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Islamkritik - Eine Kritik

Vorweg ein Bekenntnis: Ich war früher selbst Islamkritiker.

Ich habe diese Bewegung verlassen und sehe mich nicht mehr als Islamkritiker, auch wenn das nicht bdedeutet, daß ich nun ein "Islambefürworter" wäre.

Vieles von dem, was den Islam in Lehre und Praxis prägt, ihn in Geschichte und Gegenwart ausmacht, kritisiere ich, anderes kann ich befürworten. Eine Pauschalkritik jedoch, und das ist Islamkritik, lehne ich entschieden ab, kritisiere ich, bin also ein Islamkritik-Kritiker.

Ehe wir uns mit der Islamkritik befassen, müssen wir erst einmal verstehen, daß es im Westen zwei Formen der Islamkritik gibt, die offene, deren Grenzen zur Islamophobie hin fließend sind, und die versteckte, die nach außen hin zwar die Islamkritik ablehnt und den Islam befürwortet, dies aber eher tut, weil man Angst vor Reaktionen der Muslime hat, wenn diese offen kritisiert werden, wenn man an sie Forderungen stellt, wenn man ihnen die gleichen Regeln auferlegt wie anderen Mitgliedern der Gesellschaft auch.

Das bedeutet natürlich nichts anderes, als daß man Muslime für nicht kritikfähig hält, für nicht reif oder entwickelt genug, mit Kritik umzugehen, für unfähig, vernünftige Forderungen der Mehrheitsgesellschaft zu akzeptieren - sie mithin als Wilde betrachtet, edle Wilde zwar, aber eben doch: Wilde. Unfähig, sich in der Zivilisation zurechtzufinden.

Es ist mir wichtig, diese versteckte Islamkritik nicht unter den Teppich zu kehren, auch wenn sie im Folgenden nicht mein Thema sein soll. Die von mir besprochene offene Islamkritik steht in einer Wechselwirkung mit der versteckten Islamkritik, die von Islamophoben gerne als "Islamophilie" betrachtet wird.

Hier noch eine Abgrenzung: Nicht jeder "Islambefürworter" reagiert aus Angst vor den "edlen Wilden". Doch diese Angst vor womöglich gewaltsamen Reaktionen des Islam bzw. der Muslime auf Kritik, Forderungen usw. ist weit verbreitet und führt zu einer verzerrten Sicht auf die Muslime, die in eine Opferrolle gedrängt werden, die zu ungefragten Mandaten von selbst ernannten Anwälten werden.

Kommen wir nun zur offenen Islamkritik. Ihr Problem ist nicht, daß man Fehlentwicklungen im Islam kritisiert. Tut man dies sachlich, objektiv und in Bereitschaft zum Dialog mit den Muslimen auf Augenhöhe - aufeinander hörend, einander aussprechen lassend, voneinander lernend -, so ist daran nichts auszusetzen. Das Problem ist, daß die Islamkritik eine Kritik am Islam selbst ist, sie kritisiert den Islam in seiner Gesamtheit und damit auch die Muslime als geschlossene Gruppe, die somit unter Generalverdacht geraten.

Dabei helfen Lippenbekenntnisse nicht, man meine ja nur die "Islamisten" oder die "Fundamentalisten", wenn andererseits der Islam etwa als "kaputtes System" kritisiert wird, das nicht etwa von den Islamisten falsch verstanden werde, sondern von den moderaten Muslimen (womit man freilich Definitionen beispielsweise der Salafiyya übernimmt).

Islamkritiker zeichnen sich in der Regel dadurch aus, daß sie sich selbst bzw. die von ihnen vertretene Kultur als überlegen betrachten, was Menschenrechte, Wissenschaft usw. betrifft. Die von ihnen angenommene Unterlegenheit des Islam wird mit dem Islam selbst begründet; nur mit Hilfe von außen könne zwar nicht der Islam, aber wenigstens die "islamische Welt" reformiert werden. Um das zu erreichen, muß man die Muslime zu ihrem Glück zwingen. Die "Unterdrückung der Frauen" etwa soll im Interesse der Frauen dadurch beseitigt werden, daß man Kopftcher und Schleier verbietet. Das "aggressive Wesen des Islam" soll dadurch beseitigt werden, daß man Muslimen untersagt, Moscheen - in der Sprache der Islamkritiker "Kasernen des Islam" - zu bauen oder dies nur in "moderater" Form zuläßt, nicht zu groß, die Minarette nicht zu hoch, ohne Gebetsruf (adhan) des Muezzin. Auch der Widerstand gegen islamischen Religionsunterricht wird letztlich damit begründet, daß dies im Interesse der Muslime und vor allem ihrer Kinder liege.

