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Da kriege ich die Krise...

Auf der Home Page vom  Externer Link"Institut Diakrisis" habe ich nach Lektüre der Externer Link Stellungnahme zum Schweizer Volksentscheid gegen den Minarett-Bau eines der Institutsträger, einer Externer Link "Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften" (IKBG), die - man verzeihe mir das kleine Wortspiel - Krise bekommen (oder eine Krise institutionalisiert?).

Dort heißt es: "Die Internationale Konferenz Bekennender Gemeinschaften (IKBG) hat das Ergebnis des Schweizer Volksentscheides am 29. November hinsichtlich des Baues von Minaretten mit Verständnis und Zustimmung aufgenommen."

Das wiederum kann ich nur mit Unverständnis aufnehmen und entschiedenen Widersrpruch gegen diese Stellungnsahme aus dem konservativen Spektrum der evangelikalen Bewegung (Beyerhaus, Schirrmacher, Scheffbuch, Hauser, Troeger, Rüß...) einlegen.

 

Viele der evangelikalen Christen hinter dem "Institut Diakrisis" sind mir persönlich bekannt, und viele von ihnen schätze ich persönlich. Aber diese Stellungnahme kann von meiner Seite nicht ohne Widerspruch bleiben.

Im Folgenden kommentiere ich die Stellungnahme, die jeweils als "Zitat" gekennzeichnet ist, in kursivem Schriftsatz.

"Die IKBG versteht das Nein zum Bau von Minaretten nicht als Zeichen religiöser Intoleranz, als das es vielfach von Politikern, Kirchenleuten und Journalisten diffamiert wurde, sondern als ein Nein zum politischen Machtanspruch des Islam und zur Überfremdung der christlich-abendländischen Kultur. "

Ich weiß wirklich nicht, wie man dieses "Nein" nicht als Zeichen religiöser Intoleranz verstehen kann. Natürlich ist ein Verbot, Minarette zu bauen, nicht mit der religiösen Intoleranz vergleichbar, die man etwa in der Türkei, in Saudi-Arabien oder anderswo gegen religiöse Minderheiten wie etwa Christen findet.

Und es mag sein, daß viele der Schweizer, die gegen den Bau von Minaretten gestimmt haben, das sogar "als ein Nein zum politischen Machtanspruch des Islam und zur Überfremdung der christlich-abendländischen Kultur" verstanden haben. Das ist aber aus Sicht einer christlichen Ethik, die sich auf dem Fundament des Evangeliums zur allgemeinen Religionsfreiheit bekennt, nicht hinnehmbar, jedenfalls nicht ohne entschiedenen Widerspruch. Ein etwaiger Machtanspruch des Islam und eine befürchtete Überfremdung einer vorgeblich "christlich-abendländischen Kultur" - die doch wohl vor allem tolerant und frei von gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeiten bzw. sozialen Phobien wie einer sog. Islamophobie sein sollte - darf nicht mit dem Recht von Menschen, im Rahmen ihrer selbst gewählten religiösen Überzeugungen sich zu versammeln und Gott gemeinsam zu verehren und dem auch im öffentlichen Raum Ausdruck zu verleihen (etwa durch Moscheen und diese auch mit Minaretten) vermischt werden. 

Toleranz trennt das Recht auf eine selbstdefinierte Religiosität auch im öffentlichen Raum von einem möglichen "politischen Machtanspruch" ebenso wie von einer befürchteten "Überfremdung". Fehlt diese Trennung, haben wir es mit Intoleranz, in diesem Fall mit religiöser Intoleranz zu tun, die nur dem Grad der Verwirklichung nach von der religiösen Intoleranz etwa in der Türkei, in Saudi-Arabien, im Iran oder in anderen Ländern unterschieden ist, nicht aber der Sache nach.

"Solche Besorgnis des überwiegenden Teils der Schweizer Bevölkerung ist nachvollziehbar und ernst zu nehmen."

Ernst zu nehmen ist die Besorgnis dieser Schweizer sicherlich, und man kann sie vielleicht auch nachvollziehen. Sie ist aber ebenso als das zu bezeichnen, was sie ist: Religiöse Intoleranz, die alle Muslime in der Schweiz für das, was eine gewisse Anzahl von Muslimen tatsächlich oder auch nur vermeintlich zu Ungunsten der Mehrheitsgesellschaft im Schilde führt, benachteiligt und diskriminiert, zumal es weder strafbar ist, einen "politischen Machtanspruch" zu verfolgen noch jemanden zu "überfremden", was auch immer das bedeuten soll - es handelt sich dabei nun einmal um leere Worthülsen, die zu einer Besorgnis führen, die in dieser Form und Auswirkung unangebracht ist.

