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Santorums Rückzug, die US-Evangelikalen und die deutschen Versteher

Rick Santorums Rückzug vom Wahlkampf war die erste Meldung, die ich heute morgen im Newsticker las, und da stellen sich doch gleich einige Fragen.

Angeblich sind die US-Evangelikalen eine starke Kraft in den USA und können zum Präsidentschaftskandidaten küren, wen immer sie wollen. An ihnen kommt keiner vorbei. Mitt Romney habe keine Chance, denn er sei ja Mormone.

Tja, sind nun die US-Evangelikalen doch nicht so eine bedrohlich starke Macht, wie uns die deutschen Versteher wieder und wieder gepreigt haben?

Oder stehen sie doch nicht als brandgefährliche Macht geschlossen hinter Santorum?

Und noch eine Frage: Stehen sie überhaupt geschlossen hinter den Republikanern, wie man uns immer wieder predigt, auf das eine große Furcht komme über das Land und seine Bürger?

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Ich bin wahrlich kein Experte für die USA (die mir in jedweder Hinsicht so fremd sind wie jegliche andere fremde Kultur auch), für die US-Politik, für die US-Evangelikalen oder was sonst.

Daß die US-Evangelikalen eine Macht sind, darf man wohl getrost annehmen. Sie spielen keine so unbedeutende Rolle wie die deutschen oder europäischen Evangelikalen, die sich ja ohnehin eher in stille Kämmerlein zurückziehen, in ihre frommen Kuschelclubs erretter Christen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Kein amerikanischer Präsidentschaftskandidat kommt an ihnen vorbei (während hierzulande jede Nähe zu Evangelikalen für einen Präsidentschaftskandidaten gefährlich werden kann, siehe den früheren Bundespappkameraden oder auch Bischof Huber).

Aber ob sie nun nicht stark genug sind, um "ihren" Kandidaten durchzudrücken oder ob es diesen "ihren" Kandidaten eher gar nicht gibt, das ist die interessante Frage. Ich schätze eher: Ein großer Teil der US-Evangelikalen stand nicht hinter Santorum - sie haben halt nicht die deutschen Medien gelesen und daher nicht gewußt, wie sie sich zu verhalten hatten. Ist also eigentlich doch ihre Schuld, denn wie soll man zu etwas kommen, wenn man die deutschen Journalisten nicht zu Rate zieht? Wir Deutschen verstehen nun einmal die Welt und können sie allen erklären (vor allem den Juden und den Amerikanern).

Und ob die US-Evangelikalen nun hinter den Republikanern stehen oder hinter den Demokraten - gerade durch ihre sozialen Projekte motivieren sie ärmere Amerikaner zur politischen Teilhabe - und die werden eher die Demokraten wählen.

Die US-Evangelikalen sind wohl nicht der böse monolithische Block hinter einer bösen US-Politik, als den wir sie hierzulande gerne im schlimmsten Licht darstellen, auf daß etwas von diesem Licht auf die deutschen Evangelikalen abfärbe und das Volk zittere vor Furcht.

Und wenn wir schon bei den deutschen Evangelikalen sind (und die verstehe ich nun ein wenig): Wir sind auch kein monolithischer Block, der geschlossen hinter der PBC steht und damit für ein "Deutschland nach Gottes Geboten".

Ja, ich bekenne: Ich wünsche mir ein Deutschland nach Gottes Geboten. Eines, das sich am Lobgesang Marias orientiert ({bib=Lukas 1,46-54}). Das sich für Arme, Kranke, Gefangene, Entrechtete stark macht. Eines, in dem die Religionsfreiheit größer geschrieben wird als Sicherheitsinteressen, in dem Religion und Staat getrennt sind, keine Religion bevorzugt bzw. benachteiligt wird. Als Evangelikaler bin ich persönlich ein Sozialdemokrat, auch wenn ich mit der derzeitigen SPD in kaum einem Punkt übereinstimme, die Kluft vielmehr immer größer wird (man kann offenbar Sozialdemokrat sein, ohne SPD-Fan zu sein).

Deutsche Evangelikale wählen manchmal PBC (nach den letzten Prognosen sind das immer weniger von ihnen), manchmal die Union, manchmal die SPD, manchmal die Grünen oder neuerdings die Piraten, manchmal sogar die Linken. Vermutlich wählen einige auch die NPD oder eine der rechtspopulistischen Parteien - sicherlich sind das mehr, als mir lieb ist.

Wir Evangelikalen im Land sind eine fazettenreiche Bewegung, in jedweder Hinsicht. Schubladendenken verbietet sich (auch für Evangelikale selbst, die gerne ihre jeweilige Fazette als den einzig wahren Evangelikalismus sehen).

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