Das Thema der Islamkritik ist freilich weniger der Islam an und für sich - sondern eher die vermeintliche Infiltration des Westens, die angenommene Bedrohung des Christentums, die angebliche Islamisierung Europas.

Geht es um den Islam in der islamischen Welt, so dient er eher als Beispiel für die Bedrohung des Abendlandes. Frauen dürfen in Saudi-Arabien nicht Auto fahren - Islamkritiker werden allerdings beispielsweise zuerst fragen, wann auch Claudia Roth sich chauffieren läßt, um dann vor einer Zukunft zu warnen, in der auch deutsche Frauen nicht mehr selbst Auto fahren dürfen. Dann wird man Muslimen vorschlagen, doch nach Saudi-Arabien auszuwandern, wo sie sich doch wohl fühlen.

Das gesellschaftspolitische Problem der Islamkritik ist die Nähe zur Islamophobie, zum Rechtspopulismus und auch zum Rechtsextremismus, wobei gerade intellektuelle Rechtsextremisten eigene Pläne haben, die damit zusammenhängen, daß man Muslimen unterstellt, nützliche Verbündete im Kampf gegen die Amerikaner und gegen die Juden zu sein. Rechtsextremisten sind vor allem gegen eine Vermischung der Muslime mit der Mehrheitsgesellschaft, weniger gegen den Islam an und für sich. Dennoch unterwandern intellektuelle Rechtsextremisten die islamkritische Szene, wobei sie vor allem nach Personen suchen, die sie für ihre eigenen Zwecke rekrutieren können.

Nicht alle Islamkritiker sind islamophob -  dies sind in der Regel vor allem die religiösen Typen unter ihnen, wobei "religiös" auch fundamentalistische Atheisten einschließt, weniger die areligiösen Typen, diejenigen, die sich nicht mit Religion beschäftigen -, aber alle Islamophoben sind Islamkritiker. Bei der Islamophobie ist die Grenze zum Rassismus überschritten, wobei im Hinblick auf die "Rasse" hierbei weniger als die Muslime zu denken ist, sondern vielmehr die vermeintliche "Rasse" der Islamophoben. Sie nehmen gemeinsame Merkmale ihrer "Rasse" oder ihres Clans an (z.B. Demokratie, Menschenrechte, Aufklärung, Humanismus, Wissenschaft usw.), die gegen den Islam, aber auch gegen dessen Befürworter (z.B. Linke, Grüne, "Gutmenschen", "Islamophile" usw.) verteidigt werden müssen.

Auch sind nicht alle Islamkritiker rechtspopulistisch, aber die Islamkritik ist ein zentrales Merkmal des Rechtspopulismus, seitdem diesem der Ostblock-Kommunismus als zentrales Feindbild weithin verloren gegangen ist. Man findet kaum Rechtspopulisten, die nicht islamkritisch und womöglich auch islamophob sind.

Oft wird Islamkritikern das meist vertretene Selbstverständnis abgenommen, sie seien pro-israelisch, pro-amerikanisch und würden sich zum Grundgesetz bekennen. Darum sehen manche sie nicht als verfassungswidrig an (so etwa der Verfassungsschutz). Dabei ist zu bedenken, daß die vermeintliche Unterstützung Israels bzw. der Juden und der Amerikaner vor allem darauf beruht, daß der Islamkritiker meist glaubt: "Der Feind meines Feindes ist mein Freund". Es handelt sich um Zweckbekenntnisse und Zweckbündnisse: Man ist pro-israelisch und pro-amerikanisch, weil man anti-islamisch ist, man behauptet, auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen, weil man glaubt, die Muslime würden dies nicht tun. Tatsächlich wird das Grundgesetz meist sehr eingeschränkt ausgelegt, etwa im Hinblick auf Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Widerstandsrecht. Das Grundgesetz wird durch eine anti-islamische Brille gesehen und kommentiert. Die Religionsfreiheit etwa wird meist so verstanden, als beträfe dies allein den privaten Rahmen, nicht aber beispielsweise auch gesellschaftspolitisches Auftreten. In der Regel wird argumentiert, der Islam sei Ideologie und nicht Religion im Sinne des Grundgesetzes - und stehe darum nur eingeschränkt oder gar nicht unter dem Schutz der Religionsfreiheit.