"Wer sie als Zeichen von 'Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Beschneidung der Religionsfreiheit' darstellt, geht von einem trügerischen Idealbild des Islam aus, wie es uns durch liberale Vertreter des Islam in den Medien vorgestellt wird."

Die in den allgemeinen Menschenrechten universell festgeschriebene Religionsfreiheit geht tatsächlich von einem Idealbild der jeweiligen Religion aus, egal um welche Religion es sich handelt. Auch der Mensch, der sich in religiösen Fragen nicht ideal verhält - was immer "ideal" auch bedeuten mag -, hat ein Anrecht auf Religionsfreiheit, das allein durch die Rechte Dritter eingeschränkt werden kann, etwa durch das Recht auf negative Religionsfreiheit. Als Christ, der an Christen schreibt, möchte ich hier an die Frage erinnern, wer den "ersten Stein" werfen darf, wer "ohne Sünde" ist - entsprechen wir Christen etwa in irgend einer Weise einem "Idealbild", sei es in der gesellschaftlichen Vorstellung oder aber in der Bibel verankert? 

Wie dem auch sei: "Den Islam" gibt es nicht. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß es so etwas wie einen "nicht idealen" Islam gibt, was immer das im Einzelnen auch bedeuten mag - aber das berechtigt nicht dazu, die Religionsfreiheit für alle Muslime einzuschränken. Und selbst wenn die fundamentalen Schriften des Islam weit entfernt von einem "Idealbild" sein sollten und eine durch und durch böse Religion zeichnen würden - nicht einmal das würde gestatten, die Religionsfreiheit für Muslime einzuschränken. Das ist, wie gesagt, nur dort möglich, wo die Rechte Dritter in nicht akzeptabler Weise eingeschränkt würden. Wie das aber durch den Bau von Minaretten gegeben sein soll, kann wohl niemand erklären.

"Dies zeugt jedoch von Unkenntnis des theokratischen Wesens des Islam mit seiner Vorstellung vom Gottesstaat."

Die Verfasser dieser Stellungnahme mögen mir glauben, daß ich "den Islam" kenne, also seine historischen Grundlagen und viele der heute existierenden und in die Praxis umgesetzten Auslegungen (also gerade nicht "den Islam", sondern die "Islame" in ihrer Vielfalt, das ganze Spektrum von "liberal" bis "radikal"). Tatsache ist jedoch, daß diese Vorstellungen nicht von sich aus gegen geltendes Recht verstoßen oder grundsätzlich die Rechte Dritter einschränken. Es steht jedem religiösen Menschen frei, an die Vorzüge einer Theokratie, eines Gottesstaates zu glauben und dies auch als Meinung zu verbreiten - so lange er nicht zu Straftaten, die die Abschaffung unserer Demokratie mit ihrer freiheitlich-demokratischen Grundordnung zum Ziel haben, aufruft oder selbst solche verübt. 

Im Übrigen darf man selbst dann, wenn eine gewisse Anzahl von Muslimen solchen Ideen zustimmen würde, alle dadurch bestrafen, daß man sie in der Ausübung ihrer Religion benachteiligt oder behindert.

Menschenrechte wie die Religionsfreiheit sind individuell zu gewährende Rechte, die es einem Menschen erlauben sollen, sein Leben allein oder in der Gemeinschaft mit anderen so zu gestalten, daß es seiner Würde entspricht. Sie können nicht durch eine "Sippenhaft" eingeschränkt werden.

"Glaube, Politik und Staat sind für den Islam letztlich nicht voneinander zu trennen, sondern aufs engste miteinander verbunden."

Wie gesagt, "den Islam" gibt es nicht. Es gibt sehr wohl Muslime, die hier eine Trennung vollziehen, auch wenn sie sich aus ihrem Glauben heraus politisch engagieren - manche auch für eine Trennung von Staat und Religion. 

Alle Menschen, egal ob religiös oder nicht, ganz gleich, welcher Weltanschauung sie zuneigen, leben in dem Spannungsfeld zwischen ihren weltanschaulichen und ihren politischen Überzeugungen. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich bewußt dagegen entschieden, Staat und Religion/Kirche voneinander zu trennen (anders als etwa die USA, Frankreich oder die Türkei). 

