|
Ähnlich wie im Christentum, gibt es auch im Islam eine Volksreligiosität, die von der offiziellen, orthodoxen Lehre mehr oder weniger deutlich abweicht. Hat der Islam ohnehin schon viele Gesichter - vier sunnitische Rechtsschulen, die Schia, die Sufis, die Aleviten, die Alawiten, die Ahmadiyya und viele andere Gruppen und Grüppchen -, so bringt der Volksislam noch einmal so viele oder auch noch mehr Gesichter mit sich.
Im direkten Gespräch mit Muslimen werden wir eher dem Volksislam als dem orthodoxen Islam begegnen. Darum ist es so wichtig, sich nicht nur mit dem lehrbuchmäßigen orthodoxen Islam und seinen vielen Schulen und Strömungen auseinanderzusetzen, sondern auch mit dem Volksislam und seinen vielen Facetten, dem Islam, den die Muslime im Alltag tatsächlich ausleben, mehr oder weniger mit der Duldung der Gelehrten.
Abhängig von aktuellen Bedürfnissen
Der Volksislam bietet noch weniger organisierte und institutionalisierte Formen als der orthodoxe Islam, der ja selbst höchstens Hochschulen (etwa die berühmte Al-Aqsa-Universität in Kairo) und deren Gelehrte kennt, aber keine »Kirchen« oder andere Gemeinden. Er wird von den aktuellen Sitten, Fragen und Bedürfnissen der Bevölkerung, sei es nun eine einheimische oder eine emigrierte Gemeinschaft, geprägt.
Der Volksislam greift all das auf, was der orthodoxe Islam nicht oder nur am Rande aufgreift. Er springt sozusagen in die Lücken der offiziellen Lehre und sucht nach Erklärungen und Hilfestellungen bei Ereignissen wie Krankheiten, Unfällen, Naturkatastrophen, Mißernten und dergleichen mehr. Solche Lücken wollen gefüllt werden, und überall dort, wo die klassischen Quellen des Islam keine Antworten geben können, bringt der Volksislam griffige Antworten, verpackt in Mythen, Sprüchen, Folklore, Magie, Amulette, Wallfahrten, Heiligenverehrung und anderem mehr, alles von einer Generation zur nächsten weitergegeben.
Abhängig von regionalen Bedürfnissen
Der Volksislam orientiert sich stark an regionalen Bedürfnissen, geht auf örtliche Begebenheiten ein und integriert sie vollständig. Manchmal werden sogar Elemente aus vorislamischer Zeit nahezu unverändert übernommen.
Dogmatische Spannung
Was die Dogmatik betrifft, ist der Volksislam durch die Spannung zwischen den Fundamentalisten, die zu einem Ur-Islam zurück wollen, den Orthodoxen, die streng an ihren sunnitischen Rechtsschulen (Hanafiten, Safi'iten, Malikiten, Hanbaliten) bzw. ihrer schiitischen Rechtsschule (Imamiten) festhalten, den Sondergemeinschaften wie den Aleviten, Alawiten, Ahmadiyya usw., den mystischen Strömungen, den Sufis, und letztlich häretischen Anschauungen geprägt. Sie alle üben jeweils Einfluß auf die Lehrinhalte des Volksislam (iman) aus.
Unorthodoxe Glaubenspraktiken
Was die Praxis der Religion, den din, betrifft, so finden sich hier spirituelle Übungen, Wallfahrten zu Gräbern von Heiligen, Reliquienverehrungen, Heiligenverehrungen, Aberglaube, Okkultismus und dergleichen mehr.
Orthodoxer Islam und Volksislam
Da der Islam keine Konzilien, keine Lehrentscheidungen und dergleichen mehr kennt, ist es unmöglich zu sagen, wie sich der Volksislam eigentlich zum orthodoxen Islam verhält und inwieweit beides miteinander zu vereinbaren ist.
Duldung durch den orthodoxen Islam
In der Regel werden die Lehrinhalte und Praktiken geduldet, solange die Muslime die sechs offiziellen Lehrinhalte (ein Gott, Engel, heilige Bücher, Propheten, Jüngstes Gericht, Vorherbestimmung) und die fünf »Pfeiler« (Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten, Almosen, Wallfahrt) und die »Anstrengung auf dem Weg des Islam« (jihaad) einhalten. Diese drei Elemente bilden also gewissermaßen ein »Gummiband«, innerhalb dessen sich die spezifischen Elemente des Volksislam bewegen dürfen, obschon sie nicht eigentlich islamisch sind.
