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Mit der Religion zurück ins Mittelalter?

Ein gewisser Christian Schrm schreibt in seinem Kommentar Religionsfreiheit muss doch Grenzen haben! zu meinem Blog-Eintrag USA: In Europas nehmen  Diskriminierungen gegen Muslime zu:

Auch Herr Molthagen outed sich als "nützlicher Idiot" von Islamisten, Evangelikalen und anderen religiösen Fanatikern. Wenn wir die ostentative Religionsausübu ng und -demonstration (selbst in der Schule !!!) nicht einschränken, werden wir wieder ins Mittelalter zurückkehren, zu Mord und Totschlag an Freidenkern, Ketzern und Wissenschaftlern, Religionskriegen und neuen Kreuzzügen. Den Beginn erleben wir bereits ! Wacht endlich auf !!!

Ich verstehe "nützlicher Idiot hier als Kompliment... Und, lieber Herrn Schim, viele Ausrufezeichen machen eine Überlegung nicht richtiger...

Natürlich haben religiöse Menschen im Verlauf der letzten Jahrtausende viel Unheil über die Menschen gebracht, und ich meine jetzt wirklich religiöse Menschen - niemanden, der Reigion für seine Zwecke mißbraucht, instrumentalisiert, niemanden, der an einer Geisteskrankheit o.ä. leidet. Und dazu haben natürlich auch Christen gehört.

Man sollte aber nicht außer acht lassen, daß viele von denen, die sich nach außen religiös geben, die Religion eben nur für ihre Zwecke instrumentalisieren. Jüngstes Beispiel ist ausgerechnet ein Wissenschaftler, der große Astrophysiker Stephen Hawking, der sich in seiner genialen "Kurzen Geschichte der Zeit" vorsichtig optimistisch im Prinzip auf etwas sozusagen Göttliches hinter dem Universum gab - mittlerweile aber gestanden hat, das als Atheist nur getan zu haben, um ein paar zusätzliche Bücher zu verkaufen (ich habe in meinem Blog darüber geschrieben). Das ist ein vergleichsweise harmloses Beispiel - aber was Hawking getan hat (und wofür ich bislang keine Entschuldigung von ihm mitbekommen habe), ist ja mitnichten ein Einzelfall. Seit jeher mißbrauchen die Menschen die Religion, um ihre Zwecke zu erreichen.

Persönlich sage ich inzwischen immer häufiger: Ein Mensch ist als Atheist zu betrachten, ehe Religiosität nicht bewiesen ist. Ich denke, damit kommt man der Wirklichkeit menschlichen Lebens näher als mit einem "religiös bis der Atheismus bewiesen ist".

Viele Menschen haben sich religiös betätigt und dabei schreckliche Dinge getan. Wenn es aber stimmt, daß ein Atheist ein Mensch ist, der so handelt, als existiere Gott nicht - egal ob dieses Handeln nun zum Guten oder zum Bösen ist -, dann waren viele der so handelnden Menschen nicht religiös, sondern Atheisten.

Persönlich bin ich mir auch nicht sicher, ob Muhammad etwa nun wirklich religiös war - oder ein Atheist, der die Religion für seine Zwecke mißbraucht hat.

Wie dem auch sei: Die vier wohl größten schlimmsten Kriege des 20. Jahrhunderts, die beiden Weltkriege, der Korea- und der Vietnam-Krieg, haben ihre Ursachen nicht im Bereich des Religiösen. Das wird wohl kaum jemand ernsthaft bestreiten. Insofern ist gerade das "postreligiöse" 20. Jahrhundert mit seinen eher atheistischen Ersatzreligionen Kommunismus, Nationalsozialismus usw. dasjenige Jahrhundert der Menschheitsgeschichte, in dem am meisten Schrecken verbreitet wurde.

