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Wenn ich komplett verschleierten Frauen begegne, weiß ich gar nicht, wie ich mich verhalten soll. Wie verhält man sich am besten?
Die folgenden Antworten gelten, wenn auch in gewissermaßen "abgemilderter" Form, für Begegnungen mit Frauen, die nicht komplett verschleiert sind, sondern nur beispielsweise einen langen Mantel und ein Kopftuch tragen.
Das Gegenüber richtig einschätzen
Das Erste ist, daß Sie sich darüber Gedanken machen, wie Sie die betreffende Frau sehen wollen. Sie wissen ja vermutlich nichts über diese Frau, außer eben, daß sie einen Schleier trägt. Warum sie das tut und wer nun eigentlich unter dem Schleier steckt, wissen Sie vermutlich nicht.
Nicht wenige Menschen gehen von einer eher negativen Annahme aus: Entweder sehen sie in der komplett verschleierten Frau ein "Opfer", nämlich von Unterdrückung, mangelnder Gleichberechtigung, Zwang, Unfreiheit. Oder aber sie sehen in ihr eine "Täterin", die sich verschleiert, weil sie etwas Böses im Schilde führt - bestenfalls ist sie eine religiöse Fanatikerin, die unser Wertesystem radikal ablehnt und durch einen "islamischen Gottesstaat" ersetzen möchte, schlimmstenfalls eine Terroristin. Möglicherweise sieht sie in unverschleierten Frauen "Schlampen" und sich selbst als etwas Besseres, den anderen Menschen überlegen. Es gibt ohne Zweifel komplett verschleierte Frauen, auf die eine der beiden Vermutungen zutrifft - oder möglicherweise sogar beide. Allerdings trifft es auf die Mehrheit nicht zu.
Viele Menschen nehmen außerdem an, daß die Frau aus einem Land kommt, indem die Frauen sich komplett verschleiern, und daß diese Frau aus einem solchen Umfeld kommt, also den Schleier mit nach Deutschland gebracht hat. Auch die Annahme, daß diese Frau gar nicht deutsch spricht oder nur schlecht, ist verbreitet. Auch hier gibt es ohne Zweifel Frauen, auf diese Annahmen zutreffen (vor allem Touristinnen, die aus dem Nahen oder Mittleren Osten stammen und sich hier nur vorübergehend aufhalten).
Tatsächlich aber können Sie davon ausgehen, daß gut und gerne jede zweite dieser komplett verschleierten Frauen deutsch versteht und spricht. Jede dritte von ihnen ist eine Deutsche, die zum Islam konvertiert sind. Viele andere haben zwar Wurzeln in der islamischen Welt und damit in einer Kultur, die den Schleier in der einen oer anderen Form kennt, tragen aber nicht von jeher einen Schleier und haben auch keinen familiären Hintergrund, in dem der Schleier getragen worden wäre. Manche junge Türkinnen oder Araberinnen, die sich heute komplett verschleiern, haben früher gar keine Kopfbedeckung getragen oder lediglich ein Kopftuch - dasselbe gilt oftmals für ihre Mütter. Sie sind gewissermaßen "Neu- oder Quereinsteigerinnen" in die Welt der komplett verschleierten Frauen und sehen darin einen Ausweis ihrer Identität als Muslima, weil sie sich weder Deutschland noch der tradsitionellen islamischen Welt (wie etwa der türkischen Welt) zugehörig fühlen.
Wenigstens vier von fünf komplett verschleierten Frauen tragen den Schleier freiwillig und werden nicht dazu gezwungen. Sie sehen im Schleier auch keine Unfreiheit, keinen Ausdruck mangelnder Gleichberechtigung oder was sonst. Sie sind also zum weitaus größten Teil keine "Opfer". Auch die Rolle als "Täterin" wird ihnen nicht gerecht - diese Frauen tragen keinen Sprengstoff unter ihrem Schleier, sie wissen um die Vorteile der Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung (und das nicht, um diese Vorteile gegen unseren Staat und unsere Gesellschaft verwenden zu können), sie wissen um die Nachteile vieler islamischer Staaten wie etwa Saudi-Arabien, Ägypten usw. Es gibt unter ihnen welche, die unserer Gesellschaft mehr oder wenigr kritisch gegenüberstehen - aber das gilt nicht für sie alle, und oftmals ist es vor allem eine Reaktion auf unser Tun und Lassen ihnen und der islamischen Welt gegenüber.