Halten wir fest, daß Kritik an bestimmten Entwicklungen des Islam in Lehre und Praxis erlaubt sein muß, wenn bestimmte Regeln eingehalten wird. Nicht jede Kritik ist problematisch, sondern diejenige, die pauschalisiert, die Muslime unter einen Generalverdacht stellt - und denjenigen Muslimen, die offenbar moderat sind, unterstellt, sie würden "Taqiyya" betreiben, sich also verstellen, gegenüber der Mehrheitsgesellschaft nicht die Wahrheit sagen, in der Öffentlichkeit anders sprechen als in den Moscheen.

Leider ist eso, daß manche Muslime auf jegliche Kritik extrem empfindlich reagieren. Es ist zu leicht, für diesen Umstand den Islamkritikern, Islamophoben und Rechtspopulisten die Schuld zuzuweisen - wir müssen nicht nur den Islamkritikern sagen, daß sie Muslime nicht unter einen Generalverdacht astellen dürfen, wir müssen gegebenenfalls auch Muslimen und vor allem den Verbänden sagen, daß sie die Mehrheitsgesellschaft nicht pauschal verdächtigen dürfen, islamkritisch zu sein.

In einer offenen Gesellschaft ist Kritik aneinander unerläßlich - sie muß jedoch immer auf Augenhöhe stattfinden, sie darf nicht von oben herab kommen. Sie muß davon geprägt sein, daß man einander zuhört, daß man einander aussprechen läßt und daß man voneinander lernt.

Pauschale Kritik ist in jedem Fall unzulässig - mit einer einzigen Ausnahme: Wer andere pauschal kritisiert und unter einen Genralverdacht stellt, wie etwa Islamkritiker res tun, muß damit leben, ebenfalls pauschal kritisiert zu werden, wobei sich die Kritik aber wirklich auf jene Punkte beschränken muß, die tatsächlich eine Pauschalisierung zulassen.

Es ist wichtig, daß sich die Mehrheitsgesellschaft gegen die Islamkritik als einer pauschalen Kritik am Islam und eines Generalverdachts gegen Muslime stellt. Dabei darf es aber nicht zu einer Kultur kommen, in der Kritik an Fehlentwicklungen im Hinblick auf den Islam pauschal kriminalisiert werden. Auch ist es nicht sinnvoll, aus Angst vor wütenden Raktionen von Muslimen zum Geisterfahrer der Islamkritik zu werden.

Es geschieht in Deutschland zu häufig, daß man panisch bei jeder Kritik am Islam reagiert - Kritik etwa am Christentum, am Katholizismus, an evangelikalen oder freikirchlichen Christen, an konservativen Christen usw. aber kommentarlos hinnimmt. Das beweist allerdings nur, daß man in Muslimen "edle Wilde" sieht. Das ist keinesfalls besser als Islamkritik.

Es behandelt die Muslime ebenso von oben herab, wie es die Islamkritik tut. Es nimmt eine externe Definition der Muslime vor, stark vereinfacht und homogenisierend, beschreibt sie aus einer subjektiven Außensicht und filtert jede Selbstdarstellung der Menschen muslimischen Hintergrundes durch die Opferbrille selbst ernannter Anwälte, die vor einem Gericht gegen "Rechte" streiten und zu diesem Zwecke die Muslime instrumentalisieren.

Wir dürfen Muslime nicht in eine Opferrolle zwingen und dazu, uns als ihre Anwälte respektieren zu müssen. Tun wir das, sind wir nicht besser als die Islamkritiker.

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