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Die Christen und der Slut walk

Was würde geschehen, wenn man Christen rät, sie sollten ihren Glauben heimlich leben, um sich nicht in Gefahr zu bringen - seien es Christen in Nordkorea, seies es ehemalige Muslime in Saudi-Arabien, Afghanistan oder Iran?

Als Christen wären wir sehr empört über solche Vorschläge. Den christlichen Glauben verheimlichen, um Gefahren aus dem Weg zu gehen? Nur heimlich beten, statt Gottesdienste besuchen unter der Bettdecke in der Bibel lesen?

Wir wären empört, und das völlig zu recht. Wir würden darin eine Verkehrung der Rollen von Opfern und Tätern sehen, eine nicht hinzunehmende Einschränkung von Menschenrechten. Wir würden zudem fordern, nicht die Opfer zu ermahnen, sondern die Täter.

Doch wie gehen wir als Christen damit um, wenn etwa ein Polizist im kanadischen Toronto Frauen empfiehlt, sie sollten sich nicht wie "Schlampen" (engl. Sluts) anziehen, um nicht Opfer sexueller Gewalt zu werden? 

Genau das ist tatsächlich geschehen, nämlich im Frühjahr 2011. Als Reaktion darauf entstand eine Bewegung, die man  [[Slut walk]] nennt, zu deutsch etwa "Marsch der Schlampen", zuerst in Toronto, dann in anderen Städten in Amerika und Europa. im August dann auch hier in Deutschland, etwa in Berlin.

Frauen wollen es sich nicht gefallen lassen, daß sie sich in ihren Freiheiten beschränken müssen, um nicht mit sexueller Gewalt konfrontiert zu werden. Frauen wollen es sich nicht gefallen lassen, daß man ihnen als den Überlebenden sexueller Gewalt Mitschuld an der Gewalt gibt, weil sie durch ihre Kleidung diese provoziert hätten.

Frauen wollen nicht aufgefordert werden, sich so zu kleiden, daß sie nicht vergewaltigt werden - sie wollen, daß Männer aufgefordert werden, daß sie nicht vergewaltigen.

Frauen wollen zudem auch nicht nur als Opfer sexueller Gewalt betrachtet werden, sondern eher als Überlebende; denn Opfer sind hilflos, ohnmächtig, passiv, Überlebende aber sind aktiv geworden, setzen sich zur Wehr, wissen sich zu helfen. Der Täter konnte sie nicht in der ihnen zugedachten Ohnmacht halten, er hat damit die Macht, die er über sie zu haben glaubte, verloren.

Frauen wollen mit den Slut walks darauf aufmerksam machen, daß der Blick auf das weibliche Geschlecht allzu häufig ein sexualisierter Blick ist. Dieser verzerrende Blick auf die Frauen ist es, mit dem Gewalt gegen Frauen oft gerechfertigt wird.

Viele Christen - und ich denke hier vor allem an evangelikale bzw. freikirchliche Christen - stehen den Slut walks kritisch gegenüber. Schon der Begriff "Slut" bzw. "Schlampe" weckt Unbehagen, aber das ist eben jener Begriff, den der Polizist aus Toronto verwendet hat.

Hinzu kommt, daß die Slut-walk-TeilnehmerInnen den Schmäh-Begriff "Schlampe" nicht länger den Tätern bzw. denen, die den Frauen eine Mitschuld geben, überlassen wollen, ihn darum internalisiert haben.

Viele Christen sagen auch, Religionsfreiheit sei etwas anderes als Freiheit im Hinblick auf Kleidung, erst recht auf freizügige Kleidung. Man könne das doch nicht miteinander vergleichen, wie ich es in meinem Prolog getan habe.

Natürlich hat Kleidung meist nichts mit Religion zu tun und steht darum auf einer anderen Ebene (Ausnahmen sind etwa der Habit von Mönchen, Nonnen oder Diakonissen, die Talare von Priestern und Pastoren, die Tracht der Muslimas oder auch konservativer Christinnen). Ich verweigere ja auch grundsätzlich das Recht auf Gleichstellung von Minirock und  Burka, solange sich diese auf der populistischen und oft genug islamophoben Ebene "wenn unsere Frauen in islamischen Ländern keinen Minirock tragen dürfen, dann müssen wir Muslimas auch nicht das Recht zugestehen, hierzulande 'Burka' zu tragen" bewegt.