Weil Sie nun nicht wissen können, warum eine Frau sich verschleiert und welche Geisteshaltung unter dem Schleier verborgen ist, schlage ich vor, grundsäzlich von einer positiven Annahme auszugehen, nämlich davon, daß es sich um eine Frau handelt, die sich verschleiert, um damit zum einen ihrer Liebe zu Gott Ausdruck zu geben (Befolgen seiner Gebote und ihm die ihm zustehende Ehre geben) und zum anderen ihrer Liebe zu den Mitmenschen Ausdruck zu geben (Männer nicht in Versuchung führen, unter Frauen keinen Neid stiften). Es spielt keine Rolle, ob wir diese Motive nachvollziehen können - wir sollten sie einfach so stehen lassen.
Gehen Sie also zusammengefaßt davon aus, daß eine komplett verschleierte Frau...
- ihren Schleier freiwillig trägt
- mit einiger Wahrscheinlichkeit deutsch spricht, möglicherweise eine Deutsche ist
- aus Liebe zu Gott und zum Nächsten handelt (so wie sie diese Liebe versteht und als Handlungsanweisung an sich interpretiert)
Ins Gespräch kommen
Das Zweite ist, daß Sie eine komplett verschleierte Frau ja einfach einmal fragen können, warum sie sich verschleiert. Wenn auch viele dieser Frauen durchaus Männern Rede und Antwort stehen, empfiehlt es sich doch, wenn es Frauen sind, die komplett verschleierte Frauen ansprechen.
Wie gesagt, können Sie davon ausgehen, daß jede zweite der komplett verschleierten Frauen, die sich dauerhaft in Deutschland aufhalten, deutsch versteht und auch spricht. wenigstens jede dritte von ihnen ist eine Deutsche (manche Fachleute gehen sogar davon aus, daß es jede zweite ist).
Bei einer Unterhaltung mit komplett verschleierten Frauen gilt die einfache Grundregel, daß es aus dem Wald heraus schallt, wie man hinein ruft. Mit ein wenig Höflichkeit steht einer Unterhaltung für gewöhnlich nichts im Weg.
Natürlich möchte eine komplett verschleierte Frau nicht auf ihren Schleier reduziert werden. Sie ist mehr als der Schleier, den sie trägt. Wenn es stets nur darum geht, Neugierde zu befriedigen, ist das auf Dauer für komplett verschleierte Frauen anstrengend. Hier ist also Taktgefühl gefragt - eine komplett verschleierte Frau, der Sie regelmäßig begegnen, ist eher Ansprechpartnerin als eine Frau, der Sie zufällig einmal begegnen. Und es ist letztlich einfach taktvoller und höflicher, wenn die Frage nach dem Schleier nicht die erste und zentrale Frage ist, wenn Sie sich mit einer komplett verschleierten Frau austauschen möchten.
Idealerweise kommen Sie also mit einer komplett verschleierten Frau, der Sie regelmäßig begegnen (Nachbarin? Die Kinder auf dem gleichen Spielplatz?), ins Gespräch. Sie lernen sich kennen, Sie bauen eine Beziehung miteinander auf. Sie lernen die Frau in ihrer Ganzheit kennen, nicht nur "die Frau im Schleier", sondern die "Frau aus der Nachbarschaft", die sich halt verschleiert. In diesem Rahmen können Sie dann auch darüber sprechen, warum sie sich verschleiert.
Nicht den Islam-Experten spielen
Häufig äußern sich Nichtmuslime zum Thema Schleier dahingehend, daß der Islam die komplette Verschleierung einer Frau doch gar nicht gebietet, daß es ja mit dem Islam einfach nichts zu tun habe. Auch im Gespräch mit komplett verschleierten Frauen weisen Nichtmuslime oft genug darauf hin: Im Koran stehe nichts vom Schleier, ja nicht einmal vom Kopftuch, das sind vorislamische Traditionen, die mit dem Islam an und für sich nichts zu tun haben, das ist mehr Politik als Religion...
Unter Muslimen ist der Schleier sehr umstritten. Die Mehrheit der islamischen Gelehrten sieht im Schleier keine Pflicht, eine Minderheit dagegen (die Rechtsschule der Hanbaliten und hier besonders die Wahhabiten und die Salafiten) ordnet den Schleier als "empfehlenswert" oder sogar als Pflicht ein.
