Der "Karikaturen-Streit" führt zu einer wichtigen Frage: Wie weit dürfen Meinungs- und Pressefreiheit gehen? Dürfen sie zugunsten etwa religiöser Gefühle eingeschränkt werden?
Erst einmal zurück zum "Karikaturen-Streit". Daß die aktuellen Proteste gegen Dänemark, daß brennende Kreuze und Flaggen und Botschaften ausschließlich mit den in "Jyllands Posten" veröffentlichten zwölf Muhammad-Karikaturen zu tun hatten, wird zunehmend zweifelhafter. Dagegen spricht, daß die Karikaturen bereits im September 2005 veröffentlicht wurden - und schon kurz darauf Muslime weltweit darauf aufmerksam machten, doch ohne nennenswerte Reaktionen.
So hat etwa eine ägyptische Zeitung, die nicht unbedeutende "al-Fagr", bereits im Oktober 2005 die betreffenden Karikaturen abgedruckt und auch dagegen Stellung bezogen. Es gab keine Ausschreitungen. Auch nicht, als andere Zeitungen in der islamischen Welt daraufhin die Karikaturen abdruckten.
In mindestens einem deutschen Islam-Forum wurde ebenfalls im Oktober 2005 auf die Karikaturen hingewiesen, wiederum mit einer Stellungnahme gegen die Veröffentlichung - es gab nicht einmal Antworten auf diesen Hinweis (dafür nach Beginn der Ausschreitungen heftige Polemiken gegen Dänemark in einem anderen Diskussionsfaden).
Die Bilder waren also schon vor Monaten unter Muslimen bekannt, aber abgesehen von Stellungnahmen gegen die Karikaturen passierte nichts - keine Ausschreitungen, keine Boykott-Aufrufe, keine Drohungen, nichts. Die Situation blieb ruhig, entspannt, friedlich.
Es waren also, das ist nicht zu übersehen, nicht in erster Linie die Karikaturen selbst, die zu den Ausschreitungen in verschiedenen islamischen Ländern führten. Die Ausschreitungen wurden offensichtlich ferngesteuert, sie waren kontrolliert, sie waren - seit der Hajj, der großen Mekka-Wallfahrt - vorbereitet, von wem auch immer. Einer der Hintergründe dürfte sein, daß sich in mehreren Ländern Regierungen und Oppositionen der islamischen Religion und des Feindbilds "christlicher Westen" bedient haben und sich öffentlichkeitswirksam gegenseitig übertrumpfen wollten, wer denn nun frommer, wer gottergebener ist, um so die muslimische Bevölkerung jeweils für sich zu gewinnen (wobei man auch zugleich von Fehlentwicklungen ablenken konnte). In Palästina dagegen hat die Fatah die Situation nach ihrer Wahlniederlage gegen die Hamas möglicherweise destabilisieren wollen. Und anderswo wetteifern wohl konkurrierende islamische Gemeinden und Gruppierungen um die Gunst der Bevölkerung. Angefacht wurden die Proteste offenbar durch ein gewisses Ohnmachtsgefühl gegenüber dem Westen - und durch drei gefälschte Karikaturen, die in "Jyllands Posten" nie veröffentlicht worden waren, aber von dänischen Muslimen in der islamischen Welt herumgereicht wurden.
Also: Es ging gar nicht in erster Linie um die Karikaturen aus "Jyllands Posten". Es ging nicht wirklich um die Verletzung religiöser Gefühle. Es ging nicht wirklich um die Meinungs- und Pressefreiheit. Die Karikaturen waren Strohpuppen, die angezündet wurden.
Das ist im Hinterkopf zu behalten, wenn wir uns nun fragen, ob Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit zugunsten der Rücksicht auf religiöse Gefühle und deren mögliche Verletzung zulässig oder gar erforderlich sind.
Halten wir fest: Die zwölf Karikaturen aus "Jyllands Posten" waren und sind geeignet, die religiösen Gefühle von Muslimen zu verletzen, sowohl wegen der Darstellung Muhammads im Allgemeinen als auch etwa der Verwendung einer Bombe als Turban Muhammads.
Aber als sie zuerst veröffentlicht wurden und auch bald in der islamischen Welt bekannt wurden, gab es zwar Stellungnahmen gegen diese Karikaturen, aber keine Proteste. Sie waren also an und für sich nicht das Problem, als das sie heute oft dargestellt werden.
Was wäre geschehen, wenn die Karikaturen nicht veröffentlicht worden wären? Ich bin überzeugt, es hätte sich zur selben Zeit oder ein wenig später ein anderer Anlaß gefunden, um einen Flächenbrand gegen den christlichen Westen auszulösen. In der gegenwärtigen explosiven Atmosphäre, die nicht selten von Paranoia geprägt ist, brauchte es zwar einen Auslöser, aber das hätte alles und jedes sein können.
Dänemarks "Jylland Posten" hat sich aber angeboten. Erstens entwickelt sich in Dänemark schon seit einiger Zeit eine zunehmend islamkritische Gesellschaft. Zweitens ist das Land klein, kaum jemand in der islamischen Welt kennt es - oder kennt einen Dänen, Muslim oder nicht, also jemanden, mit dem er über die wahren Hintergründe sprechen könnte. Drittens weist die dänische Flagge ein Kreuz auf, Symbol des Westens, der Kreuzfahrernation.
