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Burkophobia im Schweizerischen Grenchen

Im Schweizerischen Grenchen hat der dortige Stadtpräsident Boris Banga von der SP verfügt, daß Externer Link verschleierte Frauen auf der Stadtverwaltung nicht mehr bedient werden. Nur wenn sie den Schleier ablegen, werden sie bedient.

Hintergrund ist ein "Vorfall", bei dem sich eine 19jährige Schweizerin, die zum Islam konvertiert ist, als neue Einwohnerin der Gemeinde im Kanton Solothurn (Bezirk Lebern) anmelden wollte.

Diese Frau hat sich meines Wissens allerdings vor einer Mitarbeiterin der Externer Link Einwohnerkontrolle zu erkennen gegeben und konnte somit zweifelsfrei identifiziert und dann auch angemeldet werden. Sie hatte sich allerdings geweigert, sich vor einem Mann zu entschleiern (wobei diese Behörde vier Frauen beschäftigt, davon drei Sachbearbeiterinnen, und nur einen Mann, Roland S., den Chef der Einwohnerkontrolle).

Erschreckend ist das auf der o.g. Home Page im Video zu sehende Interview mit dem Stadtpräsidenten, der für einen SP-Mann ziemlich merkwürdige Vorstellungen von sich gibt, die ich eher beim nationalen bzw. rechten Flügel des Sozialismus erwarten würde.

Das Video stellt die junge Schweizerin als Trägerin einer Burqa vor; ich nehme aber an, daß hier um einen Niqab geht. Und wenn es im Artikel heißt, "sogar die Hände sind bandagiert", sind wohl Handschuhe gemeint (und immerhin haben wir ja auch Dezember - ich sehe derzeit viele nicht verschleierte Frauen mit zum Teil recht dicken Handschuhen).

Die Mitarbeiterin der Einwohnerkontrolle meinte, "sie sei im falschen Film" und ruft "in ihrem Schreck" den Stadtpräsidenten, der wiederum spricht in Interviews über diesen "Aufstand" von einem "rabenschwarzen Zelt... einer Burqa... da könnte ja auch ein Kartoffelsack unter diesem Zelt sein (...) ich weiss nicht: Ist es Mann, ist es Frau oder ist es vielleicht sogar ein Gorilla". Er wollte die Frau sogar anzeigen, wegen "Erregung von öffentlichem Ärgernis oder Schrecken für die Bevölkerung" (dazu komme ich weiter unten noch einmal).

Übrigens gibt es in der Stadt Grenchen ein Externer Link Pflichtenheft der Integrationskommission:  "Integration soll zur Beteiligung von allen Einwohnerinnen und Einwohnern an allen gesellschaftlichen und kulturellen Strukturen und Aktivitäten unserer Ge-sellschaft führen (...) Migranten und Migrantinnen sind differenziert als selbstverantwortliche Menschen wahrzunehmen (...) Alle Einwohnerinnen und Einwohner begegnen einander respektvoll und tolerant (...) Die Integrationskommission hat folgende Aufgaben: (...) Sie unterstützt geeignete Massnahmen und Projekte, die den Migrantinnen und Migranten den Zugang zu unserer Sprache und Kultur wie auch zu unseren Behörden und Institutionen erleichtern und damit ihre Integration fördern (...) Sie fördert durch sachliche Informationen das Verständnis für das Fremde und hilft dadurch, integrationshemmende Vorurteile abzubauen" - unterschrieben vom Stadtpräsidenten Boris Banga. Nun, ich würde sagen, da liegt noch einiges im Argen, gerade weil die komplett verschleierte Frau eben keine Migrantin ist, sondern eine Schweizerin, die perfektes Schweizerdeutsch spricht. Wenn die Integration schon bei den Schweizern so ins Stocken gerät, was ist das erst bei "richtigen" Migranten?

Übrigens verweigert man der jungen Frau, die aus Biel stammt, auch die ihr zustehende Externer Link Sozialhilfe - nicht nur in Grenchen, sondern auch in anderen Orten, wo sie vorher gelebt hat (und wo es vorher wenigstens keine solchen Probleme wie mit dem intoleranten Stadtpräsidenten von Grenchen wegen des Schleiers der jungen Frau gab). Allerdings wurde das erst später bekannt.

