Christlicher Glaube...

Evangelikale

Was sind die Evangelikalen eigentlich, was ist die evangelikale Bewegung?

Grundsätzlich gilt, daß es die Evangelikalen nicht gibt - es handelt sich hierbei nicht um einen monolithischen Block, um keine einheitliche Bewegung. Es handelt sich um eine Bewegung, die sehr viele verschieden Strömungen umfaßt, die sich zum Teil stark voneinander absetzen und zum Teil auch abgrenzen.

Unklar ist, ob man die charismatische und pfingstkirchliche Bewegung mit zur evangelikalen Bewegung rechnen muß. Beide Bewegungen teilen viele Anliegen und haben viele Berührungspunkte, aber es gibt auch wichtige Unterschiede.

Weltweit gibt es, ohne die Pfingstler und Charismatiker, etwa 250 - 300 Millionen Evangelikale (dazu kämen noch rund 500 Millionen Pfingstler und Charismatiker, wenn man beide Gruppen zusammenfassen würde, insgesamt also rund 750 - 800 Millionen Christen).

In Deutschland gibt es, je nach Definition und Zählweise, etwa 3 - 5 Millionen Evangelikale, wenigstens die Hälfte von ihnen gehört zur Evangelischen Kirche in Deutschland (Volkskirche), fast die Hälfte zu den evangelischen Freikirchen und jeweils eine Minderheit zur katholischen Kirche, zu einer orthodoxen Kirche o.ä.

Man geht davon aus, daß in der Evangelischen Kirche die Evangelikalen häufig eine Mehrheit darstellen, die sich in bestimmten Bereichen des Gemeindelebens (z.B. Evangelisationen, Gottesdienstbesuch) engagieren. Dennoch sind sie besonders in Leitungsgremien und in den "publikumswirksamen" Bereichen landeskirchlicher Arbeit eher schwach vertreten.

Die evangelikale Bewegung ist jeweils stark national geprägt - so stellt sich die evangelikale Bewegung in den USA völlig anders dar als die in Europa, Afrika, Latein- und Südamerika usw. Grundsätzlich entspricht der "linke Flügel" der US-Evangelikalen (Neo-Evangelikale) eher dem evangelikalen Mainstream in Deutschland. Die hiesigen konservativen Evangelikalen entsprechen der "Mitte" der US-Evangelikalen, die "Rechten" unter den US-Evangelikalen haben in Deutschland kaum eine Entsprechung. Noch deutlicher sind die Unterschiede zwischen den US-Evangelikalen und denen aus der Zwei-Drittel-Welt.

In Deutschland gibt es vor allem folgende Strömungen unter den Evangelikalen:

  • Neo- bzw. Linksevangelikale (die sich selbst allerdings häufig nicht oder nur hinter vorgehaltener Hand als Evangelikale bezeichnen), für die soziale Verantwortung, die Verbindung von Glaube und Wissenschaft, die christliche Ökumene und der interreligiöse Dialog wichtig sind
  • Allianz-Evangelikale (gehören zur Evangelischen Allianz und vertreten ein recht breites Spektrum an Auffassungen, nehmen oft für sich in Anspruch, die Evangelikalen zu sein)
  • Bekenntnis-Evangelikale (eine Minderheit sehr konservativer Evangelikaler)
  • Evangelikale mit Migrationshintergrund (ein Mix aus verschiedenen Strömungen, manche bringen den Evangelikalismus aus den USA mit, andere den aus Afrika, Latein- oder Südamerika usw.)
  • Bibeltreue Evangelikale (ein Teil der Kreationisten gehören hierzu, meist sind sie auf einer Linie mit dem Mainstream der US-Evangelikalen)
  • Fundamentalisten (ein anderer Teil der Kreationisten findet sich hier, meist sind sie auf einer Linie mit dem "rechten" Flügel der US-Evangelikalen). 
Das Wort "Evangelikal" ist ein Kunstwort, das die Deutschen aus dem angelsächsischen Raum ("evangelical") übernommen haben. Es zielt mehr auf die Bedeutung von "dem Evangelium gemäß" ab als auf die Zugehörigkeit zum Protestantismus (der sich aus dem gleichen Grund "evangelisch" nannte, nach Auffassung vieler heutiger Evangelikaler aber teilweise nicht mehr "dem Evangelium gemäß" ist, so daß die "Evangelikalen" sich nicht mehr "evangelisch" nennen wollen). Evangelikale glauben meist, daß es auch in nicht protestantischen Kirchen Christen gibt, deren Glaube "dem Evangelium gemäß" ist (die also "gläubig in unserem Sinne" wären).