Solange also ein Muslim mit dem, was er glaubt und tut, dieses recht elastische »Gummiband« nicht zerreißt, sondern glaubt, was er zu glauben hat, und praktiziert, was er zu praktizieren hat, wird er seitens des orthodoxen Islam Duldung erfahren.
Würde allerdings ein Muslim das »Gummiband« zerreißen, so würde er damit ein Ungläubiger werden. Würde er also nicht mehr das Glaubensbekenntnis rezitieren, nicht mehr beten, nicht mehr im Ramadan fasten, nicht mehr Almosen geben und nicht die Wallfahrt antreten, obgleich ihm dies möglich wäre, so gilt er als ein Apostat.
Aus diesem Grund werden etwa die Aleviten, eine schiitische Gruppe, die eben diese Elemente nicht praktiziert, von den meisten Muslimen nicht als Muslime anerkannt. Teilweise wurden sie deswegen auch verfolgt.
Der wahhabitische Islam neigt dazu, zumindest häretische Dogmen und die Dogmen von Sondergemeinschaften - wie etwa der Ahmadiyya - gnadenlos zu verfolgen.
Volksislam und alte Brauchtümer
Der Volksislam greift häufig vorislamische Brauchtümer einer Region auf, wenn diese islamisch wird, und verbindet diese, soweit möglich, mit den Lehren und Praktiken des orthodoxen Islam zum Volksislam.
Wird etwa in einem Land die verstümmelnde Frauenbeschneidung praktiziert, so wird diese häufig in den Volksislam übernommen. Als der Islam zu einem afrikanischen Stamm am Blauen Nil im Omo-Tal (Äthiopien) kam, dessen Frauen seit alten Zeiten Tellerlippen trugen, da wurde dieser Schmuck beibehalten und bildet nun einen Teil des volksislamischen Brauchtums. Für diese Frauen gehört die Tellerlippe geradezu selbstverständlich zum Islam (mittlerweile sind einige Frauen dieses Stammes unter de Einfluß christlicher Mission zum Christentum konvertiert und tragen die Teller nicht länger).
Volksislam und Recht
Der Volksislam besitzt oftmals ein anderes Rechtsverständnis als der orthodoxe Islam. Gerade dort, wo ein Staat nicht nach der sharia richtet, nehmen nicht selten die Muslime das Recht selbst in die Hand, gerade dort, wo es um Fragen der Ehre geht (z.B. Ehebruch, Unzucht usw.) oder um den Abfall vom Islam (Apostasie).
Formen des Volksislam
Es wird wohl niemandem gelingen, ein umfassendes Werk über die verschiedenen Formen des Volksislam zu erstellen. Aufgrund der verschiedenen dogmatischen Einflüsse und der verschiedenen regionalen Besonderheiten gibt es unschätzbar hohe Zahl von Formen des Volksislam.
Sonderformen des Volksislam finden sich in islamischen Exklaven in der Diaspora. Die Bedürfnisse in der Diaspora, ganz anders beschaffen als in der Heimat, führen schnell zu neuen Formen des Volksislam. Der Volksislam mit seinen traditionellen Elementen erlaubt in der Diaspora auch eine stärkere Bindung an die verlassene Heimat mit ihren Bräuchen, Mythen und Riten.
Wahhabismus
Der Wahhabismus stellt eigentlich mehr eine Sonderform des Volksislam dar denn eine Spielart des orthodoxen Islam. Dieser radikale Fundamentalismus ist aus dem Hanbalismus hervorgegangen und stellt in dieser sunnitischen Rechtsschule inzwischen die größte Gruppe (rund 7 der 9,3 Millionen Hanbaliten).
Der Wahhabismus ist in Saudi-Arabien die Staatsreligion; in anderen Ländern übt er starken Einfluß aus, was zum einen auf radikale saudische Missionsbemühungen zurückzuführen ist, zum anderen auf die Unzufriedenheit vieler enttäuschter Muslime mit dem orthodoxen Islam, der ihnen keine Antworten auf aktuelle Fragen der Religion, Politik, Wirtschaft, Moral usw. bietet.
Der Wahhabismus hat auf dogmatischer Ebene nicht nur alle Häresien aus dem Islam ausgeschieden, sondern auch alle Neuerungen (bida) seit Muhammad. Er strebt nach einem Islam, der sich möglichst eng an den Islam Muhammads anlehnt - wobei allerdings dieser Ur-Islam kaum einmal gründlich erforscht wird. An die Stelle gründlicher Forschung tritt das fundamentalistische Bild eines Islam, das idealisierter kaum sein kann.