Ich bin überzeugt: Die Proteste wurden von langer Hand gründlich vorbereitet. Während der Hajj - das ist dokumentiert - wurde unter den Muslimen die Stimmung angeheizt. Ich gehe davon aus, daß angekündigt wurde, es würde bald zu Aktionen gegen die gotteslästerlichen Kreuzfahrer kommen, man solle sich bereithalten, die Ehre Muhammads und des Islam gegen die Kreuzfahrer zu verteidigen. Dann wurden dänische Flaggen besorgt. Und dann, passend zur Niederlage der Fatah gegen die Hamas, begannen die Ausschreitungen.
Soweit die Hintergründe. Nun die Feststellung: Die Veröffentlichung der Karikaturen in "Jyllands Posten" wurde instrumentalisiert, für innerislamische Auseinandersetzungen ebenso wie für den Kampf gegen die "Kreuzfahrer". Es ging und geht nicht um Karikaturen - und es ging und geht nicht um Meinungs- und Pressefreiheit. Es mußten ja auch noch drei gefälschte Karikaturen verwendet werden - die mit Meinungs- und Pressefreiheit nichts zu tun haben.
Nun auch die Frage: Kann man Konflikte zwischen der westlichen Welt und der islamischen Welt und deren Eskalation verhindern, indem man die Meinungs- und Pressefreiheit zugunsten religiöser Gefühle einschränlt? - Ganz sicher nicht. Wir stehen, mit veränderter Rollenverteilung, am Vorabend eines neuen "Kreuzzuges". Es ist nicht die Frage, ob der Konflikt zwischen westlicher und islamischer Welt andauert, sondern wie weit er eskaliert, welche Formen er annimmt. Dieser Konflikt wird sich auch entwickeln, ohne daß man auf religiöse Gefühle Rücksicht nimmt; denn um religiöse Gefühle geht es nicht.
Worum geht es? Einzig um die Verteidigung und auch die Ausbreitung des Islam, des Islam, wie er sich insbesondere im islamischen Gesetz, der Sharia, darstellt.
Ich möchte ganz klar darauf hinweisen: Der Islam hat grundsätzlich das Recht, sich zu verteidigen und sich auszubreiten - auch in Europa. Nicht frei ist er jedoch in der Wahl seiner Mittel. Die meisten Muslime nutzen friedliche Mittel, um den Islam zu verteidigen und auszubreiten: Apologetik, Verkündigung, der Rechtsweg, Demonstrationen. Das ist legitim. Den Islam friedlich zu verteidigen und an seiner Ausbreitung zu arbeiten, steht allen Muslimen zu.
Doch nicht alle Muslime sind bereit, sich auf friedliche Mittel zu beschränken. Sie greifen auch zu anderen Mitteln. Dazu gehört auch der Versuch, den Westen so zu manipulieren, daß er seine Meinungs- und Pressefreiheit zugunsten des Islam einschränkt. Genau das geschieht derzeit.
Der Westen hat durchaus das Recht, seine Meinungs- und Pressefreiheit (samt aller anderen Freiheitsrechte) zu verteidigen - und auch auszudehnen. Dies wiederum mit friedlichen Mitteln.
Die Christen stehen jetzt vor der Frage, wie sie sich in Bezug auf Einschränkungen von Meinungs- und Pressefreiheiten zugunsten religiöser Gefühle verhalten sollen. Ist es besser, sich mit den Islamisten zu solidariseren? Konservative und evangelikale Christen mögen dazu tendieren. Oder ist es besser, Presse- und Meinungsfreiheit zu verteidigen und den einschränkenden Einfluß religiöser Gefühle nicht zu hoch zu hängen?
Ich rufe Christen auf, sich vorbehaltlos hinter die Meinungs- und Pressefreiheit zu stellen, sich aber auch immer um jene zu bemühen, die bei Meinungsäußerungen und Darstellungen der Presse zu unrecht beleidigt werden, sie zu verteidigen, für sie einzustehen. Auch das gehört freilich zur Presse- und Meinungsfreiheit: Die negative Freiheit, sich eine Meinung oder Äußerung nicht zu eigen machen, sondern sich auf die Seite derer zu stellen, die Opfer sind und sich stellvetrretend für sie zu äußern.
Fazit: Meinungs- und Pressefreiheit ja, mit nur den nötigsten Einschränkungen, wo es unbedingt not tut, den öffentlichen Frieden zu wahren - und engagierte Christen, die bereit sind, sich für Opfer ungerechter Äußerungen einzusetzen und sie zu verteidigen.
Sind wir als Christen bereit, uns vorbehaltlos an die Seite derer zu stellen, die aufgrund von Meinungs- und Presseäußerungen in ihren Gefühlen verletzt werden, gleich ob diese Gerfühle mit Religion, Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, Behinderungen oder was sonst zu tun haben?
Können die Menschen auf uns zählen?