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Die Christen und die Salafi

Ich schätze, daß die meisten Christen - vor allem die meisten Evangelikalen und/oder Freikirchler - den Salafi eher ablehnend gegenüberstehen. Dabei sehen die meisten Christen die Salafi wohl als einen monolithischen Block und würden ihnen pauschal Merkmale wie "Christenverfolger", "Schariabefürworter", "Fundamentslisten", "Terroristen" oder "Frauenunterdrücker" zuweisen. Bestenfalls sehen wir sie als Missionsopfer oder suchen Wege zu finden, ihrer Da'wa (Einladung zum Glauben) in die Quere zu kommen.

Neben dem "Feindbild Salafiyya" vieler Christen gibt es natürlich auch ein "Feindbild Christentum" bei vielen Salafi - und die gegenseitige eher ablehnende Wahrnehmung schaukelt sich gegenseitig hoch.

Der Verfasser dieser Zeilen wäre vermutlich, würde er zum Islam konvertieren ein Salafi. Sollte ich erklären, welche Strömung des Islam meiner Überzeugung nach am ehesten die "richtige" ist, würde ich ohne viel Überlegen die Salafiyya nennen.

Zugleich bin ich ganz gewiß kein Fan der Salafiyya. In vielen Bereichen gehen meine christlich geprägten, eindeutig evangelikalen wie auch freikirchlichen Wertvorstellungen und die der Salafi weit auseinander.Es gibt wohl eher wenig Berührungspunkte.

Dennoch bin ich ausdrücklich dafür, die Salafi vollumfänglich an der Religionsfreiheit teilhaben zu lassen. Zudem rufe ich dazu auf, die Salafiyya nicht als einen monolithischen Block wahrzunehmen. Beides hängt wohl auch damit zusammen, daß mich die oft evangelophobe und freikirchenfeindliche Haltung in unserer Gesellschaft dafür sensibilisiert, die Rechte, die ich für mein "religiöses Biotop" in Anspruch nehme und gegen Feindbilder verteidige, auch den Salafi zugestehen möchte. Mein Schwerpunkt sind dabei  die von Kopftuch- und Burkaverboten bedrohten muslimischen Frauen, auch wenn weder alle verschleierten Frauen Salafi sind noch alle Frauen der Salafi einen Schleier tragen.

Ich bin mir sicher, würde Jesus heute sein Gleichnis vom barmherzigen Samariter ({bib=Lukas 10,25-37]) erzählen, dann wäre es vielleicht ein barmherziger Salafi, der einem überfallenen Freikirchler zur Hilfe kommt. Ich glaube, daß Jesus uns "dermaleinst" auch danach beurteilen wird, wie wir ihm in der Gestalt eines wegen seiner Zugehörigkeit zur Salafiyya diskriminierten Muslim zur Seite gestanden haben (siehe {bib=Matthäus 25,31-46}).

Als Christen müssen wir den Vorstellungen der Salafi nicht zustimmen - oder uns an ihren Wertvorstellungen, ihrer Religiosität usw. orientieren. Aber ich glaube, daß wir aufgerufen sind, uns für die Religionsfreiheit gerade auch der Salafi einzusetzen, den Dialog zu suchen und uns dort, wo es zwischen Salafi und der Bevölkerung zu Spannungen kommt, als Mittler und Friedensstifter zur Verfügung stellen, ohne Partei zu ergreifen und ohne dies als Vorwand für eine Missionierung der Salafi zu nutzen.

Ich mag ein Träumer sein, aber ich habe den Traum von evangelikalen bzw. freikirchlichen Christen, die sich im Sinne einer Konvivenz einbringen, um mit Salafi in guter Nachbarschaft zu leben: Einander helfen, voneinander lernen, miteinander feiern. Als Christen sind wir aufgerufen, zu anderen Menschen zu gehen und ihr Leben zu teilen. Ich sehe keinen Anlaß, die Salafi von diesem Auftrag auszuschließen.