Von Muslimen grundsätzlich die Trennung von Staat und Religion zu verlangen, würde in Deutschland und anderen nicht laizistischen Staaten bedeuten, die Muslime zu benachteiligen. Tatsächlich sind ihnen nur dort Einschränkungen zuzumuten, wo sie gegen geltendes Recht verstoßen würden und auf der Grundlage geltenden Rechts verurteilt würden. 

Im Übrigen gibt es sehr wohl auch christliche Strömungen, die in der Geschichte und selbst in der Gegenwart nicht nur eine Trennung von Staat und Kirche abgelehnt, sondern einen Gottesstaat gefordert haben. Es ist eine Frage der Auslegung biblischer Schriften, ob man sich zum Gottesstaat, zum Laizismus oder zur weltanschaulichen Neutralität des Staates bekennt. Man nimmt hierzulande für Christen einen Idealzustand an, daß sie sich an die Rechtsordnung halten - das Recht auf gleiche Behandlung haben auch Muslime. 

Nicht theologisch verschieden auszulegende religiöse Überzeugungen, sondern allein Übertretungen geltenden Rechts können in einem Rechtsstaat Grundlage dafür sein, daß man ein allgemeines Menschenrecht wie die Religionsfreiheit auf dem Rechtsweg einschränkt.

"Für den Islam bleibt das Ziel die Islamisierung der ganzen Welt mit der damit bestimmenden Rechtsprechung durch die Scharia gemäß dem Koran."

Wie gesagt, "den Islam" gibt es nicht - und Menschenrechte sind individuell zu gewähren, auch dort, wo sie in Form der Religionsausübung gemeinsam (und öffentlich) in Anspruch genommen werden. Selbst das Fehlverhalten Vieler darf die rechte Einzelner nicht einschränken. 

Wenn eine durch religiöse Überzeugungen miteinander verbundene Gemeinschaft von Menschen das Ziel hat, die ganze Welt zu überzeugen, so ist dies ihr gutes Recht. Viele evangelikale Christen würden auch gerne die ganze Welt durch Evangelisation und Mission "christianisieren", christlichen Geboten Geltung verschaffen ("Deutschland nach Gottes Geboten" als Motto einer evangelikalen Kleinstpartei). Nicht zu vergessen der Wunsch auch vieler europäischer (und amerikanischer) Christen, das christlich geprägte abendländische Verständnis von Staat, Gesellschaft, Ethik usw. auf der ganzen Welt zu verbreiten, etwa die Demokratie. Wurde nicht genau das immer wieder als ein Argument für die Kriege in Afghanistan und im Irak genannt, auch von Christen, gerade auch von Evangelikalen?

"Diesem Ziel dient auch der vielfach von vermögenden Ölscheichs finanzierte Bau prächtiger und zum Teil überdimensionierter Moscheen, die mit ihren Minaretten möglichst alle Kirchtürme überragen sollen."

Und? 

Es tut mir Leid, aber ich sehe in diesem Satz, in dieser Aussage nichts anderes als heiße Luft, die nichts mit der Frage zu tun hat, ob Muslimen das Recht auf freie Ausübung ihrer Religion, auch in Gemeinschaft mit anderen Muslimen, auch in der Öffentlichkeit, zu gewähren ist, auch dadurch, daß man ihnen gestattet, Minarette zu bauen.

Für die Höhe eines Minaretts gilt in einem weltanschaulich neutralen Staat nicht die Frage, ob es höher sein könne als ein Kirchturm, sondern es baurechtlichen Bestimmungen entspricht. 

Eine Christenheit, die sich darum sorgt, ob womöglich eine andere Religion höhere Türme als die der christlichen Kirchen baut, hat freilich ganz besondere Probleme, über die ich mich hier nicht in der gebotenen Ausführlichkeit äußern kann. 

"Moscheen sind nicht nur Gebetsräume; in ihnen wird oft auch politisch agitiert."

Und? 

Auch Kirchen sind nicht nur Gebetsräume, und gerade in evangelikalen Kirchen erlebe ich nicht selten, wie etwa für ein "Deutschland nach Gottes Geboten" geworben wird, wie Politik gemacht wird. 

Es gibt kein Gesetz, daß Gotteshäuser allein dem Gebet vorbehalten sein dürfen, daß Politik dort tabu wäre.

Würden politische Äußerungen freilich gegen geltendes Recht verstoßen, dann sind Polizei, Staatsanwaltschaft, Verfassungsschutz usw. gefordert. Egal ob nun in Moscheen, Kirchen oder wo sonst.

