Christlicher Glaube...

Fundamentalismus

Was ist Fundamentalismus? Gibt es christliche Fundamentalisten?

Der Begriff "Fundamentalismus" hat nur indirekt mit Fundamenten zu tun. Christen, die sich selbst als "Fundamentalisten" bezeichnen, weil ihr Fundament Jesus Christus und/oder die Bibel ist, sind nicht zwangsläufig Fundamentalisten, weil dieser Begriff nie "offiziell" auf sie angewendet worden ist.

Offiziell wurde dieser Begriff im frühen 20. Jahrhundert eingeführt, als konservative amerikanische Christen auf den damals aktuellen Wissenschaftsglauben, den Fortschrittsoptimismus, den theologischen Liberalismus und die historische Bibelkritik - heute alles ziemlich kalter Kaffee - mit einer Schriftenreihe namens "The Fundamentals - a Testimony to the Truth" reagierten. Diese Schriftenreihe hat ein ziemlich breites Spektrum an theologischen Meinungen wiedergegeben, es war alles andere als ein theologischer Einheitsbrei. Dieses Spektrum hat sich in den nächsten Jahren verengt. Niemals aber haben die aufgrund dieser Schriftenreihe als "Fundamentalisten" bezeichneten Christen Gewaltbereitschaft signalisiert. Somit stand der christliche Fundamentalismus immer für eine friedliche Auseinandersetzung mit anderen Überzeugungen.

Im Laufe der Zeit allerdings wurde der christliche Fundamentalismus immer separatistischer - sowohl gegenüber anderen christlichen Gruppierungen als auch gegenüber Gesellschaft und Politik -, und um aus dieser selbst gewählten Isolation auszubrechen, haben sich die Evangelikalen gegründet, die viele theologische und moralische Überzeugungen mit den christlichen Fundamentalisten geteilt haben, aber mit Vertretern anderer christlicher Strömungen und anderen Religionen offen umgehen wollten und auch den Dialog mit Politik und Gesellschaft suchten.

Heute stellen die damaligen christlichen Fundamentalisten eine Subkultur der Evangelikalen dar, sind aber immer noch friedliebend und lehnen Zwang und Gewalt gegen Andersglaubende und -denkende ab. Man könnte sie wegen ihrer nach wie vor separatistischen Neigung als "separatistische Evangelikale" bezeichnen; sie meiden den Dialog mit Außenstehenden oder sind dabei sehr zurückhaltend. Im vielfältigen Spektrum der Evangelikalen stehen sie meist eher rechts, aber nicht unbedingt am rechten Rand.

Heute wird der Begriff "Fundamentalisten" nicht mehr auf die Vertreter des ursprünglichen christlichen Fundamentalismus bzw. auf die entsprechende Subkultur der Evangelikalen angewandt.

Als christliche Fundamentalisten werden heute vielmehr Christen bezeichnet, die:

  1. Das ewige Heil mit ihrer jeweiligen Auslegung der Heiligen Schrift verbinden
  2. Die eigenen Wurzeln unreflektiert idealisieren und im Heute verwirklichen wollen
  3. Eine starre Sitten- und Soziallehre haben
  4. Eine starre politische Ausrichtung haben
  5. Gewillt sind, ihre religiös begründeten Überzeugungen auch politisch durchsetzen zu wollen
  6. Friedfertig sind und Zwang und Gewalt zur Durchsetzung ihrer religiös begründeten Überzeugungen ablehnen
  7. All diejenigen, die die vorgenannten Überzeugungen nicht teilen, nicht im Vollsinn als Christen betrachten, zumindest "fehlt" ihnen etwas am "richtigen" Glauben oder sie sind keine Christen

Bei vielen Fundamentalisten reichen die "eigenen Wurzeln", die unreflektiert idealisiert werden, meist direkt bis ins Neue Testament zurück - manchmal sogar bis in die Zeit des Gesetzes und der Propheten. Man möchte eine "neutestamentliche Gemeinde" sein oder ein "aaronitisches Priestertum" wieder aufrichten. Wieder andere gehen nicht so weit zurück und idealisieren beispielsweise Luther oder Calvin.

Mit der dritten Bedingung sind nicht allein konservative Überzeugungen im Bereich der Moral und des sozialen Zusammenlebens gemeint, sondern können auch liberale Überzeugungen gemeint sein. Entsprechend sind mit der vierten Bedingung nicht allein "rechte" bzw. konservative politische Positionen gemeint, sondern es kann sich auch um eine andere politische Ausrichtung handeln, etwa "links" oder "grün".

Die fünfte Bedingung gilt nicht ausschließlich, aber im Besonderen dort, wo es um Überzeugungen geht, die Dritte betreffen würden bzw. Auswirkungen auf die Allgemeinheit hätten. Auch wenn es in jedem Falle fundamentalistisch ist, so ist es doch ein Unterschied, ob man erstens nicht möchte, daß das eigene Kind im Biologieunterricht die Evolutionstheorie lernt, ob man zweitens möchte, daß neben der Evolutionstheorie der Kreationismus gleichberechtigt gelehrt wird oder ob man die Evolutionstheorie drittens grundsätzlich aus dem Biologieunterricht verbannen und durch den Kreationismus ersetzen will.

Nicht jeder Kritiker des christlichen Fundamentalismus akzeptiert die sechste Bedingung, die Friedfertigkeit, sondern bezeichnet auch Extremisten und Terroristen als "Fundamentalisten", was aber für die Diskussion wenig hilfreich ist, die friedfertigen Fundamentalisten in einem schlechten Licht darstellt und die Taten von Extremisten und Terroristen relativiert.

Christliche Fundamentalisten findet man sowohl am rechten Rand des Evangelikalismus als auch am linken Rand des Liberalismus, obwohl manche Kritiker christlicher Fundamentalisten auf dem "linken Auge" blind sind und Fundamentalisten nur am rechten Rand sehen wollen. Daneben gibt es auch noch einige weitere Splittergruppen, etwa mit katholischem oder dem einen oder anderen orthodoxen Hintergrund, national-religiöse Fundamentalisten usw. 

Heutzutage werden oft auch konservative, streng religiöse und politisch engagierte Muslime als Fundamentalisten bezeichnet. Man kann die sieben oben genannten Bedingungen mit geringen Anpassungen auf Muslime übertragen und bekommt so eine durchaus passende Definition für islamischen Fundamentalismus bzw. Islamismus.

Auf religiöse Extremisten - egal ob Christen, Muslime oder wer sonst - treffen die fünf ersten Bedingungen und die letzte zu, aber gegensätzlich zum oben genannten sechsten Punkt bejahen sie die Anwendung von Zwang und Gewalt zur Durchsetzung ihrer religiös begründeten Überzeugungen, ohne allerdings die entsprechenden Taten selbst zu verüben.

Wer solche Taten nicht nur bejaht, sondern selbst verübt oder an solchen Taten, und sei es nur in der Vorbereitung, beteiligt ist, gilt als religiöser Terrorist

Es ist wichtig, in der Diskussion über christlichen Fundamentalismus zwischen:

  • Evangelikalen (einer höchst heterogenen Bewegung)
  • Fundamentalisten
  • Extremisten
  • Terroristen

zu unterscheiden. Man darf die Angehörigen dieser fünf verschiedenen Gruppen nicht über einen Kamm scheren, die Wahrnehmung als monolithischer Block verbietet sich.

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