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Die Muslime gehören zu Deutschland

Vom Bundespappkameraden wird letztlich wohl kaum mehr als dieser eine Satz in Erinnerung bleiben: "Der Islam gehört zu Deutschland". Ich habe dieser Aussage stets widersprochen - und bin froh, daß auch Bundespräsident Gauck diesen Satz so nicht stehen lassen will, sondern statt dessen deutlich macht, daß die Muslime zu Deutschland gehören. 

Diesem "die Muslime gehören zu Deutschland" stimme ich zu, auch wenn ich es schwierig finde, Menschen dergestalt auf ihre Religion zu reduzieren. Es sind Menschen, die zu Deutschland gehören. Diese Menschen mögen Christen, Muslime, Juden oder wer sonst sein - aber sie sind eben zuerst Menschen

Warum nun aber gehört der Islam nicht zu Deutschland?

Er gehört ebenso wenig zu Deutschland wie das Christentum, das Judentum, der Atheismus oder was sonst. Dies nicht nur, weil "Islam" mehr noch als "Muslime" Menschen auf ihre vermeintliche oder tatsächliche Religion reduziert, sondern weil es den Islam eben nicht gibt. Oder das Christentum. Oder das Judentum

Wer heute sagt: "Das Judentum gehört zu Deutschland", der meint nicht selten vor allem die toten Juden, die unter den Nazis im Holocaust ihr Leben verloren haben. Lebende Juden stören da allzu schnell, vor allem wenn sie am Leben bleiben wollen und dies auch für Israel beanspruchen.

Welchen Islam meint derjenige, der sagt, der Islam gehöre zu Deutschland? Schon für die Nazis gehörte der Islam zu Deutschland, und so pflegte man innige Kontakte zum Mufti von Jerusalem und baute muslimische SS-Divisionen auf. Das war der Islam, der zu Deutschland gehörte. Die anderen Muslime aber gehörten eben nicht zu Deutschland. Und genau da liegt das Problem, wenn man sagt: "Der Islam gehört zu Deutschland". 

Heute ist das allzu schnell der "Euro-Islam" oder was man in dieser Richtung zu formen gedenkt. Wer heute sagt: "Der Islam gehört zu Deutschland", der meint selten alle Muslime, die in diesem Land leben. 

Man frage sich halt einmal, was es bedeutet, wenn jemand sagt: "Das Christentum gehört zu Deutschland". Damit ist dann das Volkskirchentum gemeint, das Amtskirchentum. Mit etwas Wohlwollen gesteht man einer Handvoll von Freikirchen zu, bei stillem, unauffälligen Verhalten, das nicht vor die Kirchentür geht, auch so etwas wie ein zu Deutschland gehörendes Christentum zu sein. Aber die Evangelikalen und vor allem die "evangelikalen Freikirchen" sind nicht gemeint, wenn einer sagt: "Das Christentum gehört zu Deutschland". Ebenso wenig ist die Neuapostolische Kirche gemeint, sind die Zeugen Jehovas gemeint, die Mormonen oder wer sonst. Das Christentum, das zu Deutschland gehört, ist Volkskirche, ist Amtskirche, ist sozusagen Staatskirche. 

Und wenn jemand sagt: "Der Islam gehört zu Deutschland", wen meint der wohl? Nun, jedenfalls nicht die sehr religiösen Muslime, nicht die Salafi, nicht die komplett verschleierten Muslimas oder auch nur die, die statt eines einfachen Kopftuches etwa einen Tschador oder einen Tscharschaf tragen. Auch die Aleviten oder die Ahmadiyya gehören nicht dazu. 

Weil es den Islam nicht gibt, ist der Satz "der Islam gehört zu Deutschland" letzten Endes ein Satz, der zwischen "guten Muslimen" und "schlechten Muslimen" unterscheidet. Er inkludiert nicht, er exkludiert. Er integriert nicht, er zieht Mauern auf. Es ist ein deutscher Islam gemeint, ein domestizierter Islam, ein eingehegter Islam. Und wir sind es natürlich, die die Deutungshoheit haben, was der Islam denn sei. 

Wer dagegen sagt: "Die Muslime gehören zu Deutschland", der hat eher die Vielfalt im Blick, die Tatsache, daß die Muslime keine homogene, gesichtslose Masse sind, die mehr oder weniger gut auf unser liebgewonnenes Karl-Maysches Islam-Bild passen. 

Ja: Die Muslime gehören zu Deutschland. Nicht nur die Lieblinge der Medien und der Politiker und der Kirchen, sondern sie alle, auch die 400 - 600.000 Aleviten, die rund 50.000 Ahmadiyya, die mehrere Tausend Salafi, die Tschador, Tschaschaf oder sogar Niqab tragenden Muslimas, die Koran-Verteiler, ja, auch die Radikalen. Sie gehören zu Deutschland. 

Zu Deutschland zu gehören muß man sich nämlich nicht verdienen. Das ist keine Medaille für staatsbürgerliches Wohlverhalten. 

Das wiederum wirft die Frage auf: Ist es etwas Besonderes, zu Deutschland zu gehören? 

Eigentlich ist es das nicht. 

Aber manchmal müssen wir "Deutschen" daran erinnert werden, daß eben auch "die anderen" zu Deutschland gehören, die gleichen Rechte und Pflichten haben wie wir. Also ja: Die Muslime gehören zu Deutschland. Jeder Muslim, der hier lebt, gehört zu Deutschland, wie auch immer er seine Religiosität gestaltet und praktiziert. Für ihn gelten die gleichen Rechte und Pflichten, die gleichen Gesteze wie für jeden anderen Bürger. Dazu gehört auch das Recht, nicht auf die vermeintliche oder tatsächliche Religion reduziert werden, sondern als Mensch wahrgenommen zu werden.

Die Muslime jedenfalls müssen nicht irgendwelche Verdienste vorweisen können, um zu Deutschland zu gehören. Sie gehören dazu, einfach weil sie Bürger dieses Landes sind. 

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