Es gibt zweifellos einen gewissen Unterschied zwischen Kleidung, die wir aus religiösen Gründen tragen und solcher Kleidung, die keinen religiösen Hintergrund hat. Das bedeutet aber nicht, daß Kleidung ohne religiösen Hintergrund nicht auch mit gewissen Rechten getragen werden dürfte, egal ob sie nun eher verhüllend ist oder eher freizügig.

Denn Kleidung schützt nicht nur den Träger insbesondere vor Witterungseinflüssen - Kleidung dient den Menschen in erster Linie zur nonverbalen Kommunikation.Selbst Schutzkleidung dient in der Regel über den Schutz hinaus der Kommunikation - man denke hier nur an die uniforme Schutzkleidung eines Feuerwehrmannes oder Polizisten.

Und darum ist die Kleidung, die wir tragen, auch vom Recht auf freie Äußerung unserer Meinung geschützt. Hinzu kommt natürlich, daß unsere Kleidung mit unserer Persönlichkeit zu tun hat, mit der Entfaltung unserer Persönlichkeit, und darum schützt das Recht auf freie Entfaltung unserer Persönlichkeit auch das Recht auf freie Wahl unserer Kleidung.

Einschränkungen im Hinblick auf die Meinungsfreiheit wie auch die freie Entfaltung unserer Persönlichkeit dürfen ebenso wie bei der Religionsfreiheit ausschließ dort dort zugelassen werden, wo dies unbedingt erforderlich und ein geordnetes und friedliches Zusammenleben sonst nicht gewährleistet ist (oder die Kommunikation-durch-Kleidung unzweideutig Botschaften befördert, die etwa Volksverhetzung darstellen, wie dies beispielsweise bei einer SS-Uniform der Fall wäre).

Ich glaube, daß wir als Christen aufgefordert sind, über die Religionsfreiheit hinaus alle  Freiheitsrechte aller Menschen zu verteidigen, auch sämtliche Rechte, die Meinung mittels der Kleidung frei und ungehindert zu äußern und die Persönlichkeit frei und ungestört zu entfalten. Darum sind wir aufgefordert, gegen freiheitsfeindliche Kleiderordnungen zu protestieren, sei es nun ein Burkaverbot oder ein Verbot freizügiger Kleidung.

Ich glaube, daß wir als Christen aufgefordert sind, Überlebenden sexueller Gewalt beizustehen. Wir stehen ihnen bei, wenn ihnen die Mit- oder sogar Alleinschuld gegeben wird. Wir dürfen es nicht schwiegend hinnehmen, wenn man den Überlebenden sexueller Gewalt eine Mitschuld geben will, weil sie sich wie Schlampen kleiden. Wir stehen ihnen bei, wenn der Begriff "Schlampe" als moralische Kategorisierung und Schuldzuweisung dient.

Wir dürfen es nicht hinnehmen, wenn man die Frauen zur Zurückhaltung auffordert, damit sie nicht vergewaltigt werden, statt die Männer aufzufordern, unter keinen Umständen zu vergewaltigen.

Wir dürfen es nicht hinnehmen, wenn die Frauen auf eine Opferrolle reduziert werden, passiv, hilflos und ausgeliefert, weil wir damit das Bild des Täters von der Frau, die er angegriffen hat, übernehmen: Er der Mächtige, sie die Hilflose.

Egal was eine Überlebende sexueller Gewalt getan ode rgelassen hat, egal wie "sündhaft" es uns möglicherweise auch erscheint, es kann niemals dafür verwendet werden, um den Täter ganz oder auch nur teilweise aus seiner Verantwortung zu entlassen.

Wer einer Überlebenden sexueller Gewalt eine Mitschuld aufbürdet, weil sie nicht zurückhaltend gekleidet ist, wird zum Mittäter und versündigt sich an der Frau. Man hilft auch keinem Täter, indem man versucht, einen Teil seiner Schuld oder sogar seine ganze Schuld auf die Überlebende abzuwälzen (allein Jesus kann die Schuld eines Menschen auf sich nehmen, und dies hat er ein für alle Mal am Kreuz getan).

Jesus, das ist meine Überzeugung, steht auch dann zu den Überlebenden sexueller Gewalt, wenn diese keine "Unschuldslämmer" sind. Und wenn wir wirklich mit Jesus leben wollen, dann muß unser Platz auch bei ihnen sein. Wer Jesus wirklich und von ganzem Herzen sucht, der findet ihn gerade bei den Überlebenden sexueller Gewalt. Stelle dich also an die Seite von Überlebenden sexueller Gewalt, und du wirst Jesus an deiner Seite finden.