Wurden auf der einen Seite, der Dogmatik, alle Häresien und Neuerungen gründlich ausgeschieden, so hat man auf der Seite der Glaubenspraxis weit weniger darauf geachtet, Neuerungen oder Unislamisches auszuscheiden. So findet man hier durchaus Praktiken, die nicht für den Ur-Islam stehen (aber dem Ideal-Bild der Wahhabiten vom Islam entsprechen): Vollverschleierte Frauen, die verstümmelnde pharaonische Beschneidung bei Frauen, magische Praktiken und vieles mehr. Auch Terrorismus und Selbstmordattentate radikaler Suuniten sind aus dem Wahhabismus hervorgegangen.
Beispiele für den Volksislam
Im Folgenden sollen einige typische Beispiele für den Volksislam dargestellt werden, um einen Eindruck zu vermitteln, was der Volksislam praktisch ist.
Heiligenverehrung
Der orthodoxe Islam kennt keine Heiligenverehrung. Auch Muhammad wird nicht als Heiliger verehrt, betont doch der Koran, daß der Prophet nur ein Mensch war. Der orthodoxe Islam stellt die Ablehnung der Beigesellung (shirk) eines anderen Wesens zu Gott weit höher als jede Befürwortung irgend einer Form der Heiligenverehrung.
Doch gerade die Heiligenverehrung prägt den Volksislam quer durch Angehörige aller Rechtsschulen, mehr als wohl jeder andere Brauch. Manche Muslime verehren die Heiligen wohl mehr als Allah und Muhammad.
In besonderer Weise werden Muhammad, die Prophetengefährten und Verwandte des Propheten verehrt, bei den Schiiten auch Ali und dessen Söhne. Darüber hinaus werden besonders fromme Muslime als Heilige verehrt. Die Heiligenverehrung wird vor allem von Legenden getragen, die sich um die Heiligen ranken.
Die Heiligenverehrung ist dabei nicht nur ein Nacheifern nach dem Vorbild des Heiligen, sondern vor allem die Bitte um Hilfe und Segen.
Befürworter der Heiligenverehrung berufen sich etwa auf Muhammads Gebet am Dornbusch des Mose und am Geburtsort Jesu.
Ein lebender Heiliger kann nach Auffassung des Volksislam engen Kontakt mit den Geistern (jinn) pflegen, Dämonen austreiben, Kranke heilen, mit Tieren und Bäumen sprechen, Unglück prophezeien, er kennt überhaupt die Zukunft, kann sogar Tote auferwecken und dergleichen mehr. Darum wird er häufig für solche Dienste angegangen, manchmal sogar im Gebet.
Grabstätten, Wallfahrtsorte, Reliquien
Eng mit der Heiligenverehrung sind der Gräberkult, die Wallfahrten zu Heiligengräbern und die Verehrung von Reliquien verbunden. Hier hofft man, der baraka, einer besonderen Segenskraft, die den Heiligengräbern und den Reliquien der Heiligen anhaftet, teilhaftig zu werden. Diese Kraft wird auch als wunder- und heilungswirkende Kraft verstanden.
Baraka gilt im Volksislam als erblich - alle Nachkommen des Propheten, speziell die männlichen, sind Träger dieser wundersamen Kraft.
Zu Ehren eines Heiligen oder als Dank für die Hilfe werden manchmal sogar Tieropfer am Heiligengrab dargebracht.
Es soll auch ein besonderer Segen darauf liegen, ein Heiligengrab mehrmals zu umrunden, dort zu übernachten. Bei einem Grab befindliche Bäume und Pflanzen, Quellen und Höhlen gelten oftmals auch als Träger einer vom Heiligen ausgehenden Segenskraft.
Zu solchen Gräbern werden oft Wallfahrten unternommen, aber auch zu Orten, an denen sich der Heilige zu Lebzeiten oft aufgehalten hat. Auch diesen Orten soll baraka innewohnen.
Die im Volksislam verehrten Reliquien sollen teilweise auf Muhammad selbst zurückgehen, etwa Barthaare des Propheten, Schuhe Muhammads, Schriftstücke mit der Handschrift des Propheten (ungeachtet des Dogmas, nach dem Muhammad Analphabet gewesen ist), Prophetenmäntel und -gewänder und sogar im Fels verewigte Fußabdrücke Muhammads.