Und noch ein kleiner Hinweis zu Grenchen: In der "Technologiestadt im Grünen" hat man nicht nur Externer Link das umstrittene Anti-Minarett-Plakat mit der verschleierten Frau nicht verboten, sondern dort hat die Externer Link Anti-Minarett-Initiative über 70 % der Stimmen erhalten, was beweist, daß die Weigerung des Stadtpräsidenten, Religionsfreiheit zu gewähren, kein Einzelfall ist.

Und was schreibt die SP: "Mit Bedauern nimmt die SP Schweiz zur Kenntnis, dass das Stimmvolk dem Bauverbot von Minaretten zugestimmt hat. Das Ja dürfte aus einem diffusen Gefühl der Angst gegenüber einer religiösen Minderheit entstanden sein." Die gleiche "Swiss Angst", die bei SP-Mann Boris Banga zum "Nein" zum Schleier geführt hat.

Für mich heißt das nun: Bei etwaigen Ausflügen und Urlaubsaufenthalten in der Schweiz immer einen weiten Umweg um Grenchen machen, keine Uhren aus Grenchen kaufen.

Wie dem auch sei: Wenn eine Frau sich verschleiern will, ist das ihr gutes Recht. Es ist auch ihr gutes Recht, wenn sie sich nicht vor einem Mann entkleiden will. Es ist keine Überforderung von Ämtern und Behörden, in einem solchen Fall eine Frau zu bitten, die Identifikation zu übernehmen - falls erforderlich, macht man eben einen Termin aus. So einfach ist das, und es gibt keinen Grund für ein Schleierverbot auf einer Stadtverwaltung (Externer Link Grenchen sieht das allerdings anders: "Dies sei aber ein zu grosser Aufwand und stelle eine Provokation dar", so Banga.)

Es bleibt nur zu hoffen, daß dieses intolerante und die Religionsfreiheit verletzende Verbot als rechtswidrig erkannt und aufgehoben wird.

Übrigens sollte niemand vermuten, die junge Schweizerin werde von ihrer Familie gezwungen, sich zu verschleiern - Externer Link siehe diesen Artikel. Sie verschleiert sich freiwillig und muß also auch von niemandem aus Unterdrückung, Zwang oder fehlender Gleichberechtigung "befreit" werden.

Bleibt noch die Frage, warum so viele Menschen eine geradezu panische Angst vor komplett verschleierten Frauen haben, daß sie völlig überzogen reagieren. Und es ist ja nicht einfach nur eine Angst vor dem Fremden - es ist eine Angst, die diesen Frauen und ihrem Umfeld alles denkbar Böse und Schlechte zutraut, so daß Banga sogar die Polizei herbeigerufen hat und unfaßbarerweise sogar an einen Sprengstoffgürtel unter dem Schleier der jungen Frau gedacht hat. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist das, eine soziale Phobie - eine Burkophobie eben.

Soziale Phobien führen ein geradezu virulentes Eigenleben, sie sind auf eine bösartige Weise infektiös, sie stecken andere an, sie verbreiten sich in einer Gesellschaft wie Krebs. Darum muß ihre Ausbreitung wirkungsvoll verhindert werden (gerade auch an besonders sensiblen Orten wie Behörden und Ämtern).

Im oben zuletzt verlinkten Artikel heißt es von Banga: "Die Polizei erhält immer öfter Reklamationen von Bürgern, die sich von solchen verhüllten Personen in Angst und Schrecken versetzt fühlen", und weiter berichtet a-z.ch: "Auf der Post sei gar die Polizei angefordert worden, weil man einen Überfall befürchtete". Darum "überlege er sich eine Strafanzeige" - das ist geradezu grotesk (und ein guter Grund für mich, Grenchen keinen Besuch abzustatten, wenn meine Frau dort mit einer Strafanzeige rechnen müßte).

Am Ende dieses Kommentars möchte ich noch mein Bedauern ausdrücken, daß ich keine christliche Bürgerin Grenchens bin. Sonst wäre mir das biblische "ein jeder trage die Last des anderen Last, so werdet ihr das Gebot Christi erfüllen" Gebot genug (und darum auch von der Religionsfreiheit gedeckt), komplett verschleiert die Dienste der dortigen Stadtverwaltung in Anspruch zu nehmen. Wäre ich gar eine Mitarbeiterin dort, so würde ich meine Arbeit "mit Zelt und bandagierten Händen" antreten, um das Gebot Christi zu erfüllen.

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