Islamophobie und insbesondere ein "Feindbild Salafiyya" verhöhnen den Auftrag Jesu, zu den Menschen zu gehen, treten sein Vorbild mit Füßen. Ich glaube, würde Jesus heute für ein paar Tage in unsere Welt kommen, dann würde er etwa zu den Slut walkerinnen gehen und ihnen sagen: "Ich muß heute mit euch marschieren". Er würde aber auch zu den Salafi gehen und ihnen sagen: "Ich muß heute mit euch essen". Das sind zwei aktuelle Anliegen, von denen ich denke, wir Christen sollten uns fragen: "Was würde Jesus tun?".

Geht es um die Salafi, so mag ein Christ sich fragen, ob wir nicht ein christliches Alternativangebot etablieren sollten, um der Salafiyya-Da'wa in die Quere zu kommen und den Salafi vielleicht ein paar Anhänger abspenstig zu machen. Ein Christentum, das Strukturen, Werte, Ordnung, einfache Antworten verspricht, das sich vor allem an junge Menschen wendet, die nach diesen Fundamenten suchen.

Das ist sicherlich gut gemeint, aber persönlich glaube ich, das wäre ein Irrweg. Besser ist es, Menschen Mut zu machen, sich den Realitäten und den Fragen des Alltags und der Lebensführung zu stellen statt auf vorgefertigte Antworten, statt auf einen Instant-Glauben mit billiger Gnade zu setzen.

Für uns Christen sollten die Salafi in den Fokus unserer Mission rücken - wobei ich "Mission" nicht im Sinne von "Überzeugungsarbeit" verstehe, sondern im Sinne von "den frommen Kuschelclub erretter Christen verlassen, zum Anderen hingehen, unter Aufgabe persönlicher Vorteile und bei Inkaufnahme von Einschränkungen das Leben der Anderen teilen, einander helfen, voneinander lernen, miteinander feiern". Das Überzeugen ist und bleibt die Aufgabe Gottes; wir sind lediglich Zeugen Jesu, und zwar durch unser Leben, unser Vorbild.

Auf jeden Fall verbietet sich ein "Feindbild Salafiyya". Es verbietet sich, die Salafi auf ihre Religion zu reduzieren; wir sollen in ihnen geliebte Geschöpfe Gottes sehen, die Gott mit unverletzlicher Würde ausgestattet hat, die wir lieben sollen. Es verbietet sich, in ihren möglicherweise verschleierten Frauen nur unterdrückte Geschöpfe zu sehen. Es verbietet sich, in ihnen nur Stellvertreter der Christenverfolgung in islamischen Ländern zu sehen. Es verbietet sich, in ihnen nur Schariabefürworter oder Terrorversteher zu sehen. Jeder einzelne Mann, jede einzelne Frau der Salafi ist ein wertvolles Individuum, ein Mensch mit Ängsten und Bedürfnissen und Hoffnungen und Wünschen und Träumen. Jesus ist verrückt nach jeder und jedem von ihnen. Er möchte, daß wir als sein Liebesbrief für die Salafi agieren, uns ihm ganz zur Verfügung stellen.

Wenn wir uns Gott zur Verfügung stellen, werden wir seine Wunder sehen. Wir dürfen Gott aber nicht diktieren, was er durch uns zu bewirken hat - auch nicht im Hinblick auf etwaige Bekehrungen. Gott sendet uns nicht, damit wir andere bekehren - sondern damit wir selbst uns bekehren, uns ihm mehr und immer mehr zur Verfügung stellen.

Beginnen wir damit, daß wir uns Bestrebungen entgegenstellen, die Religionsfreiheit der Salafi pauschal einzuschränken, sie unter einen Generalverdacht zu stellen.

Ebenso sollten wir Ruhe bewahren, wo die Salafi möglicherweise unter Zuhilfenahme eines Zerrbildes unseres christlichen Glaubens zu ihrem Glauben einladen.  Auch sollten wir der Versuchung widerstehen, ihnen den Islam zu erklären oder ihre Darstellung ihres Glaubens zu korrigieren.

Zuletzt sollten wir Berichten in den Medien (auch in christlichen Medien), in denen Salafi schlecht wegkommen, mit einer gresunden Portion Skepsis begegnen. Viele Medienberichte über die Salafi sind schlicht und ergreifend nicht objektiv und lassen zudem Hintergrundwissen vermissen.

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