Blog...

Oslo

Meine ersten Gedanken, als ich von dem Terroranschlag in Oslo hörte, waren: "Komisch, daß es erst jetzt passiert".

Ich hatte schon viel früher mit einem Terroranschlag wie diesem gerechnet, schon im Juni, allerdings auch mit einem Anschlag eher in Deutschland, verübt jedenfalls von rechtspopulistischen "Islamkritikern". Die Zeichen für ein solches Attentat waren schon da, jetzt hat "Mr. Politically Incorrect", wie ich ihn nennen möchte, als erster seine Mission verwirklicht.

Ich gehe davon aus, daß "Mr. Politically Incorrect" mit diesem Anschlag wachrütteln will: "Schaut her, wie einfach es ist, schaut her, wie verwundbar wir sind". Bomben in einem Regierungsviertel hochgehen lassen? Kein Problem. Mehr als 80 Jugendliche in einem Ferienlager abschlachten? Kein Problem. Ihr lebt sorglos dahin und überseht, in welch gefährlichen Zeiten wir leben. "Es tut mir leid, aber ich muß es tun, bevor es die Muslime tun; denn die wären viel schlimmer als ich." So seine MIssion, sein "Evangelium" heißt: "Wir müssen uns vor den Muslimen schützen." Hier wurde der Missionar zugleich zum Propheten: "Seht her, was euch droht, wenn ihr die Botschaft nicht glauben wollt."

Es ging wohl weniger darum, die Tat Islamisten oder, wie es heutzutage heißt, "Salafisten" in die Schuhe zu schieben, sondern die Verletzlichkeit einer Gesellschaft aufzuzeigen, die scheinbar der "islamischen Gefahr" nichts entgegenzusetzen hat, die blind für diese vermeintliche Gefahr ist.

Ich fürchte, "Mr. Politically Incorrect" war nicht der letzte islamkritisache Rechtspopulist, der ein Attentat verüben wird. Es wird weitere geben, auch in Deutschland. Ich gehe auch davon aus, daß intellektuelle Rechtsextremisten die "islamkritische Szene" erfolgreich unterwandert haben und auch im Hinblick auf Oslo aktiv gewesen sind.

Wenn ich den Terroristen von Oslo "Mr. Politically Incorrect" nenne, dann bezieht sich das nur mittelbar auf jenen rechtspopulistischen Blog - es bezieht sich auf jene Szene von Islamkritikern, bei denen der Frust immer mehr zunimmt, weil ihre "Warnungen" ignoriert werden, ihre Forderungen keine Frucht bringen. Sie neigen immer häufiger zu Kurzschlußhandlungen, sie gehen Rechtsextremisten immer häufiger auf den Leim.

Diese Rechtsextrenmisten sind intellektuell, sie treten anders als die braunen Krawallbrüder nicht öffentlich in Erscheinung, sondern bleiben stets im Hintergrund. Sie unterwandern verschiedene Bereiche unserer Gesellschaft - und die islamkritische Szene ist für sie ein besonders vielversprechendes Terrain. Wer sich in dieser Szene bewegt, muß sich nicht fragen, ob er diesen Rechtsextremisten begegnet, sondern wann er ihnen begegnet.

Noch eine andere Sache. Nach dem, was man lesen kann, ist der Terrorist ein evangelikaler Christ - wir evangelikalen Christen dürfen das nicht auf die leichte Schulter nehmen. In evangelikalen Kreisen ist die Islamkritik zu weit verbreitet, gerade auch in ihren extremen Formen, unter Evangelikalen bzw. Freikirchlern findet man Fundamentalisten wie diesen norwegischen "Mr. Politically Incorrect". Auch der nächste "Mr. Politically Incorrect" könnte ein evangelikaler Christ sein, ein Baptist aus Deutschland etwa.

Und wir sollten uns nicht wundern, wenn man fordert, die evangelikalen Christen unter verstärkte Beobachtung des Verfassungsschutzes zu stellen (was freilich zumindest derzeit eher unwahrscheinlich ist). Es gibt in unseren Kreisen leider verfassungsfeindliche Tendenzen, gerade im Bereich der "Islamkritik".

Zusätzliche Informationen