"Von den Minaretten wird fünfmal am Tag öffentlich der Absolutheitsanspruch des islamischen Gottes Allah und seines Propheten Mohammed ausgerufen."

Und?

Erstens könnte man dem dadurch begegnen, daß man den Adhan (Gebetsruf) vom Minarett baurechtlich untersagt (was ja auch meistens der Fall ist).

Zweitens und vor allem ist es nicht illegal, so etwas auszurufen. Ansonsten sollte man so manches christliche Lied genauer untersuchen (nicht nur im Bereich der Kirchen, wo "Geistliche Kriegsführung" praktiziert wird)... Und eine christliche Kirche, die nicht vom Absolutheitsanspruch Gottes und Jesu Christi ausgeht, hat ihre ganz eigenen Probleme.

"Hohe Minarette sollen nach Prof. Mustafa Isen (Ankara) anderen Religionen 'die eigene (islamische) Größe zeigen'."

Und?

Ist das in irgend einer Weise illegal, widerspricht das geltendem Recht in Deutschland, in der Schweiz oder in einem anderen westeuropäischen Land?

Wer sich von einem solchen Zeichen verunsichern läßt, hat, ich erwähnte es schon, ganz besondere Probleme.

"Nach dem türkischen Dichter Ziya Gökalp sind 'Moscheen unsere Kasernen, ihre Kuppeln die Helme, die Minarette unsere Bajonette.' Dem stimmt der türkische Premierminister Erdogan zu."

Ja, und der sagte auch: "Die Gläubigen (sind) unsere Soldaten". Wer mit dem Hinweis auf dieses Zitat Minarette verbieten will, muß dann auch die Muslime... ja, genau das. 

Wie dem auch sei, dieses "Gedicht" kann nicht als Argument verwendet werden, um allen Muslimen zu verbieten, sich nach ihrer eigenen Ordnung öffentlich zur Gottesverehrung zu versammeln. 

Ansonsten erinnere ich an die alte, bis in die Gegenwart immer wieder aufgegriffene christliche Tradition, das Christentum mit Ausdrücken aus der Militärsprache zu predigen. Allerdings greift das bei Erdogan nicht, denn er sprach davon, daß die "Demokratie nur der Zug (sei), auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind". Es erscheint merkwürdig, daß die Stellungnahme diesen Satz nicht zitiert. 

In jedem Fall: Was Gökalp und Erdogan sagen, kann nicht dazu benutzt werden, die Muslime in ihrer Gesamtheit zu benachteiligen.

"Es ist völlig abwegig, den Schweizern zu unterstellen, sie wollten die muslimischen Einwanderer an der Ausübung ihrer Religion behindern; das geschieht nirgendwo in ihrem Land und ihren Nachbarländern."

Sie wollen es vielleicht nicht, aber durch das Minarett-Verbot tun sie es. 

Problematischer ist freilich, daß es bei der Abstimmung letztlich gar nicht mehr um Minarette ging, sondern um die Haltung zum Islam und zu Ausländern, um westlichen Feminismus und einiges mehr, das hier dazu geführt hat, daß Muslime nicht mehr in der Lage sind, ihr religiöses Leben nach ihren eigenen Überzeugungen zu gestalten, obwohl nicht ersichtlich ist, wie durch Minarette die Rechte Dritter - etwa auf negative Religionsfreiheit - eingeschränkt werden, was einzig Grundlage hätte sein können, die Religionsfreiheit einzuschränken.

"Im Gegensatz dazu erfahren christliche Minderheiten in den meisten islamischen Ländern keine Toleranz. Sie werden dort oft nicht nur behindert, benachteiligt und ausgegrenzt, sondern bisweilen sogar gewalttätig verfolgt. Der Bau selbst kleiner Kirchengebäude – ohne Turm! – und sogar die Einrichtung von Andachtsräumen werden ihnen untersagt."

Seit wann ist die rechtliche Situation im Ausland Maßstab für die hierzulande, in der Schweiz, in Österreich oder in einem anderen westlichen Land zu gewährende Religionsfreiheit? Man unterschlägt hierbei auch die Muslime, die nicht aus einem islamischen Land stammen - und vor allem diejenigen, die aus ihrer islamischen Heimat fliehen mußten, weil sie gegen Einschränkungen der Menschenrechte protestiert haben. 

