "Die Bibel sagt...", und dann beginnt das Tohuwabohu, der Streit um die rechte Auslegung der Schöpfungszeugnisse. Jeder beharrt auf "seinem" Recht, aber darum geht es nun einmal nicht, nicht um ein Rechthaben, das wir aus der Schrift herauslesen wollen, sondern um die Gerechtigkeit, die Gott schenkt. 

Das ist das, worum es in der Bibel geht - und nicht um eine Auskunftei, in der wir alle Antworten auf alle Fragen des Glaubens, der Wissenschaft, der Moral und des Rechts finden. Das Thema der Bibel ist die Rechtfertigung des Sünders. Auch Genesis 1-2 handeln in ihren Zeugnissen von diesem Thema (zusammen mit den witeren Kapiteln). Wer Genesis 1-2 anders liest, der verfehlt das zentrale Thema der Bibel, das Evangelium der Rechtfertigung des Sünders. Wer Gesnsis 1-2 als "Evangelium des Kreationismus" liest, der liest ein anderes Evangelium.

Das letzte Problem, das ich ansprechen möchte, betrifft die Weggefährten auf dem Wege der Schöpfungstheorien und Evolutionsgegnerschaft. Da ist einmal der türkisch-islamistische Kreationismus, wie er etwa von Adnan Oktar (alias Harun Yahya) in der Türkei (und auch in türkischen Kreisen hierzulande) verbreitet wird - vermischt mit einer gehörigen Verdammung des Westens (einschließlich des Christentums) und einem kaum verhüllten Antisemitismus. Auch sonst geht der Kreationismus bei vielen muslimischen Fundamentalisten und Islamisten Hand in Hand mit einer Ablehnung der "Gottlosigkeit des Westens" und dem Verdacht eines "Kreuzzuges gegen den Islam". Harmlos ist dagegen der Kreationismus der Zeugen Jehovas, alles andere als harmlos dann wieder so mancher Kreationismus oder ID-Gedanke aus der Esoterik-Szene. Nun haben sich die christlichen Kreationisten und ID-Vertreter diese Weggefährten nicht ausgesucht - unter den Teppich kehren sollte man dieses Problem dennoch nicht.

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