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Tantawi will den Gesichtsschleier verbieten

Frankreich, Italien, Niederlande - aus diesen Ländern kennt man die Wüteriche gegen den Gesichts- bzw. Ganzkörperschleier, die ein Verbot von Niqab bzw. Burqa fordern, aber nun hat sich auch der höchste islamische Geistliche Ägyptens in den Chor derer eingereiht, die unisono ein weitreichendes Verbot fordern: Sheikh Mohammed Sajjid Tantawi, Imam der Moschee und Rektor der Universität al-Azhar, Großmufti von Ägypten, einer der bedeutendsten Würdenträger des sunnitischen Islam, will den Schleier an der Kairoer al-Azhar verbieten.

Er argumentiert dabei mit einem theologischen Hinweis, den man in den Niederlanden, in Italien, Frankreich und anderswo sicherlich gerne als "Stimme des Islam" aufnehmen wird: Der Gesichtsschleier habe nichts mit dem Islam zu tun, es handele sich um eine vorislamische Tradition. Tantawi beruft sich dabei auf eine der Grundlagen der islamischen Rechtsfindung: Den Konsens der Gläubigen: Nach Meinung der meisten Gelehrten sei das Gesicht einer Frau keine Schande (so eine deutsche Übersetzung; ich vermute, er sprach im Arabischen von aura, Schambereich) und müsse darum nicht bedeckt werden. Darüber hinaus nahm er das Aussehen eines komplett verschleierten Mädchens zum Anlaß, ihr den Schleier verbieten zu wollen: Sie sei nicht so hübsch, daß sie ihr Gesicht bedecken müsse.

Im Westen gilt Tantawi als "Liberaler", in der islamischen Welt allerdings als abhängig von der ägyptischen Regierung und Husni Mubarak - der ihn an die al-Azhar berufen hatte -; weil er immer wieder gerade auch beim Volk unbeliebten Regierungsentscheidungen sein Okay als Rektor und Imam der al-Azhar und als Großmufti Ägyptens gibt, nennt man ihn "as-Sajjid bil-OK", "Mann des Okays". Dementsprechend unbeliebt ist Tantawi bei vielen Ägyptern und auch bei vielen Muslimen darüber hinaus. Sein geplantes Verbot des Gesichtsschleiers an der al-Azhar entspricht der Linie der ägyptischen Regierung und wird seine Beliebtheit in der Bevölkerung und in der islamischen Welt sicherlich nicht steigern - wie schon vor sechs Jahren seine Unterstützung für die französische Regierung, als diese muslimischen Schülerinnen verboten hat, ein Kopftuch zu tragen.

Theologisch betrachtet hat Tantawi teilweise recht: Der Gesichtsschleier ist eine vorislamische Tradition, er ist weit älter als der Islam (das gilt freilich auch für das Kopftuch, das für Tantawi obligatorisch ist). Tatsächlich sind die meisten islamischen Gelehrten der Überzeugung, daß Hände und Gesicht nicht zu den Schambereichen der Frau gehören, obwohl der wichtigste Ausspruch (hadith) Muhammads zur Frage der Bedeckung des Gesichts und der Hände als "schwach", unsicher, gilt. Daß der Gesichtsschleier allerdings mit dem Islam nichts zu tun habe, ist eine gewagte Äußerung Tantawis - meiner Meinung als Nichtmuslim nach wiegen die theologischen Argumente dafür, den Gesichtsschleier als "Sunna" oder gar "Pflicht" (fard) zu bewerten, schwerer als die dagegen; allein der "Konsens der Gläubigen", die sich mehrheitlich gegen den Gesichtsschleier aussprechen, steht auf Tantawis Seite. 

Das Verbot des Gesichtsschleiers an der al-Azhar und eine diesbezügliche Fatwa Tantawis wird im Westen, zumal Tantawi hier als liberaler Muslim gilt, von Gegnern der Verschleierung gerne aufgegriffen werden: Wenn schon Tantawi und die al-Azhar gegen den Schleier sind, warum sollte man dem nicht im Westen folgen?

Als ein kleines Gegengewicht möchte ich auf eine Begebenheit von vor zwei Jahren hinweisen. Damals hatte ein hohes ägyptisches Gericht entschieden, daß die Amerikanische Universität in Kairo ihren Studentinnen das Tragen eines Gesichtsschleiers erlauben müsse, wenn diese es wünschen. Die Religionsfreiheit, so argumentierte das Gericht, wiege schwerer als die Sicherheitsinteressen, die von der Amerikanischen Universität gegen den Gesichtsschleier angeführt wurden. Auch an der Deutschen Universität Kairo ist das Tragen des Gesichtsschleiers im Übrigen erlaubt. Etwaigen Sicherheitsbedenken begegnet man an der Deutschen Universität mit Kontrollen am Eingang, wo die Niqaabis ihren Schleier heben müssen.

Man wird abwarten müssen, ob ägyptische Gerichte in Bezug auf das von Tantawi geforderte Verbot ähnlich entscheiden werden wie vor zwei Jahren und der Religionsfreiheit den Vorzug geben - oder ob sich die Regierungsposition, der Tantawi sein Okay gegeben hat, durchsetzen wird.

[Update] Gestern nun hat Tantawi sein Verbot erlassen - doch ganz verbieten kann oder will er den Gesichtsschleier nun doch nicht. Das Verbot soll nur in Klassenzimmern und Wohnheimen der Bildungseinrichtungen der al-Azhar gelten, wo die Frauen ohnehin unter sich sind, da dort jeweils strenge Geschlechtertrennung herrscht. Darüber hinaus hat Tantawi kein Schleierverbot an der al-Azhar erlassen. Dennoch ist das Verbot höchst umstritten und wird nicht nur in Ägypten kontrovers diskutiert. Nicht wenige islamische Gelehrte stellen sich gegen Tantawis Rechtsauffassung und werden sicherlich entsprechende Rechtsgutachten (fatawa) veröffentlichen, und viele Muslime demonstrieren gegen das Verbot, das sie als Angriff auf die Religionsfreiheit werten.

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