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Rationelles bzw. magisches Denken und Scham- bzw. Schuldkultur

Beim Nachdenken über das Kopftuch kamen mir an diesem Wochenende ein paar Gedanken, denen man vielleicht etwas nachgehen sollte...

Es gibt zwei Dinge, die mich durchaus interessieren, aber scheinbar nichts miteinander zu tun habe. Das eine ist der Komplex Magisches vs. Rationales Denken (mehr dazu im Buch  Magisches Denken von Thomas Grüter) , das andere der Komplex schamorientierte vs. schuldorientierte Kultur.

Ich frage mich, ob es einen Zusammenhang zwischem magischen Denken und schamorientierter Kultur einerseits und rationalem Denken und schuldorientierter Kultur andererseits gibt. Neigen rational denkende Menschen eher einer schuld- als einer schamorientierten Kultur zu bzw. fördert eine solche kulturelle Orientierung eher das rationale Denken? Neigen auf der anderen Seite magisch denkende Menschen eher einer schamorientierten Kultur zu bzw. fördert eine solche kulturelle Orientierung eher das magische Denken?

Ich habe noch keinerlei Antworten auf diese Fragen, aber ich möchte dem gerne irgendwann einmal etwas genauer nachgehen; denn meine Vermutung ist, daß es da durchaus Verbindungen gibt.

In Bezug auf das Kopftuch hieße eine existierende Verbindung von Kultur und Denkart: Jene Menschen, die in Bezug auf den Schleier eher Zwänge zu etablieren bereit sind - sei es "alle Frauen müssen Schleier tragen" oder aber "der Schleier muß verboten werden" -, die dabei freilich immer damit argumentieren, sie müßten ja die Frauen beschützen, sind eher schamorientiert. Da bin ich mir ziemlich sicher. Wer sagt, "jeder soll selbst entscheiden, was er trägt", sind dagegen eher schuldorientiert. Auch da bin ich mir ziemlich sicher.

Verknüpft man dies nun mit dem Denken, so würde das bedeuten, jene schamorientierten Menschen, die in Sachen Schleier Zwänge etablieren möchten, denken auch eher magisch, also neigen zu schnellen Entschlüssen aus dem Bauch heraus, folgen mithin dem entwicklungsgeschichtlich älteren "Denkapparat" der Menschen. Dagegen neigen die schuldorientierten Menschen, die sich gegen Zwänge aussprechen, eher zu langsamen, rationalen Entscheidungen, die dem jüngeren "Denkapparat" zuzuordnen sind.

Wenn dem so ist, kann man freilich nur wenig gegen jene Menschen unternehmen, die zum "Schutz der Frauen" Zwänge etablieren wollen - gegen magisches Denken ist man machtlos. Rationales Denken hat es schwer, sich gegen das "evolutionäre" magische Denken durchzusetzen.

Um so wichtiger ist es, nicht nur gegen Schleierzwänge zu argumentieren, sondern zur Tat zu schreiten, gegen jegliche Zwänge einzuschreiten, den Vertretern des "magischen Denkens" keine Gelegenheit zu geben, ihre Absichten in die Tat umzusetzen.

In jedem Fall werde ich mich, sobald ich Zeit dazu habe, mich näher mit diesem Komplex auseinandersetzen, mit Schleier und Kopftuch im Spannungsfeld sowohl zwischen scham- und schuldorientierter Kultur als auch zwischen magischem und rationalem Denken. Es verspricht ein interessantes Thema zu werden, weil es zugleich auch ein Licht auf unsere Kultur und unseren Denkapparat wirft.

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