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Die Salafiyya und die Koranverteilung

Eines der Top-Themen ist derzeit die von Salafi durchgeführten Koranverteilungen in mehreren deutschen Städten. Dürfen die das? Dürfen die einfach so Koranausgaben verteilen? Muß man dem nicht einen Riegel vorschieben?

Richtig ist, daß die Salafiyya alles andere als eine im Hinblick auf unser westliches, postchristliches Verständnis von Religion unproblematische Bewegung ist. Die wollen nicht bloß Kuschelclubs frommer Muslime gründen, nicht bloß frömmelnde Koranlesestunden einrichten. Die Salafiyya spielt das bei uns übliche Spiel "wasch mich, aber mach mich nicht naß" nicht mit.

Richtig ist auch, daß die Salafiyya kein einheitlicher Block ist. Unter dem Sammelbegriff "Salafiyya" finden wir eine buntschillernde Vielfalt an Gruppierungen, die sich untereinander kaum einmal grün sind.

Richtig ist, daß die Salafi, die derzeit Koranausgaben verteilen, natürlich mehr wollen als daß ein Koran in jeden Haushalt kommt. Die Koranverteilung ist nur ein Aufhänger, um ins Gespräch zu kommen, es ist ein PR-Gag, um zu missionieren - "Da'wa" ist der terminus technicus, Einladung zum Glauben. Da'wah ist ein Teil des Jihad, des Eifers auf dem Weg des islam, Da'wah ist der Jihad der Zunge.

Weder die Koranverbreitung noch die MIssionierung sind hierzulande rechtswidrig. Beides ist vom Recht auf freie Ausübung der Religion gedeckt. Das gilt auch für eine Missionierung, die das Ziel hat, zu einem anderem als den "Euro-Islam" einladen, von dem wir hierzulande träumen.

Soweit die Salafiyya problematisch sind, müssen wir aufklären, müssen wir mit sachlichen Informationen an die Öffentlichkeit treten, wer die Salafi sind, wofür die Salafiyya steht (wobei der Staat auf seine Pflicht zur weltanschaulichen Neutralität zu achten hat - er darf nicht eine religiöse Strömung bevorzugen und eine andere benachteiligen).

Verbote sind ebenso kontraproduktiv wie Versuche, die Salafi als einen monolithischen Block wahrzunehmen. Damit werden wir die Salafi nur radikalisieren - dadurch wird gerade der höchst problematische politische Flügel der Salafiyya stärker.

Im Übrigen kann man mit den Salafi durchaus ins Gespräch kommen - Christen fühlen sich dabei leider schnell überfordert, auch evangelikale Christen, die oft ihren Glauben und häufiger noch ihre Bibel nicht gut kennen. Ein Salafi-Missionar kennt die Bibel besser als der durchschnittliche Christ - jedenfalls bestimmte Bibelstellen.

Wir Christen jedenfalls sind aufgefordert, der Auseinandersetzung mit den Salafi nicht aus dem Weg zu gehen. Dazu müssen wir aber unseren Glauben kennen und mehr noch die Bibel. Wir müssen aber auch wissen, warum wir als Christen glauben, daß wir eine Trennung von Staat und Kirche ebenso brauchen wie eine Gesellschaft, die nicht von einer fundamentalistischen Moral bestimmt wird. Warum wir glauben, daß Frauen auch ohne Schleier und ohne männliche Begleitung den Geboten Gottes genügen.

Leider sind, wie ich schätze, 95 % der Evangelikalen nicht in der Lage, sinnvoll mit Salafi-Missionaren zu sprechen. Das liegt auch an einer gewissen Islamophobie, die bei uns mehr oder weniger offen grassiert. Wer mit Salafi in einen Dialog tritt, versucht oft, sie zu überzeugen, daß der Islam falsch ist. Davon sind viele von uns ja auch selbst überzeugt. Leider sind wir viel zu wenig von dem überzeugt, was unser Glaube Positives zu bieten hat.

Und ja, viele Evangelikale bewundern die Salafi für deren Religigiosität. Die Salafi haben viel Feuer, das wir bei uns schmerzlich vermissen. Natürlich verdrängen wir diese Bewunderung für den starken, unerschütterlichen Glauben der Salafi - und aus der Verdrängung erwächst dann Islamophobie.

Es ist kein Zufall, daß bei vielen Deutschen die Ablehnung des islamischen Kopftuches weniger wurde, als immer mehr türkische Schönheiten das Kopftuch mit figurbetonter Kleidung, auffälligem Make-up usw. kombiniert haben und das Kopftuch zudem mit Hilfe von Einlagen fülliges Haar vorgetäuscht hat. Dadurch wurde es weniger zu einem Symbol starker Frömmigkeit - und damit weniger bedrohlich für jene von uns verdrängten Persönlichkeitsmerkmale der Religiosität.

Aber das Auftreten der Salafi bedroht jene Persönlichkeitsmerkmale, gerade auch der Schleier der Salafi-Frauen. Sie führen uns eine Frömmigkeit vor, die uns scheinbar fehlt. Hier müssen wir uns als Christen aber auch fragen: Fehlt uns da wirklich etwas? Oder sitzt da nur ein kleiner evangelikaler Kobold auf unserer Schulter, der uns einreden will, wie wahre Frömmigkeit aussehen müsse. Wahre Frömmigkeit aber ist immer unscheinbar, sie geschieht im Verborgenen. Das erscheint uns aber oft als ungenügend - sollte man als Christ nicht viel religiöser auftreten?

Religiöses Auftreten ist aber meist ein Zeichen schwachen Glaubens. Starker Glaube sieht anders aus.

Und hier verbirgt sich nun auch der Ansatz eines Dialoges mit den Salafi-Missionaren, wenn sie uns einen Koran überreichen, mit uns über ihren Glauben ins Gespräch kommen wollen. Zwar ist es nicht zielführend, sie direkt auf diesen Sachverhalt hinzuweisen ("du glaubst, du hast einen starken Glauben, aber daran, wie du glaubst auftreten zu müssen, erkenne ich, daß dein Glaube in Wahrheit einer äußeren Vergewisserung bedarf und in Wahrheit schwach ist"), aber letztlich dürfen wir uns von dem Äußeren nicht irre machen lassen. Salafi sehnen sich nach einem starken Glauben, nach Gewißheit - und danach, zur Ruhe kommen zu dürfen.

Verbote jedenfalls, wie sie auch viele evangelikale Christen fordern, helfen ihnen nicht. Sinnvoll ist es nur, mit ihnen ins Gespräch zu kommen - und das auf Augenhöhe, mit Respekt. Es ist nicht unsere Aufgabe, im Hinblick auf die Fragen des Glaubens Überzeugungsarbeit zu leisten. Schon gar nicht von etwaigen Mißständen ihres Glaubens. Oder von einer angeblichen Stärke und Überlegenheit unseres Glaubens.

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