Es ist Unsinn anzunehmen, die Religion sei für alle Übel der Menschheit verantwortlich. Auch Schimpansen etwa führen Kriege (und Jane Goodalls Theorie, sie hätten bereits eine sehr frühe Form der Religion, halte ich für sehr gewagt), schon die Frühmenschen habe Kriege geführt (und schon der frühe Homo sapiens hat wohl aus nicht sehr religiösen Gründen den Neandertaler zuerst in den Südwesten Europas zurückgedrängt und dann ausgerottet). Kriege und Greuel gab es, ehe die Menschen religiös wurden, und die schlimmsten Katastrophen gab es im 20. Jahrhundert, als der Einfluß der Religion gerade dort, wo das je und je geschah, sehr gering war.

Mehr Religion macht den Menschen nicht gewaltbereiter, als ihn weniger Religion friedlicher macht. Mehr Religion an den Schulen - etwa in Gestalt der Kopftücher muslimischer Schülerinnen oder auch Lehrerinnen - macht unsere Welt nicht schrecklicher, weniger Religion nicht besser.

Religion gehört zur Lebenswirklichkeit des Menschen dazu, und es stimmt denn wohl auch, daß derjenige, der nicht mehr an Götter glauibt, nicht etwa nichts glaubt, sondern alles glaubt. Weniger Religion hat uns den Leninismus, den Stalinismus, den Nationalsozialismus usw. gebracht, Ideologien, die diese Welt keineswegs verbessert haben. Der "Neue Atheismus" der "Brights" hat bisher noch keinen Beweis dafür erbracht, daß er diese Welt zu einem friedlicheren Ort macht. Nur daß Richard Dawkins & Co. noch keine Bomben auf den Vatikan oder die Kaaba geworfen haben, beweist nicht, daß ihr Atheismus friedlich ist.

Gewalt, Kriege, Intoleranz, Verfolgung Andersdenkender usw. gehört alles zur Lebenswirklichkeit des Menschen dazu. Wir können je und je Überschneidungen mit der religiösen Lebenswirklichkeit sehen - aber diese hat wiederum auch Überschneidungen mit einigen der größten Hilfswerke zugunsten der Menschen, die unsere Art je hervorgebracht hat. Religion geht sowohl mit Gewalt einher als auch mit Hilfsbereitschaft, mit Krieg als auch mit Frieden, mit Intoleranz als auch mit Toleranz.

Es bleibt aber die Tatsache: Oft schon haben an und für sich atheistische Menschen  die Religion zum Bösen mißbraucht, aber noch nie haben religiöse Menschen den Atheismus zum Guten mißbraucht.

Zurück zu Herrn Schim: Wer die Religionsfreiheit einschränken will, ist glücklicherweise darin stark eingeschränkt, weil unsere Verfassung das nur in sehr engem Rahmen erlaubt, nämlich dort, wo die freie und ungestörte Ausübung der Religion die Grundrechte Dritter einschränken würde. Niemals aber läßt die Verfassung zu, daß Religionsfreiheit verstanden wird als die Freiheit von der Religion, das Zurückdrängen der Religion aus der Öffentlichkeit oder sogar aus dem Leben der Menschen, wie es etwa der real existierende Kommunismus versucht hat und in Nordkorea immer noch versucht. Dort freilich könnte Herr Schirm studieren, was geschieht, wenn die Religion aus der Öffentlichkeit verdrängt, wenn der Atheismus zur Staatsideologie wird.

Die Religion freilich wird auch den "Neuen Atheismus" überleben, auch dieser wird früher oder später Geschichte sein. Dawkins "Gotteswahn" wird dann ebenso vergessen sein wie so manche anderen Versuche der "Brights", die Religion aus der Welt zu schaffen. Natürlich wird es immer wieder neue Anläufe des Atheismus geben, wie es seit Jahrtauseden der Fall ist. Bisher hat die Religion sie noch alle überlebt.

Und der Mensch ist in all der Zeit fähig zum entsetzlich Bösen wie zum unfaßbar Guten. Manchmal ist er dabei religiös, manchmal nicht. Der Streit zwischen Religion und Atheismus aber hat die Welt keinen Deut verbessert - und wird das auch niemals tun.

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