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Warum haben manche Menschen Angst vor dem Kopftuch oder vor dem Schleier?
Einige Menschen haben Angst vor dem Kopftuch, vor allem, wenn es (scheinbar oder tatsächlich) von muslimischen Frauen getragen wird, mehr noch vor der kompletten Verschleierung, am meisten wohl vor Frauen, die samt Gesicht und Händen komplett in schwarze Schleier gehüllt sind.
Angst als natürliche Reaktion
Angst ist an und für sich eine nützliche Reaktion, die für das Überleben der Menschen erforderlich ist. Angst führt zu körperlichen Reaktionen, die es uns ermöglichen, in einer möglicherweise bedrohlichen Situation schneller zu reagieren. Im Normalfall dauert die Angst eine kurze Zeit, bis klar ist, daß die Angst irrational, weil sachlich nicht begründet ist. Insbesondere dann, wenn sich eine Situation, die beim ersten Fall eine Angst auslöst, regelmäßig wiederholt, fällt die Angst bei jeder Wiederholung kleiner aus, bis sie schließlich verschwindet. Wer regelmäßig Frauen begegnet, die komplett in schwarze Schleier gehüllt sind, wird normalerweise schnell seine Angst vor ihnen verlieren. Um so mehr gilt dies, wenn aus den Begegnungen persönliche Beziehungen werden, selbst wenn diese nicht sehr eng sind.
Angst als soziale Aversion
Es gibt aber auch eine Angst, die sich grundsätzlich gegen Frauen mit Kopftuch und/oder Schleier richtet und als soziale Aversion oder Feindseligkeit äußert, eine irrationale, weil sachlich unbegründete Angst vor Frauen mit Kopftuch oder Schleier und deren (angenommener oder tatsächlicher) Lebensweise. In der Regel fällt diese feindselige Angst (Schleierphobie) mit einer Angst vor Religionen im Allgemeinen (Religiophobie) oder dem Islam im Besonderen (Islamophobie) zusammen (oftmals auch mit der Angst vor Evangelikalen, Missionaren, Kreationisten usw. usf.).
Der Begriff "Phobia" meint in diesem Zusammenhang (gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit) nicht, daß diese Angst krankhaft abnorm ist oder eine phobische Störung im klinisch-psychologischen Sinn darstellt.
Ursachen der Kopftuch- und Schleier-Phobie
Diese Kopftuch- und Schleier-Phobie führt zu einem ablehnenden, dabei teilweise aggressiven Verhalten gegenüber den Kopftuch oder Schleier tragenden Frauen, ist aber eigentlich keine Angst vor diesen Frauen, sondern tatsächlich eine tiefsitzende, meist unbewußte Angst vor eigenen unterdrückten Persönlichkeitsmerkmalen vor allem religiöser Natur, die mit dem Glauben zu tun haben.
Der Mensch ist im Allgemeinen - gerade in der heutigen, postchristlichen Zeit - ein durch und durch religiöses Lebewesen, das sich für gewöhnlich nach einem starken, gewissen, unerschütterlichen Glauben sehnt, nach Klarheit und Wahrheit, nach einer Spiritualität, die den Alltag trägt und prägt und nicht zwischen Profanem und Heiligen unterscheidet. Neben dem religiösen Glauben selbst spielt dabei auch eine auf Intimität angelegte, spirituell getragene Lebensgemeinschaft eine wichtige Rolle - das richtige Verhältnis der Lebenspartner zueinander und von ihnen gemeinsam sowohl zu Gott als auch zu den Mitmenschen.
Nicht jedem Menschen paßt diese Sehnsucht ins Selbstbild, sie ist vielmehr mit Angst besetzt. Sie wird dann abgewehrt und ins Unbewußte verdrängt.
Das Kopftuch bzw. der Schleier, vermeintlich oder tatsächlich aus religiösen Gründen getragen, konfrontiert diese Menschen mit ihrer abgewehrten und ins Unbewußte verdrängten Sehnsucht in besonderer Weise, weil es sowohl sie Sehnsucht nach dem Glauben anspricht als auch als ein typisch weibliches Kleidungsstück die Sehnsucht nach einer spirituell geprägten Lebenspartnerschaft, in der die Rollen von Mann und Frau klar definiert sind. Die eigene Identität, das Selbstbild steht auf dem Spiel, auf eine drohende Beeinträchtigung des Selbstbildes und des inneren Gleichgewichts reagiert man mit Angst.
Nicht nur Nichtmuslime sind betroffen
Die Annahme, daß nur Nichtmuslime von einer Kopftuch- und Schleier-Phobie betroffen sind, ist falsch. So ist unter eher moderaten Muslimen, die sich gegen das Kopftuch aussprechen, die Kopftuch-Phobie wie auch die Schleier-Phobie anzutreffen, und manch eine Frau, die Kopftuch trägt, weist eine Schleier-Phobie auf.
