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Muslime - die Juden von heute?

Von verschiedenen Seiten hört man des Öfteren, angesichts von Islamophobie und Ausländerfeindlichkeit seien die Muslime die "Juden von heute".

Islamophobie, Ausländerfeindlichkeit, Feindlichkeiten gegen Frauen mit Kopftuch und Schleier - all das sind Realitäten in Deutschland, werden allerdings weder vom Staat, von den Massenmedien, von den Kirchen oder anderen Körperschaften dieses Landes mitgetragen, was ein deutlicher Unterschied zum Antisemitismus der Vergangenheit ist. Der Antisemitismus ging bis 1945 in erster Linie vom Staat und den Kirchen aus und wurde von vielen anderen öffentlichen Körperschaften mitgetragen.

Im Übrigen ist es ja nicht so, daß es heute keinen Antisemitismus mehr gibt - die "Juden von heute" sind in erster Linie immer noch die Juden und nicht etwa Muslime, Abtreibungsopfer ("Babycaust"), Katholiken, Evangelikale oder wer sonst.

In Deutschland hat, wie in ganz Europa, der Antisemitismus einen neuen Höchststand seit 1945 erreicht, und in Form manch eines "Antizionismus" hat er durchaus auch dominante öffentliche Körperschaften des Landes in Beschlag genommen, auch wenn man noch nicht wieder von einem Antisemitismus sprechen kann, der vom Staat, von der Kirche, den Massenmedien oder wem sonst ausgeht. Dennoch ist der Antisemitismus diejenige soziale Phobie bzw. gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die in Deutschland am häufigsten auftritt und am stärksten ausgeprägt ist.

Bedacht werden muß auch, daß es zu Zeiten der Nazis manche Allianz zwischen dem deutschen Antisemitismus und einem islamischen Antisemitismus gab. Dieses Faktum ist gut erforscht; und die "Juden von damals" waren nicht nur Opfer der Nazis, sondern auch antisemitischer Muslime, und zwar sowohl im Einflußbereich der Nazis als auch darüber hinaus.

Und auch die "Juden von heute" sehen sich nicht nur einem europäischen Antisemitismus ausgesetzt, sondern ebenso einem nationalisten bzw. islamischen Antisemitismus muslimischer Prägung. Die Muslime als die "Juden von heute" zu betrachten, ist von daher nicht angebracht.

Was wir heute an Islamophobie erleben, ist durchaus ernstzunehmen und darf nicht relativiert werden. Zu bedenken ist aber auch, daß die Islamophobie heute einen Charakterzug hat, der dem Antisemitismus von einst und heute fehlt: Es geht vor allem gegen muslimische Frauen, gerade gegen solche, die Kopftuch oder Schleier tragen. Soweit muslimische Männer Opfer von Antisemitismus werden oder es um Moscheen, Minarette, den Gebetsruf (adhan) oder was sonst geht, handelt es sich fast schon um Nebenschauplätze. Die Islamophobie richtet sich in besorgniseeregender Weise gegen Frauen, und die Behauptung, es gehe ja um die Befreiung der Frauen, ist nichts anderes als das Feigenblatt der vom Feindbild "muslimische Frau" geprägten Islamophobie.

In diesem Fall wird die Islamophobie freilich auch teilweise von öffentlichen Körperschaften mitgetragen, wenn es etwa in mehreren Bundesländern Kopftuchverbote für Lehrerinnen bzw. Erzieherinnen gibt und Burkaverbote angestrebt werden.

In jedem Fall muß man zu dem Schluß kommen, daß man die Islamophobie ernst nehmen und bekämpfen muß; aber eine Gleichsetzung mit dem Antisemitismus, als seien die Muslime die "Juden von heute", verbietet sich. Es wird weder dem Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart gerecht noch der gegenwärtigen Islamophobie.

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