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Sarrazin und die Juden

Ein Antisemit sei er, der Sarrazin. So hört man es hier und da, und der typische Beleg ist das das "Juden-Gen". Einzig Alan Posener konnte eine zwar dünne, aber immerhin kreative Ummünzung des "Philosemitismus" in einen lupenreinen Antisemitismus vorlegen.

Und steckt vielleicht genau in diesem "Philosemitismus" des Thilo Sarrazin eines der Probleme, das man in Deutschland mit dem Mann hat?

Denn das Sarrazin alles andere als ein Antisemit ist, verraten alle seine Äußerungen. Ganz im Gegenteil - der Mann hält viel von den Juden, und das ganz ohne die böse Satire mancher ewiggestriger Antisemiten oder ohne das schwache "ich habe auch jüdische Freunde" mancher moderner Antisemiten ("Anti-Israeliten").

Aber in Deutschland herrscht halt immer noch ein mal mehr, mal weniger latenter Antisemitismus. Wenn wir an den Juden etwas mögen, dann sind es zwei Dinge, nämlich erstens, daß sie uns zum größtmöglichen Verbrechen der Menschheit verholfen haben, dem Holocaust (auch wenn wir uns andererseits immer noch schwer damit tun, den Juden den Holocaust zu verzeihen), und zweitens, daß sie uns dank des Holocaust immer wieder ermöglichen, wegen der Palästinenser auf die Irsaelis einzuprügeln.

Der "gute" Jude hat immer irgendwie mit dem Holocaust und den daraus für den Nahostkonflikt zu ziehenden Lehren zu tun. manchmal auch mit den aus dem Holocaust zu ziehenden Lehren für unseren Umgang mit dem Rechtsextremismus, mit der Ausländerfeindlichkeit oder immer mehr mit der Islamophobie.

Aber daß da jemand eine absolut positive Sicht von den Juden hat - in welchem Maße verstört uns Deutsche mit unserem latenten Antisemitismus? In welchem Maße erklärt daß den Amoklauf in Politik, Bundesregierung, Bundespräsidialamt, Bundesbank und anderswo, wenn es um Sarrazin geht?

Ich würde ja nicht danach fragen, wenn das mit den Juden nicht immer wieder in den Anklageschriften gegen Sarrazin auftauchen würde, die Umdeutung eines durch und durch pro-jüdischen Menschen in einen Antisemiten, so unsinnig und menschenverachtend das auch sein mag?

Aber die Umdeutung von "Philosemiten" in lupenreine Antisemiten ist eine beliebte Spielwiese; zuletzt las ich, wie auf der Home Page des Zentralrates der Muslime in Deutschland eine selbst ernannte Medienexpertin aus Erlangen versuchte, den Evangelikalen aufgrund eines freilich mitunter merkwürdigen christlichen Zionismus Antisemitismus nachzuweisen. Sie ist nicht die erste, die aus pro-israelischen Christen heimliche Antisemiten machen möchte (wobei es ihr vor allem darum geht, den Evangelikalen Islamophobie nachzuweisen, aber dazu scheint sie offenbar die Antisemitismus-Keule schwingen zu müssen). 

Offenbar funktioniert das Spiel - eine pro-jüdische Einstellung ist verdächtig, jedenfalls dann, wenn sie aus dem falschen Lager kommt.

Der Umgang mit dem Judentum ist eine Religion in unserem Land, und gewisse Kreise - und das sind in der Regel die Eliten in Politik, Medien, Kirchen, Integrationsindustrie, Kampf gegen Rechts usw.  - wachen über Kult und Ritus und verfolgen jeden, der sich gegen die obersten Schamanen dieser Religion stellt oder auch nur die Frechheit besitzt, sich seine eigenen Gedanken zu machen, und seien sie noch so "philosemitisch". 

Da pervertiert nahezu die gesamte Führungsschicht unseres Landes dann auch schon einmal in eine Partei- und Staatsführung, wie wir das zuletzt in der DDR erlebt haben.

Und wer nicht an die DDR oder auch an den Volksgerichtshof denken will, der mag sich an die Hexenprozesse von einst erinnern und an die kirchliche Verfolgung Andersdenkender und -glaubender.

Apropos Hexenprozesse: Früher dachte ich, in Deutschland ist das geltende Recht Maßstab. Man müsse angeklagt werden und verurteilt, um schuldig zu sein. Spätestens seit Thilo Sarrazin gilt das nicht mehr, das Rechtssystem ist auf den Kopf gestellt, es regiert ein Hexenhammer, und Bundeskanzlerin, Bundespräsident und Bundesbank vermischen hier in erschreckender Weise Staat und Religion, mischen sich in den Hexenprozeß gegen Sarrazin ein, ja, sind da sogar treibende Kräfte.

Sarrazin ist ein Ketzer wider unsere Staatsreligion, er verärgert die obersten Schamanen des Volkes und verletzt die Glaubensüberzeugungen, die wir über Juden, muslimische Migranten, den Erfolg unserer Integrationspolitik, unserem Kampf gegen Rechts usw. haben, verweigert auch beim "Opfer", dem sehr ritualisierten Umgang mit Benachteiligten und Schwachen und Bedürftigen und Verfolgten usw., die Mitwirkung, sogar die Zustimmung.

Unser Staat ist in gewissen Bereichen in eine Art Religion abgerutscht, da herrscht nicht mehr normaler Menschenverstand, sondern religiöser Fundamentalismus. Früher war das eher ein Spiel der Linken (siehe hierzu das bemerkenswerte Buch  Unter Linken von Jan Fleischhauer), aber mittlerweile spielt auch die Union mit und schwingt sich in die höchsten Ämter der Priesterschaft auf.

Aber es ist nicht nur ein Spiel - die Priester machen ernst, auch Hexenprozesse sind wieder denkbar in Deutschland, sogar unter einer christlich-demokratischen Bundeskanzlerin.

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