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Breivik unschuldig?

Wann immer ich all die Versuche lese, gewissen Islamkritikern - die ich alle zusammen mehr oder weniger daneben finde - eine Mitschuld am den Doppelanschlag von Anders Behring Breivik zu geben, dann kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß man entweder nicht glauben will, daß der Eine schuldig ist - oder daß die Vielen unschuldig sind.

Halten wir einmal fest: Der Schuldige ist Anders Behring Breivik. Tausende lesen die Schriften der Islamkritiker - doch sie greifen nicht zur Waffe, um entweder die "Verräter" ihrer Gesellschaft zu ermorden oder aber die Muslime.

Das bedeutet nicht, daß ich die Islamkritiker von aller Schuld freisprechen will - aber ihnen eine Mitschuld an Breiviks Taten zu geben, ist nicht zielführend. Ebenso wenig kann man wegen Breiviks Taten eine Einschränkung der Meinungsfreiheit fordern.

In gewisser Weise - der Vergleich hinkt, das gebe ich im Voraus zu - erinnert der Versuch, den Islamkritikern eine Mitschuld an Breiviks Taten zu geben an jene unzähligen meist von Männern geprägten Versuche, zu kurzen Röcken oder dem Genuß von Alkohol durch junge Frauen oder einem harmlosen Flirt eine Mitschuld zu geben, wenn ein Mann eine Frau vergewaltigt.

Die Ähnlichkeit sehe ich freilich weniger in der Schuldzuweisung. Die Ähnlichkeit beginnt tatsächlich dort, wo im Falle vergewaltigter Frauen die Männer - wohl wissend, daß auch sie der "Versuchung" nicht immer widerstehen können - versuchen, die männlichen Täter zu entschuldigen: Die Frauen waren schuld. Hätte sie sich nicht wie eine Schlampe gekleidet. Hätte sie keinen Alkohol getrunken. Hätte sie nicht geflirtet. Wäre sie nicht abends allein ausgegangen. Welche Versuchung, wie soll ich da widerstehen können?

Im Falle von Breivik versucht man auch, den Täter zu entschuldigen: Die Islamkritiker waren schuld. Das aber sagt dann vor allem etwas über diejenigen aus, die versuchen, Breivik zumindest von einem Teil seiner Schuld zu befreien und sie den Islamkritikern aufzubürden. Sie identifizieren sich in gewisser Weise mit Breivik - wohl wissend, daß etwas von Anders Behring Breivik in uns allen steckt. Doch weil wir nicht in den Abgrund unserer eigenen Seele blicken wollen, müssen die Islamkritiker als Sündenböcke herhalten.

Die Xenophobie und die Islamophobie sind in unserer Gesellschaft lebendig, auch ohne daß die Islamkritiker sie geweckt hätten. Wir wissen, daß in uns allen mehr oder weniger von einem Breivik steckt. Natürlich wollen wir das nicht wahrhaben.

Aber mal ehrlich: Wem war nach dem 11.9. nicht mulmig, wenn im gleichen Flugzeug Araber saßen? Wem ist nicht mulmig, wenn im Bus auf dem Platz gegenüber eine komplett verschleierte Frau sitzt? Wem ist nicht mulmig, wenn Araber plötzlich laut beten? Wer denkt nicht bei einem Anschlag erst einmal an Muslime als Täter?

Natürlich verdrängen wir diese schecklichen Anteile unserer Persönlichkeit.

Wir brauchen einen Sündenbock für unsere Xenophobie, für unsere Islamophobie, für den Breivik in uns. Wer wäre besser geeignet als die Islamkritiker, um unseren verdrängten Schuldgefühlen ein Gesicht zu geben?

Ich fürchte, je lauter man jetzt die Islamkritiker und die "fundamentalistischen Christen" usw. kritisiert, um so mehr setzt uns der Dämon zu, um so mehr verdrängen wir diese Teufel in uns.

Das bedeutet nicht, daß man gutheißen muß, was die Islamkritiker von sich geben. Wir müssen es mit sachlichen Argumenten widerlegen. Wir müssen die Fehler ihrer Argumentation aufzeigen. Wir müssen die Konsequenzen ihrer Ausführungen deutlich machen.

Doch wenn der "Islamkritiker" in uns lebendig ist, fällt es schwer, sachlich zu sein. Dann neigen wir zum Exorzismus - doch damit wird es uns nicht gelingen, den Islamkritiker, ja den Breivik aus unserem Inneren loszuwerden. Wir fühlen uns vielleicht gut, aber wir sind nicht gut.

Setzren wir uns also erst einmal mit dem Islamkrktiker in uns selbst auseinander, ehe wir verdrängte Ängste auf Dritte übertragen und ihnen die Dämonen austreiben wollen, die uns selbst plagen.

Das ist natürlich schwerer, als einfach auf Islamkritiker oder "fundamentalistische Christen" einzuprügeln. Es ist immer leichter, den Splitter im Auge des anderen zu sehen als den Balken im eigenen Auge.

Merke: Radikal gegen Islamophobie zu sein bedeutet nicht, daß man frei von jeder Islamophobie ist. Meistens bedeutet es nur, die eigene Islamophobie zu verdrängen. "Radikal" kommt ja von "Radix" her: Wurzel. Die Wurzel solch radikalen Gutseinwollens liegt meisten in  dem Schlechten in uns selbst. Die lautesten Kritiker der Elche sind meist selbst welche.

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