Eine Frau, die sich komplett verschleiert, hat sich normalerweise mit der Thematik eingehend befaßt - sie kennt die islamischen Argumente für und wider die Verschleierung. Sie hat sich aus religiösen Gründen dafür entschieden, sich komplett zu verschleiern. Als Nichtmuslime sollten wir diese Entscheidung akzeptieren - nicht darüber diskutieren und auch nicht versuchen, sie zu "befreien".
Nicht anstarren
Zu den häufigsten Formen des Fehlverhaltens gegenüber komplett verschöleierten Frauen gehört, daß sie angestarrt werden.
Beim Anstarren laufen im menschlichen Organismus etliche Proesse ab - egal, ob wir eine andere Person anstarren oder ob wir angestarrt werden. Zu den Reaktionen gehört auch, daß sich bei beiden Parteien unbewußt (und meist ungewollt) Aggressivivtät aufbaut. Wer also eine andere Person anstarrt, tut weder sich selbst noch der anderen Person etwas Gutes, ganz im Gegenteil.
Darüber hinaus ist es einfach unhöflich, eine andere Person anzustarren.
Nicht fotografieren
Auch das ungefragte Fotografieren komplett verschleierter Frauen gehört zu den häufigeren Fehlern im Verhalten ihnen gegenüber.
Um zuerst einmal die rechtliche Position zu würdigen, sei darauf hingewiesen, daß jeder Mensch das Recht am eigenen Bild besitzt. Weder das Fotografieren noch das Veröffentlichen eines solchen Fotos ist ohne Erlaubnuis zulässig. Die Ausnahmen von diesem Verbot sind schnell aufgezählt: Bei der fotografierten Person handelt es sich offensichtlich um "Beiwerk", also nicht um das eigentliche Motiv der Aufnahme (z.B. eines Bauwerks), oder um eine Person der Zeitgeschichte.
Ehe man eine Person fotografiert oder dieses Bild veröffentlicht, muß eine ausdrückliche Erlaubnis hierzu vorliegen - Berufsfotografen und ernsthafte Hobbyknipser führen hierzu stets Verträge bei sich, mit denen sie sich diese Erlaubnis vom "Model" holen. Im Prinzip reicht aber auch ein mündlicher Vertrag.
Die Tatsache, daß eine Frau komplett verschleiert und somit nicht zu erkennen ist, hebt ihr Recht am eigenen Bild nicht auf.
Also müssen Sie um Erlaubnis bitten, ehe Sie eine komplett verschleierte Frau fotografieren - und ein "Nein" akzeptieren. Wenn Sie ein Foto gemacht haben, ohne vorher gefragt zu haben, und die komplett verschleierte Frau verlangt, daß Sie dieses Bild löschen, müssen Sie dem nachkommen.
Allerdings werden die meisten komplett verschleierten Frauen von der Idee, "einfach so" fotografiert zu werden, nicht angetan sein. Es ist also besser, Sie verzichten darauf. Oder mögen Sie "einfach so" von wildfremden Personen fotografiert werden?
Kinder und der Schleier
Viele Kinder und zum Teil auch Teenies und Jugendliche können, wenn sie eine komplett verschleierte Frau sehen, ziemlich nervtötend sein - für ihr "Opfer". Mit dem Finger zeigen, laute Fragen stellen, "Gespenst!" rufen usw. usf. gehören zu den nahezu alltäglichen Erfahrungen komplett verschleierter Frauen.
Bitte weisen Sie Ihr Kind ggf. auf dieses unhöfliche Fehlerverhalten hin.
Wenn Ihr Kind Sie fragt, warum diese Frau das tut, dann erklären Sie es vorurteilsfrei und so, daß Ihr Kind es verstehen kann: Es handele sich wohl um eine muslimische Frau, deren Glaube ihr gebietet, sich in der Öffentlichkeit zu verschleiern. Sie tue das, weil sie Gott liebt, seine Gebote befolgen und ihn ehren will.
Die meisten komplett verschleierten Frauen erklären neugierigen Kindern aber auch gerne selbst, warum sie sich verschleiern - wenn sie eben das Gefühl haben, ernst genommen zu werden.