Hier ist es oft die Angst vor dem anderen, dem stärkeren, gewisseren, unerschütterlicheren Glauben, der als religöse Sehnsucht zu den Persönlichkeitsmerkmalen gehört, aber nicht zum Selbstbild paßt.
Auch gläubige Christen kennen diese Sehnsucht nach einem stärkeren, gewisseren, unerschütterlichen Glauben als eine zu den religiösen Persönlichkeitsmerkmalen zählende Sehnsucht, die aber als nicht zum Selbstbild passend abgewehrt und ins Unbewußte verdrängt wird. Auf die Kopftuch oder Schleier tragende Frau, die ihnen unbewußt gewissermaßen als Symbol dieses stärkeren Glaubens begegnet und die eigene Identität in Frage stellt, reagieren sie phobisch.
Folgen
Diese Angst führt häufig dazu, daß man sich exzessiv mit dem Kopftuch bzw. dem Schleier und den Trägerinnen beschäftigt und dies bekämpfen will. Es ist und bleibt jedoch eine Abwehr eigener religiöser Persönlichkeitsmerkmale, die zwar ins Unbewußte verdrängt wurden, aber dennoch das Verhalten denen gegenüber prägen, die als Bedrohung der eigenen Identität wahrgenommen werden.
Geht die Angst in irgend eine Form von Benachteiligung, Diskriminierung oder Gewalt über, muß man von gestörten Verhaltensweisen sprechen.die ihrerseits Kopftuch oder Schleier tragende Frauen in ihrer Entfaltung teilweise massiv beeinträchtigen und unter denen sich sekundär psychische Störungen entwickeln können.
Vielen Menschen, die Angst vor Kopftuch oder Schleier tragenden Frauen haben, gelten diese Frauen als "hoffnungslose Fälle", gewissermaßen als Frauen, die eine besonders große "Sünde" begehen. Allein durch Zwangsmaßnahmen könne man dieser Bedrohung beikommen: So hat man in den Niederlanden eine der Hundesteuer vergleichbare "Kopftuchsteuer" von € 1.000 jährlich vorgeschlagen, komplett verschleierte Frauen sollen kein Arbeitslosengeld erhalten, in vielen Ländern dürfen Lehrerinnen, teilweise auch Schülerinnen kein Kopftuch tragen, in Frankreich diskutiert man ein Verbot der Ganzkörperverschleierung, in manchen europäischen Städten existiert ein solches Verbot bereits. Begründet werden solche Zwangsmaßnahmen mit Erklärungen, die sachlich unbefriedigend sind und vor allem geeignet sind, die Kopftuch oder Schleier tragenden Frauen im Zusammenhang mit religiösem (islamischem) Extremismus als Täterinnen darzustellen.
Die verschleierte Frau als Opfer - eine andere Form der Angst
Eine andere Form der Kopftuch- und Schleier-Phobie ist die Betrachtung und Darstellung der Kopftuch und Schleier tragenden Frau nicht als Täterin, sondern als Opfer von Unfreiheit, Zwang und Unterdrückung. Damit wird letztlich die eigene Entscheidung gegen die religiöse Sehnsucht legitimiert, der Kampf gegen die vermeintliche Unfreiheit, den angenommenen Zwang und die vermutete Unterdrückung Kopftuch und Schleier tragender Frauen ist nichts anderes als der Kampf gegen die eigene religiöse Sehnsucht. Im Prinzip ist dies ein Stellvertreter-Krieg, ein Kampf, bei dem Kopftuch oder Schleier tragende Frauen auf dem Schlachtfeld geopfert werden. Zugleich darf sich der Kämpfer sicher sein, etwas Gutes zu tun; denn wer kann etwas gegen den Kampf gegen Unfreiheit, Zwang und Unterdrückung haben? Es ist eine Win-Win-Situation, aber die Frauen, die Kopftuch oder Schleier tragen, können nur verlieren.
Die Angst überwinden
Im Interesse Kopftuch und Schleier tragender Frauen ist es wichtig, daß die Angst vor ihnen überwunden wird. Jegliche allgemeine, nicht differenzierende Angst vor ihnen ist irrational, weil sachlich unbegründet. Aversionen und Feindseligkeiten verbieten sich darum.
Es ist wichtig zu erkennen, daß die Ursachen unserer Angst vor diesen Frauen für gewöhnlich in uns selbst verborgen sind. Sie müssen ans Licht gebracht, aufgedeckt werden. Auch wenn es einiges an Anstrengung bedeutet - wir müssen uns mit unseren spirituellen Bedürfnissen auseinandersetzen, mit der Sehnsucht nach einer starken, gewissen und unerschütterlichen Religiosität, ohne uns gegen jene zu wenden, die wir unbewußt als Komplizinnen dieser "bösen Sehnsüchte" betrachten.
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