Ich möchte nun noch auf einen anderen Punkt zu sprechen kommt. Das, was jener Polizist in Toronto getan hat, jene unglaubliche Äußerung, das tun wir in unseren evangelikalen bzw. freikirchlichen Gemeinden auch viel zu häufig. Zu oft raten wir Mädchen und Frauen, sie sollten sich nicht so freizügig kleiden, damit sie nicht Opfer sexueller Gewalt werden - einer Gewalt übrigens, die auch in unseren Kreisen viel zu oft vorkommt, auch wenn wir das meist natürlich nicht wahr haben wollen).

Der Toronto-Fluch findet sich auch in viel zu vielen evangelikalen oder freikirchlichen Gemeinden. Im schlimmsten Falle kommt es dann dazu, daß, wenn ein "gesalbter Mann Gottes" ein Mädchen oder eine Frau sexuell belästigt oder ihr gar Gewalt antut, man ihr vermittelt, daß sie selbst Schuld daran sei, weil sie sich zu freizügig gekleidet habe.

Unser eigenes Versagen in dieser Angelegenheit sollte uns an die Seite der Schlampen bei den Slut walks treiben und uns auch unsere Sünden gegenüber den Schlampen bekennen lassen (und jetzt bitte nicht sagen: "Ja ja, der Molthagen hat ja recht, Jesus war ja auch mit den Zöllnern, Sündern und Huren!" - die Schlampen sind eben keine Sünderinnen).

"Reverend, a short dress doesn't mean yes" (Pastor, ein kurzes Kleid bedeutet nicht Ja) wäre ein Satz, der mich auf Plakaten nicht stören würde; denn sexuelle Gewalt von Seelsorgern gegen Mädchen und Frauen ist eine Realität, die wir frommen Christen gerne herunterspielen.

Jetzt ist es auch an der Zeit, unser oft fromm-verkrampftes Verhältnis zu weiblicher Kleidung zu überdenken, insbesondere auch zu den Mädchen und Frauen außerhalb der Gemeinde Christi.

Aber vor allem, davon bin ich überzeugt, ist es jetzt an der Zeit, daß wir uns als Christen an den Slut walks beteiligen und uns die Anliegen dieser Bewegung zu eigen machen: Daß die Überlebenden sexueller Gewalt keine Mitschuld aufgrund ihrer möglicherweise freizügigen Kleidung zugesprochen bekommen. Wir sollten erkennen, daß es Sünde ist, wenn wir Mädchen und Frauen auffordern, sich im Hinblick auf sexuelle Gewalt nicht wie Schlampen zu kleiden, weil wir damit die Überlebenden sexueller Gewalt in die Täterrolle drängen. Wir müssen erkennen, daß wir in den Überlebenden sexueller Gewalt keine hilflosen, ohnmächtigen Opfer sehen dürfen.

Und falls jemand glaubt, weniger freizügige Kleidung würde sexuelle Gewalt verhindern, der lasse sich sagen, daß dies nicht der Fall ist. In Ägypten etwa oder auch in der Türkei wird verschleierten Frauen ebenso häufig sexuelle Gewalt angetan wie unverschleierten Frauen.

Sexuelle Gewalt hat nichts mit der Kleidung der Frauen zu tun; es geht dabei stets nur um Macht.

Und in diesem Bereich kann es auch in unseren evangelikalen bzw. freikirchlichen Gemeinden zu erheblichen Problemen kommen, daß nämlich auch "Menschen des Glaubens" in einer Machtposition sexueller Gewalt schuldig werden. Wenn wir sagen: "Bei uns gibt es das nicht", dann irren wir uns. Sexuelle Gewalt kommt in unseren Kirchen und Gemeinden nicht seltener vor als anderswo (vielleicht sogar häufiger, wie man befürchten muß).

Zuletzt erlaube ich mir den Hinweis, daß es Mädchen und Frauen in unseren Gemeinden gestattet sein sollte, sich so zu kleiden, wie es in unserer Gesellschaft üblich ist. So haben es nämlich, wenn ich die Bibel richtig verstehe, die Mädchen und Frauen des Glaubens auch je und je gehandhabt.

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