Allen Evangelikalen gemeinsam sind folgende Wesenswerkmale:

  • Hohe Wertschätzung der Bibel, die meist als "Gottes Wort" gesehen wird, aufgeschrieben von Menschen, inspiriert vom Heiligen Geist (über das Wesen der Inspiration besteht keine einheitliche Meinung; die Verbalinspiration wird aber nur von einer Minderheit vertreten)
  • In der Trinität wird besonders die Person Jesu wertgeschätzt, die Person des Vaters und des Heiligen Geistes gerät dabei unter Umständen ins Hintertreffen bzw. die Person des Vaters wird vor allem als "Vater Jesu Christi" gesehen und weniger als Schöpfer des Universums und die Person des Heiligen Geistes vor allem als der "Geist Christi" (und damit der Evangelikalen...) und weniger als der Geist, der weht, wo er will
  • Der Mensch wird als sündhaft gesehen, wobei Sünde überwiegend nicht als moralische Kategorie, sondern als "getrennt von Gott", "Gottesferne" verstanden wird - Errettung als von Gott gewirkte Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch wird als notwendig betrachtet
  • Der freie Wille und die theologische Notwendigkeit einer freiwilligen Glaubensentscheidung spielen für viele Evangelikale eine große Rolle
  • Das allgemeine Priestertum aller Gläubigen spielt - besonders in den "alten Ländern" des Evangelikalismus (USA, Europa, Australien) - eine große Rolle, dem Dienst der Laien kommt eine wichtige Bedeutung zu
  • Kirche und Konfession kommen meistens eine geringere Bedeutung zu, Verbindungen zwischen den verschiedenen evangelikalen Kreisen in anderen Denominationen (auch über den Protestantismus hinaus) spielen eine große Rolle, ebenso die Verbindungen über andere Grenzen (Nationen, Sprachen, Ethnien usw.) hinweg - die Evangelische Allianz war weltweit die erste ökumenische Bewegung
  • In evangelikalen Kreisen kommen Christen meistens eher als "Menschen des Glaubens" denn als Vertreter ihrer jeweiligen Konfession bzw. Kirche zusammen
  • Weniger der eigenen Bewegung oder auch dem eigenen Glauben als vielmehr der Person Jesu wird ein Absolutheitsanspruch zugeordnet - "an Jesus vorbei" könne es keine "Rettung", kein "Heil" geben
  • Mission spielt darum eine große Rolle - dabei geht es meist weniger um ein Werben für die eigene Bewegung bzw.für die eigene Denomination, als vielmehr darum, die Einzigartigkeit Jesu (nach evangelikalem Verständnis) zu bewerben und zum Glauben an Jesus und zur Nachfolge Jesu aufzurufen ("Entscheidung für Jesus")

Jede einzelne Strömung innerhalb des Evangelikalismus stimmt diesen Punkten zu, gewichtet sie aber verschieden stark. Alle Strömungen haben jeweils ihr Sondergut, so haben die Neo- bzw. Linksevangelikalen besonderes Interesse an einem "sozialen Evangelium", an Verantwortung für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Dabei arbeiten sie oft auch mit Nichtevangelikalen zusammen, manchmal auch gegen andere Evangelikale (so etwa gegen Vertreter einer US-geprägten "Kreuzzugs-Theologie" mit ihrer Unterstützung für die "Kriege gegen den Terrorismus" und einer einseitigen Unterstützung der Positionen Israels im Konflikt mit den Arabern). 

Zu Themen wie Kreationismus, Umgang mit der Homosexualität und in der Auseinandersetzung mit der "Herausforderung Islam", in denen Evangelikale von Kritikern oft einer "fundamentalistischen" Strömung zugerechnet werden, haben die Evangelikalen keine einheitliche Haltung. 

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