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Gegen die Minarette - ein rechtes Phänomen?

Wer war nun eigentlich in der Schweiz gegen die Minarette, wer hat für ein Verbot gestimmt? Hauptverdächtige sind natürlich die Rechten, aber es ist fraglich, ob das zutrifft.

Grundsätzlich kann man sicherlich davon ausgehen, daß die Rechtspopulisten uind die Rechtsextremisten mehrheitlich für ein Verbot gestimmt haben. Aber es ist sicherlich nicht so, daß nur sie dafür gestimmt hätten - mithin also fast 58 % der Schweizer rechts wären. Die Zustimmung zum "rechten" Minarett-Verbot geht weit über das rechte Spektrum hinaus.

Externer Link 20 Minuten online weist darauf hin, daß es gerade linke Feministinnen waren, die für ein Minarett-Verbot gestimmt haben: "Politologen rechnen den Frauen eine wichtige Rolle bei der Abstimmung über die Anti-Minarett-Initiative an. Über die Hälfte der Stimmbürgerinnen von links bis rechts hätten sich für das Minarett-Verbot ausgesprochen. Ein wichtiger Grund seien feministische Argumente gewesen."

Es ist denkbar, daß Frauen, die den Islam mit Kopftüchern oder Schleiern, Zwangsehen, Unterdrückung der Frauen usw. in Verbindung bringen, für das Minarett-Verbot gestimmt haben - gerade auch Frauen aus dem linken und dem feministischen Spektrum.

Eine weitere Gruppe von Schweizern, die für das Verbot gestimmt haben, dürften die ehemaligen Muslime und die nicht oder nur wenig religiösen Muslime sein. Es ist ja mitnichten so, daß 100 % der Schweizer Muslime für den Bau von Minaretten wären. 

Die Beschneidung der Religionsfreiheit ist kein Alleinstellungsmerkmal der Rechten - sie finden immer wieder Alliierte auch bei Linken, Feministinnen und Ex-Muslimen, bei ("Neuen") Atheisten und fundamentalistischen Laizisten, die in bestimmten Bereichen genügend Gemeinsamkeiten mit den Rechten sehen, um bei bestimmten Vorhaben zusammenzuarbeiten - gemeinsame Feindbilder bieten ein Fundament für manch unheilige Allianz.

Solch unheilige Allianzen haben nicht nur Muslime zu fürchten - auch konservative und evangelikale Christen (Lebensschützer!) zählen zu den Feindbildern. Anti-evangelikale Volksabstimmungen könnten in der Schweiz (wie auch in Deutschland) ebenso eine Mehrheit finden wie das gegen den Bau von Minaretten. Möglicherweise wäre die Zustimmung bei anti-evangelikalen Initiativen bei symbolträchtigen Themen wie Lebensschutz, Seelsorge für Homosexuelle, Mission usw. sogar noch größer.

Wer nach der Schweizer Katastrophe nur auf das rechte Lager schaut und nur die Rechtspopulisten und Rechtsextremisten kritisch beäugt, kann das Geschehen nicht in seiner ganzen Bedeutung erfassen. Xenophobie, Islamophobie und Religiophobie sind nicht allein dem rechten Lager zuzurechnen, sondern sind in alle Bereiche nicht nur der Schweizer Gesellschaft, sondern aller Gesellschaften im postmodernen Europa eingesickert.

Dabei werden geschickte Initiativen immer wieder bestimmte Gesellschaftsschichten instrumentalisieren: Die Frauen, die Schwulen - und, wenn es etwa gegen Evangelikale ginge, auch die Muslime. Immerhin haben Gruppen, die sonst nicht gerade mit besonderer Zuneigung für Christen auffallen, im Zusammenhang mit anti-islamischen Initiativen immer wieder verfolgte Christen in der islamischen Welt instrumentalisiert. Und wo es heute gegen Evangelikale geht, werden mit großer Regelmäßigkeit die Muslime als "Opfer" evangelikaler Mission instrumentalisiert - oft genug von den gleichen Leuten, die jetzt in der Schweiz für ein Minarett-Verbot gestimmt haben.

Das Schweizer "Nein" zum Bau von Minaretten offenbart nicht eine eher rechte Islamophobie, sondern ein viel tiefer gehendes Problem im postmodernen, postchristlichen Europa.

Nicht umsonst fällt das Minarett-Verbot zeitlich mit einem weitreichenden Urteil gegen Kruzifixe zusammen, mit einem massiven Vorgehen gegen evangelikale Christen, Missionare und Lebensschützer, mit einem Vorgehen gegen die komplette Verschleierung muslimischer Frauen, mit Kopftuchverboten für Lehrerinnen und zum Teil sogar Schülerinnen. Wer das Minarett-Verbot unterstützt, fährt im breiten Kielwasser einer polymorphen, heterogenen Bewegung, die es versteht, Europa in der Postmoderne ein neues Antlitz zu geben, eine neue Marschrichtung. Dabei geht es nicht um "rechts" oder "links" - vielmehr marschieren "Linke" und "Rechte" manchmal getrennt, manchmal vereint auf ein Ziel zu, ein neues Europa, einen neuen Totalitarismus.

Bedenklich ist, daß jetzt in der Schweiz genügend Christen - vor allem konservative und evangelikale Christen - für das Minarett-Verbot gestimmt haben, sich damit in eine unheilige Allianz begeben haben, die heute gegen Muslime agiert, gestern und morgen aber ebenso gegen gläubige Christen.

Das Schweizer "Nein" zum Bau von Minaretten kann nicht allein betrachtet werden, nicht getrennt von einem Vorgehen häufig derselben Initiatoren und Befürworter gegen gläubige Christen.

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