Aber auch das Haupt des Prophetenenkels al-Hussain gilt als eine bedeutende Reliquie.
Geburtstag Muhammads
Der Geburtstag des Propheten hat sich im Volksislam weithin zu einer festen Institution entwikkelt - obgleich sein Geburtsdatum gar nicht bekannt ist und sein Geburtstag an seinem überlieferten Todestag gefeiert wird. Ursprünglich eine Tradition der Volksschia, feiern heute auch Sunniten in fast allen Ländern den Geburtstag des Propheten.
Kultische Verehrung des Koran
Der Volksislam kennt eine teilweise an religiösen Fetischismus grenzende kultische Verehrung des Korans. Dies beginnt bei der besonders ehrerbietigen Behandlung des Korans, der dann nur von reinen Menschen berührt werden darf, keinesfalls etwa von menstruierenden Frauen. Er wird häufig geküßt, auf einem Ständer aufbewahrt und keinesfalls auf den Boden oder unter einen anderen Gegenstand gelegt oder an einen Ort gebracht, an dem es Wettspiele oder Wein gibt. Ein Koran darf auch nicht zerstört, weggeworfen oder sonstwie achtlos behandelt werden.
Doch darüber hinaus wird dem Koran häufig magische Segenskraft zuerkannt, vor allem zur Heilung, bei der Geburt, beim Tod und als Schutz vor bösen Geistern (jinn). Auch einzelne Verse, die aufgeschrieben werden, gelten als Träger von Segenskräften. Wäscht man die Tinte ab und trinkt dies dann, so gilt das Getränk als segensreich, etwa gegen Krankheiten. Koranverse werden als Amulette benutzt (die manchmal auch verspeist werden)
Die »geheimnisvollen Buchstaben« zu Beginn von 29 Suren (z.B. Sure 12: alif-lam-ra und Sure 19: kaf ha ya ain sad) gelten ebenfalls als Träger besonderer Segenskraft.
Imame im Volksislam
Eine besondere Bedeutung im Volksislam besitzen die Imame (die Vorbeter in einer Moschee), im türkischen Islam als Hodschas bekannt. Viele von ihnen betreiben eine Art islamische Magie, und - oftmals gegen Bezahlung - werden sie tätig, wenn es darum geht, Kranke zu heilen, das Zusammenleben in Familien oder Häusern zu verbessern, von Dämonen zu befreien, Kinderlosen zu Nachwuchs zu verhelfen, Verzauberte von ihrem Bann zu befreien usw. Viele Muslime glauben, daß Imame große Macht besitzen, is dahin, daß sie alles erreichen können, was sie wollen.
Fürsprache im Jüngsten Gericht
Der Koran schließt die Möglichkeit einer Fürsprache im Jüngsten Gericht nicht völlig aus, doch im Volksislam hat sich diese Hoffnung stark erweitert. Vor allem gelten Muhammad und die engelischen Träger des Thrones Allahs als Personen, die bei Allah Fürbitte im Jüngsten Gericht einlegen können. Aufgrund eines Hadith (nach dem vierten Kalifen Ali) dürfen auch besonders fromme uslime, die nämlich den Koran gelesen und auswendig gelernt haben, somit für erlaubt erklären, was der Koran erlaubt, und für verboten erklären, was er verbietet, Fürsprache für zehn Leute aus ihrem Haus, die bereits für die Hölle fällig waren, einlegen.
Im Volksislam findet sich zudem die Meinung, daß auch Heilige, Märtyrer und die Prophetengefährten Fürsprache einlegen können.
Frauen und Volksislam
Die fleißigsten Nachfolger des Volksislam sind die Frauen (sunnitische Frauen mehr als alevitische). Kaum eine sunnitische Frau, die nicht den Volksislam praktiziert, Talismane und Amulette besitzt, sich gegen den »bösen Blick« schützt und anderweitig magische Hilfe sucht - obwohl sie meistens sogar wissen, daß diese Hilfe nicht »von oben« kommt.
Manche muslimische Frau trägt einen Gesichtsschleier (oder zieht ihren langen Überwurf über das Kinn bis unter die Nase) weniger aus religiösen (oder politischen) Gründen, sondern weil sie damit verhindern will, daß jinn - eine besondere Art von geistern, die meistens böse sind, aber zum Islam bekehrt werden können - durch den Mund in sie eindringen können.
|