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Es heißt doch, "wenn du in Rom bist, benimm dich wie ein Römer" -Warum müssen sich muslimische Frauen in Deutschland kleiden, wie sie in der Türkei, Saudi-Arabien oder Afghanistan getan haben? Warum können sie sich nicht ihrer neuen Heimat anpassen und so kleiden wie Deutsche? Wenn wir in ein islamisches Land gehen, tragen wir doch auch keinen Bikini in der Öffentlichkeit!
Im Westen hält sich hartnäckig das Gerücht, daß Kopftuch tragende oder komplett verschleierte Frauen aus dem Ausland zu uns als Gäste gekommen sind - und von Gästen erwartet man, daß sie sich den Sitten ihrer Gastgeber anpassen.
Dieses Gerücht ist allerdings falsch.
Erstens sind viele der hier lebenden Muslime keine Gäste mehr, sondern haben ihren Lebensmittelpunkt in diesem Land. Viele leben schon seit vielen Jahren hier, manche wurden bereits hier geboren, einige leben schon in zweiter oder dritter Generation in Deutschland. Viele haben die deutsche Staatsbürgerschaft - und nicht wenige Muslime haben gar keine Wurzeln im Ausland, sondern ihre Vorfahren haben schon lange vor den ersten Zuwanderungen aus der islamischen Welt in diesem Land gelebt. Sie selbst oder ihre Eltern sind als Deutsche vom Christentum (oder einer anderen Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft) zum Islam konvertiert. Die meisten Muslime werden auf jeden Fall ihr ganzes Leben in diesem Land verbringen.
Das gilt für viele Kopftuch tragende Frauen - und mehr noch für komplett verschleierte Frauen. Bei Letzteren geht man davon aus, daß jede Dritte eine zum Islam konvertierte Deutsche ist, also mitnichten aus Afghanistan oder Saudi-Arabien stammt. Manche schätzen sogar, daß es jede zweite komplett verschleierte Frau sein könnte.
Viele weitere komplett verschleierte Frauen haben zwar keine deutschen Wurzeln, sondern solche aus der Türkei, aus arabischen Ländern oder einem anderen islamisch geprägten Herkunftsland, und doch war in ihren Familien war der Schleier nicht üblich - sie sind bewußt von der ihnen gewohnten Barhäuptigkeit oder dem einfachen Kopftuch zum den Körper komplett verhüllenden Schleier gewechselt.
Tatsächlich stammt wohl weniger als die Hälfte der Frauen, die sich komplett verschleiern, aus einem typischen "Schleier-Land" und einer echten Tradition der kompletten Verschleierung.
Auch das Kopftuch wird von vielen zum Islam konvertierten deutschen Frauen getragen - oder auch Frauen, die zwar nicht konvertiert, aber mit einem Muslim verheiratet sind und darum den Kopf bedecken. Viele junge Türkinnen, die heute das Kopftuch tragen, stammen aus Familien, bei denen nicht zu erwarten gewesen wäre, daß die Töchter sich bedecken - manchmal mehr als die eigenen Mütter.
Im Gegenzug tragen viele der Frauen, die aus Saudi-Arabien, Afghanistan oder Pakistan zu uns nach Deutschland gekommen sind, nicht den Niqab, der das Gesicht bedeckt, oder die Burqa, die den ganzen Körper verhüllt, sondern nur ein Kopftuch - oder gar keine Kopfbedeckung. Viele Frauen aus dem Iran tragen hierzulande nicht den bodenlangen schwarzen Tschador wie auf den Straßen Teherans, sondern höchstens ein Kopftuch.
Wir sehen jedenfalls, daß die simplifizierende Gleichsetzung "Schleier in der Heimat - Schleier in Deutschland" so nicht aufgeht. Nicht jede Frau, die hierzulande ein Kopftuch oder einen Schleier trägt, stammt wirklich aus einem anderen Land und ist hier nur zu Gast.
Damit verliert das Argument, die muslimischen Frauen sollten sich hierzulande nicht wie in ihrer Heimat kleiden, sondern wie es eben ion Deutschland üblich ist, an Bedeutung.
Vergessen wir auch nicht, daß in unserem Land noch bis vor einigen Jahrzehnten das Kopftuch nicht so fremd war. Was uns heute so fremdartig erscheint, hat zumindest in Form des Kopftuchs auch in unserer Tradition Wurzeln geschlagen, die wir heute noch bei Nonnen sehen.
Letztlich bleibt die Frage, warum es so wichtig sein soll, daß sich die muslimischen Frauen wie "Deutsche" kleiden, ohne Kopftuch oder gar Schleier. Es ist nicht wirklich einsichtig, warum dieser Stoff dazu führen sollte, daß die Frauen nicht "angepaßt" sind - ist Anpassung nicht mehr als die Frage, ob man nun eher westliche Kleidung trägt oder aber ein Kopftuch oder gar einen Schleier? Kommt es nicht mehr auf das an, was unter dem Kopftuch, was hinter dem Schleier steckt? Es gibt keinen Automatismus, daß besser angepaßt sei, wer kein Kopftuch oder keinen Schleier trägt.
"Anpassung" bedeutet zuerst und zuletzt, daß man sich an die hierzulande geltende Rechtsordnung hält und das Gewaltmonopol des Staates akzeptiert - und das tut die große Mehrheit Kopftuch tragender und auch komplett verschleierter Frauen.
Auch wir als "Deutsche" sind aufgefordert, uns an eben diese Freiheitlich-Demokratische Grundordnung zu halten, und die garantiert nun einmal, daß jeder seine Religion frei ausüben darf. Dazu gehört auch das Recht einer Frau, sich zu bedecken, sei es mit einem Kopftuch oder sogar mit einem Schleier.
Zudem sollten wir in den muslimischen Frauen, ob sie sich nun bedecken oder nicht, keine "Gäste" sehen, keine Fremden, sondern Bürgerinnen unseres Landes. Es gibt keinen Gegensatz von "uns Deutschen", die keinen Schleier kennen, und "den Türken/Arabern/Afghanen/Iranern...", deren Frauen sich verschleiern. Dieses Schubladendenken hat mit der Realität längst nichts mehr zu tun.
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