Es ist wenig glaubwürdig, wenn der Westen für Religionsfreiheit in den Ländern der islamischen Welt wirbt - und zugleich bei sich selbst die Religionsfreiheit einschränkt, wie in der Schweiz durch ein Minarett-Verbot, durch vielfache Kopftuch- und Schleier-Verbote in ganz Westeuropa. 

Und letztlich geben wir damit den Führern islamischer Länder und Gesellschaften eine Grundlage, die Religionsfreiheit für religiöse Minderheiten einzuschränken. Mehr würden weit wir erreichen, wenn wir mit gutem Beispiel vorangehen, als daß wir eine Art Sippenhaft gegen alle Muslime verhängen.

"Der massive Protest gegen das Schweizer Minarettverbot wäre glaubwürdiger, wenn er mit einem ebenso leidenschaftlichen Eintreten für die Religionsfreiheit der Christen gerade auch in islamischen Ländern verbunden wäre."

Diesem Satz ist zuzustimmen - wobei man nicht nur auf die Christen dort schauen sollte, sondern generell auf religiöse Minderheiten in islamischen Ländern (Schiiten, Aleviten und Alawiten in mehrheitlich sunnitischen Ländern, Ahmadiyya in Pakistan und anderswo, Bahai im Iran).

Nicht vergessen darf man aber, daß die Religionsfreiheit nicht nur in vielen islamischen Ländern mehr oder weniger stark eingeschränkt ist, sondern auch in anderen Ländern - deren im Westen lebende Bürger nimmt man aber nicht in "Sippenhaft", sondern allein die Muslime, selbst diejenigen, die europäische Wurzeln haben.

Man schaue nur einmal auf die Situation christlicher Minderheiten in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern und übertrage die Forderung, die Religionsfreiheit für Muslime hierzulande einzuschränken, auf die Religion der Mehrheitsgesellschaft dieser Länder... Niemand würde das auch nur in Betracht ziehen. 

Von daher bleibt bei diesem Satz ein bitterer Nachgeschmack, daß hier die Muslime weit mehr als andere benachteiligt werden. 

Mangel an Religionsfreiheit ist ein Thema, das nicht nur auf islamische Länder beschränkt ist. Und machen wir uns nicht vor - "wir" haben die Religionsfreiheit auch noch nicht so lange, und oft genug mußte sie gegen den Widerstand christlicher Kirchen und einer christlichen Mehrheitsgesellschaft erkämpft werden. Und wie man am Beispiel der Schweiz sieht - aber auch dort, wo etwa Lehrerinnen oder sogar Schülerinnen das Kopftuch oder Niqaabis der Gesichtsschleier verboten wird -, ist die Religionsfreiheit bei uns noch ein junges, sehr empfindliches Gewächs.

"Wir bitten die Regierungen in Europa und alle Verantwortungsträger in Politik und Kirche, unerschrocken und nachhaltig immer wieder für die Religionsfreiheit der benachteiligten, verfolgten und gefährdeten Christen einzutreten."

Dieser Bitte schließe ich mich gerne an - aber im Zusammenhang mit dem Volksentscheid zum Bau von Minaretten in der Schweiz ist diese Bitte in der Tat fehl am Platz. Dies kann nur dort erbeten werden, wo man sich zugleich für die Religionsfreiheit der Muslime im Westen einsetzt. 

Ich meinerseits bitte die evangelikalen Christen darum, sich beim Thema "Religionsfreiheit für Muslime" nicht von einem Bauchgefühl leiten zu lassen, sondern höchste ethische Maßstäbe anzulegen, egal ob es um Moscheen, Minarette, Kopftücher, Schleier oder was sonst geht.

Das gilt gerade für das Gespräch mit denjenigen unserer Mitbürger, die Angst vor Muslimen haben, vor einer Islamisierung und einer Überfremdung unserer (post-) christlichen abendländischen Gesellschaft. Diese Sorgen sind auf jeden Fall ernst zu nehmen, doch es ist wichtig, in aller Behutsamkeit für die allgemeine Religionsfreiheit einzutreten und die Anliegen unserer muslimischen Mitbürger, ihren Glauben frei und selbstbestimmt auszuüben, zu verteidigen. Angst ist ein denkbar schlechter Ratgeber für Fragen des Zusammenlebens von Christen und Muslimen, ebenso etwaige Unsicherheiten in Bezug auf unseren christlichen Glauben. Die Angst, daß etwe Minarette höher werden als die Türme unserer Kirchen oder die Äußerung, daß die Minarette dafür stehen, daß die Muslime bleiben wollen, verrät mehr über uns denn über die Muslime.

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