Weitere Hinweise
Erst einmal das, was man nicht tun sollte:
- Reden Sie nicht neben der Frau abfällig über sie - das verletzt sie sehr stark
- Stellen Sie keine negativen Vermutungen an, warum die Frau sich verschleiert - Sie liegen mit Sicherheit daneben
- Unterstellen Sie der Frau keine Urteile über unverschleierte Frauen ("die hält sich für etwas Besseres" - "die hält unverschleierte Frauen für Schlampen" usw.)
- Fordern Sie sie nicht auf, daß Sie sich anpassen soll (an die deutsche Sitte)
- Bringen Sie sie nicht mit den Taliban, al-Qaida usw. in Verbindung
- Bezeichnen Sie sie nicht als "Pinguin"
- Sprechen Sie nicht von Karneval, Halloween oder "ist das aber sexy!"
Und jetzt das, was eine komplett verschleierte Frau erfreuen würde und was Ihnen nicht viel abverlangt:
- Halten Sie Ihr ggf. die Tür auf
- Helfen Sie ihr ggf. mit dem Kinderwagen
- Schenken Sie ihr ein Lächeln (das gilt vor allem, wenn Sie eine Frau sind)
- Wenn sie Opfer von Beleidigungen, Angriffen usw. wird, zeigen Sie Zivilcourage und stehen Sie ihr bei, helfen Sie ihr
Ansonsten gehen Sie halt ganz normal mit einer komplett verschleierten Frau um, achten Sie auf allgemeine Regeln der Höflichkeit.
Finden Sie es unhöflich, daß Sie das Gesicht dieser Frau nicht sehen können, wenn Sie sich etwa mit Ihnen unterhält? Sie brauchen ihr das nicht zu sagen, sie weiß mit Sicherheit, daß viele Menschen so empfinden. Wenn ihr etwas an der Unterhaltung mit Ihnen liegt, wird sie versuchen, das auf die eine oder andere Weise auszugleichen, wenn Sie ihr Gelegenheit dazu geben. Aber sie kann ihren Schleier (und ggf. auch ihre Handschuhe) nicht ablegen, bitte haben Sie dafür Verständnis. Es ist keine Frage mangelnder Höflichkeit, und sie wird Ihnen für Ihr Verständnis dankbar sein.
Macht es Ihnen Angst, daß Sie das Gesicht Ihres Gegenübers nicht sehen können? Auch diese Erfahrung kennt jede komplett verschleierte Frau, und sie wird Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie diese Angst überwinden. Eher früher oder später wird diese Angst verschwinden.
Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, daß eine komplett verschleierte Frau durchaus in der Lage ist, eine Beziehung zu einer nicht verschleierten Frau einzugehen (Beziehungen zu Männern werden eher nicht möglich sein). Freundschaften sind grundsätzlich möglich - wenn es gelingt, die komplett verschleierte Frau nicht auf ihren Schleier oder auch ihre Religion zu reduzieren, sondern als Menschen, als Frau zu sehen.
Das erfordert den Mut, auf die komplett verschleierte Frau auf dem Spielplatz, in der Nachbarschaft... zuzugehen, sich auf eine Begegnung, eine Unterhaltung, eine Beziehung, eine Freundschaft einzulassen. Wenn Sie schließlich den langen Mantel, den Schleier, die Handschuhe gar nicht mehr wahrnehmen, haben zwei Menschen viel gewonnen.
Das Experiment
Wenn Sie - aber bitte nur als Frau - sich etwa in einem Geschäft für islamische Kleidung im Internet eine komplette Niqaabi-Montur kaufen (Mantel, Kopftuch, Gesichtsschleier, ggf. Handschuhe) und damit beispielsweise an einem sommerlichen Sonntagnachmittag durch einen Zoo marschieren, an einem Adventssonnabend durch eine Einkaufsstraße flanieren oder den Weihnachtsgottesdienst besuchen, werden Sie relativ schnell erfahren, welches Verhalten ihrer Mitmenschen sich eine komplett verschleierte Frau wünscht. Es wird eine interessante Erfahrung sein, das Verhalten der Mehrheit gegenüber komplett verschleierten Frauen aus erster Hand kennenzulernen, sozusagen aus der Innenperspektive, von der anderen Seite des Schleiers aus.
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